[…] geboren in einem Pfarrhaus aus Lehm und Balken, erbaut im siebzehnten Jahrhundert, von einem Schafstall nicht zu unter-scheiden.[1]

So beschreibt Gottfried Benn sein Geburtshaus, in dem er am 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg das Licht der Welt erblickt. Ein halbes Jahr später zieht die Familie nach Sellin in die Neumark, wo sie neben dem Pfarramt des Vaters einen kleinen Hof bewirtschaften, um finanziell über die Runden zu kommen. Das Verhältnis Gottfried Benns zu seinem Vater ist angespannt, er nennt ihn einen „grossen Zelot und Fanatiker“, der alles mit Gott verknüpfe, dem Irdischen aber fremd bleibe. Zu seiner Mutter hat Benn ein besseres Verhältnis.

1887 bis 1903 besucht Benn das Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt an der Oder, danach will er Medizin studieren, was dem Vater nicht genehm ist, welcher ihn als Nachfolger in seinem Pfarramt sieht und zudem vor den Kosten für ein Medizinstudium zurückschreckt. Gottfried Benn beginnt mit dem Theologie- und Philosophiestudium in Marburg, wechselt später nach Berlin zum Philosophiestudium und wird 1905 wegen „Unfleiss“ exmatrikuliert. An der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen beginnt er ein Medizinstudium, verpflichtet sich da für ein fast kostenfreies Studium, später als Militärarzt zu dienen. 1911 folgt das Staatsexamen, 1912 die Promotion. Schon während der Ausbildung erscheinen erste literarische Werke Benns.

Ab 1912 dient Benn als Arzt in einem Pionierbataillon in Berlin Spandau, muss aber 1913 aus gesundheitlichen Gründen den Militärdienst quittieren und wechselt in die Pathologie eines Berliner Krankenhauses. Es folgen eine Stelle als Schiffsarzt und eine Chefarztstelle im Fichtelgebirge sowie die Ehe mit Edith Brosin, aus welcher die Tochter Nele stammt. 1914 wird Benn in den Kriegsdienst eingezogen, 1917 demobilisiert (die Gründe dafür sind nicht bekannt) und er eröffnet eine eigene Praxis. Er bezieht eine Wohnung im gleichen Haus wie die Praxis, Frau und Kind wohnen in einer Familienwohnung, in welcher er nur sporadisch zu Besuch ist. Benn schreibt neben seinem Arztsein immer noch und braucht dafür Unabhängigkeit und Freiheit. Zudem beflügeln erotische Abenteuer sein Schreiben, welche um Frau und Kind wohl schwer zu haben wären. Trotz allem ist Benn nicht nur der draufgängerische Lebemann, er neigt zu Depressionen, die sowohl auf die eher unerfreuliche Ehe wie auch auf die schlecht gehende Praxis zurückzuführen sind:

Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, dass man heulen könnte. […] Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur und Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.[2]

1922 erscheinen Benns Gesammelte Schriften. Im selben Jahr stirbt seine Frau, die Tochter wächst in der Folge bei der Opernsängerin Ellen Overgaard auf. In den folgenden Jahren erscheinen viele Gedichte, der Ton derselben wird im Vergleich zum früher sehr radikalen sanfter.

Gottfried Benn fühlt sich zuerst vom Faschismus angezogen, wendet sich dann aber entschlossen dagegen, was zum Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und zum Schreibverbot führt. Trotzdem tritt er zurück in den Militärdienst (bis heute ist nicht ergründbar, wieso er mit dem Regime zusammenarbeitete), was ihn nach Landsberg an der Warthe führt, wo er in der Kaserne kritische Essays zur Lage der Nation verfasst. 1938 heiratet Benn seine Sekretärin Herta von Wedemeyer, welche sich am 2. Juli 1945 das Leben nimmt. Im selben Jahr kehrt Benn nach Berlin zurück und nimmt seine Tätigkeit als Arzt in der eigenen Praxis wieder auf.

1946 heiratet Gottfried Benn die Zahnärztin Ilse Kaul. Noch immer ist er mit einem Schreibverbot belegt, er darf erst ab Herbst 1948 wieder in Deutschland publizieren. Er verschweigt oder verdrängt dabei seine Kooperation mit dem Regime des Dritten Reichs nicht, sondern thematisiert sie offen. Seine literarische Karriere erlebt einen Aufschwung, 1949 erscheinen vier Bücher, 1951 erhält er den Georg-Büchner-Preis, 1953 das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am 7. Juli 1956 stirbt Gottfried Benn an den Folgen eines zu spät diagnostizierten Knochenkrebs in Berlin.

