Charles Baudelaire kam am 9. April 1821 in Paris als Kind eines wohlhabenden, kunst- und literaturliebhabenden ehemaligen Verwaltungsbeamten und dessen viel jüngeren englischen Frau zur Welt. Als Charles sechs Jahre alt ist, stirbt sein Vater und seine Mutter wendet sich einem sehr autoritären und karriereorientierten Offizier zu, was für den kleinen Baudelaire eher traumatisch war. Der Wechsel vom musischen Zuhause zur Drillstätte, dazu häufige Umzüge führten dazu, dass sich Charles Baudelaire immer mehr zurückzog und aus einem Gefühl der Wurzellosigkeit und mangelnden Anschlusses zu Depressionen neigte. Dass man ihn auch noch in ein Internat steckte, liess ihn vollends aus dem Ruder laufen, er flog wegen seines schwierigen Verhaltens von der Schule.

Nach seinem trotzdem geglückten Schulabschluss schrieb er sich für ein Jurastudium ein, dies allerdings nur auf Drängen seiner Eltern. Selber wollte er Schriftsteller werden und bewegte sich in den entsprechenden Kreisen der Literaten- und Künstler-Bohème in Paris.

Ab 1838 schrieb Baudelaire Gedichte, was aber für den Lebensunterhalt nicht ausreichte. Er verschuldete sich. Als ob das des Unglücks nicht genug gewesen wäre, steckte er sich bei einer Prostituierten auch noch mit Syphilis an.

Die enttäuschten und sich schämenden Eltern schickten ihn auf Schiffsreise – weit weg mit dem Makel. Statt auf den Pfad der Besinnung zu gelangen, schrieb er weiter Gedichte, inspiriert von seinen Reiseerlebnissen.

Kaum zurück schloss er sich wieder seinen alten Kreisen an, nutzte das ihm mittlerweile stattliche Erbe seines Vaters, um sein Leben als Dandy zu finanzieren. Seine Geliebte, die Schauspielerin Jeanne Duval, half ihm zusätzlich, sein Geld unter die Leute zu bringen, bis es der besorgten Familie Charles Baudelaires zu bunt wurde und sie ihn unter die finanzielle Vormundschaft eines Notars stellten.

Sein sowieso eher depressives Gemüt hielt dieser Schmach nicht stand, er versuchte, sich das Leben zu nehmen, was aber nicht gelang.

Von seiner Schriftstellerei konnte er zeitlebens nicht leben, ein paar Gedichte an Zeitschriften,  zwei Novellen, einige Dramenentwürfe, daneben unvollendete Skizzen für weitere Prosatexte reichten dazu schlicht nicht aus. Einzige Beachtung fanden seine Berichte über Kunstausstellungen, die von Kompetenz zeugten. Das alles war seinem depressiven Gemüt nicht zuträglich, die Neigung blieb stets Teil seines Lebens, seines Seins.

Sein herausragendstes Werk dürfe Les Fleurs du Mal sein, das 1857 veröffentlicht wurde. Les Fleurs de Mal ist eine Sammlung von 100 Gedichten, die schon früher entstanden und auch publiziert, nun nach Themen geordnet als Ganzes erschienen. Den hier versammelten Gedichten ist eine Stimmung eigen, die von Melancholie zeugen, von Dunkelheit und gar Hässlichkeit.

Zwar kam Baudelaire durch dieses Werk zu einiger Bekanntheit, seine finanzielle Situation verbesserte sich nicht. Sämtliche Versuche, dies zu ändern, scheiterten, dazu kamen noch gesundheitliche Probleme. 1866 kam er nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim und starb 1867 in einer Pariser Klinik.

Baudelaire und die Décadence

Dem Vorwort Théophile Gautiers in der Ausgabe von Fleurs du mal von 1868 zufolge steht Baudelaires Dichtkunst für den Sieg einer neuen Kunst und den Stil der Décadence, welcher Produkt und Widerspiegelung einer alternden Kultur ist. Moralische Wertmassstäbe werden abgewertet und treten ein gegen das bürgerliche Nützlichkeitsdenken, das in der Kunst nichts zu suchen hat. Dichtung will ihre eigene Wirklichkeit produzieren, einen künstlerischen Mikrokosmos, welcher nur ästhetischen Massstäben, nie aber Nützlichkeitserwägungen genügen soll. Ein neues ästhetisches Konzept entsteht, in welchem die sprachartistische Gestaltung Vorrang hat vor der Inhaltsebene, Schönheit wird zum Gegenbegriff der Nützlichkeit. Schön ist nur, was nicht nützlich ist und was nützlich ist, ist hässlich, weil es als Ausdruck von Armut, Bedürftigkeit und Unvollkommenheit der menschlichen Natur gesehen wird. Ästhetik vor Moral und Nützlichkeitserwägungen heisst die Parole.

Die Poetizität der Sprache erhebt Dichtung über blosses Mitteilen, nicht mehr Imitation der Natur ist Thema der Kunst, sondern Imitation der Kunst. Dies führt zu einer Art kunstinterner Kommunikation, indem nämlich ein Kunstwerk (Dichtung) nicht mehr mit der Erfahrungswirklichkeit kommuniziert, sondern eine Reaktion auf eine bereits gestaltete Kunstwirklichkeit darstellt. Dadurch entsteht ein alle Künste umfassender intertextueller Verweiszusammenhang. Décadence bedeutet so gesehen eine ästhetische Gegenposition zur Klassik, sie ist eine Ausdrucksform neuer Bedürfnisse einer spätzeitlichen Zivilisation, in der das Künstliche an die Stelle des natürlichen Lebens tritt.

