Es war ein strahlend schöner Sommertag. Am Himmel zeigte sich kein Wölkchen und die Vögel sangen fröhlich ihre Lieder. An diesem Tag kam irgendwo in den Bergen ein kleiner Murmeltierjunge auf die Welt. Seine Eltern konnten ihr Glück kaum fassen. Mit der Geburt ihres Sohnes ging ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Sie nannten ihn Nicki.

Nicki war ein aufgeweckter kleiner Kerl, der sehr neugierig alles erkunden wollte. Anfangs noch etwas tapsig auf den Beinen, wagte er sich immer mutiger weiter vor in der Murmeltierhöhle und bald schon musste die Mutter aufpassen, dass er nicht zu weit ging, denn noch wusste er nichts von den Gefahren ausserhalb der geschützten Höhle. Er wäre ihnen hilflos ausgeliefert.

Nicki vergnügte sich in der Höhle mit seinen Lieblingsspielen. Für sein Leben gerne spielte er verstecken. Es kam vor, dass er eine ganze Weile in seinem Versteck sass und darauf wartete, dass ihn seine Mutter fand. Um Nicki eine Freude zu machen, rief Mama Murmel laut nach ihm und suchte an den unmöglichsten Orten nach ihm, obwohl sie ihn längst gesehen hatte. Wenn er sich schliesslich zeigte, mussten beide lachen. Überhaupt war das Leben für Nicki voller Freude.

An einem sonnigen Morgen war es endlich soweit. Mama Murmel sagte zu Nicki: „Zieh deine Schuhe und deine Mütze an, Nicki, wir gehen Beeren pflücken. Heute siehst du zum ersten Mal die Welt da draussen vor der Höhle.“ Nicki freute sich, dass er endlich all die Dinge sehen konnte, von denen er bisher nur gehört hatte. Endlich sah er die Vögel, die ihn jeden Morgen mit ihrem wunderschönen Gesang weckten, endlich sah er die Sonne, die ab und zu einen Strahl zu ihm in die Höhle schickte.

Als Nicki fertig angezogen war, ging’s los. Nun packte Nicki doch etwas die Angst. Je näher sie zum Eingang der Höhle kamen, desto näher rückte er an seine Mutter. Er wusste nicht genau, was ihn da draussen erwartet und fühlte sich plötzlich sehr klein und hilflos. Kurz vor dem Eingang der Höhle stellte er sich auf die Zehenspitzen, streckte seinen Hals so weit er konnte nach vorne und blinzelte um die Ecke nach draussen. Was er da sah, verschlug ihm fast die Sprache. Satte grüne Wiesen lagen da, Schmetterlinge tanzten in der Luft, am Himmel flogen singend Vögel und die Sonne strahlte ihn an. Es war, als wolle ihn die Welt begrüssen. Als er das sah, wurde er mutiger, liess seine Mutter los und lief hinaus. Erst noch etwas zaghaft, dann immer ungestümer sprang er umher, tanzte zwischen den Blumen, lachte und sang. Er war glücklich. Nachdem er sich so ausgetobt hatte, lief er zu seiner Mutter, die schon mit dem Beerenpflücken begonnen hatte. Eifrig begann auch er, die schönen blauen Beeren vom Strauch zu pflücken. Seine Hilfe war aber nicht ganz so gross, der mitgebrachte Korb füllte sich kaum. Stattdessen wurde sein Bauch immer runder und die Haare um seinen Mund immer blauer.

Als die Sonne sich langsam senkte, wollte Mama Murmel nach Hause gehen. Nicki war traurig, dass er seine neue Freiheit schon wieder aufgeben sollte.

„Mama, können wir nicht noch etwas bleiben? Es ist so schön hier“, sagte Nicki. Seine Mutter antwortete: „Nein Nicki, wir müssen heim und uns ums Nachtessen kümmern. Wir kommen aber bestimmt morgen wieder her!“

Das tröstete Nicki und eigentlich war er auch recht müde von den vielen Eindrücken. Zu Hauswe kroch er sofort ins Bett und war auch gleich eingeschlafen. Er hoffte, die Welt in seine Träume mitnehmen zu können. Aber es kam anders.

