Daniel Schreiber: Nüchtern

Inhalt

„Das Wissen, dass man zu viel trinkt, ist völlig nutzlos. Man trinkt nicht weniger, weil man weiß, dass man ein Problem hat. Man hört auch nicht damit auf, indem man analysiert, warum man trinkt. Man hört damit auf, indem man aufhört.“

Da Feierabendbier, der Gin mit Freunden, das Glas Rotwein zu Käse und Brot – was für eine Genuss. Was aber, wenn es nicht bei einem Glas bleibt? Was, wenn Alkohol immer mehr zum Leben gehört und sich dieses auch immer mehr um Alkohol dreht? Redet man sich anfangs selber schön, dass man kein Problem hat, weil man ja problemlos Pausen einlegen kann (Tage, Wochen, Monate gar), merkt man irgendwann, dass man dies zwar kann, aber trotzdem eine Schwelle überschritten ist, weil Alkohol vom Genuss zum Thema wurde.

Daniel Schreiber erzählt seine persönliche Geschichte mit dem Alkohol und die Entscheidung, keinen mehr zu trinken. Er liefert zudem Fakten und Zahlen über Alkoholkonsum, gesteigertes Risiko an Krankheiten und gefährliche Auswirkungen auf Zellen und das Gehirn.

Ein wichtiges Buch, das ohne zu moralisieren zum Nachdenken anregt.

Weitere Betrachtungen

„Die Fassaden, die man sich errichtet, sind mächtig. Sie gehören zu einem, man kann selbst gar nicht mehr sagen, wo sie aufhören und wo man selbst beginnt. Sie halten einen aufrecht.“

Die WHO-Aussagen, wie viel Alkohol gesund ist und wo eine Grenze überschritten wird, sind relativ klar und die Menge so klein, dass sie von vielen wohl schnell überschritten ist. Das muss nicht grundsätzlich auf ein Problem hinweisen, aber es kann – ein Problem, das man gerne verdrängt und schon gar nicht gegen aussen preisgibt. Es finden sich viele und gute Argumente, welche die Problematik des eigenen Alkoholkonsums nicht nur verdecken, sondern als nichtig erklären. Das Argument, dass man sofort aufhören könnte, wenn man nur wolle, man auch mal einen Monat ohne Alkohol ohne Probleme schaffe oder wöchentlich alkoholfreie Tage einlege, gehören zum Standardrepertoire. Was aber sagen sie wirklich aus?

„Jede Halbwahrheit, jede Lüge, die man sich selbst und anderen erzählt, geht auf Kosten der inneren Substanz, so lange, bis man irgendwann gar nicht mehr richtig weiß, wer man ist.“

Was man nach aussen vertritt, glaubt man sich auch oft selber. Man hüllt sich in eine (Schein-)Sicherheit und vermeidet, genauer hinter die Fassade des eigens aufgerichteten Lügengebäudes zu schauen. Ein paar alkoholfreie Tage, an welchen man sich schon aufs Wochenende freut und plant, welchen Wein man dann trinken will, mögen zwar weniger Alkohol im Blut bedeuten, nicht aber weniger im Leben. Wenn Anlässe immer automatisch mit Alkohol verbunden sind, dieser sogar einen Teil ausmachen, nimmt dieser einen grossen Raum im Leben ein – einen zu grossen?

„Man versteckt sie nicht bloß vor anderen Menschen, sondern auch und vor allem vor sich selbst. Man kann Scham hinter einer ganzen Reihe von Gefühlen verbergen, ohne dass es einem bewusst ist.“

Zuzugestehen, dass man ein Problem hat, ist mit Scham verbunden. Probleme sind etwas für Schwächlinge, für Verlierer. Gewinner haben Lösungen – oder stehen generell über allem. Sich und anderen einzugestehen, dass vielleicht doch nicht alles so perfekt ist, wie man gerne den Anschein machen möchte, braucht Mut. Das hängt sicher auch mit unserer Gesellschaft zusammen, in welcher Alkohol eine sozial akzeptierte, fast geförderte Droge ist. Trinkt man nichts, wird man gefragt, wieso. Wenn keine Schwangerschaft oder eine Krankheit (Alkoholismus sieht man nicht als solche, sondern als Schwäche) dahinter steckt, weckt das Misstrauen. Eigentlich traurig, dass es einfacher ist, weiterzutrinken, als hinzusehen und etwas zu unternehmen.

