Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

Inhalt

«Niemand hofft 1929 noch auf eine Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.»

Schon 1929 liegt der Bruch in der Luft, 1933 besiegelt die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler endgültig das, was man landläufig als die goldenen Zwanziger nennt.

«Joeseph Goebbels schreibt am späten Abend des 30. Januar in sein Tagebuch: ‘Hitler ist Reichskanzler. Wie im Märchen.’

*

Klaus Mann schreibt am späten Abend des 30. Januar in sein Tagebuch: ‘Hitler Reichskanzler. Schreck. Es nie für möglich gehalten. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.’»

Florian Illies erzählt aus einer dunkeln Zeit, in der Menschen verfolgt, Bücher verbrannt und Hoffnungen ausgelöscht wurden. Er erzählt aber auch von einzelnen Menschen in dieser Zeit, zeigt ihre Nöte sowie ihre Freuden. Während die Welt in eine der grössten Katastrophen schlittert, suchen und finden Menschen die Liebe, welche sie wohl doppelt brauchen unter diesen Umständen.

Weitere Betrachtungen

«Alle glücklichen Paare ähneln einander. Aber alle unglücklichen sind auf ganz eigene Weise unglücklich.»

Simone de Beauvoir trifft auf Jean Paul Sartre, mit dem sie fortan eine Geistesverwandtschaft sowie eine unkonventionelle Beziehung verbindet. Erich Maria Remarque verliebt sich in Marlene Dietrich, welche nach Amerika geht und ihn durch kleine Gemeinheiten am langen Arm fast verhungern lässt. Klaus und Erika Mann verstricken sich in komplizierte Liebschaften und Scheinbeziehungen. Berthold Brecht heiratet Helene Weigel, um danach seiner Geliebten den Brautstrauss als Präsent zu bringen. Pablo Picasso liebt schon die nächste, malt aber noch immer die frühere Geliebte. Hermann Hesse trifft auf Ninon, Wittgenstein versteht alles ausser der Liebe, Tucholsky vermisst in Schweden den Liebeszauber – es wird geliebt und entliebt in Florian Illies Buch «Liebe in Zeiten des Hasses» und neben all den liebestollen Verstrickungen zeichnet sich ein Bild einer Zeit, in welcher Hass die Menschen regiert.

Es ist Florian Illies gelungen, auf eine sehr unterhaltsame Weise einerseits ein Zeugnis der Zeit abzulegen, andererseits die Verirrungen und Verwirrungen einzelner Menschen darzustellen – dies aber nie wertend, nie verurteilend, immer mit einem leisen Augenzwinkern. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, die dieser am liebsten nicht unterbrechen, sondern immer noch tiefer eintauchen will. Eine grossartige Mischung aus kompetenter Information und erzählerischer Leichtigkeit, politischer Geschichte und menschlichen Erlebens.  

Persönlicher Bezug
Mein Interesse für diese Zeit lässt seit vielen Jahren nicht nach, der Blick auf Biografien lässt diese in meinen Augen immer wieder lebendig werden. Dieses Buch vereint beides auf eine grossartige Weise. Ich bevorzuge zwar Erzählweisen, welche einen Faden von Anfang bis Ende spinnen und nicht hin und her springen, das hätte aber in diesem Fall die Chronologie durchbrochen, so dass die Entwicklung der Zeitgeschichte nicht gleich sichtbar gewesen wäre.  

Fazit
Ein sehr informatives, kompetentes, trotzdem leicht lesbares und humorvolles Buch über eine dunkle Zeit unserer Geschichte, mehr noch aber über die persönlichen Liebeserfahrungen verschiedener Dichter und Denker in ihr. Sehr empfehlenswert.

Autor
Florian Illies, geboren 1971, studierte Kunstgeschichte in Bonn und Oxford. Er war Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« und der »ZEIT«, Verleger des Rowohlt Verlages, leitete das Auktionshaus Grisebach und gründete die Kunstzeitschrift »Monopol«. Heute ist Florian Illies Mitherausgeber der »ZEIT« und freier Schriftsteller in Berlin.

Angaben zum Buch

Herausgeber: ‎ S. FISCHER; 3. Edition (27. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
ISBN: 978-3103970739

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Nicole Seifert: Frauenliteratur: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

Inhalt

«Nicht das Erinnern, sondern das Vergessen ist der Normalfall in Kultur und Gesellschaft. Vergessen geschieht lautlos, unspektakulär und allüberall. Erinnern ist demgegenüber die unwahrscheinliche Ausnahme, die auf bestimmten Voraussetzungen beruht.» (Aleida Assmann)

Nicole Seifert hat es sich in diesem Buch zur Aufgabe gemacht, die Ungleichverteilung der Aufmerksamkeit gegenüber Literatur von Frauen und Männern aufzudecken. Sie beleuchtet einerseits die Verlagsprogramme, andererseits die Feuilletons von Zeitungen und Zeitschriften sowie verschiedene Literaturkanons, darunter auch den der Schulen und Universitäten. Die Ergebnisse sind frappant: Frauen sind nicht nur stark untervertreten in allen Bereichen, die Behandlung von Literatur von Frauen in den unterschiedlichen Medien erfolgt ebenfalls in reduzierter Form (weniger umfangreich und oft mit dem Schwerpunkt auf Attributen der Autorin statt auf dem Werk selber).

«Damit Künstlerinnen und ihre Werke in Erinnerung bleiben, müsste demnach aktiv etwas dafür getan werden.» (Nicole Seifert)

Es ist wichtig, diese Missstände mal zu durchleuchten und ins Bewusstsein zu bringen, denn nur so kann sich etwas ändern.  

Weitere Betrachtungen
Nicole Seifert hat sich vorgenommen, ein Jahr nur noch Literatur von Frauen zu lesen. Es wurden drei daraus und das Vorhaben, das vorliegende Buch zu schreiben.

«Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf – und die Frage, wer dafür verantwortlich ist, führt nicht weiter. Gegen strukturelle Probleme helfen nur strukturelle Veränderungen, und die sind nur zu erreichen, wenn genug Menschen aus den unterschiedlichen Bereichen ein Interesse daran haben oder sich für die Benachteiligten einsetzen – in den Verlagen, in den Redaktionen, in den Kultusministerien. Und auch Leser*innen und Konsument*innen können dazu beitragen.»

