Der junge Mann

Claudia lief durch die Bahnhofunterführung. Noch immer war alles eng, es wurde gebaut. Eigentlich seit sie denken konnte, war dieser Bahnhof ein einziges Provisorium, bei dem es jeden Morgen eine neue Überraschung war, welcher Durchgang offen, welches Gleis befahren, welcher Zug im Einsatz war. Während Claudia sich müde durch die Menschenmasse quälte, wurde sie plötzlich von hinten unsanft angerempelt. Jemand hatte mit dem Fuss gegen ihre ohnehin schwere Einkaufstüte getreten, danach ihren Arm gestreift, nun war er wenig vor ihr, murmelte ein Sorry, war schon weiter.

Ein junger Mann mit langem dunklem Bart, leicht gekraust. Die Haare irgendwo in der Mitte zwischen kurz und lang, auf der Seite nach hinten gegelt. Eine Mischung zwischen Moslem, wie man sie nun ständig in den Medien sah, und modernem Popper. Diese Mischung zog sich weiter. Er trug eine dunkelblaue, gefütterte Jacke mit Kapuze, die ein Pelzkranz zierte.

Claudia erinnerte sich, kürzlich irgendwo gelesen zu haben, dass diese falschen Pelze in Tat und Wahrheit oft echt waren, da echter Pelz günstiger sei als falscher. Bei dem Gedanken fasste sie unwillkürlich an ihre eigene Kapuze, strich mit den Fingern über den Pelzbesatz, fand, so könne sich kein echter Pelz anfühlen. Und selbst wenn: Würde es was ändern? Gekauft hätte sie die Jacke mit echtem Pelz nie, aber sie nun fortwerfen, wäre er echt? Käme auch nicht in Frage. Davon würde das Wiesel – oder was auch immer es sein könnte – auch nicht mehr fröhlich über Wiesen hüpfen. Wie sahen eigentlich Wiesel aus? Claudia hatte keine Ahnung.

Der junge Mann lief immer noch vor ihr, über die Schulter geworfen trug er eine Tasche, unter dem Arm einen Koran. Er schien es wirklich eilig zu haben, lief in Richtung der Busse. Claudia ertappte sich beim Gedanken, zu hoffen, dass er nicht in ihren Bus einstieg. Was, wenn das ein Terrorist wäre? Wenn der sich und den gesamten Bus in die Luft sprengte? Aus Protest gegen die Schweiz oder in irgendeiner Mission Allahs. Vielleicht auch nur, weil er scharf auf die Jungfrauen war. Wie viele waren es nochmals? 72? Claudia fragte sich, ob dieser Gedanke nicht sehr rassistisch war. So etwas denkt man einfach nicht, schimpfte sie mit sich. Trotzdem äugte sie ängstlich zum jungen Mann, der immer näher bei ihrem Bus war – und schliesslich einstieg.

Claudia dachte spontan daran, ob sie nicht einen Bus später heimfahren sollte. Sicher wäre sicher. Sie spürte eine innere Unruhe. Irgendwie hatte sie einfach zu viel gelesen in letzter Zeit. Überall auf der Welt gab es Tote. Busse flogen in die Luft, Cafes wurden gestürmt, Menschen entführt, Redaktionen ausgelöscht. In der Theorie hatte sie ja nichts gegen Menschen irgendeiner Religion, aber sie merkte bei sich eine schleichende Angst, die sich breit machte, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

Claudia stieg in den Bus ein. Sie setzte sich ganz nach hinten, wie immer. Der junge Mann sass weiter vorne. In dem Moment stieg ein Freund von ihm ein, sie begrüssten sich, der Zweite setzte sich neben den jungen Mann. Claudia holte ihr Buch aus der Tasche und versuchte zu lesen. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, sie schielte immer wieder nach vorne. Dann senkte sie die Augen wieder ins Buch, versuchte der Geschichte zu folgen. Als sie wieder aufschaute, war der junge Mann verschwunden. Ebenso sein Freund. Claudia schämte sich, spürte aber auch Erleichterung.

