Seit ich vor einiger Zeit wieder mit Zeichnen begonnen habe, füllten sich mehrere Sketchbooks mit Zeichnungen, Skizzen, Letterings. Ich entwickelte mich weiter, hatte Freude, probierte aus, fand mit jedem Bild ein bisschen mehr heraus, was ich mag, was ich kann, wo ich mehr machen möchte. Endlich hatte ich etwas gefunden, was mir Freude macht. Mit dem Zeichnen kam auch immer wieder die Frage nach dem richtigen und guten Material auf – vor allem die Bücher stellten ein Problem dar, war doch die Qualität des Papiers wichtig für das Ergebnis, vor allem, wenn Wasserfarbe im Spiel war. Allerdings waren auch die Bücher mit der guten Qualität nicht ganz unproblematisch, da ich die schön halten wollte und mir damit das Kritzeln verbot – es hätte das Gesamtbild des Buches gestört.

Vor kurzem war mal wieder ein Buch voll und das nächste leere lag vor mir. Es war eines, das ich zum ermässigten Preis gekauft hatte. Die Qualität zeigte, wieso es so günstig war. Seite für Seite jammerte ich innerlich über das Papier, trotzdem gelangen mir ein paar wunderbare Zeichnungen darin. Das machte das Weglegen umso schwerer, da ich damit auch diese auf die Seite gelegt hätte. Irgendwann entschloss ich mich doch. Das neue Buch war toll, das alte kriegte die Aufgabe, für Kritzeleien dazusein. Während ich also im Qualitätsbuch darauf achtete, Bilder zu machen, die gefallen, lebte und tobte ich mich im anderen aus – und hatte Spass. Endlich wieder. Ich merkte, wie sehr mir diese Freiheit, diese Leichtigkeit abhanden gekommen war durch meinen Anspruch, etwas beweisen zu müssen, andern schöne Bilder liefern zu wollen. Und ich merkte, dass dies wohl nicht nur beim Zeichnen so ist.

Wie oft tun wir Dinge, nur um anderen zu genügen? Wie versuchen wir, es allen recht zu machen, zu genügen, schimpfen mit uns, wenn wir es (in unseren Augen) nicht tun. Dabei verlieren wir gar zu oft uns selber aus den Augen, steuern an einen Ort, an den wir nie wollten. Und: Die anderen werden es nicht nur nicht danken, die Chance ist gross, dass wir damit gar nichts erreichen.

Wenn ich mir nun meine beiden Sketchbücher anschaue, gefällt mir das billige besser. Die Zeichnungen sind freier, lebendiger, sie drücken mehr aus, was ich will, wer ich bin. Sie leben. Das teure ist gehemmter – aus Angst vor Fehlern. Es sind nur grosse Ansprüche drin, das kleine Leben fehlt. Und oft ist es genau das, was glücklich macht. Nicht nur beim Zeichnen.

So, es reicht. Ich habe mich immer redlich bemüht, lieb und nett zu sein, es allen recht zu machen. Ich habe Kohlen aus dem Feuer geholt, den Kopf hingehalten, Dinge gerade gerückt, die andere verbockt haben und am Schluss selber eins auf den Deckel gekriegt. Ich stand schon als Kind brav beim Examen, um dem Vater keinen Kritikpunkt zu liefern, wurde dann dafür gescholten, dass ich neben dem stand, der doof tat. Irgendwas ist immer, irgendwas stösst an. Allen macht man es nie recht.

Wieso will man eigentlich auf Gedeih und Verderb gefallen? Irgendwann hat man mal gelernt, dass man nur gut genug ist, wenn man das tut, was von einem erwartet wird. Die Problematik an dem Unterfangen ist nur, dass man

  1. nie genau weiss, was erwartet wird, das unterliegt der eigenen Findungsgabe, es erraten,
  2. nie weiss, wie der andere interpretiert, was man tut, das unterliegt, seiner Wahrnehmung,
  3. alles oft ganz anders kommt, als man sich das ausmalt.

Das Resultat beim Gefallenwollen sind meist Frust, Trauer, Wut – zumindest nichts Gutes und das bei allen betroffenen Seiten. Und trotzdem macht man weiter. Man denkt, dass es irgendwann gelingen muss, man sich nur nicht richtig angestellt, sich nicht genug bemüht hat. Und läuft immer wieder ins selbe Aus.

Wozu eigentlich? Hätte ich damals in der Schule mit dem Nachbarsbub die Sau rausgelassen, hätte ich wenigstens Spass gehabt. So wurde ich für etwas getadelt, wofür ich nichts konnte und hatte noch das ständige Gefühl, was zu verpassen.

