Gestern schaute ich „Deutschland sucht das Supertalent“. Gleich vorneweg: Alles da Gebotene übertraf bei Weitem, was ich auf diesen Gebieten hätte liefern können. Weder singe ich wirklich gut, noch baumle ich gerne und gut an Stangen. Auch Seifenblasen sind nie über rudimentäre, gleich platzende Objekte hinausgegangen. Die Jury war relativ nett und wenig bissig, was man bedauern oder willkommen heissen kann, je nach Verfassung und ethisch-moralischen Grundsätzen.

Trotzdem stiess mir etwas ziemlich sauer auf: Praktisch jeder Teilnehmer hatte eine ach so schlimme Lebenssituation zum Besten zu geben. Die eine floh vom prügelnden Expartner, die anderen vor diktatorischen Regimes. Einer hatte sein Leben noch nicht auf die Reihe gekriegt und der andere litt unter einem tyrannischen Vater und seiner (selbstgewählten?) Lebensweise in der Vergangenheit.

Die Schicksale sind traurig, niemandem wünscht man eine schwere Kindheit, prügelnde Partner oder diktatorische Regimes. Nur: Was hat das mit Talent zu tun? Ginge es bei einer Talentsuche nicht darum, den zu finden, der das grösste hat? Kann das Talent proportional zum Leiden abnehmen, um unterm Strich zu obsiegen? Irgendwie kommt mir das vor wie das Spiel, bei welchem der den letzten Keks erhält, der die traurigste Geschichte erzählt.

Wieso setzt jemand solche Geschichten ein? Vermutlich, weil er seinem Talent und sich selber nicht zutraut, gut genug zu sein. Man sieht die Konkurrenz und traut dieser mehr zu als sich selber. Und selbst wenn man denkt, man wäre besser, könnte es noch sein, dass andere das anders sehen. Um dem vorzubeugen, nimmt man neue Pfeile aus dem Köcher: Mitleid zieht immer. Wer leidet, dem wird geholfen. Kann man Urteil mildernde Umstände geltend machen, fällt das Urteil besser (zu den eigenen Gunsten) aus.

Und vermutlich ist auch etwas dran. Man ist schneller gewillt, Goodwill walten zu lassen, wenn man von schweren Umständen hört. Man hat die Nachsicht, diese mit ins Urteil einzubeziehen und mildert unter Umständen dasselbe ab. Diese Haltung hat auch Einzug in die Justiz gefunden. Die mildernden Umstände aufgrund schwerer Kindheit und ähnlicher Lebenserschwernisse ist bekannt und sorgt regelmässig für Diskussionen.

Das Wissen um die mildere Sicht der Anderen lehrt uns, das eigene Leid zu instrumentalisieren. Wir nutzen Krankheit, Leid und schwierige Umstände, um unsere Leistung zu portieren, um zu kriegen, was wir uns ersehnen. Wir instrumentalisieren das, worunter wir eigentlich leiden und machen es uns zum Diener. Wir zählen dabei auf das Mitgefühl der Anderen und agieren ganz bewusst, dieses auszunutzen. Das ist rational gesehen geschickt für den Einzelfall, auf lange Sicht führt es dazu, dass das Mitgefühl schwindet, weil die Anderen merken, wie oft es ausgenutzt wird. Dann fehlt es da, wo es wirklich angebracht und auch nötig wäre, weil vorher jemand es für die eigenen, egoistischen Ziele missbraucht hatte.

Zurück bleibt eine Welt, in der jeder für sich schaut, weil er fürchtet, sonst über den Tisch gezogen zu werden. Zurück bleibt eine Welt, in der jeder für sich schaut und dabei ein schlechtes Gewissen hat, weil er denkt, er hätte Mitgefühl, Empathie walten lassen müssen. Zurück bleibt eine Welt voller Konfusion darüber, was gut und was schlecht ist, was richtig und falsch. Und wüsste man es für sich selber, schwankte man darüber, ob es das Gegenüber auch weiss und sich daran hält, und passt dementsprechend sein eigenes Verhalten den Zweifeln an, um am Schluss nicht der zu sein, der in die Röhre schaut.