Alltagsmensch – Unterdrückte Eigenheiten

Ich bin ein Alltagsmensch. Drum gehe ich auch nicht gerne in den Urlaub. Urlaub ist für mich nicht Erholung wie für andere Menschen, Urlaub ist für mich Stress. Er reisst mich nicht nur aus meinem Alltag heraus, er reisst mich- wenn ich weggehe – auch aus meiner Umgebung. Ich habe die Dinge, die mein Leben begleiten, nicht mehr um mich und damit geht für mich ein Stück meines Lebens, meiner Sicherheit, verloren. Ich fühle mich haltlos, weil ich nicht mehr einfach auf meine Dinge zurückgreifen kann. Ich fühle mich unsicher, weil ich nicht einfach meine Wege gehen und die Dinge tun kann, die ich tue, wenn ich mich danach fühle, sie zu tun. Dies, weil sie entweder nicht da sind oder aber einfach die Umstände so sind, dass es nicht geht. Ich fühle mich unbeholfen, weil ich nicht mehr weiss, was ich nun wann, wie machen soll und kann und darf. Und selbst wenn es heisst, ich dürfe alles, wie zuhause, ist es nicht so wie zuhause. Mein Zuhause ist meine Burg, mein sicherer Hafen. Und ich brauche ihn.

Das scheint für andere Menschen schwer verständlich zu sein. „Geniesse den Abstand“, „Geniesse, das Nichtstun“, „Geniesse die Ferien“ – alles Tips, die man kriegt. Den ungläubigen Blick und die Verständnislosigkeit in der Stimme gibt es gratis obendrauf. Wie kann man nur nicht gerne im Urlaub und auf Reisen sein? Ich bin gerne auf Reisen, wenn ich ständig irgendwie beschäftigt bin, Neues sehe, Programm habe, das mich möglichst nicht nachdenken lässt. Sobald die Beschäftigung aufhört, kommt die Leere, die ich zu Hause nicht kenne. Dann kommt das Gefühl, irgendwo verloren zu sein. Ich kann das zwar unterdrücken und mich mit Büchern und Computern, notfalls mit dem Fernseher beschäftigen. Das klappt aber nicht ewig und in mir macht sich eine grosse Trauer, Frustration, Hilflosigkeit breit. Und Heimweh.

Bin ich komisch? Mag sein. Bin ich unnormal? Auch das kann durchaus sein. Aber ich bin nun mal, wie ich bin und muss mit diesem Zug zurecht kommen. Ich habe mich immer schlecht gefühlt, weil ich bin, wie ich bin, mich verurteilt dafür, mit mir geschimpft, weil man so ja nicht sein kann. Und ich fühlte mich in dieser Selbstverurteilung im Recht, wurde sie mir doch von aussen als richtig bestätigt, was sich im Unverständnis anderer Menschen deutlich ausdrückte.

Das Problem ist jedoch: Es kann noch so unnormal sein, es ist, wie es ist. Indem ich es unterdrücke, mache ich es nicht besser, ich werde dadurch keine andere, ich leide einfach. Und das Leiden wird grösser. Und es erdrückt. Teilweise körperlich spürbar. Was man unterdrückt ist ja nicht einfach weg, es ist noch immer da und es hat noch immer die Eigenart, die es hat. Das Unterdrücken hält nur den Deckel drauf, kann aber nicht auf Dauer funktionieren. Langsam fängt das Unterdrückte gegen den Deckel zu drücken an, es wird stärker, will raus, versucht, den Deckel zu heben. Der Druck des Zuhaltens fördert den Gegendruck des Ausbrechenwollens. Bis irgendwann der eine nachgibt. Im besten Fall der Deckel, dann kommt es zu einer Explosion. Im schlimmsten Fall die eigene Seele– dann kommt es zu einem zerbrochenen Menschen. Ob das nicht ein zu grosser Preis dafür ist, normal sein zu wollen und von anderen so gesehen zu werden, muss jeder für sich selber entscheiden.

Alltagsmenschen

Ich bin ein Alltagsmensch. Daneben gibt es Abenteuermenschen, Menschen, die Neues erleben wollen, müssen, es gar suchen. Sie sind die coolen. Ich bin ein Alltagsmensch. Ich mag die Dinge absehbar. Mag es, zu wissen, was kommt, wie es kommt, wann es kommt. Damit ich mich einstellen kann.