Baudelaires Fleurs du mal zeigen den Stil der Décadence als einen Stil, der nicht realistisch darstellen will, sondern einen eigenständigen Kunstkosmos zum Ziel hat, welcher in der Erfahrungswirklichkeit nur den Anstoss, nicht aber die Vorlage findet. Damit, so liest man bei Théophile Gautier, ist Baudelaire ein Dichter, welcher für die Autonomie der Kunst eintritt, der darauf abzielt, die Gegenstände der alltäglichen Realität hervorzuheben und sie sogleich in eine ästhetische Welt einzuführen. Durch die Integration der Gegenstände in die Dichtung machen sie eine sprachliche Metamorphose durch und bekommen dadurch einen Status in der Kunst, der nicht mehr ihrer wirklichen Identität entspricht.

Kurz gesagt: Kunst ist blosse Ästhetik weg von moralischen oder utilitaristischen Wertmassstäben. Sie transformiert die Gegenstände des wirklichen Lebens in künstliche Objekte, so dass die Künstlichkeit an Stelle der Natürlichkeit ans Tageslicht kommt und dargestellt wird. Zusammengefasst lassen sich aus Baudelaires Aussagen über die literarische Décadence vier zentrale Gegensatzpaare aufzeigen: Ausdruck statt Inhalt, Kunst vor Natur, Seltsames statt Hergebrachtes, Verdichtung statt Unmittelbarkeit.

Werke Charles Baudelaires u.a.:

  • Les Fleurs du Mal (1857; dt. Die Blumen des Bösen)
  • Théophile Gautier (1859)
  • Les paradis artificiels, opium et haschisch (1860; dt. Die künstlichen Paradiese)
  • R. Wagner et Tannhauser à Paris (1861)

Wer liest, sollte liebevoll auf Einzelheiten achten. Gegen den Mondschein der Verallgemeinerung ist nichts einzuwenden, vorausgesetzt, er zeigt sich, nachdem die sonnigen Kleinigkeiten des Buchs liebevoll zusammengetragen wurden. Wer mit einer fertigen Verallgemeinerung an ein Buch herangeht, beginnt am falschen Ende und bewegt sich von ihm fort, bevor er angefangen hat, es zu verstehen.

Literatur lesen bedeutet für Nabokov, mit Liebe an ein Werk heranzugehen und zuerst unbedarft und ohne Erwartungen aufzunehmen, was das Buch einem bietet. Nur so sei es möglich, die neuen Welten, die in einem Werk drin stecken, zu erfassen, sie zu erleben. Jede vorgefasste Meinung über ein Buch und Erwartung daraus stellt nach Nabokov einerseits eine Ungerechtigkeit dem Autor gegenüber dar und nimmt einem andererseits die wahre Freude an dem Buch, weil man sie so nie auf das Buch selber einlässt.

Wir sollten immer daran denken, dass mit jedem Kunstwerk, ausnahmslos, eine neue Welt erschaffen wird und diese stets als erstes so gründlich wie möglich erforschen, uns ihr als etwas völlig Neuem nähern, als einer Sache, die keine offensichtliche Verbindung mit den uns bereits bekannten Welten hat.

Romane sind so gesehen immer Märchen, sie stellen nie die Wirklichkeit dar, sondern sind erfundene Geschichten in erfundenen Welten. Dabei liefert immer die Realität den Rohstoff, aus denen man die Kunst schafft, die uns am Schluss als Roman entgegen tritt. Um dies zu erfassen, muss auch der Leser Eigenschaften mitbringen, die es ihm möglich machen, so zu lesen, dass sich die neuen Welten eröffnen.

Selbstverständlich ist ein guter Leser, wie Sie es sich schon gedacht haben, jemand, der über Vorstellungskraft, ein Gedächtnis, ein Wörterbuch und eine gewisse künstlerische Einfühlungsgabe verfügt.

Nachdem Vladimir Nabokov diese Grundzüge des Lesens und Lesers geklärt hat, geht er über, grosse Werke der europäischen Literatur auf diese Weise zu durchleuchten. Er zeigt, wie in Jane Austens Mansfield Park die einzelnen Personen eingeführt werden, wie man nach und nach in die Welt eintaucht, die Jane Austen zeichnet. Er analysiert den Aufbau, die Einleitungen von Szenen, die Darstellung von Gefühlen, die Beschreibung von Situationen, weist auf Austens Stilmittel hin. Neben aller wohlwollenden Liebe zu dem Werk zeigt er auch auf dessen Schwachstellen, die sich besonders am Schluss zeigen, indem er der Autorin einen gewissen Überdruss am eigenen Werk zuschreibt, welchen er an der zerfasernden Struktur desselben festmacht.

