Als Kind wünscht man sich, man könnte gross sein. Dann könnte man aufbleiben, so lange man will, niemand könnte einen zwingen, den Salat zu essen, es gäbe nur Eis und Schokolade. Und auch die Sonntagsspaziergänge wären nicht mehr Pflicht, man könnte zu Hause vor dem Fernseher sitzen, Tag und Nacht, ohne Beschränkung. Das Leben wäre genau so, wie man es sich selber erträumt, man wäre Herr seiner Zeit. Keine Eltern mehr, die befehlen, keine Eltern ,die ermahnen, die immer dann bremsen, wenn der Spass anfängt. Nur noch die eigenen Wünsche, der eigene Wille.

Man wird älter, die Pflichten nehmen nicht ab, sondern zu. Die Schule wird strenger, die Aufgaben mehr. Die Wünsche grösser, die elterliche Toleranz ätzender. Wenn man bloss 18 wäre, die Schule zu Ende, man sein eigener Herr und Meister, am besten mit eigenem Geld, so dass wirklich niemand mehr das Sagen hätte. Und man hat Glück, die Zeit arbeitet für einen. Man wird volljährig, mündig. Hat man das Pech, geht man aufs Gymnasium – kein eigenes Geld, Schule geht weiter. Mit etwas mehr Glück geht man in die Lehre. Aber der Lohn reicht auch nirgends hin. Wohnung, Krankenkasse? Essen sollte man auch noch? Wie kommt man da noch zum Feste feiern? Freie Nachmittage sind auch irgendwie plötzlich weg. Wo ist die ersehnte Freiheit? Das wurde ja nur schlimmer? Wie schön war es, Kind zu sein? Kein Lehrmeister, keine finanziellen Nöte, keine Sorgen um Wohnung, Essen, Kochen, Bügeln, Waschen, Putzen.

Und so merkt man dann, wenn es weg ist, wie schön es war, was man hatte. Und oft im Leben ist es so, dass man zu spät merkt, was gut war. Auffallen tut es, wenn es weg ist. Dann fehlt es und man sieht, was vorher selbstverständlich war. Und die Kehrseite der Medaille: Wir sehnen uns immer nach dem, was wir nicht haben, wünschen uns an eine Stelle, an der wir nicht stehen, weil wir uns ausmalen, wie es da sein müsste. Wissen tun wir es nicht, wir sind ja nicht dort. Wir stellen es uns vor und trauen unserer Imagination so sehr, dass wir das Hier und Jetzt vergessen und nur noch nach dem Gewünschten schielen. Sehnsüchtig. Verklärt. Hoffend, es möge bald kommen. Das Heute vergeht, das Erhoffte kommt vielleicht sogar – und es ist gar nicht so toll. Plötzlich sieht man, was das vormalige Heute, nun Gestern Tolles hatte. Das nun weg ist. Und man sehnt sich zurück. Trauert nach. Hat vergessen, dass man es nur wegwünschte, als es noch da war. Sieht nur noch den Verlust. Bis eine neue Hoffnung auftaucht, die das momentane Heute ablösen soll, weil sie so viel besser ist als das, was ist. Und man sehnt sich.

Wir eilen durchs Leben, getrieben vom Gefühl des Mangels, vom Gefühl, es komme was Besseres nach. Wir ignorieren, was ist und sehen nicht, wie gut es ist, weil wir immer weiter streben. Höher, besser, weiter. Wettbewerb pur. Leistung zählt und nur das Beste ist gut genug – nur gibt es immer noch etwas Besseres. Man nennt das Fortschritt und würde er nicht mehr sein, stagnierte die Welt. Man sieht das negativ. Stillstand ist Rückschritt. Wäre das so schlimm? Was ist vorne, was hinten? Was gut, was schlecht? Und hätte nicht der gewonnen, der sähe, was ist? Und es schätzte. Und dankbar wäre dafür, es zu haben? Egal, was käme oder war. Denn beides ist nicht – ausser in den Köpfen derer, die es sich ausmalen. Und die wissen es nicht, die zeichnen nur, was ihnen gefällt.

Vor zwei Monaten starb meine über alles geliebte Katze. Die Trauer schon während seines Leidens war enorm, nach seinem Tod taten sich ganze Trauertäler, Schluchten gar auf. Das Weinen wollte kein Ende nehmen, an Essen war nicht zu denken, Schlaf fand ich keinen mehr. Langsam kam der Alltag wieder näher, die sonst üblichen Dinge gingen wieder. Nur ab und an kamen Einbrüche, Wasser floss, in Bächen. Versiegten, bis sie wieder kamen.