Alltagsmenschen sind langweilig. Sie sollten was wagen. Sich dem Leben hingeben, dahin treiben, sich gehen lassen. Man wisse eh nie, was komme, das Leben gehe seine eigenen Wege. Heisst es. Aber ich kann das nicht. Ich will mein Leben absehbar haben. Das gibt mir Halt. Ich muss nicht wissen, was genau kommt. Ich weiss, dass ich das nicht kann. Aber gar nichts zu wissen, das macht mich unruhig. Unruhe ist das schlimmste Gefühl für mich. Unruhe bringt Ängste hoch, bringt Unsicherheiten mit sich. Unruhe lässt mich nicht schlafen, nicht arbeiten, nicht klar denken. Sie reibt mich auf.

Ich bin ein Alltagsmensch. So einer, der gerne seinen Trott hat und ihn durchzieht. Einer, der in neuen Gegebenheiten schnell einen neuen Trott sucht. Um sich wieder heimisch zu fühlen. Einer, der das Neue zuerst ablehnt, weil es neu ist, der sich mit Neuem erst anfreunden muss. Der sich dann doch drauf einlässt, vor allem, wenn es eigentlich gewünscht ist. Und dann auf dem schmalen Grat balanciert zwischen Wunsch, Wohlgefühl und Nachhaltsuchen.

Ab und an schelte ich mich, weil ich weiss, dass Neues zum Leben gehört. Und ich zähle mir selber die vielen Momente auf, in denen das Neue toll war, ich im Nachhinein sagen musste, dass ich mir umsonst Gedanken gemacht hatte. Dann nehme ich mir vor, mich Neuem gegenüber offener zu zeigen, das Leben dahin plätschern zu lassen. Und stosse an meine Grenzen. Weil ich bin, wie ich bin. Ein Mensch, der sein Zuhause, seinen Hafen, seinen Halt braucht. Den sicheren, von dem aus er ausschwärmen kann. Im Wissen, der Hafen ist da, er ist die Basis, das, was trägt. Zu viel Neues, zu viel Unruhe, zu viel Nichtwissen untergräbt. Weil ich eben Alltagsmensch bin. Kein Abenteurer. Nicht cool. Einfach ich.

Paul und Pauline

Wenn ich mir so den Paul anschaue, dann hat er alles, was so ein richtiger Mann haben sollte. Er ist intelligent, charmant, sieht gut aus, kümmert sich um mich, buhlt um mich, versteht alles, was ich sage, findet alles gut, was ich mache, versteht nicht, wie das mein Mann nicht machen kann. Ja – mein Mann. Der ist nicht wie Paul. Mein Mann hat Fehler. Und zwar so richtig viele. Von den Socken am Boden angefangen über Chaos wohin man schaut bis hin zu so unangenehmen Angewohnheiten, die ich gar nicht alle aufzählen will, da sie mir sonst nur wieder zu präsent sind und ich mich darüber aufrege. Wieso ich diesen Mann habe und nicht Paul? Paul war grad nicht im Angebot, als ich meinen Mann kennen lernte und zudem war mein Mann auch mal ein Paul.

Was ist geschehen? Wo hörte mein Mann auf, Paul zu sein? Wo ging Paul verloren und mein Mann blieb? Und wieso kommt nun ein neuer Paul, wenn ich doch meinen Mann habe? Ich möchte eigentlich keinen Paul haben, denn der zeigt mir die Schwächen meines Mannes noch viel deutlicher. Und ich möchte keinen Mann haben, denn dann könnte ich Paul haben. Gut, ich könnte meinen Mann verlassen und Paul nehmen, Paul wäre bereit und würde sich freuen, er findet mich ja so gut und er ist ja auch so gut. Aber das macht man nicht. Nicht so einfach. Oder doch?

Allerdings: Wenn mein Mann auch mal Paul war und nun mein Mann ist, was ist, wenn Paul auch plötzlich mein Mann und nicht mehr Paul ist? Was, wenn ich dann wieder einen Paul treffe und wieder dastehe und einen Mann habe statt einem Paul? Was, wenn ich dann wieder von Mann zu Paul wechseln muss und wieder nur warten kann, bis auch aus dem Paul ein „mein Mann“ wird? Ist nicht jeder Paul ein Mann? Und sieht man nicht nur anfangs den Paul und irgendwann nur noch den Mann? Ist das der Lauf des Lebens? Oder aber der Lauf der eigenen Wertigkeiten? Vielleicht ist es auch der Preis der Nähe?

Je näher ein Mensch kommt, je mehr Zeit man mit ihm verbringt, desto mehr kommen alle Seiten zum Tragen. Zeigt man in frühen Phasen des Zusammenseins nur die guten, will man das zwar vielleicht später auch noch – wobei eine gewisse Nachlässigkeit wohl sicherlich normal ist –, aber es lässt sich nicht mehr so einfach durchhalten, weil die Zeiten, die schlechten auszuleben, kleiner werden, während die gemeinsamen Zeiten zunehmen, so dass es nicht ausbleibt, dass man eben die nicht gewollten Seiten öfters mal zu sehen kriegt. Während anfangs die Socken in Pauls Wohnung ungesehen am Boden liegen, tun sie das irgendwann in der gemeinsamen und fallen da ins Auge. Wer weiss, was bei Paul zu Hause alles so rumliegt?

Und irgendwann kommt es hart auf hart. Und Paul sucht das Weite, weil alles so schwierig und alles so kompliziert ist und Paul eigentlich lieber schönes Wetter hat als Regen. Und mein Mann steht da und zückt den Regenschirm. Und ich denke: Was kümmern mich Socken, wenn ich nicht im Regen stehen muss? Was störe ich mich an all den Kleinigkeiten statt die wirklich wichtigen Dinge zu sehen? Wieso bin ich nicht dankbar für das, was ist, statt zu hadern über das, was nicht ist? Natürlich ist nicht alles erlaubt und ein wenig Paul täte jedem Mann gut. Aber ich bin ja auch nicht nur Pauline, sondern ab und an halt auch nur die Frau  mit Jogginghose und schlechter Laune. Ab und an bin auch ich nur die Frau, welche nicht alles am Manne lobt und gut findet und ihn den schönsten und liebsten und besten, und trotzdem erwarte ich, dass er nicht gleich zu einer Pauline springt, die all das tut, weil er das ja durchaus sein kann – und mal war für mich und noch sein könnte, würde ich nicht nur die Socken und Alltäglichkeiten sehen.

Vielleicht sollten wir immer mal wieder den Paul im eigenen Mann sehen und auch ab und an Pauline sein.

Bettina Plecher – Nachgefragt

bettina-plecherBettina Plecher wurde 1969 in Pasing (München) geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Klassische Philologie. Nach dem Studium unterrichtete sie zuerst in Yorkshire, danach an verschiedenen bayrischen Gymnasien. Es folgte eine Kinderpause, der anschliessende Wiedereinstieg ins Lehreramt wurde durch das Projekt um ihren Erstlingsroman, Giftgrün (2013), vereitelt. Bettina Plecher lebt mit ihrer Familie in München.

Bettina Plecher hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue:

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 

Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich einen Unterhaltungsroman schreiben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.
Ich hatte ja immer das Privileg, mich beruflich mit Literatur auseinanderzusetzen zu dürfen und wusste recht genau, wie hoch die Latte liegt.
Solange ich mich fast ausschließlich mit der sogenannten Hochliteratur beschäftigt habe, hätte ich es mir deshalb niemals angemaßt, selbst zu schreiben.

In der Zeit, als meine Kinder klein waren, hatte ich eine Weile nicht mehr den langen Atem, mich mit wirklich ernsthaften Texten auseinander zusetzen und entdeckte die Unterhaltungsliteratur für mich. Es war aber gar nicht leicht, Romane zu finden, die ich richtig gut fand. So entstand die Idee, etwas zu schreiben, das auch Lesern wie mir Spaß machen könnte.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich glaube, viel lesen, hilft beim Schreiben. Darüber hinaus sollte man wohl kreativ und vielleicht auch ein bisschen mutig sein.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Einen Kriminalroman muss man planen. Das Genre setzt einen rationalen Prozess voraus. Während des Schreibens aber geschieht oft Unvorhergesehenes. Figuren entwickeln ein Eigenleben, tun auf einmal Dinge, die man ihnen zunächst gar nicht zugetraut hätte. Das ist manchmal fast unheimlich.

