Kann man nicht alle Werte umdrehn? und ist Gut viefleicht [sic!] Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles vielleicht im letzen Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht ebendadurch auch Betrüger?

Denken in Gefässen, versorgen in Schubladen. Normierte Klassen von gut und böse, gültig durch die Mehrheit der so Denkenden, akzeptiert durch die lauten Töne, in denen alles verkündet und damit festgesetzt wird.

solche Gedanken führen und verführen ihn, immer weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, würgender, herzzuschnürender

Bricht man aus, ist man draussen. Nicht nur im Denken, sondern im Sein. Verstossen, verlacht, verachtet oft. Was nicht sein darf, kann nicht sein, ist es doch, ist es falsch. Falsches will man nicht haben, nur das Richtige hat Platz. Und was richtig oder falsch ist, steht fest.

Nietzsche hat es beschrieben, doch die Aussage hat an Aktualität nichts verloren. Noch immer herrschen Normen, wie jemand sein soll. Die Optik ist reglementiert durch einen BMI, welcher sich in einer festgelegten Spannweite bewegen darf. Ist er drunter, ist man Hungerhaken, Bohnenstange, Skelett oder Kleiderbügel, ist man drüber ausgegrenzt, bei jedem Bissen argwöhnisch und spöttisch beäugt, ausgelacht und oft verachtet. Und auf dieselbe Weise werden die übrigen Belange des Lebens in Massstäbe aufgeteilt. Man kann auf der Skala immer anschauen, wo man steht, es gibt Kurven, die anzeigen, in welchem prozentualen Bereich man sich bewegt und Statistiken, die das in schönen farbigen Balken darstellen. Das wirkt vertrauenswürdig, das wirkt fundiert, das wirkt sicher. Keine Unsicherheiten, keine Ausbrüche, keine Abstürze. Alles geregelt, alles nachvollziehbar. Wo kämen wir hin, wenn jeder täte, wie er wollte? Man wüsste nicht mehr, wo man stünde, wüsste nicht, wer man ist. So aber weiss man: ich bin gut oder ich bin daneben. Und man kann sich freuen. Wenn man gut ist. Wenn man aber daneben ist, dann Gott behüte. Dann ist man wirklich ab der Spur und sollte sich was schämen.

Wir befinden uns doch ein paar Jahre nach Herrn Nietzsches Niederschrift. In einer Zeit, die wir so gerne als aufgeklärt, offen, tolerant sehen. Die aber noch immer voller Vorurteile und Verurteilungen ist. Alles, was anders ist, wird kritisch betrachtet. Es macht Angst. Stört die vermeintliche Sicherheit des mühsam aufgebauten Konstrukts dessen, was gut und richtig ist. Das, woran man sich halten kann und weiss, alles ist gut. Alles kommt gut. Wäre dieser Halt nicht da, fühlte man sich haltlos. Wo gehörte man hin? Man müsste sich selber definieren und daran glauben, dass es gut ist. Denn niemand würde es einem sagen. Besser also, man hört von aussen, dass man gut ist, man passt sich an, passt sich ein. Dann muss es ja gut sein. Die anderen können nicht irren. Man selber vielleicht schon. Wenn man sich aber anpasst, irrt man sicher nicht, man ist im Recht.

Wo bleiben die Sehnsüchte, die eigenen Träume, Wünsche? Meist unterdrückt, sublimiert. Durch all die Reize und Krücken, durch Hilfsmittel, die decken, unterdrücken, hochhalten. Eisern hält man sich dran, um nicht unterzugehen. Der Einbruch von etwas Unvorhergesehenen, Unakzeptierten wäre verheerend. Drum darf nicht sein, was nicht sein darf. Es muss weg, es muss in die Schublade des nicht Erwünschten, nicht Guten. Und der Mensch, der es bringt, damit. Er ist eine Gefahr für einen selber, für die Gesellschaft der Immergleichen und ein Störfaktor im System. Und man ignoriert, was Nietzsche treffend sagt:

Alles aber ist geworden; es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt.

Irgendwann dreht die Norm. Was heute gut ist, ist morgen schlecht. Die Geschichte zeigt mehrere solche Beispiele. Was dann? Wer sind wir dann? Einfach die neuen Guten? Wohl schon. Unbedacht, angepasst. Und die Fahne, die nicht dreht, die weht allein. Gegen den Wind.