Persönlicher Bezug

«Scham wird von der Angst vor dem Verlust von Zuneigung und sozialem Prestige motiviert, von der Angst, aus sozialen Gruppen ausgeschlossen zu werden.»

Das Buch hat mich nachdenklich gemacht. Ich trank sehr lange keinen Alkohol, weil er mir nicht schmeckte, kam dann aber auf den Geschmack von Wein. Ein guter Weisswein zum Apéro, ein schwerer Rotwein zum Essen, ein Cava mit Freunden – ein Genuss. Die Notwendigkeit, aufzuhören, sah ich nicht, zumal all meine Werte vorbildlich sind und ich auch sonst keine gesundheitlichen Probleme habe. Da ich in einem Umfeld lebe, in dem gemeinsame Essen und damit auch immer sehr guter Wein oft vorkommen, war die Vorstellung, nicht zu trinken, schwierig. Die Angst, dann nicht mehr dazu zu gehören, war doch gross und das würde mir wehtun.

Wieso also bin ich trotz fehlendem zwingendem Grund und dieser Angst nachdenklich geworden? Die Selbstverständlichkeit, mit welcher Alkohol, welcher bei Lichte betrachtet keine leichte Droge sondern eigentlich ein Nervengift ist, getrunken wird (auch von mir), gefällt mir nicht. Ich bin zudem durchaus ein Mensch, der nicht ein Glas trinkt. Wenn das Glas da steht, fülle ich gerne nach, in fröhlicher Gesellschaft auch mal mehr. Ich würde trotzdem sagen, dass ich kein Alkoholproblem habe – und doch. Ich habe nach dem Lesen dieses Buches beschlossen, Alkohol mal für eine Weile aus meinem Leben zu streichen. Einfach als persönliches Experiment. Ich bin gespannt, ob sich etwas in meinem Leben, bei mir, verändert, wenn ich keinen mehr trinke.

Ich sage nicht, dass es für immer ist, möglich wäre es. Vielleicht trinke ich nach Ablauf der Frist wieder wie vorher. Vielleicht lasse ich ein paar spezielle Gelegenheiten, an denen ich ein Glas trinke mit Genuss und aus Nostalgie. Vielleicht war das letzte Glas Cava auch das letzte Glas Alkohol überhaupt. Ich bin gespannt. Alles ist möglich. Vielleicht schreibe ich irgendwann über meine Erfahrungen.

Fazit
Ein sehr persönliches, informatives, zum Nachdenken anregendes Buch über ein wichtiges und oft verkanntes Thema: Alkohollismus. Sehr empfehlenswert.

Autor
Daniel Schreiber, geboren 1977, lebt in Berlin. Er arbeitet als freier Autor u. a. für die Zeit, Deutschlandradio Kultur und die taz. 2007 erschien seine Susan-Sontag-Biographie Geist und Glamour.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 6. Edition (11. April 2016)
Taschenbuch: 159 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3518466711

Björn Bicker: Was wir erben

Auf dem Foto sieht man den Vater als sechsundreissigjährigen Mann an der Seite einer blonden Frau, die ein buntes, eng geschnittenes Sommerkleid trägt. Sie legt ihren Arm um seine Hüfte, er schaut seitlich zu Boden. Sie posiert. […] Der Körperhaltung nach passt ihm die Situation nicht, aber das kann täuschen.

Elisabeth lebt ein Leben, das sich im Alltag erprobt hat. Sie ist Schauspielerin an einem renommierten Theater und lebt mit Holger, einem Arzt zusammen. Die Ruhe und Beschaulichkeit wird mit einem Telefonanruf jäh durchbrochen. Ihr Bruder, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste, bittet um ein Treffen.

Du lächelst verlegen. Du versuchst, Deine Hände vor mir zu verbergen. Ich höre meine Stimme: Eine Affäre. Weiter nichts. Das sieht ihm ähnlich. Deine Augen werden feucht.
Ehrlich gesagt, das Foto spricht eine andere Sprache. Das sieht nach Doppelleben aus, nach Liebe, nach grossem Kino.