Wieso soll ich den netten Mann von nebenan nicht anflirten, wenn er eine Frau hat? Ist er treu, ist es ein Spiel, ist er’s nicht, kriegte ihn sonst die Dritte, die sich traut, was ich aus sogenannt moralischen Rücksichtnahmen unterlasse. Wieso soll ich mein Glas Wein nicht trinken und das zweite noch dazu? Spiesser nennen es ungesund, ich habe Spass. Und wer von uns zuerst die Kurve kratzt, das zu entscheiden liegt eh nicht wirklich in unserer Hand – und auch sonst bei keinem, der uns nicht gerade mutwillig umbringt. Das Leben hat seine ungeschriebenen Gesetze, die menschlichen Versuche, denen auf religiösem, wissenschaftlichem oder esoterischem Wege beizukommen, sind eher der Sinn suchenden Verzweiflung denn dem Glauben an Erfolg gewidmet.

Ich denke an all die Menschen, die frisch fröhlich durchs Leben gehen, sich nehmen, was sie wollen, lügen, betrügen, opportunieren, wenn es ihnen in den Kram passt. Ich denke, was für eine Freude im Leben sie haben müssen, können sie tun und lassen, wie ihnen beliebt, wie es ihnen nützt, ohne Rücksicht auf Verlust. Frei nach dem Motto „Mir gehört die Welt und ich nehme sie mir“. Sollten sie je vom hohen Ross fallen, haben sie den Ritt bis dahin genossen, bleiben sie im Sattel, überspringen sie sämtliche Hürden.

Kürzlich sah ich einen Vortrag eines Neurowissenschaftlers und Psychologen. Er erzählte von einem Experiment, in welchem aufgezeigt wurde, dass kleine Babies zu altruistischem Verhalten neigen (sie neigen nicht nur, sie sitzen voll und ganz drin in dem Altruistentopf), erst das Wahrnehmen der Aussenwelt, die Adaption von Vorbildern dazu führe, egoistische Tendenzen auszubilden, sie sich anzueignen. So gesehen wäre jeder Altruist, der auf puren Egoismus verzichtet, schlicht lernresistent. Er hat es verpasst, sich von der Aussenwelt die überlebensnotwendigen egoistischen Tendenzen abzuschauen, die es später erleichtern, über Leichen zu gehen.

Was also tun? Pflicht oder Kür? Der Wunsch nach der Emanzipation vom Urteil von aussen, die Sehnsucht nach der eigenen Grösse, das zu tun, was gerade beliebt, ist gross. Einfach mal die Sau rauslassen, einfach mal den eigenen Weg gehen, fernab von allen Konventionen, Zwängen, Erwartungen. Im Wissen, immer noch geliebt zu sein, akzeptiert zu sein, wenn man ist, wie man ist und sein will. Einfach mal da stehen und wissen, man ist gut, wie man ist, und wer das nicht sieht, kann gehen. Man selber bleibt. Genau so. Der Wunsch bleibt, er fühlt sich gut an. Und doch hat er Grenzen. Sie sind da, wo andere leiden. Wirklich leiden. Nicht weil ihre überzogenen Erwartungen, die nur eigenem Egoismus entsprangen, verletzt werden, sondern weil man ohne Rücksicht auf wirkliche Verluste in ihre Welt eindrang, diese verletzte.

Also doch bleiben, was man zögerlich ist, der ständige Versuch, zu gefallen? Bei Weitem nicht. Augen auf und hinschauen lautet die Devise. Wer bin ich und wo will ich hin? Wieso soll das jemand anders für mich entscheiden? Es ist mein Leben, ich habe nur das eine. Andere geben Tipps und behaupten, alles besser zu wissen, leben lassen sie es doch mich. Wieso nicht gleich das tun, was ich will, wenn ich es sowieso selber tun muss? Dabei aber nie vergessen, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Glück hat und mein Weg nicht zwangsläufig durch das Gebiet des andern gehen muss. Glücklich sein, weil andere leiden kann man nur, wenn man die Augen verschliesst vor dem wirklichen Leben. Ich muss mein Leben nicht nach den Erwartungen anderer richten, kann aber auch nicht erwarten, dass sie mein Leben durch ihr Leid mittragen. Würde jeder so denken, entstände ein Miteinander von selbstbestimmten, das eigene Ich lebenden Menschen.