Ich schreibe, wenn es die Temperaturen zulassen (d.h. ab 10° Celsius), in meinem Wintergarten. Wenn es zu kalt ist, am Küchentisch.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ideen finde ich überall. Ich beobachte, höre zu, lese Zeitung. Das Entwickeln einer Geschichte aus den Ideen aber ist für mich harte Arbeit. Gespräche mit Freunden erleichtern mir diese Arbeit, aber es bleibt schwer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es gibt Phasen, in denen ich vollkommen absorbiert bin, und meiner Umwelt gehörig auf die Nerven falle. In anderen Phasen muss ich mich zwingen, jeden Tag einige Stunden an den Schreibtisch zu gehen – dann habe ich Feierabend, sobald ich das Laptop zuklappe.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Sind Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bin ich in jeder meiner Figuren. In manchen mehr, in manchen weniger. Am meisten Persönliches liegt in den Figuren, aus deren Perspektive ich erzähle.

Wieso haben Sie einen Krimi geschrieben? Ist es das, was sie auch am liebsten lesen oder ist es die Freude, die bösen Seiten ausleben zu können, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich finde es zum einen reizvoll, in einem Genre zu schreiben, das zwar sehr klare Strukturen vorgibt, zugleich aber auch viel Spielraum lässt.

Auf der anderen Seite interessieren mich Grauzonen. Die Grauzone zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Gesund und Krank. Mich interessiert, was passieren muss, damit jemand, der bisher ein Ausbund an Tugend war, auf einmal die Grenze zum Verbrechen überschreitet.

Sie haben Geisteswissenschaften studiert, auch in dem Bereich (wie überall in der Wissenschaft) gibt es Protegés und Kampf mit Ellbogen. Wieso verlegten Sie Ihren Roman in die Medizin?

Vielleicht ist es leichter, über etwas zu schreiben, zu dem man eine gewisse Distanz hat. Außerdem bin ich mit vielen Ärzten befreundet und fand das Spannungsfeld zwischen Menschenliebe und Ehrgeiz, Leistungswillen und Ohnmachtsgefühl.  Erfüllung und Frustration, in dem sich gerade Klinikärzte bewegen, immer schon spannend. Ich habe mich gefragt, was geschehen muss, damit eine normale Klinik, mit relativ normalen Strukturen und Bedingungen zum Nährboden für ein Verbrechen wird.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Eine sehr schwere Frage, die in diesem Rahmen kaum beantwortet werden kann. Nur so viel: Ich liebe Geschichte, ja ich bin gierig nach Geschichten. Die deutsche Gegenwartsliteratur ist mir deshalb manchmal etwas zu handlungsarm.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Leider ziemlich kompliziert.

Herzlichen Dank für diese Antworten und den Einblick in den Schreiballtag!

Jojo Moyes – Nachgefragt

©Phyllis CHristopher
©Phyllis CHristopher

Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

Jojo Moyes hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu Ihrem Schreiben zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wieso schreiben Sie? Gibt es einen speziellen Grund, einen Auslöser dafür?

Ich habe schon als Kind geschrieben, trotzdem dachte ich nie, dass ich Schriftstellerin werden könnte – dieser Beruf schien irgendwie nichts mit mir zu tun zu haben. Ich habe zehn Jahre für Zeitungen geschrieben und sah rund um mich Leute Bücher schreiben, bis ich eines Tages dachte: Wieso ich nicht?

Es gibt diverse Angebote, Kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe mir das Schreiben selber beigebracht. Ich habe drei Romane geschrieben, die nie publiziert wurden. Sie haben mich gelehrt, wie ich an Charaktere herangehen und sie aufbauen kann, wie ich einen Plot gestalten muss. Ich hätte sehr gerne einen Kurs in Kreativem Schreiben besucht, hatte aber nie die Zeit dazu, da ich voll arbeitete, ein Baby hatte und daneben noch versuchte, in der spärlichen Freizeit meinen eigenen Roman zu schreiben. Ich denke, solche Kurse können einem viel beibringen, doch es muss ein gewisses Talent vorhanden sein, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen. Ich glaube nicht, dass jeder ein Buch in sich hat, wie es ein Sprichwort sagt. Vielleicht hat jeder eine Geschichte in sich, ab und an ist es aber vielleicht besser, diese einen anderen schreiben zu lassen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Meist werde ich durch eine Idee inspiriert – ein Zeitungsartikel, jemandem, den ich kenne, passiert etwas – ,welche sich mit anderen Dingen vermischt, die in meinem Kopf rumschwirren. Langsam, meist noch unbewusst, fange ich dann an, daraus einen Plot zu konstruieren. Wenn ich dann wirklich zu schreiben beginne, bin ich strukturierter. Ich schreibe einen ungefähren Plan meines Plots, schreibe die einzelnen Geschichten meiner Hauptcharaktere, so dass ich eine Idee davon habe, wie diese sind, bevor es losgeht.

Ich schreibe an den verschiedensten Orten – zu Hause, in einem kleinen Büro, das ich gemietet habe, im Zug, in einem kleinen Apartment, das ich in Paris teile. Alles, was ich brauche, sind ein paar freie Stunden ohne Unterbrechungen und meinen Computer.

Was waren die Inspirationsquellen Ihrer letzten Bücher?

Meine letzten beiden Bücher – The Girl Left Behind und Me Before You (Ein ganzes halbes Jahr) – sind beide durch Zeitungsartikel inspiriert worden. Oft passiert es, dass ich etwas höre oder lese und ein Bild oder eine Frage bleibt hängen, lässt mich nicht mehr los. Im Falle von Ein ganzes halbes Jahr(EGHJ) fragte ich mich immer wieder: Was braucht es, um Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind in eine Klinik für begleiteten Selbstmord zu bringen. Und: Wie würdest du leben, wenn dir alles, was dich ausmacht, genommen würde.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

 Ich habe gerade dieses Wochenende festgestellt, dass ich meine letzten zwei freien Tage am Stück im Januar hatte. Ich habe wenig freie Zeit im Moment, weil ich versuche, ein Buch fertigzustellen, zwei weitere in verschiedenen Ländern promote und daneben noch ein Drehbuch von EGHJ für MGM schreibe. Um mich zu entspannen unternehme ich Ausflüge mit meinen Kindern oder reite mit meinem Pferd übers Land. Aber ich muss gestehen, ich denke eigentlich immer übers Schreiben nach, selbst wenn ich es nicht tue, vor allem, wen ich ein neues Buch entwickle. Manchmal denke ich, es muss mühsam sein, mit mir zu leben.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Sind Aspekte von Ihnen in Ihrem Roman EGHJ?

Ich denke, alle erschaffenen Charaktere sind auf eine Art Erweiterungen des Schriftstellers, seiner Person. Bezogen auf EGHJ sind da einige Themen, mit denen meine Familie konfrontiert war, so dass das bestimmt in meinem Kopf war, als ich diese Geschichte schrieb.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten Ihres Romans mit dem Film Intouchable. War das je ein Problem für Sie? Haben Sie Philippe Pozzo di Borgos Geschichte gekannt, als Sie zu schreiben begannen?

Ich wusste nichts von Intouchables bis ich mein Buch beendet hatte. Ich war vor allem sehr verärgert, als ein Filmdirektor, der sich zuerst für das Buch interessiert hatte, sich zurückzog, als er von Intouchables hörte. Eines Tages sah ich den Film selber im Flugzeug und ich fand ihn wundervoll. Ich denke, die beiden Geschichten sind unterschiedlich genug, so dass die Leute beide geniessen können (auf alle Fälle hoffe ich das!).

[Achtung: Die nächste Frage nimmt das Ende von EGHJ vorweg – wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte sie vielleicht überspringen]

Liebe hat viel Kraft. Wieso ist sie in Ihrem Roman unterlegen? Wieso ist der Tod mächtiger?

Ich wollte zeigen, dass Liebe manchmal nicht genug ist. Und manchmal sind auch Happy Ends, die wir als solche sehen, in Tat und Wahrheit keine. Ich hätte ein Ende schreiben können, bei dem Will und Lou zusammen geblieben wären, aber das hätte nicht zu seinem Charakter gepasst, das hätte Will nicht entsprochen.

Was muss ein Buch mit sich bringen, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

 Ich habe viele Lieblingsautoren – Barbara Kingsolver, Michael Chabon, Nora Ephron, Marian Keyes, Stieg Larsson. Bei sehr literarischen Büchern bin ich oft frustriert, weil sie für mich zu wenig Plot haben. Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger tolerant mit Büchern bin. Wenn Sie mich nach 50 Seiten nicht gepackt haben, neige ich dazu, mich etwas anderem zuzuwenden.

Wenn Sie sich mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Hartnäckig, loyal, glücklich!

Ganz herzlichen Dank für diese offenen Antworten, die einen schönen & persönlichen Einblick gewähren.

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstrasse

Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90

Dankbarkeit

Die Ferien sind vorbei. Ich erinnere mich gut, als sie bevor standen. Sie waren so lang, so gross, so erschreckend anders als der Alltag. Ich bin ein Mensch, der seinen gewohnten Ablauf schätzt, die Freiräume, die Engpässe, die geregelten Strukturen. Man weiss, was kommt, man ist es gewohnt, läuft in den vorgespurten Pfaden. Manche mögen das langweilig finden, ich mag es – brauche es ein Stück weit.

Mein Alltag ist eher einsam. Ich wurstel mich so durch den Tag, vermeide es, zu viele Menschen zu sehen, geniesse meine Ruhe. Für diese Ferien hatte ich Programm geplant. Das macht man so. Vor allem an Festtagen. Besuche quer durch die Schweiz, Familie hier, Familie dort. Je näher die Tage kamen, desto grösser wurde der Schrecken des Vorgenommenen. Nicht nur sollten wir ständig unterwegs sein (ich mag keine Reisen), wir würden überall unter Menschen, teilweise vielen Menschen, sein.

Nun gut, es war nicht aufzuhalten, die Zeit nahm ihren Lauf, die Ferien kamen – und alles wurde noch viel schwieriger als geplant. Pläne wurden umgestossen, ganze Gruben taten sich auf. Dass alles noch viel Schlimmer wurde, als je ausgemalt, hatte sehr traurige Gründe. Diese Ferien haben mich aber Vieles gelehrt und in mir eine sehr grosse Dankbarkeit zurück gelassen. 

Ich habe einmal mehr gelernt, was wirklich zählt im Leben. Gemerkt, worauf man bauen kann, was blosse Hülsen sind. Ich habe gesehen, wie viel Wertvolles ich im Leben habe und worauf ich meinen Schwerpunkt setzen sollte, statt meine Zeit mit unnützen Dingen zu vertun. Prioritäten setzen heisst es so schön. Man weiss es und tut es so selten. Wieso nicht? Was bringt einem der ganze Rest? Hofft man auf Anerkennung? Von wem? Sind es die wert, die man so „erobern“ muss? Handelt man aus Pflichtgefühl? Tut man wirklich Gutes, wenn man es nicht aus freiem Herzen, sondern reiner Pflichterfüllung tut? Will man dazu gehören? Wozu eigentlich, wenn es einem gar nicht entspricht? 

Ich bin unendlich dankbar für die Menschen, die da waren in dieser Zeit. Menschen, die Halt gaben, Zuspruch und Liebe. Ich bin dankbar für die Hilfe, das Mitgefühl und die positiven Gedanken und Worte, die ich erfahren durfte. Und ich bin dankbar für das Gefühl, nicht alleine zu sein, auf Menschen bauen zu können. 

Ich habe in diesen Ferien:

– viel erhalten

– etwas geschaffen und mich dabei toll gefühlt

– die ganze Bandbreite an Gefühlen durchlebt

– viel gelernt

– Pläne umgestossen und gemerkt, es geht

Ich denke nicht, dass ich mich grundlegend geändert habe. Der Alltag kommt nun wieder; da der Wechsel von den Ferien hin zum Alltag wieder ein Wechsel ist, liegt er mir auf dem Magen. Aber ich bin guter Dinge, denn ich weiss: ich bin nie allein. Und dafür bin ich sehr sehr dankbar. 

 

Alltagstrott

Oft hört man bei Paaren, sie hätten sich getrennt, weil der Alltag eingekehrt sei, Langeweile herrschte, man sich in dieser Langweile wohl auch nach mehr Spannung sehnte und die im Aussen suchte. Wenn man in einer Gewohnheit drin steckt, kann die gut und gerne mal eingerostet erscheinen, man selber denkt, der Rost greife auf einen über, man fühlt sich erstarrt, eingeschlafen, nicht mehr lebendig. Findet man dann eine Herausforderung, ein kleines Aufblitzen von etwas Neuem, etwas Spannendem, dann erwachen die vorher noch so starren Sinne und Glieder, man fühlt sich wieder am Leben, voller Tatendrang, voller Freude, voller Aufbruchsstimmung. Der Weg dahin, das alte und gewohnte Leben als noch langweiliger und noch festgefahrener zu sehen, ist nicht weit. Noch weniger weit ist das Gefühl, in eben diesem Leben gefangen zu sein.

In den buntesten Farben malt man sich aus, was alles auf dieser Welt nur darauf wartet, von einem gesehen, erfasst, gelebt zu werden. Man sieht all die Chancen, die im momentanen Leben nicht möglich sind. Man sieht die Träume, die man noch verwirklichen möchte. Man sieht die Schlösser, die man bauen könnte und sieht sich drin sitzen als Prinzessin im Reich der eigenen Wünsche. Man hört als verheiratete Frau zum Beispiel von Singles, die ein abenteuerliches Leben führen, die Männer kennen lernen, in den Ausgang gehen, das Leben geniessen. Man hört von witzigen Flirts, bereichernden Kontakten. Man hört von einem Leben ohne Alltagstrott, ohne die Fehler des anderen, ohne Socken am Boden und ungebügelte Hemden. Die Welt ausserhalb des eigenen Trotts wirkt so verlockend. Man bricht aus. 

Zuerst das Aufatmen. Alles ist neu zu organisieren, alles ist frisch. Befreiung pur. Wo sind nun aber all die netten Männer? All die witzigen Kontakte? Wo die Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden? Wo die geselligen Abende in grosser Runde? Irgendwie hat man sich das alles anders vorgestellt. Und neben der ganzen Umorganisation des eigenen Lebens macht sich langsam Einsamkeit breit. Die vorher so interessant wirkenden Möglichkeiten scheinen sich in Luft aufzulösen, die vorher attraktiven Männer haben alle eine Macke (oder mehrere), die Welt ist auch als Single nicht nur locker, flockig und rosarot und überhaupt – das alte Leben war im Nachhinein gar nicht so übel. Die ach so langweiligen Werte wie Beständigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung hatten ihre sehr guten Seiten. 

Ich kenne diese Welt auch, allerdings kenne ich auch die umgekehrte: Ich liebe Alltagstrott. Ich liebe all die verlässlichen und beständigen Dinge, die täglich wiederkehren. Ich mag es, wenn ich weiss, wie alles ist, wie es wird, wenn ich weiss, was die Tage mir bringen. Neues macht mich unruhig, liegt mir nicht. Ich mag die mir vertrauten Dinge um mich, weiss, wo alles ist, weiss, dass es da ist. Ferien sind mir ein Graus. Nie habe ich all das dabei, was mir irgendwann im Laufe der Zeit fehlt. Nie habe ich meine Ruhe für mich, kann einfach nur in den Tag hinein leben, der mir vertraut ist, wo alles seinen Platz  hat. Es sind schliesslich Ferien, man muss was erleben, muss etwas sehen, muss die Welt erkunden und Freizeitbeschäftigungen abhaken. Dazu hat man ja Ferien.

Neuerungen im Alltag sind  mir ein Gräuel. Termine, die meinen Alltagstrott durchbrechen und über den Haufen werfen eine Plage. Ich werde giftig. Unleidlich. Schimpfe, tobe. Bis das Neue da ist, durch ist und ich sehe: ging ganz gut. Und dann kehrt wieder Zufriedenheit ein. Bin ich sonderbar? Mag sein. Vielleicht auch borniert, verkalkt, langweilig. Möglich. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich mag den Trott, ich schick mich drein und wenn man mich da lässt, bin ich absolut pflegeleicht, zufrieden und fröhlich. 

Ok, meistens. Ab und an sehe ich in der Welt draussen Dinge. Die sehen neu und spannend aus. Und machen Lust, sie zu erkunden, sie zu ergreifen. Und ich sehe die andern, die sie ergreifen, höre, wie sie davon sprechen und denke, es wäre genau das, was ich auch wollte, damit ich auch wäre, wie sie, hätte, was sie haben. Spüre die Unzufriedenheit aufsteigen. Stelle mir vor, wie alles wäre, wäre ich genau da, hätte genau das, denke mir, was das für mich bedeuten würde – und bin schlagartig geheilt. Gehe zurück in meinen Alltagstrott, bin dankbar, ihn zu haben. Er ist mein Stück Heimat, mein Stück Geborgenheit, mein Halt und mein Leben. Und das ist gut so, genau so brauche ich es – für mich.