Immer wieder lese ich, dass Leute in einer offenen Beziehung sind. Ich frage mich jedes Mal, was das wohl sei, wie ich mir das vorstellen kann. Ist das ein Jekami, alle mit allen, keiner geht leer aus? Was genau ist dann eine geschlossene Beziehung? So etwas wie eine geschlossene Gesellschaft? Nur die Auserwählten können rein, der Rest ist aussen vor. Ob das nicht furchtbar eng wird? Nur der erlauchte Kreis, der in hiesigen Gefielden – soviel weiss ich ja auch – aus zwei Personen zu bestehen hat.

Natürlich ist es nicht eng. Es sind ja noch andere Menschen da. Die sind auch irgendwie drin, nur einfach nicht ganz. Gewisse Teile sind ihnen vorbehalten, die gehören dann dem erlauchten Kreis. Quasi Klassengesellschaft in Beziehungsdingen. Die Menschen erster Klasse kriegen noch etwas oben drauf auf die Beziehung. Das Sahnehäubchen quasi. Der Rest fährt zweite Klasse, die Holzklasse gibt es wohl auch, teilweise schafft man sie aus Zeit- und Nutzensgründen ab.

Was ist denn nun also die offene Beziehung? Kriegen da alle das Sahnehäubchen? Oder nur die zweite Klasse? Geht auch hier das Holz leer aus? Dann wäre sie ja nicht offen, sondern nur teilweise geöffnet? Eigentlich wäre sie genauso zu. Geschlossen für die, welche aussen vor sind.

Was ist denn nun das Sahnehäubchen? Sex. Die, die ran dürfen, kriegen es, die, welche nicht, sind in der Holzklasse. Bei geschlossenen Beziehungen darf nur einer ran – offiziell, meist sind es doch mehrere. Bei offenen dürfen mehrere ran, so ganz offiziell. Das ist wichtig, man zeigt es nach aussen. Ich bin offen, nicht so ein verschlossener Zeitgenosse. Ich klopf auf Holz. Man krebst zurück.

Offen ist in, ist frei, ist modern, geschlossen ist out, ist alt, ist langweilig. Schlussendlich ist es dasselbe. Die Grenzen sind nur verschoben. Es sagt etwas aus, drum will man es melden. Man präsentiert sich mit dem Kriterium und hat eine Botschaft. Wie lautet sie? Ich bin gut, ich habe wen, doch ich habe noch Kapazität? Ich habe den Traditionen abgeschworen, die andern hinken hinter her?

Oder liege ich ganz daneben? Ich bitte um Aufklärung, wer hilft?

Ein Mann liebt eine verheiratete Frau. Mit ihr könnte er sich alles vorstellen, was er sich sonst im Leben nicht vorstellen kann. Sie ist die richtige Frau für ihn, nur: Sie ist nicht frei. Eine Frau liebt diesen Mann, sie könnte sich mit ihm alles vorstellen, weil er für sie der Mann überhaupt ist. Allein: Er ist nicht frei. Der Mann wartet, weil er ein Mann ist, der warten kann, die Frau wartet, weil sie eine Frau ist, die warten kann. Das Ganze unter Plastikpalmen mit verschiedenen Farben, je nach Situation und Stimmung.

Am nächsten Tag stehen wir unter einer schwarzen Plastikpalme, sie trägt ihr Herz links, wo es hingehört, und ich spinne meines in Trauerflor, trage schwer daran, dass sie eine vollkommene Frau ist und ich nur ein passabler Mann.

Michael Stavarič erzählt die komplizierte Geschichte von menschlichen Beziehungen. Gefühle, die hochschlagen und tief fallen, Menschen mit Träumen, Hoffnungen, Phantasien und Zwängen. Liebe, die gelebt werden will und scheitert, Betrug, der schön geredet wird, schmerzt und doch bittersüss ist. Es ist eine Geschichte direkt aus dem Leben, erzählt, wie sie passiert, mit allen Wirrnissen, Hindernissen, Verstrickungen und Verzweiflung, die doch voller Hoffnung steckt. Eine Geschichte, in der alle dasselbe wollen, sich allerdings in ihrem Wollen nicht finden, weil immer etwas im Weg steht.