Friede? Mit sich und den anderen? Alles blosses Hirngespinst und Utopie? Nachtgedanken einer heillosen Idealistin?

Es gibt Tage, da verliere ich mich förmlich aus den Augen. Ich höre und schaue nach aussen, schnappe alles auf, versuche, darauf zu reagieren, finde, es klingt alles gut, halte es hoch, lobe es, stelle es über mich. Ich will danach handeln, denn ich denke, dass der, der es sagt, es wissen muss. Sicher besser wissen muss als ich es tue. 

Und irgendwann stehe ich da in all dem Erfüllenwollen und merke, es passt nicht. Merke, da stimmt etwas nicht. Sei es, dass der eine sich widerspricht, sei es, dass ich mehrere Wissende finde, die alle etwas anderes sagen und ich mich mitten drin sehe. Ich blicke wohl verwirrt und die Frage kommt: Was willst denn du? Was interessiert dich? 

Und da stehe ich dann und weiss es nicht. Vor lauter Hören, was andere gut finden und wollen, blieb das eigene Wollen irgendwo stehen und wurde ignoriert. Ich mass ihm weniger Wert zu als dem Wollen anderer, sah in deren Wollen mehr Sinn und Grund und Zweck, in meinem blosses Wunschdenken und Sinnlosigkeit. Mass den Wert, den ich ihnen statt mir zuteilte auch dem von ihnen Gewollten zu und wertete meines ab, erklärte es für nichtig.

Ich fange an zu suchen. Frage mich, wer ich bin und frage mich, wie ich so weit kommen konnte. Ich frage mich nach meinem Wollen und durchforste alles, was dahin führen könnte. Stosse überall auf Leere, jede Schublade, die ich öffne, jedes Buch – alles angefüllt mit Bedeutungslosigkeit, die ich einmal hineinlegte. Sie lacht mir förmlich entgegen und ich könnte weinen bei dem Anblick. Und ich tue es sogar. 

Ich verfluche mich, dass ich so doof war, verfluche meinen Hang zur Selbstzerstörung, schimpfe auf alles und jeden, suche Hilfe und stosse Anteilnahme zurück. Weise alle ab und fühle mich alleine. Und bin dann dankbar, wenn doch was kommt. Und langsam setzt sich alles wieder und ich sehe meine Fehler. 

Vielleicht wollten mich andere zu etwas überreden, das ich nicht war. Vielleicht wollten sie mir Dinge aufzwängen, die ich nicht wollte. Vielleicht wurde ich getäuscht, wurde ich manipuliert. Vielleicht auch allein gelassen. Vielleicht kleideten sie wenig in glänzende Hüllen, die überstrahlten, was ich so profan selber gedacht hatte. Aber ich liess es zu. Ich selber mass mir diesen geringen Wert zu und empfand alle als über mir stehend. Ich selber dachte, anderen etwas beweisen zu müssen und versuchte, mich zu verbiegen, bis ich nicht mehr ich war, sondern nur noch ein auf Erfüllung anderer Ansprüche getrimmtes Wesen. Ich selber verlor mich aus den Augen, indem ich andere im Blick hielt. 

Das hatte sicher Gründe, nichts ist ohne Grund. Und sicher habe ich es nicht bewusst und absichtlich gemacht, das wäre mehr als doof und selbst wenn ich ab und an sage und auch denke, dass ich es bin, so glaube ich doch, es nicht vollkommen zu sein, sondern nur ab und an ein wenig verblendet und zu unsicher in Bezug auf mich selber.

Während andere Wasser predigen und Wein trinken, rate ich allen immer, ihrem Herzen zu folgen, zu sich zu stehen, zu sehen, wie wunderbar sie sind und daran zu glauben, dass das reicht, es nicht mehr braucht. Und ich glaube das und die Ratschläge kommen aus ganzem Herzen, weil ich es so meine. In Bezug auf die anderen. In Bezug auf mich selber hapert es dann bei der Umsetzung. 

Und da ich das nun erkannt habe, gehe ich in mich, versuche, meine Ungeduld zu zügeln, lasse setzen, was war und warte, bis sich mein Ich wieder in Ruhe und klar zeigt. Einige Ahnungen habe ich, die werde ich vertiefen, anderes ist noch schwammiger. Irgendwann lichtet sich der Nebel und die Sonne des Frühlings wird wieder leuchten, in der Neues erblüht – Meines. Und das werde ich packen und nicht mehr loslassen. Loslassen muss ich nur die Verklärung anderer, die ich auf Sockel hebe und mein Licht unter selben stelle.