Gottfried Benn über sich

Geboren und aufgewachsen in Dörfern der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin.[3]

So lauten die lakonischen Zeilen Benns, als er gebeten wird, für die expressionistische Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung einen kurzen Lebenslauf beizusteuern. Auch die Zeilen aus seiner Autobiographie Doppelleben lassen seinen Unmut der eigenen Biographie und bürgerlichen Herkunft gegenüber deutlich werden:

Herkunft, Lebenslauf – Unsinn! Aus Jüterburg oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je.[4]

Der Titel Doppelleben spricht denn auch seine Zerrissenheit zwischen Bürgertum und Künstlerdasein an. Die Seele sei nie eine Einheit, oft spreche man anders, als man denke, konstatiert Gottfried Benn. Er sieht sich gar aufgefressen von den Bürgerlichen Zwängen, nennt das Leben ein Speibecken, sieht sich von ihm aufgefressen mit Haut und Haar.

Verhülle dich (1950/51)
Verhülle dich mit Masken und mit Schminken,
auch blinzle wie gestörten Augenlichts,
lass nie erblicken, wie dein Sein, dein Sinken
sich abhebt von dem Rund des Angesichts.

Im letzten Licht, vorbei an trüben Gärten,
der Himmel ein Geröll aus Brand und Nacht –
verhülle dich, die Tränen und die Härten,
das Fleisch darf man nicht sehn, das dies vollbracht.

Die Spaltung, den Riss, die Übergänge,
den Kern, wo die Zerstörung dir geschieht,
verhülle, tu, als ob die Ferngesänge
aus einer Gondel gehn, die jeder sieht.[5]

Werke Gottfried Benns u.a.:

  • Söhne. Neue Gedichte (1913)
  • Gehirne. Novellen (1916)
  • Schutt (1924)
  • Der neue Staat und die Intellektuellen (1933)
  • Kunst und Macht (1934)
  • Satirische Gedichte (1948)
  • Doppelleben (1950)
  • Probleme der Lyrik (1951)
  • Destillationen. Neue Gedichte (1953)
  • Altern als Problem für Künstler (1954)

[1] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band I, S. 231
[2] Gottfried Benn: Ausgewählte Briefe, Wiesbaden 1957, S. 15, 19
[3] Sämtliche Werke (Stuttgarter Ausgabe), Band III, S. 448
[4] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band IV, S. 164
[5] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band III, S. 248

©Phyllis CHristopher
©Phyllis CHristopher

Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

Jojo Moyes hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu Ihrem Schreiben zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wieso schreiben Sie? Gibt es einen speziellen Grund, einen Auslöser dafür?

Ich habe schon als Kind geschrieben, trotzdem dachte ich nie, dass ich Schriftstellerin werden könnte – dieser Beruf schien irgendwie nichts mit mir zu tun zu haben. Ich habe zehn Jahre für Zeitungen geschrieben und sah rund um mich Leute Bücher schreiben, bis ich eines Tages dachte: Wieso ich nicht?

Es gibt diverse Angebote, Kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe mir das Schreiben selber beigebracht. Ich habe drei Romane geschrieben, die nie publiziert wurden. Sie haben mich gelehrt, wie ich an Charaktere herangehen und sie aufbauen kann, wie ich einen Plot gestalten muss. Ich hätte sehr gerne einen Kurs in Kreativem Schreiben besucht, hatte aber nie die Zeit dazu, da ich voll arbeitete, ein Baby hatte und daneben noch versuchte, in der spärlichen Freizeit meinen eigenen Roman zu schreiben. Ich denke, solche Kurse können einem viel beibringen, doch es muss ein gewisses Talent vorhanden sein, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen. Ich glaube nicht, dass jeder ein Buch in sich hat, wie es ein Sprichwort sagt. Vielleicht hat jeder eine Geschichte in sich, ab und an ist es aber vielleicht besser, diese einen anderen schreiben zu lassen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Meist werde ich durch eine Idee inspiriert – ein Zeitungsartikel, jemandem, den ich kenne, passiert etwas – ,welche sich mit anderen Dingen vermischt, die in meinem Kopf rumschwirren. Langsam, meist noch unbewusst, fange ich dann an, daraus einen Plot zu konstruieren. Wenn ich dann wirklich zu schreiben beginne, bin ich strukturierter. Ich schreibe einen ungefähren Plan meines Plots, schreibe die einzelnen Geschichten meiner Hauptcharaktere, so dass ich eine Idee davon habe, wie diese sind, bevor es losgeht.