Nicole Seifert hat einen gut fundierten und breit abgestützten Bericht darüber geschrieben, wie Frauen in der Literatur vergessen, ignoriert und abwertend behandelt werden. Sie räumt dabei mit landläufig ins Feld geführten Argumenten auf. Zwar stimmt es, dass früher weniger Frauen geschrieben haben als Männer, aber selbst damals gab es viele, die Erfolg hatten und dann in Vergessenheit gerieten. Die Gründe für das Vergessen sind wohl vielfältig, sicher aber lag es nicht an der mangelnden Qualität des Geschriebenen. In der heutigen Zeit stimmt das Argument noch weniger, gibt es doch viele schreibende Frauen, welche durchaus qualitativ hochstehende Literatur schreiben. Und doch fristen Sie ein Dasein in der Wahrnehmung im unteren Drittel der Berücksichtigung und damit Sichtbarkeit.

Persönlicher Bezug
Ich habe Literatur studiert und lange Jahre keinen Gedanken darauf verwendet, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben worden ist. Die Mehrzahl der von mir gelesenen Bücher während der Schule und dem Studium waren von Männern (in der Kindheit war es anders) – das fiel mir auf, als ich bewusst hinschaute. Und ja, als ich nachdachte, wären mir einige Frauen in den Sinn gekommen, die zu lesen sich gelohnt hätte. Als ich mich weiter mit der Thematik befasste, stiess ich auf mir unbekannte Namen, die ich nach eigener Lektüre als lesenswert und zu Unrecht vergessen anerkennen musste.

Das Thema ist mir wichtig geworden, wie mir das Thema Frausein in unserer Gesellschaft immer wichtiger wird. Ich finde dieses Buch aus diesem Grund wertvoll und bedenkenswert, hoffe, dass es Menschen anstösst, sich aktiv einzusetzen. Es geht mir dabei nicht um einen Feldzug gegen die Literatur von Männern, sondern es ist nötig, das Bewusstsein für einen Missstand zu wecken.

Dass sich dieser Missstand von selbst irgendwie ausgleichen wird in der heutigen Zeit, ist ein Irrglaube, den man in der jüngeren Vergangenheit gut nachweisen kann. Selbst wenn dann und wann der Ruf nach einer ausgeglicheneren Verteilung von Frauen und Männern in Literaturkanons aufkam, wurde dies selten wirklich ausreichend umgesetzt. Der Wurm liegt in der Gesellschaftsstruktur, welche über Jahrzehnte und mehr patriarchische Mechanismen förderte und in den Köpfen festsetzte. Das wächst sich nicht einfach aus, daran muss aktiv gearbeitet werden.

Fazit
Ein wichtiges Buch. Nicole Seifert liefert einen fundierten, breit abgestützten Überblick auf die Situation der Literatur von Frauen und deutet damit auf einen Missstand hin, der behoben werden sollte. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Nicole Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gelernte Verlagsbuchhändlerin und arbeitet in Hamburg als Übersetzerin und Autorin. Ihr Blog »NachtundTag«, der sich ausschließlich mit Schriftstellerinnen beschäftigt, wurde 2019 mit dem Buchblog Award von Netgalley und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (9. September 2021)
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3462002362

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Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts

Inhalt

«Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  
 
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith»

In den Jahren 1944/45 entstand wohl eines der bekanntesten Gedichte deutscher Lyrik: Paul Celans «Todesfuge». Es fand Eingang in zahlreiche Anthologien und Schulbücher, wurde wieder und wieder zitiert und adaptiert. Paul Celan wiederlegte damit Adornos Ausspruch, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden könnten, er zeigt aber auch, dass solche in einer neuen Sprache geschrieben sein müssen. Eine Sprache, die einen Bruch zeigt zu dem, was war, eine Sprache, die ermöglicht zu sagen, was eigentlich unsagbar ist.

Thomas Sparr geht diesem Gedicht in seinem Buch auf den Grund. Er zeigt, wie es entstanden ist, was die Beweggründe für die Entstehung waren und wie es später rezipiert wurde. Er schreibt damit nicht nur eine Biographie eines Gedichts, sondern er zeigt auch, dass die Biographie seines Autors tief in dieses eingeschrieben ist.

Weitere Betrachtungen
Das Buch erschien 2020, Paul Celan wäre in dem Jahr 100 Jahre alt geworden. Der Titel zeigt deutlich, dass es sich nicht um die Biographie des Lyrikers handelt, sondern um die des Gedichts. Folgerichtig lässt Sparr nur das aus Celans Biographie einfliessen, was für die Entstehung des Gedichts wichtig war, weil es in diesem verarbeitet wurde oder aber als Grundlage für die Entstehung diente.

Thomas Sparr wollte mit diesem Buch eine Lücke schliessen. Gilt die Todesfuge als eines der bekanntesten Gedichte, das oft zitiert und publiziert wird, ist über dessen Entstehung landläufig nur wenig bekannt. Es ist ihm gelungen, nicht nur ein gut fundiertes, ausführliches Bild der Hintergründe und der Entstehungszeit zu zeichnen, auch die Rezeption hat er gut herausgearbeitet und so quasi eine Lebensgeschichte eines Gedichts geschaffen. Gleichzeitig öffnet dieses Buch auch den Blick auf das Zeitgeschehen, die gesellschaftlichen Zustände in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Indem Thomas Sparr dem Leser all diese Informationen liefert, lässt er diesem doch genug Spielraum für eigene Betrachtungen und Interpretationsansätze. Denn eines ist sicher: Es gibt für dieses Gedicht keine eindeutige und absolut gültige Interpretation. Die Sprache ist zu komplex, die Querbezüge auf andere Werke, die Metaphern und Bilder sind zu vieldeutig, die Gedanken und Brüche sind zu tief. Dies ist auch die Botschaft von Thomas Sparr, was sein Buch umso mehr auszeichnet.