Mitten in der Nacht erwachte Nicki, weil ihn etwas an den Füssen kitzelte. Als er nachschaute, was es war, sah er ein kleines rotes Tierchen auf seinem Fuss rumspazieren. Erschocken rief er nach seiner Mutter: „Mama, da krabbelt etwas über meinen Fuss!“ Schnell kam die Mama herbeigeeilt. Als die Mutter sah, was los war, meinte sie: „Hab keine Angst, das ist eine Ameise, die tut dir nichts. Ich werde mal nachschauen, woher sie kommt.“ Auf dem Weg nach draussen begegnete sie einer ganze Reihe der kleinen Tierchen. Beim Eingang angekommen sah sie die Bescherung: Eine Ameisenfamilie hatte begonnen, genau über ihrem Eingang einen Ameisenhaufen zu bauen. Schnell eilte Mama Murmel in die Höhle zurück und erzählte Papa Murmel, was sie gesehen hatte. „Was sollen wir nur machen?“ fragte sie. „Wenn wir nichts unternehmen, sind bald alle Ameisen in unserer Wohnung.“ Papa, noch ganz schlaftrunken, meinte darauf: „Lass uns unsere Freunde holen und sie fragen. Einer weiss sicher Rat!“ Glücklicherweise besass die Höhle einen Notausgang, den sie nun benutzen konnten. Sie eilten zu den Höhlen ihrer Freunde und trommelten alle zusammen. Papa Murmel erzählte ihnen vom Ameisenhaufen und den vielen Ameisen in ihrer Höhle. „Könnt ihr uns helfen, eine Lösung zu finden, dass die Ameisen nicht mehr in unsere Höhle kommen?“

Fridolin, ihr Nachbar meinte: “Wir könnten den Haufen kaputt machen, dann bauen sie ihn an einer andern Stelle wieder auf und ihr habt eure Wohnung wieder für euch.“ Das gefiel Papa Murmel nicht: „Ich möchte nicht, dass die Ameisen ihr Zuhause verlieren, denn sie haben den Haufen sicher nicht aus Absicht auf unseren Eingang gebaut. Es muss eine Lösung geben, bei der wir beide zufrieden leben können.“ Bert, Nickis Onkel, hatte eine bessere Idee: „Lasst uns Äste sammeln, soviel wir nur tragen können. Damit wollen wir den Eingang verschliessen. Die Löcher stopfen wir mit Erde. Dann kommen die Ameisen nicht mehr in eure Wohnung, können aber trotzdem ihr Zuhause behalten.“ Das fanden alle gut und so begannen sie eifrig, Äste zu sammeln. Zu Hause angekommen, packten die Frauen ihre Besen und jagten damit alle Ameisen aus der Höhle. Danach bauten die Männer aus den Ästen ein Gerüst und stopften wie geplant die Löcher mit Erde zu. Bald schon sah man nicht mehr, dass an dieser Stelle mal ein Eingang gewesen war. Als sie fertig waren, sagte Bert: „Wenn wir schon alle hier sind, können wir gleich einen neuen Eingang bauen, damit ihr nicht immer durch den Notausstieg rausklettern müsst. Wenn wir alle mit anpacken, geht das ganz flink und macht erst noch Spass!“

Gesagt getan. Schnell packten die Murmelfreunde Schaufeln und Besen. Die einen lösten Erde von der Wand, die andern fegten sie weg. Schon bald fiel ein erster Strahl der gerade aufgehenden Sonne in die Höhle. Der neue Eingang war fertig. Nun konnten sich die Murmels wieder wohlfühlen in ihrer Höhle. Es waren keine Ameisen mehr da und der neue Eingang war sogar noch schöner als der alte gewesen war. Zum Dank für ihre Hilfe lud Familie Murmel alle Freunde zum Frühstück ein. Mama Murmel holte alle Leckerbissen, die sie in der Vorratskammer finden konnte. Bald sassen alle fröhlich vereint um den Tisch und liessen sich die vielen Köstlichkeiten schmecken – unter anderem auch die Beeren, die Mama Murmel gestern mit Nicki gepflückt hatte. Nicki hatte ein ganz schlechtes Gewissen, weil er gestern so viele Beeren gegessen hatte, anstatt sie in den Korb zu tun. Dies nahm ihm aber niemand übel, denn sie konnten sich alle noch gut daran erinnern, wie sie das erste Mal Beeren pflücken waren.

