[Es] ist festzstellen, dass ich für den Knaben bei Weitem die Zärtlichkeit nicht aufbringe, wie vom ersten Augenblick für Lisa, – was Wunder nehmen könnte.

Bibi, wie Michael Mann in der Familie genannt wurde, war ein von Anfang an ungewolltes Kind. Dass er auch ein schwieriges Kind war, das viel schrie und tobte, erleichterte seinen Stand in der Familie nicht. Der Vater, Thomas Mann, der ihn lieber hätte abtreiben lassen, brachte nicht nur keine Zärtlichkeit für ihn auf, er ekelte sich vor ihm und seinem Wesen, was der Junge deutlich in des Vaters Gesichtszüge geschrieben sah.

Jähzornig und zugleich sentimental und liebesbedürftig, lief er mit seiner zurückgewiesenen Liebe wie ein halbblindes Tierchen herum, stiess gegen Wände, die er sich selbst errichtet hatte.

Die fehlende Liebe liess ihn nie los, der ständig präsente Schatten des übermächtigen Vaters erdrückte ihn. Zuflucht fand er in Gewalt und Alkohol. Obwohl er selber erfolgreich wird als Musiker, kann er sich nie von der Verletzung durch den Vater befreien.

Nein, mich kränkt allein die Tatsache, wie verschwenderisch er anderen gegenüber mit dem Gefühl, das Sie Liebe nennen, umgeht. Ich stehe ewig in der zweiten Reihe, bin quasi der Zaungast […]

In seiner zweiten Karriere als Germanistikprofessor widmet er sich intensiv dem Werk des zugleich gehassten und geliebten Vaters. Dabei beschäftigt er sich mit dessen Tagebüchern, und wird erneut mit der Ablehnung und dem Ekel des eigenen Vaters konfrontiert.

Je mehr Bibi las, desto grösser wurde seine Verzweiflung. Was er als Kind nur ahnte; jetzt hatte er es schwarz auf weiss.

Die Erschütterung über diese offenkundige Abneigung erträgt er nicht mehr.

Fazit:

Die packend geschriebene, fundiert aufgearbeitete Lebensgeschichte eines todtraurigen Jungen und Mannes, welcher an der Kälte und Lieblosigkeit seines Erzeugers zerbrach.

(Michael Degen: Familienbande, Rowohlt Berlin, Berlin 2011.)

Bild

Die Wärme –

beim Anblick.

 

Das Gefühl,

zu Hause zu sein –

beim Geruch.

 

Die Geborgenheit –

beim Klang

der so vertrauten

Stimme.

 

Die Dankbarkeit

für die Liebe,

den Mut,

die Kraft –

den Menschen.

Der Blick auf das Leben von Thomas Mann ist kein eindeutiger Blick. Es lässt sich nicht schnell sagen, was dieses Leben ausmachte, wie man es einordnen kann. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, was man sich als Schriftsteller, als Künstler wünschen konnte. Er präsentierte sich, wie er sich präsentieren wollte, die Menschen um ihn verkamen oft zu Statisten, waren das Publikum, das er so dringend brauchte zu seinen Repräsentationszwecken (dazu auch Reich-Ranicki 2002, S, 32ff.) Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig (Mann 2001, S. 51.ff). Verdächtig sah er sich, nicht liebenswürdig, Sah sich unter ständigem Rechtfertigungszwang. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. Und er war einsam. Zeit seines Lebens. Dies, weil er niemanden wirklich an sich heranlassen konnte, weil er gegen alles und alle eine Distanz aufrecht erhielt, weil er nur das zeigen konnte, was er als sein Bild selber erschaffen hatte, gefangen in dieser selbst  geschaffenen Existenz (Reich-Ranicki 2002, S. 34).

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drum herum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte (sie Thomas Manns Tagebücher).

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess dieses die Abneigung auch spüren. Den Rest duldete er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Doch auch er selber war unterdrückt. Von sich selber. Hatte er sich das so ausgesucht? War er wirklich frei? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht aus sich und diesem Leben heraus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben?

Was also  lief falsch? Wer ist schuld an dem Ganzen? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären “angepasster” gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber, konnte dieses Korsett auch für sich selber nicht sprengen, hatte Angst davor, weil er den totalen Zusammenbruch von allem befürchtete, würde er es tun.

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb über das Leben, das er nicht lebte, und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – seine Kinder fühlten diese kleinen Zeichen nicht, sie hätten mehr gebraucht. Sie warteten auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Sie blieben aus und fehlten wohl fürs Leben. Und so blieben wohl zwei Möglichkeiten: Sie stürzten sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder gingen diesen Weg, eines überlebte ihn nicht. Andere lebten das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn (dazu auch Mann 2009). Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen.

Der Tod war ein präsenter Genosse der Familie Mann. Thomas Manns Schwester hatte sich das Leben genommen, Freunde der Kinder trug man zu Grabe (Breloer/Königstein 2003, S: 78). War es die Zeit? Das Künstlermilieu schlechthin? Zeigt der Selbstmord von Thomas Manns Schwester, dass auch sie schon beschwerlich und oft unverstanden aufwuchsen um einen sehr distanzierten, kühlen Vater? Der kleine Hanno in den Buddenbrooks deutet so etwas an. Thomas Mann war nicht der Anfang der Kette, er trug schon Glieder hinter sich und damit Dinge in sich.

Hatten sie alle eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen, weder Thomas Mann den seinen noch seine Kinder ihn. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Oder war das ihre Möglichkeit, ihr Leben in die Hand zu nehmen, die einzige, die sie sahen und ergreifen konnten?

Reich-Ranicki 2002: Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen, Frankfurt am Main 2002.

Mann 2001: Thomas Mann: Über mich selbst, Frankfurt am Main 2001.

Heinrich Breloer, Horst Königstein: Die Manns. Ein Jahrhundertroman, Frankfurt am Main 2003.

Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg, Reinbek bei Hamburg 2009.

Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem grossen Lastwagen verstauen, der auf der Strasse davor parkt.

Dackelmischling Herkules’ Frauchen Carolin hat endlich den richtigen Mann gefunden, auch wenn der ein gebrauchter Mann ist. Was das genau ist, weiss Herkules noch immer nicht, sein bester Freund Herr Beck versucht es ihm aber zu erklären, so wie er ihm immer die Welt erklärt bei ihren Streifzügen durch den Garten. Er warnt Herkules auch, dass das Zusammenleben mit Menschen meist kompliziert ist, da Menschen kompliziert sind. Von Happy Ends hält Herr Beck gar nichts.

Herkules kann das nicht glauben und schimpft Herrn Beck einen alten Zyniker. Er sieht das Happy End deutlich vor sich, da er nun endlich eine ganze Familie hat mit Carolin, ihrem neuen Freund Marc und dessen Tochter Luisa. Was so idyllisch anfängt, wird bald wirklich kompliziert, als Marcs Exfrau Sabine auftaucht, welche nicht gut auf Carolin zu sprechen ist. Carolin teilt diese Abneigung. Dass Marcs Mutter, die vorübergehend in Marcs und Carolines Haus ein und aus geht, Position gegen Carolin einnimmt, macht das Zusammenleben nicht einfacher. Zwischen Carolin und Marc entsteht ein handfester Streit.

Als ob das nicht genug wäre, erlebt Herkules am eigenen Leib, dass es mit der Liebe wirklich nicht leicht ist. Er verliebt sich im Park in die wunderschöne Golden Retriever Hündin Cherie. Seine Gedanken drehen nur noch darum, wie er sie am besten von sich einnehmen kann. Dass ihn dabei seiner Grösse wegen niemand ernst nimmt, trägt nicht wirklich zu seiner Freude bei. Als dann auch noch Carolins alter Freund und Verehrer Daniel auftaucht, wird Herkules’ Leben wirklich schwierig:

Auweia. So schön friedlich dieses Bild auch ist – ich kann mich daran nicht erfreuen. Denn Caro ist doch Marcs Frau, nicht Daniels. Und auch, wenn sie von Marc nun nur das Schlechteste denkt – ich weiss ja, dass es nicht stimmt.

Herkules muss Herrn Beck recht geben: Das Leben ist kompliziert und die Menschen sind es erst recht. Herkules gibt aber alles, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das Leben und Lieben von Menschen aus der Warte eines kleinen Dackelmischlings erzählt. Die Perspektive wirft eine erfrischend naive Sicht auf die sonst so normalen Dinge und lässt sie dadurch in neuem Licht erscheinen. Man könnte Herrn Beck ab und an fast recht geben: Wir Menschen sind kompliziert.

 

Fazit:

Sommerlich leichte Lektüre herzerwärmend und witzig erzählt. Das perfekte Buch, einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen. Absolut lesenswert. Einzige Gefahr: man möchte nachher selber einen Hund, wenn man noch keinen hat.

Frauke Scheunemann: Katzenjammer, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (18. Juni 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442477921

ISBN-13: 978-3442477920

Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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