Elisabeth bittet um Zeit, weiss nicht, was mit all dem anfangen. Sie hat ihre Vergangenheit und vor allem ihren Vater aus ihrem Leben verdrängt. Nun bricht alles auf, Bild für Bild kehrt es zurück und Elisabeth merkt, dass sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss. Zuerst noch denkend, dass sie das nur für ihren Bruder macht, um diesem ein Bild seines Vaters aufschreiben zu können, macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist eine Reise zurück zu den Plätzen seiner wie auch ihrer Vergangenheit. Erinnerungen tauchen auf an seinen Alkoholkonsum, ihre Angst vor ihm, seine Wut und ihre Flucht.

Je mehr Elisabeth über ihren Vater erfährt, desto weiter entfernt sie sich von ihrem gewohnten Leben, vom Mann an ihrer Seite. Sie verstrickt sich immer tiefer in ihre eigene Herkunft und will von allem, was bis vor kurzem noch Alltag war, weg, hinein in eine neue Zukunft, die ihr echter und wahrer erscheint als alles, was bislang ihr Leben ausmachte.

Gesucht hat sie ihren Vater, gefunden hat sie sich selber. Björn Biker erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus der sorgsam aufgebauten Welt in ihre eigenen Abgründe taucht und dabei viel über sich selber herausfindet, sich erst selber kennen lernt. Der schonungslose Blick eröffnet ihr eine neue Sicht auf ihr eigenes Leben und sie realisiert am Schluss, was wirklich zählt im Leben.

Der Roman ist ein Buch über Wahrheit, Heimat, Liebe und Hass, es ist ein Buch über das Vergessen und das Erinnern, über Sucht und Verdrängen, ein Buch darüber, dass man die eigene Vergangenheit immer in sich trägt und doch jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben selber zu gestalten, indem man es in die Hand nimmt. Es ist ein Buch über das Erwachsenwerden.

Was wir erben besticht durch einen klaren Realismus, in welchem doch nie ganz klar ist, was Spiel, was wirkliches Leben ist und war. Es erzählt Geschichten des Lebens und erfundene, zeigt die Menschen im Leben und im Spiel desselben. Björn Biker schreibt in einer schnörkellosen und direkten Sprache. Er verzichtet auf Sentimentalität und Pathos, sondern erzählt, was ist oder zu sein scheint. Er legt die Gedanken seiner Figuren offen, stellt sie dar in ihrem Schein und Sein, ohne sie blosszustellen. Er zeigt die menschlichen Schwäche und was sie anrichten können, wenn es die von Eltern sind, ohne dabei zu sehr auf Opfer-Täter-Konstruktionen zu verfallen.

Fazit:
Eine Reise durch die Vergangenheit, um ganz in der Gegenwart anzukommen. Eine Geschichte, die etwas von jedem in sich trägt, ohne psychologisierend den Spiegel vorzuhalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Björn Bicker
Björn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Auch von ihm erschienen ist ILLEGAL (2009).

BickerErbenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

Zu kaufen bei: BOOKS.CH und AMAZON.DE

Heute schon getrunken?

Trinken ist sozial. Trinken ist cool. Trinken schmeckt. Alles am Trinken ist toll, ausser das zuviel Trinken. Wo die Grenze ist, scheint schwammig. Folgt man den Regeln irgendwelcher Tests, sind die meisten Menschen arg kritisch und am Rande des Abgrunds. Schaut man auf die Gesellschaft, geht doch einiges rein an Schnaps, Bier, Wein. 

Alkohol ist die legale und sozial akzeptierte Droge Nummer eins. Man möchte fast sagen, es ist die sozial geforderte Droge. Feierabendbier, Wein zum Lesen, Whiskey zum Einschlafen, alles hat Platz, alles ist akzeptiert. Man geht zu Geschäftsessen und kann wählen zwischen Weiss- und Rotwein. Im Sommer auch mal Bier. Man nimmt Wasser? Da fängt der Erklärungsnotstand an. Frauen sind im Verdacht, schwanger zu sein oder auf Diät, Männer Zweiteres oder schon anonyme Alkoholiker? Einen Grund muss es haben, wenn man keinen Alkohol trinkt. Alkohol ist die Norm, kein Alkohol bedarf einer Rechtfertigung. 

Irgendwann schlägt diese gesellschaftlich fast geforderte Gewohnheit in ein ungesundes Mass um. Wo ist die Grenze? Was ist noch im Rahmen, was fällt hinaus? Die Grenzdiskussion mal aussen vor: Ist das Kind in den Brunnen gefallen, zeigen alle drauf: Wie kann man nur. War man vorher noch der Partylöwe und Stimmungskanone, ist man nun gefallener Engel und Versager.