Einsam reitet der Marlboro Mann durch die Prärie. Den Hut im Nacken, die Zigarette im Mundwinkel gibt er dem Pferd die Sporen und prescht dahin. Er verkörpert Abenteuer, Männlichkeit, Kraft und Wille. Frau kann dem kaum widerstehen, mit offenem Mund, einer dünnen Speichelspur aus dem Mundwinkel, sitzt sie da und starrt ihn an, starrt auf seine Muskeln, die am nackten Oberkörper spielen, gäbe ihre Schuhsammlung dafür, dürfte sie ihn nur einmal berühren. Frau ist in ihren Instinkten gefangen. Der Abenteurer, wild und stark zeugt von den besten Genen, er ist der Sieger im Genpool, der perfekte Erzeuger. Genau diese Gene braucht sie, um eine gesunde Brut auf die Beine zu stellen. Und selbst wenn sie aus dem Brütealter heraus ist, geben die Gene ihren Senf dazu bei der Wahl des Mannes. Noch immer ziehen die Signale, noch immer siegen die Instinkte, überrumpeln die Hormone.

Dann wäre da noch der liebe Nette von nebenan. Sieht gut aus, ist der Liebling der alten Damen im Haus, hat Manieren, Witz und Geist. Er ist ein guter Kumpel, Freund in allen Lebenslagen. Frau liebt es, bei ihm sein Herz auszuschütten, zieht mit ihm um die Häuser, immer offen für den einen Wahren, der im Sturm das Herz erobert, weil er so gar nicht lieb und nett ist. Wir lieben unseren netten Freund, würden ihn nicht hergeben, aber hin und weg, so ganz, das sind wir nicht, dazu brauchen wir den bösen Buben, der uns Spannung und Herausforderung verspricht.

Der böse Bube ist nicht nur böse, sonst würden wir ihm nicht verfallen, wir sind ja nicht doof. Er ist sehr charmant, sehr zuvorkommend, erzählt von seinen Abenteuern auf dem Marlboroross, erzählt von Sonnenuntergängen, denen er entgegen reitet, will uns mitnehmen, gehalten in den starken Armen. Wir sehen uns vor dem geistigen Auge in dieser romantischen Szene. Wir schauen ihm tief in die Augen, er schaut genauso zurück. Das Schicksal scheint besiegelt. Glücklich reiten wir schon mal imaginär gen Horizont, wähnen uns am Ziel angekommen, endlich den Mann gefunden zu haben, der all das hat und ist, was wir uns wünschen: Abenteuer, Stärke, Romantik, diese ach so wunderschönen Augen, den dazugehörenden begehrenden Blick, der uns einerseits anzieht, andererseits auszieht und uns sagt, wir seien die wunderbarsten Geschöpfe auf Erden. Er verspricht, uns die Welt vor die Füsse zu legen, die Sterne vom Himmel zu holen und uns auf Händen zu tragen. Wir sind ihm erlegen.

Nun ist der Abenteurer nicht umsonst Abenteurer, das Abenteuer des Eroberns verliert seinen Reiz, das nächste lockt. Er geht zur Tagesordnung über und ist, was er ist: Ein böser Bube, der dabei immer noch nicht böse im wirklichen Sinne ist, aber eben auch nicht der liebe Nette. Er will nicht täglich mit dem Gaul gen Sonnenuntergang reiten, schon gar nicht mit uns im Arm. Irgendwann ist auch mal gut und es reizt wieder, über Stock und Stein zu preschen, ohne Ballast im Arm, sondern mit den Kumpels im Schlepptau. Er findet Romantik toll, uns auch, aber alles zu seiner Zeit. Die Sterne bleiben am Himmel hängen, die Welt liegt nicht zu Füssen, zum getragen Werden sind wir zu schwer. Das zu beklagen hätte wenig Sinn, schliesslich und endlich wollten wir diesen wilden Abenteurer. Wir fuhren auf genau dieses Eigenwillige, dieses Ungestüme ab, was also hat uns bewogen, zu glauben, er sei nachher wie Wachs in unseren Händen? Und hätten wir es geglaubt, hätten wir ihn dann so anziehend gefunden?