Zum Glück geht am 21. Dezember die Welt unter, sonst müssten wir ganz schnell ganz arg über die Bücher…

Die Gesellschaftsvertragstheorie erklärt die Legitimation des Staates. Herrschte ursprünglich der Naturzustand mit einem Recht aller auf alles, welches so gesehen ein Recht auf nichts war, stellte der Staat Regeln des Miteinander auf, die dem Individuum zwar die absolute Freiheit nahm, ihm aber eine bürgerliche Freiheit sowie Schutz von Leben und Eigentum zusicherte. John Rawls erarbeitet in seinem Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ folgende Grundsätze eines gerechten Staates:

Erster Grundsatz

Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.

Zweiter Grundsatz

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein:

(a)  sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und

(b)  sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.[1]

Andere Gerechtigkeitstheorien greifen die Gedanken Rawls auf. Aufgabe des Staates in einer Demokratie ist es, allen die gleichen Rechte zu gewähren. Jeder muss die Chance haben, in Ämter gewählt zu werden und muss vor dem Gericht gleich behandelt werden. Zudem sollen Minderheiten geschützt werden und die Armen der Gesellschaft mitgetragen – soziale Gerechtigkeit. Diese soziale Gerechtigkeit versteht sich immer als Gerechtigkeit auf staatlicher Ebene. Sie setzt da ein, wo die Menschen im Staate stehen. So gesehen behandeln wir hier eine künstliche Gerechtigkeit, insofern sie einer natürlichen Gerechtigkeit gegenüber steht. Was wäre eine natürliche Gerechtigkeit in Analogie zur künstlichen? Es wäre die Gleichverteilung der natürlichen Anlagen in jedem Menschen. Nun liegt auf der Hand, dass dies weder zu beeinflussen ist noch von der Natur vorgesehen oder gar verwirklichst. Menschen kommen mit verschiedenen Anlagen und damit auch mit verschiedenen Entfaltungsmöglichkeiten zur Welt. Diese Verschiedenheit prägt denn auch den Weg, den sie im Leben gehen und damit massgeblich, nicht immer linear und unausweichlich, so doch mit grosser Wahrscheinlichkeit, wo sie im Staat stehen.

Betrachten wir noch einmal die Gesellschaftsvertragstheorie, so zeigt sich, dass es dabei (auch) darum ging, das Recht des Stärkeren zu Gunsten von gleichen Rechten für alle auszuhebeln. Anhand von staatlicher Sicherung von Leib und Leben sollte auch der Schwächere sicher leben können in der Gemeinschaft. Bei Lichte betrachtet hat man die Ungerechtigkeit damit nur verschoben. Man hat die Körperkraft durch Geisteskraft ersetzt. Der geistig stärkere hat in der heutigen Welt die besseren Möglichkeiten, eine höhere Position zu erlangen, weil er die höheren Bildungswege beschreiten kann. So wird er in den meisten Fällen ein höheres Einkommen erzielen, hat  meistens das höhere Ansehen innerhalb der Gesellschaft und damit auch eine bessere Stellung.

Die Argumentation, das sei eine naturgegebene Ungerechtigkeit, die man nicht beeinflussen kann, stimmt nur teilweise. Die natürliche Verteilung von Fähigkeiten und Anlagen können wir in der Tat nicht beeinflussen, wohl aber unseren Umgang damit. Stellen wir uns vor, wir wollen ein Haus bauen. Wir haben zwei Freunde, der eine Architekt, der andere Maurer. Wir beauftragen beide damit, das Haus für uns zu erstellen. Das Haus würde nie stehen, wäre der Maurer nicht da. Der Architekt hätte weder die Kraft, die Steine aufeinander zu beigen in stundenlanger Knochenarbeit, noch die nötige Ausbildung, sie so zu verbinden, dass sie auch halten. Der Maurer wiederum hätte nicht das Wissen, die Statik so zu berechnen, dass die Mauern am Schluss das Dach tragen. Wir brauchen beide für unser Haus. Der Unterschied liegt darin, dass der Architekt in der Berufshierarchie höher steht, das höhere Gehalt erhält, der Maurer tiefer mit niedrigerem Gehalt. Ist das fair?