Persönlicher Bezug
Auf Paul Celan stiess ich über Ingeborg Bachmann, die mich lange sehr intensiv beschäftigte und auch faszinierte. Natürlich war mir Paul Celan auch schon vorher ein Begriff gewesen, aber nie in der Tiefe, in welcher ich ihn danach kennenlernte. In diesem Gedicht vereinigen sich einige meiner Forscherleidenschaften: Lyrik, die Auseinandersetzung mit Sprache allgemein und die Beschäftigung mit dem Holocaust und dessen Folgen.

Fazit
Ein sehr informatives, kompetentes, aufschlussreiches und doch gut lesbares Buch über eines der wohl bekanntesten Gedichte der Deutschen Lyrik. Für Lyrikliebhaber, insbesondere für an Paul Celans Lyrik Interessierte ein Gewinn. Sehr empfehlenswert.

Zu Paul Celan
Paul Celan wird am 23. November 1920 in Czernowitz, Grossrumänien als Paul Antschel geboren. Celan lernt schon als Kind Gedichte auswendig, er liebt die deutsche Literatur, allen voran Hölderlin, Heine und Kafka. Es dauert nicht lange, dass eigene Gedichte aus seiner Feder fliessen. Er studiert zuerst Medizin, dann Romanistik mit Unterbruch wegen des Krieges. 1947 geht er nach Wien, 1948 nach Paris. Im selben Jahr lernt er auch Ingeborg Bachmann kennen – eine nicht lebbare Liebe. Er heiratet später eine andere, Gisèle Lestrange.

Traumatisiert von den schrecklichen Erlebnissen des Krieges, sieht sich Paul Celan Zeit seines Lebens als Opfer. Vor allem die Frauen in seinem Leben kriegen das zu spüren, denn sie werden in die Schuldrolle gedrängt. Paul Celan ist ein Gefangener seiner Vergangenheit. Und er versucht, diese zu bewältigen. Nicht einfach für einen, der in der deutschen Sprache verhaftet ist, in dem Sprachraum dringend Aufmerksamkeit und Erfolg sucht, sich aber davon abgrenzen will. Die Folge ist eine immer mehr ins Unverständliche abdriftende Sprache.

Paul Celan zieht sich mehr und mehr zurück, wird gegen die ihm Nahem immer aggressiver, bricht den Kontakt zu den anderen ab. Die Welt scheint ihm immer fremder zu werden, die Menschen sieht er mehr und mehr als Feinde. 1970 entzieht er sich dem, was für ihn nicht mehr tragbar ist, er steigt in die Seine und ertrinkt. 50 Jahre nach seiner Geburt.

Autor
Thomas Sparr, Jahrgang 1956, war nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Marburg, Hamburg und Paris von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, anschließend im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war Cheflektor des Siedler Verlags und arbeitet heute als Editor-at-Large im Suhrkamp Verlag in Berlin. Er ist mit Arbeiten zu Paul Celan hervorgetreten. Zuletzt erschien von ihm »Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem«.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Deutsche Verlags-Anstalt; Originalausgabe Edition (10. März 2020)
Taschenbuch: ‎ 336 Seiten
ISBN-13: ‎ ‎ 978-3421047878

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Elke Heidenreich: Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben

Inhalt

«Denn Lektüre und Persönlichkeitsentfaltung bedingen einander, das Lesen durchdringt das Leben.»

Hier geht’s lang! soll keine Literaturgeschichte sein, es ist eine Lebens- und Lese-geschichte. Elke Heidenreich erzählt aus ihrem Leben und stellt die Bücher vor, die sie in den einzelnen Lebensphasen begleitet und geprägt haben. Elke Heidenreich beschränkt sich dabei auf Bücher von Frauen, da diese noch heute im Literaturbetrieb untervertreten sind, und weil es auch Bücher von Frauen waren, die ihr Einblicke in authentische weibliche Lebensentwürfe brachten.

Weitere Betrachtungen

«Mich haben Bücher gerettet, auch wenn sie mir manches gründlich vermasselt haben. (Männer sind übrigens nicht unbedingt begeistert von allzu viel lesenden Frauen. Sie fühlen sich mitunter beunruhigt. Auf den Scheiterhaufen der Inquisition brannten wohl auch deshalb vorwiegend Frauen und Bücher. Diktatoren und Inquisitoren haben instinktiv die potentielle Macht der Lesenden gespürt. Der wahre Leser ist subversiv.»)


Hier geht’s’s lang! ist eine Liebeserklärung ans Lesen, an Bücher. Es ist ein Buch über eine Frau, die als kleines Kind die Liebe zum Lesen entdeckte und sie ihr Leben lang pflegen und leben konnte. Elke Heidenreich erzählt, wie ihr Literatur zur Überlebenshilfe wurde, zu Trost und zur Flucht. Entstanden ist so ein sehr persönliches Buch, ein Buch, das mit viel Tiefe aber auch Witz geschrieben ist und ein Buch, das zum Lesen anregt. Elke Heidenreich gelingt es, im Leser den dringenden Wunsch entstehen zu lassen, all das, was sie mit so viel Hingabe und Liebe vorstellt, selber zu lesen.

«Auch als ich älter wurde, war Literatur das Geländer, an dem ich mich festhielt und das mir Orientierung hab, mich durchs Leben leitete. Als wollte sie mir sagen: Hier geht’s lang.»

Hier geht’s lang! ist eine Lebensbeschreibung den gelesenen Büchern entlang. Als Leser taucht man ein in 70 Jahre Leseerfahrung, erfährt mehr über die Situation der schreibenden Frauen zu verschiedenen Zeiten und darüber, was Elke Heidenreich von ihnen mit in ihr Leben nehmen konnte.

«Weil die Bedeutung weiblicher Literatur und ihr Einfluss auf uns Frauen meiner Meinung nach noch immer unterschätzt wird.»

