Vor mittlerweile 15 Jahren kam ich das erste Mal nach München. Ich weiss nicht, was es war, doch die Stadt nahm mich ein – vom ersten Moment. Mein damaliger Freund, er kannte die Stadt durch seine Exfreundin, kam mit Freunden sporadisch nach München zum Biertrinken, jassen, das Leben geniessen. Und in unserer gemeinsamen Zeit ging ich mit. Die Beziehung ging in die Brüche, die Liebe zu München blieb. Sie wurde gestärkt durch viele weitere Besuche, durch eine grosse Liebe, die leider mit dem Tod endete. Der Wunsch wuchs, da zu wohnen. Ich suchte einen Professor an der Uni, der mein Projekt unterstützt, fand ihn. Suchte eine Wohnung, fand sie. Ich hätte gehen können. Im letzten Moment, den Vertrag schon in den Händen, schreckte ich zurück. Was mache ich ganz allein mit kleinem Kind in München? Ohne Familie. Ohne Freunde. Ohne niemanden und nichts. Ich hatte Angst, ich sagte alles ab. Blieb.

Immer, wenn ich München sehe oder davon höre, spüre ich ein Ziehen im Herzen. Die Sehnsucht blieb. Was es ist? Ich weiss es noch immer nicht. Ich mag Wien, mag Berlin, beide wegen unterschiedlicher Eigenschaften. Ich mag die Stadt, in der ich lebe. Sie ist Heimat, vertraut, laut Statistik die Stadt mit der grössten Lebensqualität aber auch die teuerste der Welt. Sie ist toll. Und doch: München bleibt. Ab und an etwas weiter weg, ab und an etwas näher. Im Herzen. Nie ganz weg.

Heute las ich folgendes Zitat:

von Walther Rathenau
(29.09.1867 – 24.06.1922)

„Das höchste Glück des Menschen ist die Befreiung von Furcht.“

Wäre ich heute glücklich, hätte ich damals meine Ängste ignoriert, den Vertrag unterschrieben und lebte nun in München? Rein ideologisch ja. Ich wäre in meiner Herzensstadt, alles wäre prima. Ein Umfeld findet sich. Das Argument hörte ich immer nachher und das wird wohl so sein. Obwohl: ich bin schüchtern. Und ich bin eigentlich eher zurückhaltend. Und ab und an gerne alleine. Und ich habe ein Kind. Ich kann nicht einfach weg. Und die Mütter lernt man nicht kennen, da das Kind schon so gross ist, dass es alleine geht. Und doch nicht alleine bleiben kann.

Wäre ich glücklicher? Die Frage trägt alles in sich, unglücklich zu machen. Sie fragt nach etwas, das man nur in seinen Idealen und Gedanken ausmalen kann. Sie vergleicht den Istzustand mit allen Schwierigkeiten, die grad sind mit dem Wunschzustand mit allem, was man gerne hätte. Das Ist kann nur verlieren. Es kämpft gegen Windmühlen, die noch nicht mal gebaut sind.

Und doch: würde man mich heute fragen, ich würde packen und gehen. Hund, Koffer, alles unter den Arm und weg. Das Leben ganz von Null, das Leben als eigenständiger Mensch, ohne die Fesseln der Vergangenheit, des hier alltäglichen Alltags, das denkt sich gar verlockend. Doch auch hier wieder: man idealisiert. Sieht sich in einer kleinen Wohnung, jobbend, schreibend. Das Leben lebend, unabhängig. Das, was man zurück lässt blendet man aus. Das eine nervt. Das andere… kann nicht mit. Und bleiben geht nicht.

Sind es nur die Ängste, die hindern? Wäre ich furchtlos, würde ich gehen? Oder steckt auch Vernunft drin? Sind Ängste nicht oft auch die Auswüchse von nicht ganz unrealistischen Prognosen? Klar nicht der positivsten, aber auch nicht der verklärendsten. Stellen wir uns vor, ich zerschnitte hier alle Fäden, zöge von dannen. Wäre ich glücklich? Würde mir nichts fehlen? Sicher würde es das. Nur schaue ich ab und an nur darauf, was drückt und vernachlässige das, was trägt. Nicht dass ich es nicht kenne, so weit bin ich schon. Aber wenn alles drückt, blende ich es kurzzeitig aus. Und wünschte mir, ich wäre weit weg. In München.