Als nächstes Wendet sich Nabokov Dickens zu, setzt das Leseerlebnis bildlich von dessen Bleakhaus in Beziehung zu dem des Mansfield Parks. Wieder sticht er in die Tiefe des Werkes, beleuchtet die Kernmotive, analysiert sie und zeigt ihren Gang durch den Roman. Er beleuchtet die Beziehungen der Figuren untereinander, zeigt, wie diese lebendig wirken und geht auf so manches Detail der Dickenschen Romanschreibung ein. Ebenso verfährt er mit Flauberts Madame Bovary, Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde und Kafkas Verwandlung.

Doch wieso soll man überhaupt lesen, vor allem in Anbetracht der Umstände, die das reale Leben mit sich bringen? Lesen wird, so Nabokov, nicht helfen, das Leben zu meistern oder mit seinen Umständen besser zurecht zu kommen. Es kann aber, wenn es auf die richtige Weise und mit Liebe zum Kunstwerk geschieht, ein gutes Gefühl und eine Befriedigung über einen bringen, so dass es im Leben nicht nur Widrigkeiten, sondern auch Vollkommenheit und Inspiration gibt.

In einem zweiten Teil wendet sich Vladimir Nabokov Meisterwerken der russischen Literatur zu, er spricht über Gogols Der Mantel, Tolstois Anna Karenina und Tschechows Die Dame mit dem Hündchen. Auch ein Kapitel über Dostojewski findet sich, zu dem er sich eine eigentümliche und schwierige Haltung attestiert. Er sieht in schwanken zwischen brillantem Humor und literarischen Plattheiten. Dass Nabokovs Verhältnis zur Literatur Dostojewskis gespalten ist, zieht sich durch den ganzen Text, der sich stark auf die Schwächen des Schreibens konzentriert und diese auch gut belegt. Trotz alledem hat er ihn seine Auswahl der russischen Meisterwerke aufgenommen, dies wohl eher wegen der begeisterten Rezeption als wegen des in seinen Augen mangelhaften literarischen Werts.

Aus Nabokov spricht eine grosse Liebe zur und Kenntnis der Literatur. Diese Liebe geht beim Lesen dieses Werkes auf einen über, man möchte hingehen und alle vorgestellten Bücher nochmals lesen, sie noch genauer lesen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über die Liebe zum Lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Vladimir Nabokov
Vladimir Nabokov wurde am 22. April 1899 in St. Petersburg als Kind einer russischen Adelsfamilie geboren. Er kam wegen seines westlich orientierten Vaters schon als Kind in Kontakt mit der Weltliteratur, sprach französisch und englisch. Bereits mit 17 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband.   Das politische Engagement des Vaters bringt diesem verschiedene Inhaftierungen und führt schliesslich zur Flucht nach London. Nabokov studiert an der Universität Cambridge Romanistik und Russische Literatur und zieht nach dem Studium nach Berlin. Er publiziert unter dem Pseudonym V. Sirin, kann aber nicht leben von der Literatur und hält sich mit Tennis- und Boxunterricht über Wasser. 1937 folgt die Emigration nach Paris, 1940 die Flucht in die USA, wo er als Kurator des zoologischen Museums an der Harvard University arbeitet und wissenschaftlich schreibt. 1948-1958 hat er eine Professur für russische und europäische Literatur an der Cornell Universität inne. 1955 erscheint sein Roman Lolita, der für Aufruhr sorgte, aber  grosse Erfolge einfuhr. Er kann in der Folge vom Schreiben leben. 1961 folgt die Übersiedlung in die Schweiz, nach Montreux, wo er 1977 stirbt. Werke Nabokovs sind unter anderem Die Mutprobe (1932), Verzweiflung (1934), Lolita (1955), Ada oder das Verlangen (1969).

NabokovLesenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 253 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (Juli 2010)
Übersetzung aus dem Englischen: Karl A. Klewer
ISBN: 978-3596902804
Preis: EUR  12/ CHF 17.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

©David Franca Mendes
©David Franca Mendes

Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

Carola Saavedra hat mir ein paar Fragen beantwortet und mit ihren Ausführungen einen tiefen Einblick in ihr Schreiben und ihr Verständnis von Literatur und Schriftstellerei gewährt.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte immer Schriftstellerin werden, schon als Kind. Ich denke, das war immer eine Art Obsession, aber auch eine natürliche Folge meines Interesses am Lesen. Als ich lesen lernte, war ich sofort fasziniert. Durch Bücher entstand eine „neue Welt“, man konnte in andere Realitäten eintauchen. Schon bald erfasste mich der Gedanke „ich möchte selbst neue Realitäten schaffen“. Ich denke, ab diesem Moment hatte alles, was ich
im Leben gemacht habe – lesen, reisen, in Deutschland studieren, usw. – auch damit zu tun, später eine  Schriftstellerin zu werden.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Geht es beim Schreiben nur um Handwerk, kann man das lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu  schreiben?