In der Schweiz gibt es geschätzt über 300’000 Alkoholiker. Alles Versager? Die Dunkelziffer ist wohl noch höher, würde ich mal schätzen. Geht man davon aus, dass Sucht oft eine Bewältigungsstrategie ist, muss man sich wohl eher fragen, wo die Gesellschaft versagt, dass sie so viele an sich zerbrechen lässt. Wieso brauchen so viele Menschen eine Stütze, um durchs Leben zu kommen? Klar kann man sagen, dass mehr ohne klar kommen. Was aber machen wir mit den Betroffenen? Deckel drauf, sie saufen sich zu Tode? Oder doch mal hinsehen, ob die Lebensbedingungen, die wir in der heutigen Gesellschaft schaffen, wirklich noch menschenwürdig sind? Das Argument, dass viele nicht in den Alkoholismus abrutschen, zieht in meinen Augen sowieso nicht, denn dies ist nicht die einzige Sucht und auch nicht die einzige umweltbedingte Krankheit. Zählt man dann noch die dazu, die still leiden und weiter funktionieren, sind wir wohl bei einer viel höheren Zahl. 

Ein erster Anfang wäre es wohl, die offensichtlich leidenden zu unterstützen, statt sie zu verhöhnen. Man weiss nie, wann man selber einmal fällt. Dann wäre man auch froh um eine helfende Hand. Der zweite Schritt wäre das Überdenken der eingefahrenen Strukturen, in denen der einzelne Mensch nichts mehr zählt, auswechselbar ist. Denn durch diese Austauschmentalität kommt die Angst hoch, nicht gut genug zu sein. Es gibt wohl keinen bessern Boden für Süchte und ähnlich gelagerte Bewältigungsstrategien  als diesen. 

Franz Brandl: Cocktails

Eine gut bestückte Bar trifft viele Aussagen. Die zahlreichen Flaschen vermitteln eine Atmosphäre der Trinkkultur, und ihr Zauber erfasst jeden Barbesucher immer wieder aufs Neue.

Mit diesem schön gestalteten, umfangreichen und sinnvoll aufgebauten Buch führt Franz Brandl den Leser in die Welt der Cocktails ein. Er zeigt zuerst auf, was in einer gut sortierten Hausbar nicht fehlen darf, um eine gewisse Bandbreite an Möglichkeiten zu haben und nicht zu den ewig gleichen bekannten Drinks greifen zu müssen. Neben der flüssigen Ausstattung bedarf es auch einiger Arbeitsgeräte, um Drinks herstellen und stilecht servieren zu können. Der Leser erfährt des Weiteren alles über verschiedene Zubereitungs- und Servierarten, lernt die passenden Gläser zu den verschiedenen Getränken kennen und lernt, sich bei Fachausdrücken zurechtzufinden.

So gerüstet steht dem eigenen Mixvergnügen nichts mehr im Wege. Brandls Tips helfen dabei, dass auch wirklicher Trinkgenuss entsteht.

 Grundsätzlich ist es empfehlenswert, nicht zu viele verschiedene Alkoholika in einem Drink zu verwenden und beim Genuss unterschiedlicher Mixturen bei einer Basisspirituose zu bleiben.

Der Aufbau des Buches erfolgt sinnvoll nach Basisspirituosen, denen die einzelnen Cocktails zugeordnet sind. Die Anleitung ist verständlich, die Illustrationen einladend. Es fehlt auch nie an Informationen zu einzelnen Getränken, so dass man sich auf kurzweilige Weise Hintergrundwissen aneignen kann.

Damit auch Kinder auf ihre Kosten kommen oder man einen unbedenklichen Cocktail zwischen durch mixen kann, beinhaltet das Buch ein Kapitel mit Alkoholfreien Getränken. Auch diese erscheinen als wahre Freude für die Sinne.

Fazit:

Ein schön gestaltetes Buch, welches in der ganzen Aufmachung eine Freude für die ästhetischen Sinne ist und Gaumenfreuden verspricht. Eine gute Mischung aus Information, Anleitung und Bebilderung. Absolut empfehlenswert.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten

Verlag: Südwestverlag, ein Unternehmen der Random House GmbH (12. Juli 2012)

Preis: EUR: 14.99 ; CHF 23.90

Franz Brandl: Cocktails. Über 1000 Drinks mit und ohne Alkohol, Südwestverlag, München 2012.

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH