Einsichten beim Älterwerden

Täuscht du dich
oder zittert manchmal
die Hand ein bisschen
wenn du den Suppenlöffel hältst?
[…]

HohlerAltNachdem Franz Hohler vor 30 Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlichte mit dem Titel Vierzig vorbei, wendet er sich nun – aus gegebenem Anlass wohl – dem Thema zu, welches in der Prosa-Literatur eher ein Tabu ist: dem Älterwerden. Die Dichter befassen sich mehr damit.

Ob gereimt oder in lyrischer Prosa, immer bringt bringt Hohler die Dinge auf den Punkt. Die Verse erscheinen, als ob sie ihm einfach aus der Feder geflossen wären, so locker und leicht lesen sie sich, lassen sie sich laut vorlesen. Mal schaut Franz Hohler genau hin, nennt die Dinge beim Namen, mal verpackt er sie in Bilder, die dem so gern gemiedenen Thema Würde und Schönheit geben.

Da wirbeln sie
braun und vertrocknet
über die Dächer
drehen sich tanzend
[…]

Zwar ist das Bild des welkenden Blattes nicht neu, viele Dichter haben es verwendet, um das Alter zu beschreiben, trotzdem wirkt es nicht verbraucht oder zu herkömmlich. Eine wunderbare Melancholie zieht sich durch die Gedichte, nicht ohne dabei den Witz zu vergessen. Fragen werden gestellt und geschaut, was sein könnte, hätte sein können und noch ist. Das alles passiert in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Französisch, Mundart, Englisch und sogar Altgriechisch – Ein wunderbares Potpourri.

Fazit:
Melancholie nicht ohne Heiterkeit, offengelegte und auf den Punkt gebrachte Einsichten zum Älterwerden, Tiefgang in Versform – ein wunderbares Buch. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (27. Februar 2017)
ISBN-Nr: 978-3630875446
Preis: EUR 16/ CHF 23.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

(Rainer Maria Rilke)

Draussen dämmert es, Mondlicht im See. Der Tisch ist gar klein und alles ist eng. Eine blassgelbe Blume kämpft gegen Schein, die Kerze soll Stimmung bringen, nimmt noch mehr Raum. Beide sind Schranke zwischen uns drin, stehen so da, nehmen uns ein. Da passt keine Hand durch, kein falsches Wort. Alle kommen sie durch die Blume hindurch.

„Hast du auch Hunger?“, du schaust zu mir hin, mit schwarzbraunen Augen, so gross und so ernst. Mir ist grad nach andrem, ich weiss nicht wonach. Irgendwo ist mir die Gewissheit verloren, was ich nun will  und was ich auch kann. Essen ist wohl die einfachste Wahl, alles andere erscheint mir so schwer. Etwas Rotwein könnt’ helfen, die Klippen zu weichen, den Kanten die Schärfe abziehn.

Das letzte Mal hier war ich im anderen Leben, mit einem anderen Mann. Ich war glücklich, dachte, ich könnte es sein. Dachte an Ankommen, an Friede und Heim. Wo vorher die Leere, ein pestscharzes Loch, schien Licht nun und Zukunft, was wollte ich noch? Vorher da suchte ich, Raum und auch Zeit. Verlor mich oft selber, um anders zu sein. Mich gefunden, verloren, neu erfunden, neu verwirkt. Aus jedem Scheitern habe ich Lehren gezogen, sie mitgenommen, gedacht, nun weiss ich es besser, die nächste Etappe in Angriff genommen, wieder gefallen. Und dann der Hafen. Der breite, grosse, mich einnehmend, verschlingend. Ich habe mich hingegeben. „Willst du mich ganz?“ Und wie ich es wollte. Hoch auf dem Berg mit Blick über alles. Ich war so frei, ich wollte es sein. Ich lief mit offenen Augen hinein ins Verderben. Wieso denk’ ich noch dran? Ich sitz’ hier mit dir.

„Magst du auch Wein?“ Unbedingt will ich, denn Wein ist so gut. Lässt die Gedanken anhalten, sie kreisen nicht mehr. In Ringen, der eine dem anderen nach, immer grösser, immer weiter. Ein Stein fiel ins Wasser, zog sie um sich, einen ganz klein, den nächsten darum. Sie werden grösser, fliessen aus, blenden aus, was da noch war. Mittendrin, da spiegelt sich noch immer der Mond.

Oft sassen wir oben am Berg und sahen den Mond. Wir sahen den See und träumten die Welt, die Luftschloss nur war. Versprochen war Stahl. So hart er auch ist, so sicher wirkt er. Zurück blieb ein Hauch, ein nichts war mehr da. Hier sitze ich nun und alles ist neu. Du bist da, verstehst mich sogar, wie keiner es tat. Gleiche Themen, gleiche Träume. Ich vermisse den Stahl, sehe nur Luft. Mir fehlt der Glaube, wie kann das besteh’n?

Ich sag’s durch die Blume. Du verstehst es wohl nicht. Vielleicht ja auch doch, willst es nur nicht. Du glaubst an die Zukunft, bist lebensfroh. Ich beneid’ dich darum, ich wär’ auch gern so.  In mir dreh’n die Kreise, sie schaukeln sich hoch. Soll ich ihn wagen, kann ich es tun? Noch einmal kreisen, zum wievielten Mal? Ertrag ich den Fall, wenn er denn kommt? In mir wächst Wehmut in Kreisen heran, die weder Wein noch Salat retten kann. Mir fehlt die Gewissheit, mir fehlt auch der Mut. Ich kreise im Alten, das kenne ich gut.  Und wenn es dann scheitert, dann bin ich geübt, nichts wird mehr töten, es ist schon erprobt.

Ich lebe mein Leben

so still vor mich hin.

Lasse es laufen,

gebe mich hin.

 

Liebe die Ruhe,

schätze den Fluss.

Kommt etwas Neues,

bringt es Verdruss.

 

Lässt mich erschauern,

die Ängste schrein stumm,

weiss nicht wo halten,

es wirft mich fast um.

 

Muss es ertragen,

hab keine Wahl,

möchte nur rennen,

raus aus der Qual.

 

Fühl mich gefesselt,

im Jetzt und im Hier,

was wird passieren,

was wird nun aus mir?

 

Suche nen Ausweg,

suche nach Halt,

suche nach Wärme,

ist alles so kalt.

 

Schlage wild um mich,

spüre mich nicht,

möchte die Kür,

seh nur die Pflicht.

 

Und es rückt näher,

bedrohlich und gross,

will mich erschlagen,

was mach ich jetzt bloss.

 

Fühle mich klein,

so unendlich klein,

möchte doch nur

im alten Trott sein.

 

Fühlte mich sicher,

wusste was war,

alles war einfach,

alles war klar.

 

Nun droht mir das Neue,

noch kenn ich es nicht,

und schon diese Schwebe,

raubt mir das Licht.

 

Klar zu sehen,

wie es wird sein.

Zurück bleibt die Trauer,

um das, was war mein.

 

Zurück bleibt die Wut,

dass nun es ist aus,

dass nun kommt das Neue

mit all seinem Graus.

 

Doch ist es dann da,

ist’s meistens ganz gut,

man schickt sich hinein,

und tut, was man tut.

 

Gewohnheit entsteht,

man ist wieder froh,

und bis es neu dreht,

bleibt das auch so.