Obwohl Elke Heidenreich sowohl Bücher von Männern als auch von Frauen liebt und liest, beschränkte sie sich in dem vorliegenden Buch auf Bücher von Frauen. Dies auch, um ein Gegengewicht zum männerdominierten Lesekanon zu bilden, welchen sie während des eigenen Studiums erlebt hat. Darum ist Hier geht’s lang! auch ein wichtiges Buch, denn es legt den Finger auf einen wunden Punkt: Noch heute sind Frauen in der Literatur zu wenig sichtbar, noch heute sind die Literaturlisten an Gymnasien und Universitäten von männlichen Autoren dominiert. Noch heute werden schreibende Frauen oft unterschätzt. Es ist trotzdem kein Buch gegen männliche Autoren, denn, so Elke Heidenreich, wir brauchen einen männlichen und einen weiblichen Blick auf die Welt. Leider ist der weibliche noch sehr vernachlässigt. Dieses Buch kann helfen, Abhilfe zu schaffen, indem es auf diesen Mangel aufmerksam macht.

Persönlicher Bezug
Aufgewachsen in eine Verwandtschaft ohne weitere Kinder, in einem sehr stillen Haushalt, in welchem wenig geredet wurde und wenig passierte, waren Bücher von klein auf meine Zuflucht. Auch ich war ein Kind, das die ganze Bibliothek des Ortes von links oben nach rechts unten durchgelesen hat, ich verschlang alles, was mir in die Hände kam, fand darum in Elke Heidenreichs Büchern viele alte Bekannte wieder. Ich kenne das Gefühl, dass Literatur Flucht und Trost ist, oft auch der einzige Verbündete in einem Leben, in welchem ich mich oft unverstanden fühlte.

Wie schön, mit Elke Heidenreichs Buch etwas in Händen zu haben, das mir zeigt, nicht allein zu sein – einerseits mit der grossen Liebe zu Büchern, mit der Leidenschaft, mich mit Literatur zu beschäftigen, andererseits aber auch mit einem Lebensentwurf, der zu grossen Teilen von Büchern geprägt und begleitet ist.

Fazit
Ein sehr persönliches Buch, bei dem die Liebe und Leidenschaft für Literatur aus allen Seiten tropft. Ein zum Lesen animinierendes Buch und eine Lebensgeschichte, die auch Lesegeschichte ist. Ganz grosse Leseempfehlung.

Autorin
Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Elke Heidenreich schrieb und redete über Literatur, schrieb des Weiteren Kolumnen, Erzählungen, Kurzgeschichten und Romane. Zuletzt erschien von ihr der Erzählungsband Männer in Kamelhaarmänteln und Hier geht’s lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Ein Interview mit der Autorin: Elke Heidenreich – Nachgefragt

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Eisele Verlag; 2. Edition (24. September 2021)
Gebundene Ausgabe: ‎ 192 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3961611201

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Helmut Koopmann: Thomas Mann Heinrich Mann

Die ungleichen Brüder

«Niemand hat Thomas Manns Schreiben stärker beeinflusst als der Bruder, von niemandem war Heinrich innerlich stärker abhängig als von Thomas. Die Geschwister antworteten sich unablässig: in Familienromanen, Entwürfen zu Gesellschaftsdarstellungen, in dem, was «Leben» hiess, und wenn sie literarische Selbstporträts entwarfen, oft unter dem Namen von Romanfiguren, dann war der Bruder nicht weit entfernt.»

Sie haben einige Gemeinsamkeiten: Heinrich Mann bricht die Schule ab, arbeitet in einem Verlag, wird dann Schriftsteller. Thomas Mann tritt quasi in seine Fussstapfen und geht den gleichen Weg. In jungen Jahren reisen die beiden auch gemeinsam, so zum Beispiel nach Italien, teilweise für mehrere Monate, wo die Anfänge zu Thomas Manns «Buddenbrooks» zu Papier gebracht wurden. Heinrich Mann ist schon literarisch erfolgreich, als Thomas Mann erst beginnt mit dem Schreiben. Klar fühlt sich Thomas unsicher, ebenso klar, dass er nicht ewig zurückstehen, sondern den grossen Bruder einholen, wenn nicht überholen will.

«Heinrich war wohl der bessere Psychologe, sah, dass der Bruder, «um sicher zu stehen», vor allem die «Abwehr des «Anderen» brauchte. Mehr noch: Thomas Mann brauchte den Bruder, um sich selbst dadurch zu bestimmen, dass er sich gegen den Anderen absetzte […] Er (Thomas) brauchte Vorbilder.»

Aus der eigenen Unsicherheit heraus suchte sich Thomas Mann Vorbilder. Goethe ist wohl das bekannteste, Thomas Mann hat sich regelrecht schreibend an dessen Werk entlang gearbeitet und schon früh gesagt, dass auch er irgendwann seinen Faust schreiben würde. Dazu kam es denn auch, nachdem er viele Jahrzehnte mit dem Thema schwanger ging. Ein anderes Vorbild war Gerhart Hauptmann. Beide aber wurden noch übertroffen von Heinrich Mann, dem grossen Bruder, den er einerseits liebte und wohl auch schätzte, andererseits aber auch für vieles verachtete, was aus Tagebucheinträgen ersichtlich ist. Wie tief diese Verbindung aber ist, zeigt sich gerade dadurch: Er konnte nicht einfach Abstand nehmen, er konnte nicht einfach unabhängig seinen Weg gehen, er brauchte die lebenslange Auseinandersetzung mit dem Bruder, liess ihn in all seinen Werken aufleben, indem er ihn in den unterschiedlichsten Figuren auftreten liess.

Es ist aber nicht so, dass nur Thomas Mann literarisch mit seinem Bruder umging, auch Heinrich Mann schrieb immer wieder literarische Antworten auf das Werk Thomas Manns, er liess sich von diesem ebenso beeinflussen, inspirieren und anstacheln. So gesehen war die Beziehung eine durchaus befruchtende.

Dass es bei diesem Konkurrenzverhalten und dieser kritischen Betrachtung des jeweils anderen nicht ausblieb, dass es auch zu Streit kam, zumal die Brüder sowohl politisch wie auch von der Lebenseinstellung total unterschiedlich waren, liegt in der Natur der Sache. Sie fanden aber, wenn auch manchmal erst nach Jahren, immer wieder zusammen und sollten sich bis zu Heinrichs Tod auch verbunden bleiben.