Man kann argumentieren, der Architekt hätte längere Ausbildungswege gehabt, man könne nichts dafür, dass dem Maurer diese verschlossen waren. Unterm Strich bleibt dasselbe: Die beiden mögen von der Natur unterschiedliche Anlagen gehabt haben, der eine mehr Körperkraft, der andere mehr Geisteskraft. Wer will das werten? Wieso werten wir hier? Beide haben ihre Fähigkeiten voll ausgenutzt, sind ihren ihnen möglichen Weg gegangen und bringen das in die Gesellschaft ein, was sie einbringen können. Wieso ist die Leistung des einen mehr wert als die des anderen?

In meinen Augen krankt hier das System. Wir teilen Menschen nach ihren von uns und unseren Massstäben bewerteten Fähigkeiten in Schubladen ein, die einen tiefer, die anderen höher. Und setzen erst dann die Gerechtigkeit an, indem wir versuchen, diese Schubladen so zu bedienen, dass am Schluss alle geölt laufen, keine klemmt und zu bleibt.


[1] Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit

Blick? Den liest man nicht, das ist unterste Schublade, Boulevard-Journalismus. Wer etwas auf sich hält, der liest die NZZ. RTL? Das guckt man nicht, Arte oder vielleicht 3 Sat, alles drunter ist eine Sünde. Man geht auch nicht in Hollywood-Romanzen, man schaut B-Movies oder Kulturfilme, die niemand sonst schaut, weswegen sie in kleinen Randkinos laufen, die  morgen bankrott gehen. Rosamunde Pilcher liest man nicht, es muss Goethe sein. Wer etwas auf sich hält, wer ein wenig Intelligenz und Bildung besitzt, der muss achten, was er liest, schaut oder tut, sonst ist er ein Banause.

Im Aldi kauft man nicht, das wird alles mit Kinderarbeit in China oder sonst unethisch produziert. Im Lidl kauft man auch nicht, die beuten ihre Arbeitskräfte aus. Nach Deutschland einkaufen geht gar nicht, man muss die Schweizer Wirtschaft unterstützen. Überhaupt geht nur Biogemüse und Jutekleidung, artgerecht produziert und arbeiterfreundlich gewonnen.

Man muss den Nachbarn grüssen, selbst wenn man ihn nicht kennt, man muss sich um den Gatten sorgen, wenn er krank ist, selbst wenn der nervt mit dem Gejammere, man muss die Tante anrufen, wenn sie Geburtstag hat, selbst wenn man das ganze Jahr nichts von ihr gehört hat und man muss sich über des Kindes Windelfüllung freuen, da die Kleinen ja so schnell gross werden. Man muss als Frau arbeiten, sonst betreibt man Verrat an der Frauenrechtsbewegung und man muss das alles gut nach aussen tragen, sonst geht man unter.

Oft hört man, der Staat auferlege zu viele Gesetze, lege den Menschen in Ketten, reglementiere alles und habe eine überbordende Bürokratie. Die Zwänge, die der Mensch sich selber auferlegt sind um Welten grösser. Die ungeschriebenen Gesetze übertreffen alle Gesetzbücher dieser Welt und wer sie nicht kennt und vor allem, wer sie nicht befolgt, der ist ganz schnell aussen vor. Der sitzt in den Nesseln, in die er sich selber gesetzt hat. Wer ein „du musst“ übersieht, der hat ganz schnell das Nachsehen und stottert bei der nächste Frage „Und was machst du den ganzen Tag?“, „Was schaust du im TV?“, „Wo hast du deinen Skianzug gekauft?“.