Das Thema interessiert mich sehr, ich leite in Brasilien selbst Schreibwerkstätten. Ich denke, man kann dabei das Handwerk lernen, was vielleicht einigen Leuten den schwierigen Weg des Schriftsteller-Werdens erleichtern oder verkürzen kann. Ohne Talent kann man aber kein ernsthaftes literarisches Werk schaffen. Das Problem ist, dass man nicht wissen kann, ob man Talent hat oder nicht, ohne vorher viel zu schreiben, viel gearbeitet zu haben. Wie gesagt, Talent ist ganz elementar, aber nur das allein bringt auch nichts. Ich glaube Literatur entsteht aus einer Mischung von Talent und sehr harter Arbeit, großer Ausdauer. Ich selbst habe nie eine Literaturwerkstatt besucht, das hat mich nicht interessiert, ich wollte allein zu möglichen  Lösungen kommen. Wenn ich jemanden gehabt hätte, der mir das „Handwerk“ beigebracht hätte, wäre mein erstes Buch vielleicht viel früher entstanden, aber ich wäre heute wohl eine andere Schriftstellerin.

Wie sieht ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen  Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Man fängt ein Buch nicht erst zu schreiben an, wenn die ersten Worte geschrieben werden, der Prozess  beginnt schon viel früher. Ich mache mir zuerst Notizen. Eigentlich mache ich mir immer Notizen: über Themen, die mich interessieren, einen Film den ich gesehen habe, eine Szene, ein Lied, ein Gespräch, das ich in einem Café gehört habe, usw. Ich habe immer viele Notizbücher, das ist für mich sehr wichtig, die nehme ich immer mit. Erst später, wenn ich die ersten Umrisse für den Roman habe – Figuren, Handlung, Struktur – fange ich an, den Text am Computer zu schreiben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie entsteht plötzlich  eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Was die Handlung angeht, hole ich mir die Ideen aus dem Leben selbst und auch aus anderen Büchern. Ein Schriftsteller ist jemand, der einen bestimmten Blick für die Welt, seine Umgebung und sich selbst hat. Durch diesen Blick kann er Nuancen bemerken, die man normalerweise nicht beachten würde. Sehr wichtig  für mich ist die Struktur, die Form, wie ich eine Geschichte erzähle. Am Meisten inspirieren mich andere Künste: Filme, Bilder, Musik. Aus diesen verschiedenen Gebieten versuche ich, etwas Neues zu schöpfen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten sie ab?

Ich bin nicht nur wenn ich schreibe Schriftstellerin, sondern ich bin es 24 Stunden am Tag. Alles was ich sehe  und erlebe kann für meine Bücher wichtig sein. Schriftsteller zu sein ist kein Beruf wie Verkäufer,  Lehrer oder Rechtsanwalt, man geht nicht jeden Tag ins Büro, man hat keine feste Arbeitszeiten. Und auch  wenn man an etwas ganz anders denkt, auch wenn man schläft, auch dann ist man in diesem ständigen  Schreibprozess. Nur aus dieser Obsession kann für mich ein Werk entstehen.

Was steckt von Ihnen in ihrem Roman Landschaft mit Dromedar?

Nichts und alles, würde ich sagen. Um diesen autobiographischen Aspekt zu erklären, gebe ich Ihnen einen Beispiel aus meinem ersten Roman „Jeden Dienstag“ (er ist noch nicht ins Deutsche übersetzt). Eine der Hauptfiguren ist eine junge Frau, Laura. Sie geht einmal in der Woche zum Therapeuten und lügt ihn jedes Mal an. Irgendwann sagt sie spöttisch zu ihm: Und wenn alles, was ich dir erzähle, eine Lüge ist? Was wäre dann der Sinn dieser Behandlung? Er antwortet ihr, dass es ihm egal ist, ob sie lügt oder nicht, weil die  Tatsache, dass sie sich eine bestimmte Lüge ausgesucht hat und nicht andere, schon viel über sie erzählt. Und so sehe ich auch die Beziehung zwischen dem Autor und seinem Buch: Alles ist Fiktion, aber die Tatsache, dass ich mich entschieden habe, eine bestimmte Fiktion zu erzählen und nicht eine andere, sagt bestimmt viel über mich aus.

Wieso nimmt ihre Protagonistin ihre Gedanken auf und schreibt sie nicht nieder?

Sie hat Angst vor der geschriebenen Sprache, sie versucht etwas zu sagen, ohne dass die Worte so schwer werden. Das ist natürlich ein Trugschluss, da die gesprochenen Worte am Ende transkribiert werden und wieder dieses Gewicht bekommen.

Ihr Buch stellt die klassische Beziehung in Frage, doch das Modell ihres Romans scheint auch Probleme zu  geben. Ist der Mensch grundsätzlich nicht beziehungsfähig oder täte jedem ab und an eine Insel gut?