Könnte ich das eine oder andere meines Lebens hier mitnehmen – ich wäre weg. Lieber heute als morgen. Wobei ich genau so gerne das eine oder andere ins Pfefferland schicken würde – und hier bleiben. Trotzdem: München… wird immer meine Liebe bleiben. Die ganz ganz grosse. Wieso? Ich weiss es nicht. Es ist einfach so. Und es ist gut so.

Kein Mensch kennt mich länger und besser als mein Vater. Geboren als sein Sonnenschein gab er mir seine Liebe, seine Zeit. Er stand hinter mir, auch wenn ich oft nicht so spurte, wie er sich das wünschte. Gar oft hörte ich, das ginge so nicht, ich mache alles falsch, folge nicht dem richtigen Weg, dem, den er gut fände, den, den er mit seiner Lebenserfahrung als einzig Richtigen erkannt hatte. Da ich meinen Vater sehr liebe, wollte ich nichts mehr, als ihm gefallen, wollte nichts mehr, als alles richtig machen. Und doch traf ich den Weg nie, wie er ihn gerne gehabt hätte. Ich war immer falsch, reichte nicht. Er bestritt das darauf angesprochen immer, doch das Gefühl im Moment kam immer wieder und verfestigte sich mehr und mehr. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht auszureichen.

Ich könnte nun dahin gehen und sagen: Mein Vater ist schuld. Er hat das verbrochen, seinetwegen leide ich nun, habe ich meine Unsicherheiten. Seinetwegen habe ich ab und an Mühe, mir und meinem Weg zu vertrauen. Seinetwegen bin ich schüchtern und zurückhaltend im Umgang mit anderen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass sie mit mir was zu tun haben wollen. Seinetwegen habe ich Probleme zu glauben, dass ich geliebt werde – kann doch nicht sein, dass man mich liebt, mit meinen Unzulänglichkeiten, Mängeln, Fehlern, Unsicherheiten. Seinetwegen? Nein, das wäre ihm und mir selber Unrecht getan. Das habe ich ganz schön selber verbrochen – wenn schon. Er war ein liebender Vater, der das Beste wollte und auf den ich immer zählen konnte, heute noch zählen kann. Seine Liebe war Halt in bald 40 Jahren. Darauf konnte ich bauen. Aus tiefsten Tiefen hat er mich geholt, hat Seile runter geworfen und mich raufgezogen. Hat mir einmal das Leben geschenkt und hat es einige Male gerettet. Immer bereichert. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich bin, wie ich bin. Und in mir drin ist diese Unsicherheit, dieses Empfängliche für Kritik, für Selbstzweifel. Ich reagiere mit diesem Wesen auf das, was auf mich kommt anders als es jemand täte, der anders im Leben stünde. Wenn ich meinen Vater früher um Rat fragte, sagte er immer: „Ich sage dir nichts, du machst sowieso das Gegenteil von dem, was ich sage.“ Ich bestritt dies immer vehement, irgendwann rückte er raus. Und in der Tat – ich ging nachher meist doch einen anderen Weg. Hatte er recht, dass ich das aus Prinzip tat? Und da musste ich verneinen. Der Grund für den anderen Weg, als den, den er zeigte, lag in unseren unterschiedlichen Naturellen. Der Weg, der für ihn richtig war, war es für mich nicht. Lange versuchte er mich auf seinen Weg zu ziehen, weil er den als den richtigen, den normalen sah.

Ich musste fast 40 werden. Irgendwann sprach ich mit meinem Vater am Telefon. Sprach über meine Ängste, meine Unsicherheiten. Sprach davon, dass ich alles hinwerfe, was mich ausmachte, was ich wollte, einen „normalen“ Job suche und ein „normales Leben“ lebe. Ich dachte, ihm damit endlich zu entsprechen, wie viele Jahre forderte er von mir Normalität? Was kam? „Kind, du bist, wie du bist und du bist toll. Geh den Weg weiter – DEINEN Weg.“ Und ich sass da und mir kamen die Tränen. Mir kamen die Tränen, zu hören, dass mein Vater mich toll fand, wie ich war. Und ich wusste mit einem Schlag: Das fand er immer. Aber er wusste um die Schwierigkeiten dieses Wegs. Und wollte mich wohl beschützen. Ich war sein Sonnenschein, seine Prinzessin. Bin es noch. Und er ist mein Papa, ich liebe ihn.