Weiterführende Betrachtungen
Helmut Koopmann legt mit diesem Buch die Biografie einer Brüderbeziehung vor. Er tut dies auf eine sehr kompetente, seine Belesenheit und sein Hintergrundwissen beweisende Art, die trotz der Informationsdichte gut lesbar bleibt. Anhand von persönlichen Aussagen aus Briefen und Tagebüchern analysiert er die unterschiedlichen Lebenseinstellungen und politischen Ausrichtungen der beiden und stellt die jeweiligen Urteile über das Anderssein des jeweiligen Bruders vor. Er zeigt zudem ausführlich die gegenseitigen Bezüge in den beiden Werken.

Es ist Helmut Koopmann gelungen, eine Beziehungsbiografie zu schreiben, welche mehr ist als nur das Zusammenführen von zwei Biografien. Es ist ein Buch über die Dynamik von zwei verbundenen Lebenswegen, in welche jeder sich selber einbrachte und aus welcher etwas entstand, das mehr als nur die Summe von zweien war. Helmut Koopmann bezieht nie Stellung, er bevorzugt keinen der beiden und stellt auch keinen in ein besseres Licht. Seine Sicht ist ausgeglichen, sachlich und sie geht in die Tiefe, ohne dort nach Abgründen zu suchen oder aus ihr heraus zu verurteilen.

Persönlicher Bezug
Meine Liebe zu Thomas Mann ist wohl mittlerweile hinreichend bekannt. Da ich schon mehrere Biographien zu Thomas Mann gelesen habe, auch einige von anderen Familienmitgliedern der Familie Mann, war auch der Bruderkonflikt bekannt, allerdings niemals in seinen ganzen Ausmassen. Dieses Buch hat diese Lücke geschlossen. Nicht nur erfuhr ich Neues über diese zwei grossartigen Schriftsteller (ich mag auch Heinrich Manns Romane sehr), die Bezüge zwischen den Werken waren sehr aufschlussreich.

So schliessen sich mehr und mehr Lücken in einem Lebenspuzzle, in das ich vor vielen Jahren eingestiegen bin.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die Beziehung zweier ungleicher Brüder, welche einen kompetenten, informativen und gut lesbaren Einblick in Leben und Werk der beiden bietet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Helmut Koopmann
war Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Augsburg. Er ist Herausgeber von Schillers Sämtlichen Werken und Autor zahlreicher Bücher zur Literaturgeschichte.

Angaben zum Buch
Taschenbuch: 544 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Juni 2015)
ISBN: 978-3423348584

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Volker Weidermann: Ostende

1936, Sommer einer Freundschaft

«Er war 53 und weltberühmt. Ja, berühmt, aber auch scheu und in neuen Lebenssituationen und unter vielen Menschen seltsam ungelenk, nie wirklich selbstsicher. Stefan Zweig war ein suchender Mensch, immer auch auf der Suche nach dem ruhenden Pol in sich selbst, nach Selbstgewissheit.»

 Im Sommer 1936 zieht es Stefan Zweig nach Ostende. Er will arbeiten, in Ruhe, Ruhe haben von seiner Frau, mit der er schon lange nicht mehr glücklich ist, Ruhe haben von dem, was zu Hause abgeht politisch. Er schreibt an seine Sekretärin und Geliebte, Lotte Altmann nach London, sie solle mitsamt ihrer Schreibmaschine nach Ostende kommen. Sie würden da einfach leben. Es ist nicht das erste Mal, dass Stefan Zweig in Ostende ist, es ist ein sicherer Wert, er weiss, wer und was ihn da erwartet: Viele seiner Schriftstellerkollegen und Freunde, die wie er auf der Flucht sind vor einem Regime in einem Land, das das ihre nicht mehr sein kann, weil ihre Bücher da nicht mehr erscheinen dürfen: Joseph Roth, Irmgard Keun, Hermann Kesten, Ernst Toller, Egon Erwin Kisch.

«Jetzt sind sie Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt.»

Besonders mit Joseph Roth verbindet Stefan Zweig eine enge Freundschaft – eigentlich mehr als das. Es ist eine grosse Bewunderung für dessen Schaffen, das er aber am Alkohol zugrunde gehen sieht; und Roth damit. Der jüngere Freund, dem Alkohol durchaus zugetan, steht finanziell und gesundheitlich immer am Abgrund, ist auf die Hilfe seines brüderlichen Freundes angewiesen, kann sie aber doch nicht ganz annehmen, da er sich für die Abhängigkeit schämt und sich nicht unterlegen zeigen will.

Roth trifft in Ostende auf Irmgard Keun, es ist der Beginn einer zweijährigen Beziehung, welche neben der grossen Liebe (Roth ist wohl Keuns grösste Liebe in ihrem Leben) aus Schreiben und Trinken besteht, die beiden sind in beidem sehr fleissig.

Volker Weidermann ist ein wunderbares Porträt der Schriftsteller auf der Flucht gelungen. Mit feinem Blick, zielsicherer Sprache und genügend Wissen, die Inhalte auf leichte Art zu erzählen malt er ein Bild einer Oase in der Zeit, welche einerseits die Wunden durchscheinen lässt, andererseits die Kompensationsstrategien der Einzelnen aufzeigt – und dies ohne moralinsaure Stimme, ohne abschätzigen Ton, ohne zu stark zu Psychologisieren.

Persönlicher Bezug
Stefan Zweig war meine erste grosse Liebe in der Welt der grossen Literatur. Liebte ich ihn in der Jugend vorbehaltslos, kam im Zuge meines Studiums durchaus ein kritischer Blick auf ihn, die Überfülle des Adjektivgebrauchs, die teilweise doch sehr überschwängliche, blumige, sentimentale Herangehensweise an seine Stoffe, entsprachen durchwegs nicht ganz dem, was ich als grosse Literatur im strengen Sinne bezeichnen wollte, und doch war da etwas eigentümlich Packendes in seinen Darstellungen sowohl von Menschen als auch von Zeiten. Es gelang Stefan Zweig immer wieder, sowohl die Menschen authentisch und erfahrbar zu präsentieren, und die Zeiten plastisch werden zu lassen. Und durch Zeit und Mensch schien immer etwas durch: Stefan Zweig selber.