Ich lese täglich meinen Blick, kenne die Serien von RTL, mag die eingelegten Schalotten vom Aldi und die Salami von Lidl. Ich schaue nie Arte und pfeife auf die sich nie meldenden Tanten. Was ich verdiene, erzähle ich trotzdem nicht, da es höchstens aussagt, was auf mein Konto einbezahlt wird und nie, was ich wert bin. So wie der ganze Rest auch. Bin ich wirklich so schräg? Ich vergass, dass ich Pilcherfilme mag – muss aber gestehen, dass ich Goethe trotzdem kenne – sogar das Gesamtwerk – wer noch?

Else wird von ihrer reichen Tante in ein nobles Hotel eingeladen, als sie eine Depesche ihrer Mutter erreicht, dass zur Rettung ihres Vaters, welcher Mündelgelder veruntreut hatte,  dreissigtausend Gulden nötig wären. Sie verlangt von Else, sich in dieser Angelegenheit an Vicomte Dorsday, einen alten Freund des Papas, zu wenden. Er sei die letzte Hoffnung.

Also, ich soll Dorsday anpumpen… Irrsinnig. Wie stellt sich Mama das vor? Warum hat sich Papa nicht einfach auf die Bahn gesetzt und ist hergefahren?

Immer schneller drehen die Gedanken, Else ahnt, dass das Geld nicht ohne Gegenleistung zu haben ist. Sie schwankt zwischen der Aufopferung als Tochter und der Scham vor dieser Aufgabe. Schlussendlich ringt sie sich durch und wendet sich an Dorsday

…für diesmal will ich genügsam sein, wie Sie. Und für diesmal will ich nichts anderes, Else, als – Sie sehen. […] ich bin nur ein Mensch, der mancherlei Erfahrungen gemacht hat, – unter andern die, dass alles auf der Welt seinen Preis hat…

Eine zweite Depesche der Mutter erhöht den geforderten Betrag noch und Else versinkt in einer inneren Verzweiflung. Die Gedanken überschlagen sich, gehen von Selbstmord über die Suche nach einer anderen Lösung bis hin zur Rechtfertigung einer solchen Handlung für diesen Preis. Sie denkt sich förmlich in einen Fieberwahn hinein, verzweifelt an dieser ihr gestellten Aufgabe. Sie fühlt sich allen ausgeliefert, dem Vater, den Männern, der ganzen Welt.

Sie hat sich selber umgebracht, werden sie sagen. Ihr habt mich umgebracht, Ihr alle, Ihr alle.

Arthur Schnitzler erzählt die Geschichte von Else aus deren Innensicht, aus ihrem inneren Monolog. Durch ihre Augen und ihre Gedanken erlebt man die Welt der Reichen und sieht die Verzweiflung der jungen Frau, welche sich in dieser Welt prostituieren soll, um ihren Vater vor dem Gefängnis zu retten. Fräulein Else ist eine kritische Sozialstudie und ein unbarmherziger Blick auf die Zustände der Gesellschaft der damaligen Zeit, ohne dabei moralisierend zu wirken.

Fazit: 

Die mitreissende und einnehmende Geschichte einer jungen Frau, die zwischen die Welten gerät und in diesem Zwiespalt untergeht. Meisterhaft erzählt und absolut lesenswert.

(Arthur Schnitzler: Fräulein Else, in: Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Fischer Taschenbuch Verlag, 21. Auflage, Frankfurt am Main 2012.)

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten (enthält die Erzählungen Blumen, Der Andere und Fräulein Else)

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (21. Auflage, Mai 2012)

Preis: EUR: 6.95; CHF 11.90

 

 

 

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