Es fängt schon früh an. Kaum sind die Kinder auf der Welt, müssen sie im Wettkampf der Mütter um das schnellste, schönste und beste Kind bestehen.

„Mein Sohn macht mit 3 schon Puzzles mit 500 Teilen, kann deiner das?“

Der Blick, wenn dein Sohn das nicht kann, spricht Bände, man könnte meinen, vom Puzzeln hängt der Weltfrieden ab, zumindest aber die Zukunft des Kindes. Sollte das Kind irgendwann etwas nicht erreichen, wird man an das Puzzle denken und wissen: „Es zeigte sich schon damals.“ Damit das Leben leichter wird, gibt es mittlerweile für alles Tabellen und Diagramme. Man kann exakt ablesen, wie gross und schwer ein Kind in welchem Alter sein darf oder muss, um zur Norm zu gehören. Man weiss, wann es aufsitzen, sich umdrehen, loskrabbeln, aufstehen, loslaufen und reden können muss. Genügte es mal noch, sich in dem Rahmen zu bewegen, der als normal erachtet wurde, ging es bald weiter, indem man ihn übertreffen musste. Das Kind musste bitte schneller sein in allem, was es können muss, erst das macht die Mutter zur stolzen Mutter und das Kind zu einem Gewinnerkind.

Auf dem Pausenplatz geht es weiter. Die Kinder übernehmen die Muster und leben sie weiter. Das Kind, das eine Brille trägt, wird zur Brillenschlange und ausgegrenzt, der Junge ohne Sportlerfigur zum Schwabbelpudding und verspottet. Das Mädchen mit der anderen Hautfarbe wird beschimpft, gehauen und beleidigt. Aufgehört wird erst, wenn alle am Boden sind, die man am Boden sehen will, weil sie anders sind. Und nicht selten tritt man nochmals nach, weil es grad Spass macht.

Was so früh anfängt und eingeübt wird, hört nicht einfach mal auf. Es geht weiter, prägt sich ein, dringt tief. Jeder Mensch hat es in sich:

„Du musst besser sein, schneller sein, höher kommen. Gut ist nicht gut genug, nur der Beste wird gewinnen.“

Schliesslich wollen wir alle Gewinner sein, darauf sind wir ausgerichtet. Um zu gewinnen gibt es ganz klare Kriterien, die es zu erfüllen gilt, es gibt Massstäbe, an denen man sich messen muss (und die man bitte übertreffen soll) und richtige und falsche Wege, von denen man die ersten gehen, die zweiten meiden soll. Was richtig und falsch legt die Gruppe fest, in der man sich bewegt, es wird von denen propagiert, die am lautesten schreien und von den meisten gehört werden. Das sind die, welche innerhalb einer Gruppe an dem Punkt sind, der innerhalb der Gruppe als erstrebenswert gilt: der Punkt ganz oben. Ihnen glaubt man, weil sie es geschafft haben, sie müssen es also wissen.

Nun gibt es viele, die mit diesem Modell leben können, die sich in diese Gruppen einbringen und darin ihren Platz finden können. Es gibt aber auch die, welche mit dem Anspruch, besser, schöner, klüger, schneller sein zu müssen überfordert sind. Sie scheitern dabei, richtige Wege zu gehen, die ihnen nicht entsprechen, aber von Gruppen als solche (und einzige) Wege erachtet werden. Sie sehen sich in einer Gruppe, von der sie kein Teil sind, weil sie sich deren Gesetzen entziehen. Sie sehen sich oft verspottet, ausgegrenzt, gedemütigt – und demütigen sich selber, indem sie sich wünschten, so zu sein, wie die anderen, damit sie auch dazugehörten.