Als ich dann auch noch auf seine Gedichte stiess, die mich sehr berührten und einnahmen, war die Liebe wieder intakt. Es war schon von daher ein Muss, dieses Buch zu lesen. Aber es gab noch mehr Gründe:

Irmgard Keun ist eine in meinen Augen viel zu wenig beachtete Schriftstellerin. Die kecke Art, auf eine vordergründig naive Weise von den Zuständen im Dritten Reich zu schreiben, dabei aber tief in die Abgründe zu stossen und diese sichtbar zu machen, beläufig und doch nicht als Nebenschauplatz, ist grossartig. Und nicht zuletzt schätze ich Volker Weidermann für sein Wissen, für seine Art, dieses auf gut nachvollziehbare und unterhaltsame Weise zu Papier zu bringen, so dass jedes Buch nicht nur informativ, sondern auch eine grosse Lesefreude ist.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die Geschichte einiger Schriftsteller auf der Flucht, das mit viel Hintergrundwissen, Menschlichkeit und einem gut lesbaren Erzählfluss aufwartet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist seit 2015 Autor beim SPIEGEL und war Gastgeber des »Literarischen Quartetts« im ZDF. Zuletzt erschien von ihm »Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft«, »Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen« und »Das Duell. Die Geschichte von Günther Grass und Marcel Reich-Ranicki«.

Angaben zum Buch
Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: btb Verlag (10. August 2015)
ISBN: 978-3442748914
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Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz

„Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit grosser Literatur zu tun? Alles, oder fast alles.

Inhalt
Michal Maar geht in diesem Buch auf die ihm eigene Art wieder einmal ins Detail. Schon im Klappentext steht, dass in diesem Buch vierzig Lesejahre verarbeitet worden sind, was sich dann auch so zeigt: Eine Fülle an Literaturverweisen pflastern den Weg hin zur Antwort auf die Frage, was denn nun grosse Literatur ausmache, was man unter gutem Stil verstehe und wieso dieser relevant ist, um aus Geschichten gute Literatur zu machen. Dabei achtet er – dafür ist er schon aus seinen früheren Werken bekannt – auf die kleinen Details der Sprache und der Geschichte, zeigt auf, wieso das Eine funktioniert, anderes nicht. Er beleuchtet Essays, Gedichte, Romane, Erzählungen und Novellen, hinterfragt den gängigen Kanon und setzt ihm seine persönliche Meinung entgegen. Dabei begründet er seine eigenen Urteile sorgfältig, so dass der Leser diese gut nachvollziehen und sich auf dieser Basis auch eine eigene Meinung bilden kann.

Klar ist: Es ist einfacher, schlechten Stil zu definieren als guten, und DEN einen guten Stil gibt es nicht. Eine generelle Regel lässt sich nicht finden, der passende Stil hängt immer vom Inhalt, vom Autor und von der literarischen Form ab.

Michael Maar verweist auf viele Bücher, der Vielleser wird sicherlich einige davon kennen, aber es bleibt sicher nicht aus, dass er neue entdeckt bei der Fülle, die präsentiert wird. Maar gelingt es dabei, den spontanen Kaufwunsch seiner gelobten Bücher auszulösen, indem er durch seine Präsentation die Lust am Lesen des ganzen Werks auszulösen vermag.

Persönliche Einschätzung
Ich liebe Bücher über Literatur, ab und an denke ich, ich liebe die Bücher über Bücher fast mehr als die Bücher selber, da ich es immer wieder spannend finde, was andere Menschen in Büchern entdecken, worauf sie achten, was sie finden und wie sie es dann übermitteln. Ein neues solches Buch ist Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“. Es wurde verdient für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 nominiert und hat ihn unverdient nicht gewonnen (wobei der Sieger, Jürgen Kaube mit „Hegels Welt“ durchaus verdient gewonnen hat).

Was mir natürlich persönlich gefällt, ist, dass Michael Maar meine Sicht teilt, dass man Bücher nie von ihrem Autor und dessen Biographie trennen kann. Zu der Zeit, in welcher ich studierte, kam die Tendenz auf, gerade dies zu tun und ich habe es nie verstanden. Zwar denke ich durchaus, dass ein Text auch etwas über das bewusst hineingefügte enthalten kann, dass ihm erst der Leser mit seiner Biographie und daraus resultierenden Lesart zufügt, und doch ist in meinen Augen – um es mit Goethe zu sagen – alles Schreiben autobiographisch. Das heisst nicht, dass jeder Roman eine Wiedergabe der Lebenseckdaten des Autors ist, aber er entsteht schlicht aus einem Menschen heraus und trägt diesen dann auch in sich.

Etwas bitter ist natürlich, dass der Lyrik nur ein Kürzestausflug gewidmet ist, aber auch dieser zeugt, wie der Rest des Buches, von viel Wissen, Belesenheit und Tiefgang. Es sei also verziehen. Es ist eine wahre Freude, mit Michael Maar auf der Suche nach dem guten Stil durch die Literatur zu streifen. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch darüber, was gute Literatur ausmacht und was der Stil dazu beiträgt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ (2013) und „Tamburinis Buckel. Meister von heute“ (2014). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin. 

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 656
Verlag: Rowohlt Buchverlag; 8. Edition (13. Oktober 2020)
ISBN: 978-3498001407

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Golo Mann, Marcel Reich-Ranicki: Ein Briefwechsel

Enthusiasten der Literatur – Aufsätze und Porträts

Der Briefwechsel bietet das Doppelporträt zweier […] Enthusiasten der Literatur. Denn so forsch sich Marcel Reich-Ranicki in seiner diktierten Büropost auch gibt, spürbar wird selbst noch in den knappsten Briefen das Verlangen, sich mit einem Gleichgesinnten über Autoren und Bücher auszutauschen.

MannMRRBriefeWer kennt sie nicht, die markigen Sprüche des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Keiner konnte so loben wie er, keiner aber auch so – oft zugegebenermassen theatralisch – verreissen, wie er. Seine Liebe zur Literatur war immer spürbar, bei beidem, erachtete er doch auch – oder gerade – einen Verriss als Dienst an der Literatur: Sie soll besser werden. Zudem ist ein Lob für ein schlechtes Buch eine Beleidigung für alle guten Bücher.