Dass sie die Vollkommenheit liebe und ich meine Freiheit, dass ich aufhören müsse zu glauben, ich könne noch etwas zum Besseren wenden.

In einer teilweise lyrisch anmutenden Sprache beleuchtet Michael Stavarič die menschlichen Abgründe, die Lebenslügen und Spiele mit Gefühlen. Leitmotive führen durch den Roman, verleihen ihm eine innere Kohärenz, die auf allen anderen Ebenen zu fehlen scheint. Erzählerperspektive, Realitätsebene, Zeitstruktur – alles ändert, sprungartig, augenblicklich. Der Leser pendelt zwischen Innensichten und Dialogen, zwischen Erzählung und Wünschen hin und her und sieht sich immer wieder denselben Motiven ausgesetzt.

Böse Spiele besticht durch eine plastische Sprache, durch eine Lebendigkeit in Form und Stil. Bildhaftigkeit ersetzt blosse Beschreibung, Farben drücken Stimmungen aus, wiederkehrende Refrains erzeugen eine Melodie. Literatur erscheint hier als Komposition aus Tönen, Bildern und Stimmungen.

Fazit:
Lyrische Prosa voller Brüche und Widersprüche, verwirrend und doch lebensnah. Eine lohnende Herausforderung.

Zum Autor
Michael Stavarič
Michael Stavarič wurde am 7. Januar 1972 in Brünn geboren und kam mit 7 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Er studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik. Neben vielfältigen anderen Anstellungen arbeitete er auch als Rezensent für Die Presse sowie das Wiener Stadtmagazin Falter sowie als Gutachter für tschechische Literatur bei verschiedenen Verlagen. Michael Stavarič lebt heute als freier Schriftsteller in Wien. Er schreibt neben Romanen auch Gedichte, Essays und Kinderbücher, besticht dabei immer durch eine sehr kreative Sprache. Von ihm erschienen sind u. a.  Flüggellos (Gedichte, 2000), Böse Spiele (Roman, 2009), Brenntage (Roman, 2011), Gloria nach Adam Riese (Kinderbuch, 2012).

StavaricSpieleAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: C.H.Beck (21. Januar 2009)
Preis: EUR  16.90 / CHF 25.10

 

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…Kontrolle besser.

Nur wenn man kontrolliert, ist das Vertrauen meist dahin, denn würde man vertrauen, bräuchte man die Kontrolle nicht, man sässe da in seiner Sicherheit, dass alles so ist, wie es sein sollte, wie man denkt, dass es sei.

In einer Welt ohne Lügen gäbe es keine Zweifel. Leider ist eine solche Welt eine Utopie, wir begegnen wo wir gehen und stehen Lügen, belügen uns gar ab und an selber. Oft sogar unbewusst. Wenn wir also uns selber schon nicht immer und in allen Belangen trauen können, wem denn dann?

Beziehungen bauen auf Vertrauen. Fehlt es, obsiegt ein anderes Gefühl: Eifersucht. Ein Blick des anderen, ein Anruf, ein neues After Shake – alles könnte Anzeichen sein. Doch man will ja vertrauen. Könnte man lieben, wäre nicht wenigstens ein wenig Grund zu glauben, dass der andere ehrlich ist, dass er es ehrlich meint, sich an die gemeinsamen Regeln hält. Doch wenn das alle glauben, wo sind denn die vielen Fremdgänger? Sicher 50% müssen sich täuschen in ihrem Vertrauen.