Oft werden sie getröstet, indem man ihnen vor Augen hält, was für Genies, Wunderkinder und herausragende Künstler auch Aussenseiter waren und es ganz weit gebracht haben. Man nennt Namen, die allen ein Begriff sind, zu denen man aufschaut, weil sie es an die Spitze gebracht haben in einem Bereich, und verweist auf ihre Wege, die den normalen Wegen nicht entsprechen. Was tröstend sein soll, ist aber nur eine weitere Herabsetzung. Nicht jeder, der in keine Norm passt, ist deswegen ein Genie oder Jahrhundertkünstler. Nicht jeder, der nicht klug ist, hat deswegen ein übergrosses Herz und nicht jeder, der nicht rechnen kann, ist deswegen ein Spitzensportler. Auch da steckt Normdenken und Massstab dahinter.

Schliesslich und endlich ist jeder, wie er ist und muss mit dem klarkommen, was er hat an Fähigkeiten, Eigenschaften und auch Glück im Leben. Das ist ab und an schon schwer genug. Schön wäre es, wäre man in seinem So-Sein – das auch ein Anders-Sein sein kann – getragen und müsste nicht noch gegen bösartige Angriffe und Abwertungen kämpfen. Anders ist weder besser noch schlechter, es ist anders. Jeder, der findet, ein anderer sei anders, ist selber anders als der andere. Wer also will sagen, welcher von beiden richtig, welcher falsch ist?

 

Mit Meinungen ist das so eine Sache. Jeder hat eine eigene und steht dahinter. Dabei sollte man die des anderen akzeptieren und gelten lassen. Das ist ein guter Ansatz und in der Meinungsäusserungsfreiheit steckt drin, dass auch jeder seine ganz frei äussern können muss. Prima. 

Nur: was gelten Meinungen, wenn jeder eine andere hat? Und jeder sagt dem andere, deine ist ganz prima, find‘ ich toll, dass du die hast. Und jeder denkt sich, dass die eigene aber besser ist. Das liegt in der Natur der Sache, sonst hätte er sie ja nicht. Nur sagen kann er es nicht, sonst wäre er ja intolerant und das geht ja gar nicht. Man übt sich in Toleranz und Offenheit, hört mit hochgezogener Augenbraue zu, nimmt den Finger nachdenkend an den Mund, schaut prüfend, sagt zögerlich „ja“ und dass das interessant klinge – und bleibt bei seiner Meinung. 

Das ist auch gut und recht, denn was wäre eine Meinung, würde sie jede Minute ändern, wie ein Fähnchen im Wind schwanken? Man würde verlacht, verachtet, man wäre der ohne eigene Meinung, der sich immer nach der gerade vorherrschenden richtete. Und das will man ja nicht. Man will ja wer sein und was gelten und eine Meinung haben. Und dazu stehen. Aber nie auf Kosten anderer. Nach aussen, im Innern denkt man natürlich, dass die alle mal einsehen könnten, dass die eigene eigentlich die wahre ist. Die einzig wahre Meinung. Eigentlich meint man nicht mehr, man weiss schon. Und sagt das auch dann und wann. Mit Feuer und mit Argumenten. Schliesslich hat man sie nicht nur einfach so, man hat sie erarbeitet. Man kämpft für sie und bringt sie dar, auf allen Wegen und mit allen Mitteln. Und besinnt sich dann an die Tugend des gelten Lassens, lenkt nach aussen ein. Bleibt nach innen stur. 

Manchmal geht man dann nach Hause und denkt nochmals nach und merkt, dass vielleicht doch was dran war an der anderen Meinung. Und denkt, dass man vielleicht doch was übersehen haben könnte. Nur mal so theoretisch, wäre ja möglich. Aber das kann man nicht zugeben, denn schliesslich ist da ein Gesicht und das will man nicht verlieren. Was dächten die anderen sonst. Wo man so vehement die eigene Meinung vertrat oder aber sicher durchschimmern liess. Man hat ja einen Ruf zu verlieren. Und selbst wenn nicht, man mag nun nicht hingehen und sagen, dass man sich täuschte. Und selbst wenn: was ist denn nun mit dieser eigenen Meinung? Was zählt die noch, wenn die ständig fällt und sich entwickelt? Wo kommen wir da hin und woran halten wir uns noch?