Marcel Reich-Ranicki schätzte Thomas Manns Werk hoch, er war immer an seinen Büchern sowie an seinem Leben interessiert, was sich in vielen Aufsätzen und auch Büchern zeigte. Dieses Interesse teilte er mit Golo Mann, bei dem das Interesse und der Bezug natürlich schon aus familiären Gründen gegeben war – eine Familiengeschichte, die nicht nur einfach war, litt Golo Mann doch bis weit ins Erwachsenenalter (wenn nicht bis am Schluss) unter seinem Vater oder zumindest unter der Beziehung zu diesem.

Das Buch vereint den Briefwechsel zwischen den beiden Literaturliebhabern und Aufsätze, die in diesen Briefen thematisiert werden. Aus den Briefen ist nicht nur der Austausch – durchaus kritisch, immer aber freundlich – über Literatur herauszulesen, sie sind auch Zeugnis einer sich über die Jahre vertiefenden Freundschaft aus der Ferne (getroffen haben sie sich nur selten) sowie ein Einblick in die Persönlichkeit der Menschen, die sie hinter ihren allseits bekannten Rollen waren. Golo Mann offenbart in vielen Lebensätzen und Nachträgen seine – mehr als schwierige Beziehung zu seinem Vater, den er aber, wenn er ihn in Artikeln angegriffen sah, doch in Schutz nahm.

Ich wusste schon viel über die Familie Mann und einzelne Mitglieder derselben, einige neue Mosaiksteinchen sind dazugekommen. Die Beziehung Thomas Manns zu seinen Kindern, die Beziehung zwischen Klaus Mann und Golo Mann, Überlegungen zu Klaus Manns Fühlen und Denken, das ihn bis hin zum Selbstmord brachte, sind nur einige davon.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist, das ich aber jedem Literaturfreund, Thomas-Mann-Liebhaber und Verehrer von Marcel Reich-Ranicki oder Golo Mann nur ans Herz legen kann.

(Herausgeber ist Volker Hage, von ihm stammt auch das Vorwort)

HIER finden sich noch einige gebrauchte Exemplare

Peter Boxall (Hrsg.): 1001 Bücher (Rezension)

…die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist

Eine Zeitreise durch die Literatur

Die Lektüre von Romanen und Erzählungen ist und bleibt für viele Menschen das höchste Vergnügen. Mancher erinnert sich noch an das erste selbstgelesene Buch als einen wichtigen Meilenstein der persönlichen Entwicklung, und viele zählen das Lesen rückblickend zu den grössten Freuden ihrer Kindheit.

5165E1UEWjL._SX384_BO1,204,203,200_Das vorliegende Buch entält eine Zeitreise durch unsere Weltliteratur. 1001 Bücher, die man gelesen haben sollte, bevor man stirbt, will es beinhalten. Ausgewählt wurden diese 1001 Bücher von 157 Schriftstellern, Literaturwissenschaftlern und Journalisten aus der ganzen Welt. Wir lassen uns am Anfang unserer Reise durch die Literatur von Scheherezade aus 1001 Nacht verzaubern, der Weg führt weiter zu Jane Austens Romanen über heiratswillige junge Damen, sticht mit Moby Dick ins Meer, wendet sich nach einer Wegstrecke dem Bildnis des Dorian Gray zu, führt bei Max Frischs Stiller vorbei zu Jakob dem Lügner, um dann weiter zu gehen zum Parfum von Süskind, Henning Mankells Mörder ohne Gesicht und schliesslich bei Swetlana Alexejiewitschs Secondhand-Zeit zu enden.

Der Band enthält bekannte und eher unbekannte Werke. Viele, die man persönlich vielleicht gerne drin hätte, fehlen, von anderen, die sich drin finden, hört man zum ersten Mal. 1001 Bücher erhebt denn auch nicht den Anspruch der Vollständigkeit oder gar den, einen neuen Kanon auszubilden. Vorgestellt werden schlicht Bücher, welche 157 Menschen als lesenwert erachtet haben und welche diese andern Lesern ans Herz legen möchten, denn.

Jedes vorgestellte Buch wird mit den Lebensdaten seines Verfassers, seiner Entstehungszeit, seiner Erstveröffentlichung und Originaltitel vorgestellt, kurz zusammengefasst und teilweise auch in der Zeit oder einem anderen Kontext verortet. Bilder des Umschlags oder des Filmplakats bei verfilmten Büchern runden das Ganze ab. Ein Index nach Buchtiteln sowie nach Autoren hilft, gezielt nach Büchern zu suchen. Ein rundum gelungenes Buch.

Ein kleiner Kritikpunkt sei gestattet: Ein Projekt von so grossem Umfang ist wohl anfällig für Fehler – so finden sich denn auch vereinzelt welche hier. Stefan Zweigs Novelle Der Amokläufer wird schlicht als Amok betitelt – so heisst auf Deutsch die Sammlung, welche die Novelle beinhaltet. Dieser Fehler dürfte bei der Übersetzung passiert sein, da im Englischen die Novelle Amok heisst. Etwas grösser wiegt der Fehler, dass das Buch im Autorenverzeichnis Arnold Zweig statt Stefan Zweig zugeordnet ist. Das sind ärgerliche Fehler, die aber dem Vergnügen mit dem Buch keinen Abbruch tun. In einer nächsten Auflage könnte man diese leicht beseitigen.

Fazit:
Eine informative, kurzweilige, schön illustrierte Zeitreise durch die Weltliteratur. Absolute Leseempfehlung!