Irgendwann merken wir: Aus einem Abenteurer macht man keinen zahmen Lebensbegleiter, wir ziehen die Konsequenzen und lassen ihn frei. Wir schwören uns, nie mehr auf den wilden Abenteurer reinzufallen, wissen, wir kommen damit nicht klar, wissen, das geht nie gut. Wir kennen nun all die Vorzüge des lieben Netten, die uns in der ganzen Abenteuergeschichte doch gefehlt haben, die uns nach dem bitteren Ende wieder auffingen, die uns wieder Hoffnung gaben, doch nicht ganz falsch gewickelt zu sein in unseren Träumen, Ideen, romantischen Phantasien. Wir wissen, dass es doch noch Männer gibt, die Sonnenuntergänge mögen, die für einen da sind, die Sterne pflücken toll finden. Wir ziehen wieder mit ihm um die Häuser, freuen uns am Leben.

Und dann sehen wir IHN. Er steht an der Bar. Wild und verwegen. Er blickt uns an, wir blicken zurück und träumen von Abenteuer, von Sonnenuntergängen und starken Armen. Und wir sind sicher: Dieses Mal ist alles anders.

Am 2. April 1725 erblickt Giacomo Casanova in Venedig das Licht der Welt. Als Kind ist er weit vom Lebemann entfernt, als den man ihn später in diversen Romanen beschreibt: Als eher kränkliches Wesen steht er dem Tod oft näher als dem Leben. Das hätte seinen Kampfgeist wachsen lassen, behauptet er später.

Bereits mit 17 Jahren ist er Doktor der Rechte, tritt danach – wieder entgegen des späteren Bildes – in die Kirche ein, um die Priesterlaufbahn einzuschlagen (der Wunsch der Grossmutter ist hier massgebend). Ein betrunkener Fall von der Kanzel beendet diese Laufbahn. Danach sucht er erneut Kontakt mit dem Recht, allerdings nicht in Anwaltsrobe, sondern als Inhaftierter wegen Erbstreitigkeiten.

Casanovas nächste Etappe ist Rom. Nach netten Plaudereien mit dem Papst, kommt er seinem später überlieferten Bild näher: Ein Liebesabenteuer wird vermeldet. Dieses bringt neuen Wind in sein Leben und zwingt ihn in die Flucht: weg aus Rom ist die Devise. Es folgen neue Abenteuer, von diversen Kindern ist die Rede, ihm selber fehlt der Überblick.

Trotz seinem eher unehrenhaften Abgang aus dem Klerikerkreis versteht er sich mit dem Papst ausnehmend gut, erwirkt sich einige Privilegien und Sonderrechte, wird sogar zum „Ritter des Goldenen Sporns“ ernannt. Das lässt er sich nicht zweimal sagen und nennt sich fortan Cavaliere. Damit die Herkunft zum Titel passt, erfindet er statt des sowieso nicht sicher feststehenden Schauspielers den passenden Vater dazu, was allerdings auffliegt und ihn erneut zur Flucht zwingt – es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Reisen, Engagements an Theatern, erneute Fluchten, Inhaftierungen – langweilig wird Casanovas Leben auch in der Folge nicht, die Schreiberlinge kommen nicht mehr nach, alles festzuhalten, weswegen nichts wirklich belegt und mit Sicherheit zu bestimmen ist.   Belegt ist erst wieder seine Inhaftierung in Venedig, er ist zwischenzeitlich den Freimaurern beigetreten. Nun darbt er in den Bleikammern Venedigs und versucht, mithilfe des Buches von Ludovico Ariosto, L’Orlando Furioso, die Flucht, was ihm auch gelingt. Er schreibt dies seinem als krankes Kind erprobten Kämpfergeist zu. Solches Material kann er nicht einfach versanden lassen, er schreibt darüber ein Buch.

Es folgten Reisen kreuz und quer durch Europa. In England treibt ihn eine unerwiderte Liebe zu einer 18-Jährigen fast in den Selbstmord, er überlebt auch das – ganz Kämpfer. Weitere Reisen werden unternommen, eine Stelle gesucht, was sich als schwer erweist. Was er kriegt – eine Stelle als Landjunker – will er nicht und was er will – eine Stelle bei der russischen Zarin, kriegt er nicht. Das alles lässt ihm aber genügend Zeit für weitere Abenteuer, es wird von Duellen berichtet, von Flucht und von Geliebten. In der Hoffnung, in Venedig etwas Gnade zu finden, verfasste er sein Werk „Confutazione della Storia del Governo veneto d’Amelot de la Hussaie“ (eine Antwort auf ein Venedig kritisches Werk ), was gelingt, so dass er nach Venedig zurückkehren kann.