Ich schreibe an den verschiedensten Orten – zu Hause, in einem kleinen Büro, das ich gemietet habe, im Zug, in einem kleinen Apartment, das ich in Paris teile. Alles, was ich brauche, sind ein paar freie Stunden ohne Unterbrechungen und meinen Computer.

Was waren die Inspirationsquellen Ihrer letzten Bücher?

Meine letzten beiden Bücher – The Girl Left Behind und Me Before You (Ein ganzes halbes Jahr) – sind beide durch Zeitungsartikel inspiriert worden. Oft passiert es, dass ich etwas höre oder lese und ein Bild oder eine Frage bleibt hängen, lässt mich nicht mehr los. Im Falle von Ein ganzes halbes Jahr(EGHJ) fragte ich mich immer wieder: Was braucht es, um Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind in eine Klinik für begleiteten Selbstmord zu bringen. Und: Wie würdest du leben, wenn dir alles, was dich ausmacht, genommen würde.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich habe gerade dieses Wochenende festgestellt, dass ich meine letzten zwei freien Tage am Stück im Januar hatte. Ich habe wenig freie Zeit im Moment, weil ich versuche, ein Buch fertigzustellen, zwei weitere in verschiedenen Ländern promote und daneben noch ein Drehbuch von EGHJ für MGM schreibe. Um mich zu entspannen unternehme ich Ausflüge mit meinen Kindern oder reite mit meinem Pferd übers Land. Aber ich muss gestehen, ich denke eigentlich immer übers Schreiben nach, selbst wenn ich es nicht tue, vor allem, wen ich ein neues Buch entwickle. Manchmal denke ich, es muss mühsam sein, mit mir zu leben.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Sind Aspekte von Ihnen in Ihrem Roman EGHJ?

Ich denke, alle erschaffenen Charaktere sind auf eine Art Erweiterungen des Schriftstellers, seiner Person. Bezogen auf EGHJ sind da einige Themen, mit denen meine Familie konfrontiert war, so dass das bestimmt in meinem Kopf war, als ich diese Geschichte schrieb.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten Ihres Romans mit dem Film Intouchable. War das je ein Problem für Sie? Haben Sie Philippe Pozzo di Borgos Geschichte gekannt, als Sie zu schreiben begannen?

Ich wusste nichts von Intouchables bis ich mein Buch beendet hatte. Ich war vor allem sehr verärgert, als ein Filmdirektor, der sich zuerst für das Buch interessiert hatte, sich zurückzog, als er von Intouchables hörte. Eines Tages sah ich den Film selber im Flugzeug und ich fand ihn wundervoll. Ich denke, die beiden Geschichten sind unterschiedlich genug, so dass die Leute beide geniessen können (auf alle Fälle hoffe ich das!).

[Achtung: Die nächste Frage nimmt das Ende von EGHJ vorweg – wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte sie vielleicht überspringen]

Liebe hat viel Kraft. Wieso ist sie in Ihrem Roman unterlegen? Wieso ist der Tod mächtiger?

Ich wollte zeigen, dass Liebe manchmal nicht genug ist. Und manchmal sind auch Happy Ends, die wir als solche sehen, in Tat und Wahrheit keine. Ich hätte ein Ende schreiben können, bei dem Will und Lou zusammen geblieben wären, aber das hätte nicht zu seinem Charakter gepasst, das hätte Will nicht entsprochen.

Was muss ein Buch mit sich bringen, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

 Ich habe viele Lieblingsautoren – Barbara Kingsolver, Michael Chabon, Nora Ephron, Marian Keyes, Stieg Larsson. Bei sehr literarischen Büchern bin ich oft frustriert, weil sie für mich zu wenig Plot haben. Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger tolerant mit Büchern bin. Wenn Sie mich nach 50 Seiten nicht gepackt haben, neige ich dazu, mich etwas anderem zuzuwenden.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Hartnäckig, loyal, glücklich!

Ganz herzlichen Dank für diese offenen Antworten, die einen schönen & persönlichen Einblick gewähren.

©David Franca Mendes
©David Franca Mendes

Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

Carola Saavedra hat mir ein paar Fragen beantwortet und mit ihren Ausführungen einen tiefen Einblick in ihr Schreiben und ihr Verständnis von Literatur und Schriftstellerei gewährt.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte immer Schriftstellerin werden, schon als Kind. Ich denke, das war immer eine Art Obsession, aber auch eine natürliche Folge meines Interesses am Lesen. Als ich lesen lernte, war ich sofort fasziniert. Durch Bücher entstand eine „neue Welt“, man konnte in andere Realitäten eintauchen. Schon bald erfasste mich der Gedanke „ich möchte selbst neue Realitäten schaffen“. Ich denke, ab diesem Moment hatte alles, was ich
im Leben gemacht habe – lesen, reisen, in Deutschland studieren, usw. – auch damit zu tun, später eine  Schriftstellerin zu werden.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Geht es beim Schreiben nur um Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu  schreiben?

Das Thema interessiert mich sehr, ich leite in Brasilien selbst Schreibwerkstätten. Ich denke, man kann dabei das Handwerk lernen, was vielleicht einigen Leuten den schwierigen Weg des Schriftsteller-Werdens erleichtern oder verkürzen kann. Ohne Talent kann man aber kein ernsthaftes literarisches Werk schaffen. Das Problem ist, dass man nicht wissen kann, ob man Talent hat oder nicht, ohne vorher viel zu schreiben, viel gearbeitet zu haben. Wie gesagt, Talent ist ganz elementar, aber nur das allein bringt auch nichts. Ich glaube Literatur entsteht aus einer Mischung von Talent und sehr harter Arbeit, großer Ausdauer. Ich selbst habe nie eine Literaturwerkstatt besucht, das hat mich nicht interessiert, ich wollte allein zu möglichen  Lösungen kommen. Wenn ich jemanden gehabt hätte, der mir das „Handwerk“ beigebracht hätte, wäre mein erstes Buch vielleicht viel früher entstanden, aber ich wäre heute wohl eine andere Schriftstellerin.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen  Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Man fängt ein Buch nicht erst zu schreiben an, wenn die ersten Worte geschrieben werden, der Prozess  beginnt schon viel früher. Ich mache mir zuerst Notizen. Eigentlich mache ich mir immer Notizen: über Themen, die mich interessieren, einen Film den ich gesehen habe, eine Szene, ein Lied, ein Gespräch, das ich in einem Café gehört habe, usw. Ich habe immer viele Notizbücher, das ist für mich sehr wichtig, die nehme ich immer mit. Erst später, wenn ich die ersten Umrisse für den Roman habe – Figuren, Handlung, Struktur – fange ich an, den Text am Computer zu schreiben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie entsteht plötzlich  eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Was die Handlung angeht, hole ich mir die Ideen aus dem Leben selbst und auch aus anderen Büchern. Ein Schriftsteller ist jemand, der einen bestimmten Blick für die Welt, seine Umgebung und sich selbst hat. Durch diesen Blick kann er Nuancen bemerken, die man normalerweise nicht beachten würde. Sehr wichtig  für mich ist die Struktur, die Form, wie ich eine Geschichte erzähle. Am Meisten inspirieren mich andere Künste: Filme, Bilder, Musik. Aus diesen verschiedenen Gebieten versuche ich, etwas Neues zu schöpfen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten sie ab?

Ich bin nicht nur wenn ich schreibe Schriftstellerin, sondern ich bin es 24 Stunden am Tag. Alles was ich sehe  und erlebe kann für meine Bücher wichtig sein. Schriftsteller zu sein ist kein Beruf wie Verkäufer,  Lehrer oder Rechtsanwalt, man geht nicht jeden Tag ins Büro, man hat keine feste Arbeitszeiten. Und auch  wenn man an etwas ganz anders denkt, auch wenn man schläft, auch dann ist man in diesem ständigen  Schreibprozess. Nur aus dieser Obsession kann für mich ein Werk entstehen.

Was steckt von Ihnen in ihrem Roman Landschaft mit Dromedar?

Nichts und alles, würde ich sagen. Um diesen autobiographischen Aspekt zu erklären, gebe ich Ihnen einen Beispiel aus meinem ersten Roman „Jeden Dienstag“ (er ist noch nicht ins Deutsche übersetzt). Eine der Hauptfiguren ist eine junge Frau, Laura. Sie geht einmal in der Woche zum Therapeuten und lügt ihn jedes Mal an. Irgendwann sagt sie spöttisch zu ihm: Und wenn alles, was ich dir erzähle, eine Lüge ist? Was wäre dann der Sinn dieser Behandlung? Er antwortet ihr, dass es ihm egal ist, ob sie lügt oder nicht, weil die  Tatsache, dass sie sich eine bestimmte Lüge ausgesucht hat und nicht andere, schon viel über sie erzählt. Und so sehe ich auch die Beziehung zwischen dem Autor und seinem Buch: Alles ist Fiktion, aber die Tatsache, dass ich mich entschieden habe, eine bestimmte Fiktion zu erzählen und nicht eine andere, sagt bestimmt viel über mich aus.

Wieso nimmt ihre Protagonistin ihre Gedanken auf und schreibt sie nicht nieder?

Sie hat Angst vor der geschriebenen Sprache, sie versucht etwas zu sagen, ohne dass die Worte so schwer werden. Das ist natürlich ein Trugschluss, da die gesprochenen Worte am Ende transkribiert werden und wieder dieses Gewicht bekommen.

Ihr Buch stellt die klassische Beziehung in Frage, doch das Modell ihres Romans scheint auch Probleme zu  geben. Ist der Mensch grundsätzlich nicht beziehungsfähig oder täte jedem ab und an eine Insel gut?

Ich denke nicht, dass der Mensch beziehungsunfähig ist, aber es scheint mir, dass wir mit zu großer Leichtigkeit das Wort Liebe benutzen. Liebe ist überall, wo wir hinschauen und –hören: Im Fernsehen, in der  Werbung, in Liedern. Jemanden wirklich zu lieben, mit jemandem zusammenleben zu wollen und seine  Schwächen zu akzeptieren, verlangt aber eine große Hingabe. Die Liebe liegt meiner Ansicht nach nicht in  unserer Natur, anders als die Leidenschaft. Ich denke, die Insel, im Sinne des In-sich-Zurückziehens, kann  (aber nur kann) ein Weg sein, um später eine Brücke zu Anderen zu schlagen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich interessiere mich für eine Literatur, die einerseits eine Geschichte erzählt, sich dabei aber andererseits  selbst entwirft, Fragen über den Schreibprozess stellt. Eine Literatur, die den Leser als Ko-Autor sieht, die ihm Raum gibt, selbst die verschiedenen Fäden zusammenzuführen. Letztendlich eine Literatur, die den  Anspruch auf Wahrheit und Vollständigkeit in Frage stellt. Viele Schriftsteller arbeiten oder haben in diesem Sinne gearbeitet, aber der vielleicht größte Autor in dieser Hinsicht ist der Argentinier Jorge Luis Borges.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Es ist sehr schwierig sich selbst zu beschreiben aber ich nenne Ihnen drei Begriffe, die lange Zeit für mich sehr wichtig waren und es immer noch sind: Fernweh, Heimat und Grenzen.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Ein Schriftsteller könne nicht aus einem Entschluss heraus oder auf Zuruf produktiv werden. Er werde vielmehr von seinen Projekten befallen, und zwar mit Vorliebe zum unpassendsten Zeitpunkt, schreibt der Schriftsteller Matthias Politycki in seinem Aufsatz.*

Ein spannender Einblick ins Leben als Schriftsteller von  Matthias Politycki. Was bewegt ihn zum Schreiben, wie kam er dazu, wieso blieb er dabei?

 

Artikel in der NZZ vom 15. Dezember 2012.

 

*Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/der-autor-und-die-schraeglage-zur-welt-1.17891042

Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns Erzählung „Tod in Venedig“. Sie handelt von Gustav von Aschenbach, einem erfolgreichen Schriftsteller, der, längst verwitwet und ganz der eigenen Leistung verpflichtet, nach Venedig aufbricht, um sich da zu erholen. Am Strand fällt ihm ein schöner Knabe auf, in den er sich verliebt. Zwar wahrt er die nötige Distanz, doch wird er von dieser jäh erwachenden Leidenschaft so durchgeschüttelt, dass sein Innenleben aus der Bahn gerät. Er verliert jegliche Selbstachtung, infiziert sich mit Cholera und stirbt im Liegestuhl liegend, seinen Schwarm noch einmal betrachtend und sich einbildend, dieser hätte ihm zugewinkt.

Eine Skandalgeschichte, wenn man so will. Sie thematisiert ganz offen die Homoerotik, welcher Thomas Mann selber verfallen war, die er aber zeitlebens unterdrückt hat. Seine Kunst diente ihm als Ventil, das auszudrücken, was er nicht ausleben konnte. Eine Geschichte wird 100 Jahre alt und hat an Spannung, an Wirkung nichts verloren in diesen Jahren. 

Artikel zum Geburtstag:

FAZ: 100 Jahre Tod in Venedig: Pervers?

Deutschlandradio Kultur: Thomas Manns berühmte Künstlernovelle