Es gibt den Spruch „Das Leben geht weiter.“ Im ersten Moment nervt er, man denkt: Was wissen die denn, die solchen Mist erzählen? Dass das Leben weiter geht, ist klar, aber wie… das ist die Frage. Und dann heisst es „Die Zeit heilt alle Wunden“. Und man denkt wieder: Was wollen die mir erzählen, schweigen sollen sie, haben keine Ahnung. Und irgendwann sitzt man da, die Tränen sind getrocknet, der Alltag ist wieder normal. Man sieht den fehlenden Teil des Lebens nicht mehr auf jedem Stuhl, auf jedem Sofa. Denkt nicht mehr bei jeder Handlung, was gerade passiert wäre, wäre der Abwesende noch da.

Plötzlich kommt der Gedanke: Tue ich ihm unrecht? Habe ich zu schnell vergessen, was war? Trauere ich zu wenig nach so kurzer Zeit schon? Müsste ich ihn mehr präsent halten? Klar ist er immer präsent, der Name fällt sicher täglich mal. Und doch – es ist so weit weg alles. Jetzt schon. Ist das fair? Dieser Kater hat mich getragen durch 8 Jahre, die alles andere als einfach waren. Er hat mich aufgefangen im Leid, hat mir Kraft gegeben im Schmerz, hat getröstet bei Trauer. Und nun ist einfach Alltag ohne ihn. Darf das sein?

Was wäre die Alternative? Tägliche Tränen, Trauer? Nie mehr zum Alltag zurückfinden? Was wäre der angemessene Trauerrahmen? Wie trauert man richtig? Was muss man tun? Bin ich herzlos? Ich habe keine Antwort. Es ist in meinem Leben der zweite Todesfall, der mir wirklich nah ging. Der erste war eine grosse Liebe. Mein Kater war eine ebensolche. Mensch, Tier… die Nähe ist es wohl, die zählt und näher als mein Kater war mir kaum jemand in den letzten Jahren.  Wer uns kannte, uns erlebte, sah das, wusste das. Wer es nicht verstand, war eh nicht in der Lage, mich zu verstehen, er kannte mich nicht und das war wohl auch gut so.

Aus meinem Umfeld habe ich oft gehört, ich trauere zu heftig, zu lang. Damals habe ich mich hinterfragt, ob sie wohl alle recht haben, ich „falsch trauere“. Ich habe mich gefragt, ob ich übertreibe, nicht normal bin. Ich habe mich gefragt, ob die Trauer endlich fertig sein müsste. Heute habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich vielleicht zu wenig trauerte, ihm damit nicht den Tribut zollte, den er verdient hätte. Und er hätte alles verdient. Er war der Beste!

Gibt es richtig oder falsch bei Gefühlen? Sind sie nicht einfach da und wenn sie sind, wie sie sind, genau richtig, weil echt? Kann man Gefühle an ihrer Dauer, ihrer Intensität auf Richtigkeit prüfen? Gibt es Skalen für Gefühle, die anzeigen, ob es reicht oder nicht? Wohl nicht. Deswegen ist es wohl auch nicht statthaft, anderen zu sagen, wie sie trauern sollen. Man kann Gefühle nicht von aussen messen, man weiss nur von innen, ob sie echt sind. Und jeder hat eine andere Art, damit umzugehen. Keiner kann aus seiner Haut.

Ab und an kommt mir ein Gedanke. Ich denke, dass Pascha – mein Kater – vielleicht zu mir kam, um mich durch die schweren Jahre meines Lebens zu begleiten. Durch eine Trennung, Gewalt, Scheidung, Schmerz, Todesdiagnose, Verlust einer Liebe, Enttäuschungen, Verletzungen. Und als mein Leben in die richtigen Bahnen zu kommen schien, konnte er gehen. War das seine Aufgabe bei mir? War er mein Engel? Und ist es noch als Schutzengel irgendwo über dem Regenbogen?

Der Gedanke tröstet und er macht traurig. Und wenn ich ihn habe, bin ich dankbar und die Tränen fliessen wieder. Er fehlt halt doch. Auch wenn der Alltag wieder Einzug hielt. Immer mal. Und ab und an kommt Angst hoch: was, wenn wieder eine schwere Zeit kommt? Das Leben hat viele solche bereit. Was ist dann?