Der Herausgeber
Peter Boxall, der Hauptherausgeber, hat in Zusammenarbeit mit 157 (!) internationalen Rezensenten, das Mammutwerk federführend erstellt. Peter Boxall ist außerordentlicher Professor für englische Literatur an der University of Sussex (England). Er hat zahlreiche Studien zum Roman und zum Drama des 20. Jahrhunderts veröffentlicht, zuletzt erschien Don DeLillo: The Possibility of Fiction (2006).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 960 Seiten
Verlag: Edition Olms (16. Februar 2017)
ISBN-Nr 978-3283012502
Preis: EUR 29.95 / CHF 41.90
Übersetzer: Maja Ueberle, Thomas Marti
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Kai Sina: Susan Sontag und Thomas Mann (Rezension)

Lebensprägende Literaturbegegnung

An welchen Stellen nimmt sie den Bleistift in die Hand, um eine Unterstreichung oder Randmarkierung vorzunehmen? Wo schien es ihr nötig, eine kurze Anmerkung an den Textrand oder zwischen die Zeilen zu schreiben? […] Lesespuren wie diese können Aufschluss darüber geben, mit welcher Intensität, mit welchen intellektuellen Voraussetzungen Sontag den Zauberberg gelesen hat.

Am 28. Dezember 1949 besucht Susan Sontag – gerade mal 16 Jahre alt – mit zwei Kommilitonen Thomas Mann. Vorher hatte sie dessen Zauberberg gelesen, eine Lektüre, die sie für ihr Leben lang prägen soll. So erstaunt es auch nicht, dass sie dem grossen literarischen Idol schüchtern gegenüber steht, was sie im Rückblick mit Scham erfüllt.

Alles, was mit dem Treffen mit ihm [Thomas Mann, S.M.] zusammenhängt, ist mit Scham durchsetzt. [Übersetzung S.M.]

SinaTMSSSusan Sontag ist eine Vielleserin, in ihrer Lektüreliste finden sich erstaunlich viele deutschsprachigen Autoren wie Walter Benjamin, Franz Kafka, Peter Weiss oder Elias Canetti. Ein Buch wird sie aber immer wieder lesen und in jedem Alter neue Erkenntnisse daraus ziehen – für sich und ihr eigenes Schreiben.

Kai Sina ist es gelungen, anhand von Sontags Nachlass, den Tagebüchern und Gesprächen sowie durch die Analyse von Essays und Romanen deren Bezüge zu Thomas Mann offenzulegen. Das vorliegende Buch liefert einen Einblick in Susan Sontags Art und Weise, an ihre Themen (u. a. Krankheit, Fotografie und Literatur), an ihr Schreiben heranzugehen sowie auch stückweise eine Analyse von Thomas Manns Zauberberg, welcher von der amerikanischen Intellektuellen als wichtigstes Buch ihres Lebens bezeichnet wurde.

Fazit:
Ein grossartiges Buch über zwei herausragende Denker und Schreibende. Absolute Leseempfehlung

Zum Autor und den Beschriebenen
Kai Sina, geboren 1981, ist Literaturwissenschaftler an der Universität Göttingen. 2015/2016 hat er an der University of Chicago über Konstellationen der transatlantischen Literaturgeschichte geforscht.

Paul Thomas Mann (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich, Schweiz) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts.

Susan Sontag, geborene Rosenblatt, (* 16. Januar 1933 in New York City, New York; † 28. Dezember 2004 ebenda) war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin. Sie war bekannt für ihren Einsatz für Menschenrechte sowie als Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:124 Seiten
Verlag: Wallstein Verlag (27. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3835330214
Preis: EUR 20 / CHF 28.90
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Peter von Matt: Sieben Küsse (Rezension)

Glück und Unglück in der Literatur

Vom Küssen und den Folgen

Inhalt

Weil die Literatur immer konkret ist, denkt sie nicht in Begriffen, sondern in Szenen. Das Wissen vom Glück erscheint daher in der Literatur immer und immer wieder als die leibhaftige Begegnung zweier Menschen. Das Nachdenken darüber verkörpert sich in deren Geschichte und weiterem Schicksal.

Mit diesem Wissen beginnen wir unsere Reise durch die Welt der Literatur, wir lassen uns von Peter von Matt die Glück oder Unheil bringenden Küsse der Weltliteratur zeigen und deuten.

Literatur […] ist ein jahrtausendealtes Unternehmen der Welterklärung.

Sieben Küsse hat er sich vorgenommen, die Reise geht kreuz und quer durch die Zeiten und durch die Welt. Wir tauchen in die Welt von Virginia Woolfs Mrs Dalloway ein, erfahren mehr über die Rolle der Frau und ihr Selbstbild, das wohl als Bild der damaligen Zeit gelten kann. Wir feiern mit Gatsby die ausufernden Feste, die nur dazu gedacht sind, die einst Geküsste wiederzugewinnen. Daegen wirkt Gottfried Kellers Welt gar bürgerlich – und doch geht es auch da um einen Kuss, ebenso bei Grillparzer, Kleist, Duras und Tschechow.

Beurteilung
VonMattKüssePeter von Matt gelingt es, auf eine unglaublich schön lesbare Weise, mit viel Humor, Fachwissen und spürbarer Leidenschaft für die Literatur, tiefer in die literarischen Welten einzelner Bücher einzutauchen. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise quer durch die Zeit, analysiert einzelne Werke und stellt sie in einen grösseren Zusammenhang. Er legt literarische Mittel wie Symbole, Metaphern, Verweise und mehr offen und breitet dadurch vor dem Leser einen Fundus an Wissen aus.

Peter von Matt wird dieses Jahr 80. Aus seiner Feder stammen viele wunderbare Bücher zur Literatur, die immer auch ihn selber und seine Leidenschaft durchschimmern lassen. Ich bin dankbar, durfte ich bei diesem Mann studieren, der nicht nur fachlich, sondern auch menschlich toll ist. Er hat die Gabe, Bücher lebendig werden zu lassen. Er vermittelt einem Sichtweisen auf Texte, die helfen, diese mit ganz neuen Augen zu sehen, tiefer zu gehen, weiter zu forschen und mehr herauszuziehen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das von der Liebe zur Literatur, dem immensen Fachwissen, allgegenwärtigem Humor lebt und Lust am (genauen) Lesen vermittelt. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern, war von 1876 bis 2002 Professor für Germanistik an der Universität Zürich. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste. 2014 wurde Peter von Matt mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Er lebt bei Zürich.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. Januar 2017)
ISBN-Nr 978-3446254626
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Rezension: Heimo Schwilk – Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

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