Lebenswogen mit Wagner

Das Ringprojekt: Drei Paare und eine Witwe mit ihre Tochter besuchen an vier aufeinander folgenden Sonntagen Wagners „Ring der Nibelungen“ in der Semper Oper in Dresden. Bei einem gemeinsamen Nachtessen wollen sie sich jeweils auf die bevorstehende Aufführung einstimmen, bei einem Treffen nach den vier Aufführungen soll eine Nachbetrachtung stattfinden.

Es ist immer dasselbe: Du planst, ich soll mitmachen. Na gut Also ich weiss nicht – vier Sonntage hintereinander Wagner? So lang. So laut. Und dann immer nach Dresden. So weit.

Alle Beteiligten haben unterschiedliche Motivationen, an diesem Projekt teilzunehmen und bei allen löst es Unterschiedliches aus. Sie sehen sich mit sich selber und ihrer Beziehung sowie den Beziehungen untereinander konfrontiert.

Wieder wanderten ihre Gedanken zur Ring-Einladung. Sie lehnte den Kopf zurück und begann zu “fantasieren“, wie sie ein inneres Mäandern bei sich nannte, das sie sonst unterdrückte. Von ihnen beiden war Thomas der Versponnene, der sich oft in seine Gedanken verlor; während sie sich als eine eher kontrollierte Frau empfand […]

Auch die Abgründe kommen ans Licht, die schwelenden negativen Gefühle in der Beziehung,

Wie Brigitte ausgesehen hatte! Wie ein Engel, die Hände erhoben: „Fürchtet euch nicht! Es ist schon gut.“ Er konnte sie provozieren, wie er wollte: Sie bleib ruhig. Der unschuldige Engel. Der wohlmeinende Engel. Der ihn immer und immer ins Unrecht setzende Engel.

sowie zwischen den Teilnehmern:

Da hatten sie nebeneinander gestanden, zwei Frauen, die eine älter aussehend, als sie war, die andere jünger. Was Annegret plötzlich wie eine Kluft empfunden hatte. Ihr eigenes Spiegelbild hatte sich zu wohl und weich neben Evas hagerem ausgenommen; […]

Annegret überliess sich dem schmerzenden Gefühl, das in ihr aufkam, schob es nicht weg. Das hatte sie gelernt in den Jahren nach Alfreds Tod.

Das Ringprojekt nimmt eine eigene Dynamik an und zieht die einzelnen Figuren immer tiefer in einen Strom, der sie einerseits zu sich selber und ihren oft unterdrückten Gefühlen und Gedanken führt, dabei aber auch auf ein Ziel hinsteuert, das so nicht voraussehbar war.

 Aus den verschiedenen Perspektiven der Teilnehmenden des Ringprojekts wird eine Geschichte erzählt, die sich am roten Faden der „Ring der Nibelungen“ orientiert und dann die Auseinandersetzung jedes einzelnen mit Wagners Stück sowie dessen Wirkung auf sich selber aufzeigt. Es wird ein Panoramablick in die Seelenleben jedes einzelnen, der die tiefgreifende Dynamik zwischen den Protagonisten offenlegt.

Karin Nohr gelingt es, die psychologischen Innenschauen und auch Abgründe der jeweiligen Figuren ohne Pathos darzustellen, sachlich, fein, leise, trotzdem so, dass man sich darin wiederfindet, sie nachvollziehen kann.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen. Ich kann es empfehlen.

Zur Autorin
Karin Nohr
Karin Nohr, geboren in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach jahrelanger Therapietätigkeit entschied sie sich, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Karin Nohr hat eine Tochter und lebt in Berlin und im Wendland. Neben verschiedenen Fachbüchern sind von ihr erschienen Herr Merse bricht auf (2012) und Vier Paare und ein Ring (2013).

NohrRingAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (18. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3813505269
Preis: EUR  19.99 / CHF 31.90

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Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90