Ist man im Wissen darum nicht naiv, wenn man denkt, dass ausgerechnet man selber verschont bleibt? Ist man nicht dumm, wenn man sich in Sicherheit wähnend zu Hause sitzt und den anderen tun lässt, was er nicht lassen kann, im Vertrauen darauf, dass es nichts ist, das er lassen sollte? Doch besser Kontrolle? Damit kommen wir zum nächsten Zitat:

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Kann man sich den Betrug auch herbeireden? Quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung daraus machen, indem man so lange misstraut, bis es begründet ist, oft aus einer Frustration heraus, doch kein Vertrauen geschenkt zu kriegen? Was war zuerst? Das Huhn oder das Ei? Der Fremdgeher oder das fehlende Vertrauen in ihn?

Oft war zuerst ein Fremdgeher, dem man auf den Leim kroch. Das machte vorsichtig. Der nächste sollte das nicht mehr schaffen, er sollte einen nicht mehr auf dem falschen Fuss erwischen, man will die Augen offen halten. Zwar lässt man diesen dann unter den Taten des letzten leiden, doch das ist wohl ein Stück Weit der Evolution geschuldet: Man erkennt Gefahren, lernt daraus und versucht, sie in Zukunft zu vermeiden. In der Natur kann man nur so überleben. Würde man jedes Mal in die gleiche Falle laufen, wäre man schneller tot als man das Wort denken könnte.

Was also tun? Immer wieder auf 0 Stellen, neu vertrauen? Die vergangenen Wunden vergessen, neu starten? Kann man das? Haben wir Menschen einen Reset-Knopf, mit dem man sein System neu aufsetzen kann und all die guten Dinge wie Vertrauen, Liebe, Gelassenheit, Selbstsicherheit, Unversehrtheit neu installieren? Der Knopf ging wohl bei der Erfindung der menschlichen Maschine vergessen. Und so ist man dazu verdammt, Altes mitzuschleppen und den eigenen Rucksack zu füllen.

Das Leben wird damit nicht leichter, vieles auch ab und an als Ballast empfunden, den man gerne los würde. Gewisse Dinge kann man über die Zeit wieder abwerfen, gewisse begleiten einen durchs Leben. Damit muss man wohl leben und das Umfeld mit. Dieses hat immer die Möglichkeit, zu gehen, was dem eigenen Misstrauen Wasser auf die Mühlen werfen würde. Doch die Mühle betreibt man selber. Dessen sollte man sich immer bewusst sein. Man selber bleibt immer da. Entkommen ist nicht.

Clara. Ledig, Single, Anfang 50. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als einen Mann. Jeder ihr ins Blickfeld kommende Mann wird als potentielles Objekt der Begierde abgecheckt. Das Zusammensein mit dem Mr. Right wird in schillernden Farben ausgemalt, sie lechzt förmlich danach. Selbst wenn sie ihn nur schnell im Supermarkt an der Kasse sah, weiss sie, dass er der Mann ihrer Träume sein könnte, mit dem sie gemeinsame Schaumbäder einlassen, in die Sterne schauen, den neusten Tatort diskutieren und die gemeinsame Zeit geniessen könnte. Sie sieht das Bild, wie sie zusammen durch die grüne Natur schlendern, an Konzerten abrocken, im Kino Taschentücher austauschen und auf der Parkbank Händchen halten vor sich. Jede freie Minute möchte sie mit ihm verbringen.

Doch er zahlt und geht. Aus den Augen, aus dem Sinn, denn in der Garage steht der nächste Anwärter, kurze braune Haare, blaue Augen, ein umwerfendes Lächeln. Mit dem würde das alles noch viel besser gehen. Die einsamen Abende wären Geschichte, die nutzlosen Sonntage ebenso. Das Leben wäre lebenswerter, angeregter, ausgefüllter, denn da wäre jemand, mit dem man es teilen könnte. Und alle Sehnsüchte werden in die potentiellen, immer wieder wechselnden, Objekte gepackt. Leider sind sie alle genauso schnell weg, wie sie kamen.

Damit sich Clara keine Blösse geben muss, propagiert sie das tolle Singleleben, schwärmt von interessanten Kontakten, hält hoch, keine Socken waschen und Hemden bügeln zu müssen. Und überhaupt, sie möchte gar keinen Mann, sicher in der nächsten Zeit. Bis – ja bis… der nächste auftaucht.

Susanne, Anfang 40, verheiratet, zwei Kinder. Es gab Zeiten, da genoss sie ihre Freiheit, flippte rum, war im Ausgang, verdrehte den Männern die Köpfe. Dann wieder Zeiten, da war sie in Beziehung. Nie ganz einfach, nie wirklich schlimm. Und dann waren da die Zeiten, da war sie alleine und hatte sich mit dem Alleinsein arrangiert, weil es ganz ok war. Sie tat, was ihr lag, meistens nicht viel Spektakuläres, sondern einfach nur das, was ihr und ihrem Rhythmus entsprach. Dieses völlige auf sich gestellt sein gefiel ihr gut. Es hätte ewig so weiter gehen können. Ab und an sah sie am Wochenende Paare gemeinsam einkaufen. Dachte, das wäre schön. Wünschte sich das kurzzeitig auch, um dann wieder die ruhigen Abende für sich zu geniessen. Und just da tauchte der Mann auf. Sie heirateten, kriegten Kinder. Der langgehegte Traum ging in Erfüllung. Was Susanne fehlte, waren die Momente für sich. Einfach mal nur sein, ohne Erklärung, ohne Rechenschaft. Mal alleine, sie für sich. Susanne hörte von Singlefreundinnen, die  Mädelsabend hatten, hörte von Abenden im Schaumbad mit Sekt und Buch, malte sich einen Abend im Gammellook vor dem TV aus. Sie schickte ihren Mann ab und an mit Kinderwagen auf Erkundungstour in die Stadt und stiess bei ihren Singlefreundinnen auf Unverständnis: Du bist nicht bei deinen Liebsten? Wieso das denn? Ich gäbe die Welt dafür. Susanne gab in dem Moment grad die Welt für ein paar Minuten durchatmen. Freiheit. Wenn auch auf Zeit.

Und immer scheinen die Trauben in Nachbars Garten süsser. Vermisst man im Singleleben die gemeinsamen Stunden, fehlen im gemeinsamen Leben die einsamen. Man neigt dazu, das Leben des anderen zu glorifizieren. Sieht in Einsamkeitsphasen nur, was einem fehlt, sieht ihn Zweisamkeitsphasen, was man mal hatte, damals nicht schätzte.

Das Leben ist nie perfekt. Man selber ist es nicht. Irgendwas fehlt immer und irgendwas ist immer zuviel. Vermutlich ist die Kunst, zu sehen, was man hat, dies zu schätzen, um dann das Zuviel und das Zuwenig zu ertragen. Ideal wäre ein Singleleben, in dem immer dann jemand da wäre, wenn man sich einsam fühlte, oder eine Beziehung, in welcher immer genau dann Abstand herrschte, wenn man diesen brauchte. Nur sind Menschen keine Batteriewesen und jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Und so kommt es, dass man in Beziehungen oft dann alleine ist, wenn man es nicht möchte, dann zu zweit, wenn man Zeit für sich sucht. Alleine ist man oft dann einsam, wenn einem nach anderen Menschen ist, in Massen, wenn man sich verkriechen wollte.

Das mag nach einer pessimistischen Sicht aussehen. Ist es bei Weitem nicht. Zu sehen, was man Gutes hat, hilft, sich bewusst zu werden, was man braucht und sucht. Und wenn man das weiss, kann man sein Leben im Miteinander und im Alleinsein so einrichten, dass es genau das Leben ist, das einem gut tut. Geniessend, was ist, wissend, was fehlt, daran nicht verzweifelnd, sondern dankbar, dass es noch Ziele und Wünsche gibt, die das Leben vorantreiben. Im Wissen, dass man schon sehr viel hat, das gut ist. Und gewollt. Und gebraucht.