Und da stehe ich nun. Die Stimme des Vaters noch immer in mir: Mach mal was Normales. Pass dich an. Es war nicht die seine, es war die der Gesellschaft. Er hatte sich selber angepasst. Die Zeit und die Umstände forderten es damals. Er war so begabt. Und sie hallt in mir weiter. In letzter Zeit haderte ich oft mit meinem Weg. Rückte davon ab, kam zurück, rückte ab, kam zurück. Zweifelte an mir, an meinem Talent. Zweifelte an meinem Naturell, an allem eigentlich. Und kam immer wieder zum Schluss: Nein, es ist mein Weg, ich will ihn gehen. Woher die Zweifel kamen? Sie lagen in den Fragen begründet: Was sagen andere? Wie sieht es nach aussen aus? Womit werde ich umgehen müssen? Trag ich es? Bin ich nicht zu schwach? Habe ich nicht schon zu lange gekämpft?

Und da kam mir etwas in den Sinn. Eine Geschichte meines Lebens, in der ich dem Weg der Gesellschaft folgte. Und der Preis war hoch. Ich verliebte mich, liebte, wurde geliebt. Die Liebe überschritt eine in der Gesellschaft nicht akzeptierte Grenze. Ich hörte Ablehnung und Verachtung und entschied mich zu meinem und seinem Schutz dagegen. Brach ihm das Herz. Nahm mir den Halt, den Sinn, die Liebe. Und dann starb er. Zurück blieb Sehnsucht, Schuldgefühl, Leere. Was hatte ich getan? Habe ich ihn auf dem Gewissen? Oder sein Glück? Oder mein Glück? Dankten es mir die Stimmen, die vorher verachteten? Halfen sie in meiner Trauer? Taten sie überhaupt etwas?

Es gibt immer Menschen, die denken, richten zu müssen. Sie setzen ihre Massstäbe, befinden sie als allgemeingültig und wenden sie auf die Welt an. Unerbittlich. Sie sitzen im bequemen Sofa, Bier (oder Cüpli, man hält ja was auf sich) und Chips (Häppchen) in der Hand und bewerten den Alten der Sesamstrasse gleich das Geschehen in der Welt, das Verhalten der anderen. Wirkliche Erfahrung haben sie selten, alles reine Theorie, von aussen, aber eloquent vertreten und mit Statistiken belegt. Sachlichkeit und Wirtschaft unterstützen meist noch die Thesen – was kann man dagegen halten? Ab und an kommen noch Kriterien wie „das war schon immer so“ oder „das steht in dem Buch und das Buch ist ein Bestseller“. Dann muss es ja stimmen. Und man steht da und denkt: Uff, ich laufe falsch, mein Weg führt in die Irre. Die haben recht, müssen sie haben, denn sie hinterfragen sich nicht, sondern sind so sicher auf ihrem Weg.

Doch vielleicht muss man irgendwann mal sehen: Jeder hat seinen Weg. Und niemand geht schlussendlich den des anderen, jeder geht seinen und das grundsätzlich alleine. Also muss er auch für einen selber stimmen. Man wird ihn gehen müssen bis zum bitteren (hoffentlich nicht) Ende. Niemand übernimmt wie in einer Stafette einen Part, wenn man mal nicht mag. Niemand trägt dich wirklich. Schlussendlich steckt man immer selber in den eigenen Schuhen. Und muss sie ausfüllen. Es wird mir niemand danken, wenn ich noch eine Liebe aufgebe. Wenn ich noch einen Weg aufgebe, weil er nicht irgendwelchen Alten auf dem Balkon entspricht. Dazu braucht es eines: Das Wissen, dass man nur den eigenen Weg gehen sollte, nie einen anderen, und das Vertrauen, dass man ihn gehen kann. Weil das der eigene Weg ist.

[Es] ist festzstellen, dass ich für den Knaben bei Weitem die Zärtlichkeit nicht aufbringe, wie vom ersten Augenblick für Lisa, – was Wunder nehmen könnte.

Bibi, wie Michael Mann in der Familie genannt wurde, war ein von Anfang an ungewolltes Kind. Dass er auch ein schwieriges Kind war, das viel schrie und tobte, erleichterte seinen Stand in der Familie nicht. Der Vater, Thomas Mann, der ihn lieber hätte abtreiben lassen, brachte nicht nur keine Zärtlichkeit für ihn auf, er ekelte sich vor ihm und seinem Wesen, was der Junge deutlich in des Vaters Gesichtszüge geschrieben sah.

Jähzornig und zugleich sentimental und liebesbedürftig, lief er mit seiner zurückgewiesenen Liebe wie ein halbblindes Tierchen herum, stiess gegen Wände, die er sich selbst errichtet hatte.

Die fehlende Liebe liess ihn nie los, der ständig präsente Schatten des übermächtigen Vaters erdrückte ihn. Zuflucht fand er in Gewalt und Alkohol. Obwohl er selber erfolgreich wird als Musiker, kann er sich nie von der Verletzung durch den Vater befreien.

Nein, mich kränkt allein die Tatsache, wie verschwenderisch er anderen gegenüber mit dem Gefühl, das Sie Liebe nennen, umgeht. Ich stehe ewig in der zweiten Reihe, bin quasi der Zaungast […]

In seiner zweiten Karriere als Germanistikprofessor widmet er sich intensiv dem Werk des zugleich gehassten und geliebten Vaters. Dabei beschäftigt er sich mit dessen Tagebüchern, und wird erneut mit der Ablehnung und dem Ekel des eigenen Vaters konfrontiert.

Je mehr Bibi las, desto grösser wurde seine Verzweiflung. Was er als Kind nur ahnte; jetzt hatte er es schwarz auf weiss.

Die Erschütterung über diese offenkundige Abneigung erträgt er nicht mehr.

Fazit:

Die packend geschriebene, fundiert aufgearbeitete Lebensgeschichte eines todtraurigen Jungen und Mannes, welcher an der Kälte und Lieblosigkeit seines Erzeugers zerbrach.

(Michael Degen: Familienbande, Rowohlt Berlin, Berlin 2011.)

Bild

Die Wärme –

beim Anblick.

 

Das Gefühl,

zu Hause zu sein –

beim Geruch.

 

Die Geborgenheit –

beim Klang

der so vertrauten

Stimme.

 

Die Dankbarkeit

für die Liebe,

den Mut,

die Kraft –

den Menschen.

Der Blick auf das Leben von Thomas Mann ist kein eindeutiger Blick. Es lässt sich nicht schnell sagen, was dieses Leben ausmachte, wie man es einordnen kann. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, was man sich als Schriftsteller, als Künstler wünschen konnte. Er präsentierte sich, wie er sich präsentieren wollte, die Menschen um ihn verkamen oft zu Statisten, waren das Publikum, das er so dringend brauchte zu seinen Repräsentationszwecken (dazu auch Reich-Ranicki 2002, S, 32ff.) Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig (Mann 2001, S. 51.ff). Verdächtig sah er sich, nicht liebenswürdig, Sah sich unter ständigem Rechtfertigungszwang. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. Und er war einsam. Zeit seines Lebens. Dies, weil er niemanden wirklich an sich heranlassen konnte, weil er gegen alles und alle eine Distanz aufrecht erhielt, weil er nur das zeigen konnte, was er als sein Bild selber erschaffen hatte, gefangen in dieser selbst  geschaffenen Existenz (Reich-Ranicki 2002, S. 34).

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drum herum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte (sie Thomas Manns Tagebücher).

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess dieses die Abneigung auch spüren. Den Rest duldete er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Doch auch er selber war unterdrückt. Von sich selber. Hatte er sich das so ausgesucht? War er wirklich frei? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht aus sich und diesem Leben heraus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben?

Was also  lief falsch? Wer ist schuld an dem Ganzen? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären “angepasster” gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber, konnte dieses Korsett auch für sich selber nicht sprengen, hatte Angst davor, weil er den totalen Zusammenbruch von allem befürchtete, würde er es tun.

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb über das Leben, das er nicht lebte, und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – seine Kinder fühlten diese kleinen Zeichen nicht, sie hätten mehr gebraucht. Sie warteten auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Sie blieben aus und fehlten wohl fürs Leben. Und so blieben wohl zwei Möglichkeiten: Sie stürzten sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder gingen diesen Weg, eines überlebte ihn nicht. Andere lebten das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn (dazu auch Mann 2009). Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen.