Ich denke nicht, dass der Mensch beziehungsunfähig ist, aber es scheint mir, dass wir mit zu großer Leichtigkeit das Wort Liebe benutzen. Liebe ist überall, wo wir hinschauen und –hören: Im Fernsehen, in der  Werbung, in Liedern. Jemanden wirklich zu lieben, mit jemandem zusammenleben zu wollen und seine  Schwächen zu akzeptieren, verlangt aber eine große Hingabe. Die Liebe liegt meiner Ansicht nach nicht in  unserer Natur, anders als die Leidenschaft. Ich denke, die Insel, im Sinne des In-sich-Zurückziehens, kann  (aber nur kann) ein Weg sein, um später eine Brücke zu Anderen zu schlagen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Ich interessiere mich für eine Literatur, die einerseits eine Geschichte erzählt, sich dabei aber andererseits  selbst entwirft, Fragen über den Schreibprozess stellt. Eine Literatur, die den Leser als Ko-Autor sieht, die ihm Raum gibt, selbst die verschiedenen Fäden zusammenzuführen. Letztendlich eine Literatur, die den  Anspruch auf Wahrheit und Vollständigkeit in Frage stellt. Viele Schriftsteller arbeiten oder haben in diesem Sinne gearbeitet, aber der vielleicht größte Autor in dieser Hinsicht ist der Argentinier Jorge Luis Borges.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Es ist sehr schwierig sich selbst zu beschreiben aber ich nenne Ihnen drei Begriffe, die lange Zeit für mich sehr wichtig waren und es immer noch sind: Fernweh, Heimat und Grenzen.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Dass die Sprache sich im Laufe der Zeit ändert, ist nichts Neues. Liest man die Minnesänge des 12./13. Jahrhunderts, so kämpft man sich durch mittelhochdeutsche Wendungen, die oft schwer verständlich sind.

Ich wæne mir liebe geschehen wil:
mîn herze hebet sich ze spil,
Ze fröiden swinget sich mîn muot,
alse der valke enfluoge tuot
Und der are ensweime.
[…]*

Aber nicht nur die Sprache änderte sich, auch ihr Gebrauch. Liest man Goethe oder Schiller, sieht man sich einer oft blumigen, epischen, ausschweifenden Sprache gegenüber. Es ist eine schöne und runde Sprache, die schöne und runde Geschichten erzählt. Sogar in den Gedichten wird nicht immer reduziert, sie fliessen dahin, rund und reimend, in Versformen und im Takt.

Viele der ihnen folgenden Autoren blieben dieser Sprache treu, sie pflegten eine Sprache, auf die Wert gelegt wurde, offensichtlich und explizit, will man ihren eigenen Ausführungen glauben. Thomas Mann bekannte, seine Texte immer und immer wieder umzuschreiben, aus Liebe zur Sprache, aus Sorge zu ihr. Und auch in der Zeit zwischen Goethe und Mann finden sich Sprachliebhaber. Neben der Sprachlichen Schönheit lag in dem Geschriebenen immer auch eine inhaltliche Tiefe.

Der zweite Weltkrieg stellte sicher einen Bruch dar. Theodor Adorno liess verlauten, dass danach keine Gedichte mehr geschrieben werden könnten. Der Grund lag auf der Hand: Wie soll Sprache, wie sie bislang die Welt beschrieb, dem genügen, was passiert ist? Wie soll man mit derselben Sprache, die vorher Liebe, blühende Felder und Wälder beschrieb, dem Grauen dieses Unrechts gerecht werden?

Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.**

Natürlich ging das Schreiben weiter, es war auch nicht Adornos Absicht, dieses auszuschalten. Dass aber neue Mittel und Wege beschritten werden müssen, lag auf der Hand. Die Trümmerliteratur wurde geboren. Die Schriftsteller dieser Epoche wollten sich lösen von den hergebrachten Literaturmustern, sie wollten wahr und echt und realistisch sein. Schönschreiberei hatte keinen Platz mehr, Echtheit und Wahrhaftigkeit war gefragt. Die Umsetzung dieser Postulate war nicht immer ganz gelungen,oft griffen sie doch auf die hergebrachten Stilmittel zurück, schrieben noch Sonette und griffen auf die Stilmittel der neuen Sachlichkeit oder auch des Expressionismus zurück. Inhaltlich war die Trümmerliteratur ganz der Beschreibung der Gegenwart nach dem Krieg und der Aufarbeitung der Vergangenheit gewidmet.

Der Krieg rückte in die Ferne, die Inhalte wurden wieder vielfältiger. Wo stehen wir heute? Die Frage, die oft im Raum steht, ist: Was ist gute Literatur? Die Trennung zwischen E und U wie in der Musik schwebt irgendwo in der Luft und wird immer wieder bekämpft. Trotzdem lächeln viele über Pilcher und Konsalik und wollen anderen Ansprüchen genügen – sowohl als Autoren als auch als Leser.

Ist ein Krimi, Thriller, Liebesroman hohe Literatur oder blosse Unterhaltung? Wäre es schlecht, wenn das so wäre? Die malerisch beschriebenen Mord- oder Kussszenen  – hoher Markt- und Unterhaltungswert, wenig literarischer? Das mag durchaus sein, doch wieso soll das eine besser, das andere schlechter sein?

Man kann grosse Literatur vielleicht so beschreiben, dass sie eine Aussage hinter dem Text hat, dass sie tiefer geht, als die blossen Buchstaben es tun. Das macht sie anspruchsvoller als es die reine Unterhaltungsliteratur ist. Das will man nicht immer haben, das ist nicht besser als das andere, aber anders. Solche Kategorien helfen ja auch, für jeden offensichtlich zu machen, was ihn erwartet, so dass man frei nach der jeweiligen Laune und dem eigenen Geschmack wählen kann. Wertungen sind dann überflüssig.

Früher hätte ich bei der Definition von grosser Literatur noch die Sprache hinzugenommen. Ich hätte gesagt, dass sich grosse Literatur durch eine schöne Sprache, Sprachgefühl, Sprachliebe ausdrückt. Ich bin mir bei der heutigen Literatur nicht mehr sicher.

Ich las Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen, alle in einem Staccato von Wörtern, Sätzen, Absätzen. Ich las Kapitel, die aus drei Sätzen bestanden, jedes nicht mehr als fünf Wörter. Ich las ganze Erzählungen, die denselben Stil pflegten. Und sie wurden gerühmt. Mir ging beim Lesen der Schnauf aus. Ich kam nie rein, weil der Satz zu Ende war, bevor ich mich einfühlen konnte. Vielleicht bin ich zu langsam. Oder der Text ist zu schnell, zu abgehackt. Nun kann man sagen, die Sprache spiegelt die Zeit wieder. Sie ist insofern ein Kunstmittel und damit eine zweite Ebene im Text. Das könnte man so sagen, damit diese Sprachform rechtfertigen.

Gefallen tut sie mir trotzdem nicht. Mir fehlt das Tragende, mir fehlt, dass ich im Lesen in eine Schwingung komme und in die Geschichte gleite, die mich dann gefangen nimmt. Mir fehlt das Plastische, das Wahrhaftige, das Konstante. Ich hangle mich bei dieser modernen Sprache von Satz zu Satz, bin bei jedem Punkt wieder rausgeworfen, muss beim nächsten grossen Buchstaben wieder andocken, um dann wieder rausgeworfen zu werden. Die Geschichten dahinter wären gut, ich bleibe dran, weil ich wissen will, was wird – und ab und an auch, weil ich nicht einfach wieder aufgeben will. Aber irgendwie fehlt mir was.

Irgendwie fällt für mich die sprachliche Schönheit weg. Alles ist brutal, schnell, kurz. Was ich in Gedichten schätze und liebe, stösst mir beim Roman und in Erzählungen irgendwie auf. Sie sind zu lang, als dass ich mich auf dieses Staccato einlassen will. Ab und an bin ich mir nicht sicher, ob diese neue Sprache in der Literatur, die den Anspruch hat, höher zu stehen als die gefälligen Liebes- und Kriminalromane, nicht einfach daher rührt, sich abheben zu wollen. Einer rühmte es, die anderen sehen das und machen es ihm gleich. Nie mehr über Schachtelsätzen brüten, keine Frage mehr nach Interpunktion, denn nach fünf Wörtern kommt ein Punkt. Der steht da, zeigt den Bruch, weckt auf. Man schaut sich um, ist aus der Geschichte geworfen, taucht wieder auf und  wünscht sich, man wäre unten geblieben.

________________

*Reinmar: Lieder. Nach der Weingartner Handschrift (B). Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg. von Günther Schweikle. Stuttgart: Reclam 2002 (=Universal-Bibliothek. 8318.), S.106.

**Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Gesammelte Schriften, Band 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, „Prismen. Ohne Leitbild“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 30.

DSC_0013

Die Buchmesse Leipzig verzeichnete auch dieses Jahr wieder einen Besucherrekord. An allen vier Tagen waren die Messehallen prall gefüllt, interessierten sich die Menschen für Verlage, Bücher und die Autoren dahinter. Rund 168’000 Besucher sind gezählt worden, da soll noch wer sagen, das Buch sei ein aussterbendes Medium.

Artikel dazu:

Kultur & Medien, 17.3.13

Berliner Zeitung, 18.3.2013

Leipzig Info, 18.3.13

Eine kritische Stimme zur Buchmesse findet sich in der NZZ:

NZZ, 16. 3. 13

Woran erkennt man eine Buchmesse? Der Literaturkritiker Hubert Winkels, neuer Vorsitzender der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse (den wir aus stilistischen Gründen für einmal PLB abkürzen), definiert: Wenn viele begeisterte Leser «einen tumultuösen Haufen bilden, dann ist Messezeit». Was diese Definition auszeichnet, ist der euphorische Ton. Buchmessen verführen alle Beteiligten dazu, sich und ihre Passion herrlich wichtig zu nehmen. Das gilt letztlich wahrscheinlich weniger für die Leser als vielmehr für die Autoren, die Verleger und – die Kritiker.

Sie fährt weiter in einem eher sarkasischen Ton:

Noch keinen ganzen Tag war die Leipziger Buchmesse 2013 alt, da hatte der Literaturbetrieb sich schon dreimal selbst ausgezeichnet

Ebenso kritisch und sehr pointiert meldet sich Silke Buttgereit von die Webagentin zu Wort:

Leipzig war die Messe einer Branche, die sich in den letzten 10 Jahren vom eingebildeten Zentrum des Weltgeschehens zum gefühlten Arsch der Welt bewegt hat – und die sich dieser Erkenntnis nicht mehr verschließt. Leipzig war eben nicht Liebesspiel mit Zuschauern, sondern Komm, wir spielen nochmal Messe! – allein, uns fehlt der Glaube.

Sie bezeichnet die Lobeshymnen der Medien als „müde Metaphern“ und sieht wirkliche Neuerungen nur noch in der elektronischen Welt, nicht mehr im Büchermarkt gegeben.

Die Stimmen, die ich von Besuchern las, waren voller Freude, sie waren voller Begeisterung und sowohl Autoren wie auch Besucher nahmen für sich schöne Momente, gemeinsame Momente mit.

Wo also liegt die Wahrheit? Ist die Büchermesse eine Plattform von gestern, als die sich Produzierenden  Nabel der Welt waren (waren sie das je?), während sie heute nur noch müder Abklatsch dessen sind? Oder ist sie eine Plattform für die, welche gemeinsam ihrer Leidenschaft frönen wollen? Für die, welche ihre Bücher promoten  und die, welche dies live erleben wollen?

Messen sind nicht neu und nicht auf die Welt der Bücher reduziert. Es gibt sie in allen Bereichen und allen Grössenordnungen. Das Rad wird man hier kaum mehr neu erfinden, wirkliche Innovation nicht suchen müssen. So lange aber am Schluss alle Seiten zufrieden auf die Veranstaltung zurück schauen, so lange eine solche Veranstaltung solchen Zulauf verzeichnet und künftige Messen schon freudig erwartet werden, scheint das Format durchaus Daseinsberechtigung und Potential zu haben.

Für Innovation muss man vielleicht auf zu neuen Ufern, das scheint aber nicht der Anspruch solcher Messen zu sein und das ist auch gut so. Gewisse Dinge bewähren sich und dürfen bleiben, wie sie sind. Und: Nach der Messe ist immer vor der Messe. Ich freue mich drauf.

Darum soll zum Abschluss die FAZ zu Wort kommen:

Rekord in Krisenzeiten: Die Leipziger Buchmesse lässt sich weder vom Vormarsch der E-Books noch von Unkenrufen beunruhigen und zelebriert mit Erfolg und Publikumszuspruch die Lust am Buch.

Als ich ein kleines Mädchen war, ging meine Mutter mit mir in die Bibliothek in unserem Ortsteil. Jede Woche gingen wir ein bis zweimal dahin, holten neue Bücher, brachten alte zurück. Ich habe mich über die Jahre wohl durch grosse Teile der Kinder- und Jugendliteratur gelesen. Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke? Noch mehr Bücher (natürlich auch anderes). Die Schulzeit war eine harte Bewährungsprobe für meine Literaturliebe, doch sie überlebte. Dass ich danach Literaturwissenschaft studierte, war nicht wirklich erstaunlich. Die zweitschönste Zeit im Studium war die Vorbereitung auf die Zwischenprüfung. An die 100 Werke wollten gelesen werden. Ein halbes Jahr hatte ich Zeit. Die schönste Zeit war meine Masterarbeit. Ich lebte 9 Monate mit Thomas Mann. Hörte seine Musik, las seine Bücher, seine Biographien, seine Briefe, schaute Filme über sein Werk. Wo ich ging und stand – er war dabei, in mir, mit mir.

Immer wieder hörte ich in der Zeit des Studiums, vor allem bei meinem Masterthema, aber auch danach: Wie kann man das nur lesen? Das ist so öde, so langatmig alles, schwere Kost. Wieso las ich es und wieso mit so viel Freude? War das wirklich alles nur Schnee von gestern? Ich empfand es nie als schwere Kost und wenn, liess ich es sein, sie zu lesen. Lesen muss berühren, lesen muss mir was geben. Wenn ein Buch nicht gefällt, lass ich es sein, egal, wie sein Autor heisst. Es gibt Autoren, die ich liebe, aber eines ihrer Werke nicht lesen konnte, weil es mir nicht gefiel, es gibt auch sogenannt grosse Namen, die ich schlicht nicht lesen kann, weil mich ihr Stil nicht anspricht, mir ihre Bücher nichts geben und nur Zeit nehmen. Durch einige kämpfte ich mich durch, die meisten liess ich nach einigen Seiten links liegen.

Heute lese ich viel zeitgenössische Literatur. Verglichen mit meinen Klassikern ist sie oft wirklich sehr leichte Kost, wobei ihr die Leichtigkeit nicht wirklich als Qualitätsmerkmal gereicht. Darf ich sie kritisieren? Ist es als Rezensent meine Aufgabe, sie zu zerreissen und in die Tonne zu werfen? Tue ich damit nicht einem Schriftsteller unrecht, der sich Mühe gab, eine Idee hatte und sie auf seine Weise kreativ umsetzte? Gibt es objektive Qualitätsmerkmale von Literatur und wer setzt sie fest? Erhofft sich nicht jeder Leser etwas anderes von einem Buch und stellt damit andere Ansprüche, bei denen es oft nicht um literarische Qualität sondern um reine Unterhaltung, Ablenkung, Freude geht? Kann nicht jemand etwas ansprechend finden, das mir das Gesicht einschlafen lässt? Darf ich schreiben, dass es mir so geht oder schreibe ich besser gar nichts?

In vielen Bücherblogs lese ich, dass sie nur Bücher loben wollen, keine kritisieren. Bücher, die nicht gefallen, werden einfach nicht besprochen. Vielleicht auch mal ne Kritik verschluckt, wenn das Buch sonst ok war? Ich weiss es nicht, ich habe mich schon bei der Versuchung ertappt, weil ich niemandem auf die Füsse trampeln wollte, weder dem herausgebenden Verlag noch dem Schriftsteller (wobei ich nicht denke, dass die meine Rezension lesen, insofern wäre es ja eigentlich egal, könnte man meinen). Bislang verzichtete ich auf die Beschreibung eines Buches, das mir nicht gefiel, vor allem, da ich es vermied, es fertig zu lesen.