Der Tod war ein präsenter Genosse der Familie Mann. Thomas Manns Schwester hatte sich das Leben genommen, Freunde der Kinder trug man zu Grabe (Breloer/Königstein 2003, S: 78). War es die Zeit? Das Künstlermilieu schlechthin? Zeigt der Selbstmord von Thomas Manns Schwester, dass auch sie schon beschwerlich und oft unverstanden aufwuchsen um einen sehr distanzierten, kühlen Vater? Der kleine Hanno in den Buddenbrooks deutet so etwas an. Thomas Mann war nicht der Anfang der Kette, er trug schon Glieder hinter sich und damit Dinge in sich.

Hatten sie alle eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen, weder Thomas Mann den seinen noch seine Kinder ihn. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Oder war das ihre Möglichkeit, ihr Leben in die Hand zu nehmen, die einzige, die sie sahen und ergreifen konnten?

Reich-Ranicki 2002: Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen, Frankfurt am Main 2002.

Mann 2001: Thomas Mann: Über mich selbst, Frankfurt am Main 2001.

Heinrich Breloer, Horst Königstein: Die Manns. Ein Jahrhundertroman, Frankfurt am Main 2003.

Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg, Reinbek bei Hamburg 2009.

Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem grossen Lastwagen verstauen, der auf der Strasse davor parkt.

Dackelmischling Herkules’ Frauchen Carolin hat endlich den richtigen Mann gefunden, auch wenn der ein gebrauchter Mann ist. Was das genau ist, weiss Herkules noch immer nicht, sein bester Freund Herr Beck versucht es ihm aber zu erklären, so wie er ihm immer die Welt erklärt bei ihren Streifzügen durch den Garten. Er warnt Herkules auch, dass das Zusammenleben mit Menschen meist kompliziert ist, da Menschen kompliziert sind. Von Happy Ends hält Herr Beck gar nichts.

Herkules kann das nicht glauben und schimpft Herrn Beck einen alten Zyniker. Er sieht das Happy End deutlich vor sich, da er nun endlich eine ganze Familie hat mit Carolin, ihrem neuen Freund Marc und dessen Tochter Luisa. Was so idyllisch anfängt, wird bald wirklich kompliziert, als Marcs Exfrau Sabine auftaucht, welche nicht gut auf Carolin zu sprechen ist. Carolin teilt diese Abneigung. Dass Marcs Mutter, die vorübergehend in Marcs und Carolines Haus ein und aus geht, Position gegen Carolin einnimmt, macht das Zusammenleben nicht einfacher. Zwischen Carolin und Marc entsteht ein handfester Streit.

Als ob das nicht genug wäre, erlebt Herkules am eigenen Leib, dass es mit der Liebe wirklich nicht leicht ist. Er verliebt sich im Park in die wunderschöne Golden Retriever Hündin Cherie. Seine Gedanken drehen nur noch darum, wie er sie am besten von sich einnehmen kann. Dass ihn dabei seiner Grösse wegen niemand ernst nimmt, trägt nicht wirklich zu seiner Freude bei. Als dann auch noch Carolins alter Freund und Verehrer Daniel auftaucht, wird Herkules’ Leben wirklich schwierig:

Auweia. So schön friedlich dieses Bild auch ist – ich kann mich daran nicht erfreuen. Denn Caro ist doch Marcs Frau, nicht Daniels. Und auch, wenn sie von Marc nun nur das Schlechteste denkt – ich weiss ja, dass es nicht stimmt.

Herkules muss Herrn Beck recht geben: Das Leben ist kompliziert und die Menschen sind es erst recht. Herkules gibt aber alles, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das Leben und Lieben von Menschen aus der Warte eines kleinen Dackelmischlings erzählt. Die Perspektive wirft eine erfrischend naive Sicht auf die sonst so normalen Dinge und lässt sie dadurch in neuem Licht erscheinen. Man könnte Herrn Beck ab und an fast recht geben: Wir Menschen sind kompliziert.

 

Fazit:

Sommerlich leichte Lektüre herzerwärmend und witzig erzählt. Das perfekte Buch, einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen. Absolut lesenswert. Einzige Gefahr: man möchte nachher selber einen Hund, wenn man noch keinen hat.

Frauke Scheunemann: Katzenjammer, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (18. Juni 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442477921

ISBN-13: 978-3442477920

Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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