Kann ich ein Buch kritisieren, das ich nicht lesen konnte, weil es einfach nur zum Einschlafen war oder gänzlich schlecht? Kürzlich gab es eine Diskussion zu dem Thema und es war viel Entsetzen über dieses Vorgehen zu lesen. Man werde dem Buch dabei nicht gerecht. Das mag sein, doch wenn man deklariert, dass man nur einen Teil gelesen hat und sagt, wieso nicht mehr, dann ist das doch eigentlich die reine Wahrheit? Und auch eine Aussage, nämlich, dass das Buch es nicht schaffte, den Leser zu packen.

Ich habe beschlossen, in Zukunft auch Bücher zu besprechen, die ich nicht mag, die mir nicht gefallen, gegen die ich Einwände habe. Habe ich vorher gedacht, es zu tun wäre vielleicht unfair dem Schriftsteller gegenüber, der es geschrieben hat, so denke ich heute, es zu unterlassen wäre unfair den Schriftstellern gegenüber, die gute Literatur schreiben, die wirklich lesenswert sind, die sich abheben von dem oft so ermüdenden Einheitsbrei, der sich durch besondere Originalität und abstruse Stilmittel von anderen abheben will und dabei nur noch langweiliger wird, weil die Geschichte in den Bemühungen untergeht.

Dabei bleibt immer zu bemerken, dass alles, was ich über das Gelesene schreibe, meine Meinung widerspiegelt und keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit hat. Auf der Seele brennt mir dieses Thema schon eine Weile, es wird brennender, da ich seit Wochen an ein und demselben Roman lese (oder eben nicht lese), mittlerweile kämpfend bei Seite 117 angelangt bin und es mir graut, nur noch eine Zeile weiter zu lesen. Die Chance bestünde sicher, dass alles noch besser wird, beim blättern durch die verbleibenden über 200 Seiten sieht das aber nicht so aus. Man darf gespannt sein, was ich damit anstellen werde.

Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Wloclawek als Sohn einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden geboren, verlebte seine Schulzeit in Berlin, wo er auch seine Liebe zur Literatur entdeckte. Aufgrund seines Judentums blieb ihm ein Studium in Deutschland verwehrt, 1938 wurde er nach Warschau deportiert, wo er 1940 im Ghetto landete. Verschiedene glückliche Zufälle, seine Tätigkeit als Übersetzer im Judenrat und die Hilfe von mitfühlenden Menschen liessen ihn und seine Frau Teofila, welche er am Tag der Ghettoräumung geheiratet hatte, die Schrecken der Naziherrschaft überleben.

1944 begann Marcel Reich-Ranickis Arbeit für die polnische Geheimpolizei, in welcher er eine Karriere machte, die jäh mit seiner Entlassung aus derselben endete. Zuvor wurde er unter Verdacht des Verrats (was nur ein Vorwand gewesen zu sein scheint, um sein Judentum nicht explizit als Grund nennen zu müssen) inhaftiert und verhört. In den 50er Jahren führt der Weg von Marcel Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, wo er sich (unter anderem) als Literaturkritiker ganz seiner Liebe zur Literatur widmet.

Ein Leben als Ode an die Literatur. Literatur als Lebensinhalt, als Stütze, als Trost. Was mich beim Lesen des Buches so berührte, das als Grundlage dieses Filmes diente, war die Funktion der Literatur in Reich-Ranickis Leben, war das Aufzeigen der Funktion von Literatur in dieser Zeit generell. Das fällt im Film etwas mager aus. Wenige Szenen befassen sich mit der Literatur, die Hauptsache liegt auf dem Krieg, auf der Unterdrückung, auf der rohen Gewalt und auch auf den wohlwollenden Schicksalsweisungen, die das Leben Reich-Ranickis immer wieder retteten.

Wie hätten sie sich in der Situation verhalten?

Diese Frage, Marcel Reich-Ranicki stellt sie in einem Verhör bei seiner Inhaftierung, eröffnet eine grosse moralische Diskussion. Kann man aus heutiger Sicht verurteilen, wie sich die Menschen damals verhielten? Hätte man für ein zusätzliches Stück Brot nicht auch kooperiert? Die Verurteilung des Handelns der Menschen ist sicher einfach aus der sicheren Gegenwart und im Rückblick auf alles, was war. Auf der anderen Seite gibt es moralische Urteile und die lassen sich nicht einfach verbiegen, weil die Zeit es so fordert. Gerade das war es ja, was den Schrecken der Naziherrschaft ausmachte: Die Ausradierung der gängigen Moral zugunsten einer von oben diktierten, welche in der Folge auch wieder ausradiert wurde, um sie zu verurteilen. Ein zweifacher Bruch der Moral, welcher Moral als solches als unsicher, wankelmütig und willkürlich erscheinen liess.

Die Frage an sich ist, wie ich denke, nicht ehrlich zu beantworten, da man es schlicht nicht wissen kann, wenn man nicht in der Situation steckt.

Fazit:
Ein absolut sehenswerter Film, welcher aber weit hinter dem Buch zurück steht, welches mich wirklich sehr berührt hatte, als ich es las.