Erneute Vatererfindungen lassen auch diesen Aufenthalt wieder enden, weitere Reisen folgen. Erst in Wien kommt er zur Ruhe, arbeitet da auf Schluss Dux als Bibliothekar. Damit es nicht zu ruhig wird, legt er sich ab und an mit den Schlossherren an, beschwert sich über Kaffee und Kuchen und andere wichtigen Dinge.

Sein wohl wichtigstes Werk sind seine Memoiren, die zur Weltliteratur gezählt werden und in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Ansonsten glänzt er wohl mehr als Romanvorlage denn als Literat, was bei seinem Lebenswandel und bewegten Leben nicht zu verwundern vermag.

Werke von Giacomo Casanovas

Memoiren – Geschichte meines Leben

Dieses Buch ist eigentlich das einzige von Giacomo Casanovas Werken, das Bekanntheitsgrad erreichte und auch übersetzt wurde. Viele seiner Bücher sind nur auf Italienisch erschienen und von eher nicht erwähnenswertem literarischem Wert.

Oft hört man bei Paaren, sie hätten sich getrennt, weil der Alltag eingekehrt sei, Langeweile herrschte, man sich in dieser Langweile wohl auch nach mehr Spannung sehnte und die im Aussen suchte. Wenn man in einer Gewohnheit drin steckt, kann die gut und gerne mal eingerostet erscheinen, man selber denkt, der Rost greife auf einen über, man fühlt sich erstarrt, eingeschlafen, nicht mehr lebendig. Findet man dann eine Herausforderung, ein kleines Aufblitzen von etwas Neuem, etwas Spannendem, dann erwachen die vorher noch so starren Sinne und Glieder, man fühlt sich wieder am Leben, voller Tatendrang, voller Freude, voller Aufbruchsstimmung. Der Weg dahin, das alte und gewohnte Leben als noch langweiliger und noch festgefahrener zu sehen, ist nicht weit. Noch weniger weit ist das Gefühl, in eben diesem Leben gefangen zu sein.

In den buntesten Farben malt man sich aus, was alles auf dieser Welt nur darauf wartet, von einem gesehen, erfasst, gelebt zu werden. Man sieht all die Chancen, die im momentanen Leben nicht möglich sind. Man sieht die Träume, die man noch verwirklichen möchte. Man sieht die Schlösser, die man bauen könnte und sieht sich drin sitzen als Prinzessin im Reich der eigenen Wünsche. Man hört als verheiratete Frau zum Beispiel von Singles, die ein abenteuerliches Leben führen, die Männer kennen lernen, in den Ausgang gehen, das Leben geniessen. Man hört von witzigen Flirts, bereichernden Kontakten. Man hört von einem Leben ohne Alltagstrott, ohne die Fehler des anderen, ohne Socken am Boden und ungebügelte Hemden. Die Welt ausserhalb des eigenen Trotts wirkt so verlockend. Man bricht aus. 

Zuerst das Aufatmen. Alles ist neu zu organisieren, alles ist frisch. Befreiung pur. Wo sind nun aber all die netten Männer? All die witzigen Kontakte? Wo die Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden? Wo die geselligen Abende in grosser Runde? Irgendwie hat man sich das alles anders vorgestellt. Und neben der ganzen Umorganisation des eigenen Lebens macht sich langsam Einsamkeit breit. Die vorher so interessant wirkenden Möglichkeiten scheinen sich in Luft aufzulösen, die vorher attraktiven Männer haben alle eine Macke (oder mehrere), die Welt ist auch als Single nicht nur locker, flockig und rosarot und überhaupt – das alte Leben war im Nachhinein gar nicht so übel. Die ach so langweiligen Werte wie Beständigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung hatten ihre sehr guten Seiten. 

Ich kenne diese Welt auch, allerdings kenne ich auch die umgekehrte: Ich liebe Alltagstrott. Ich liebe all die verlässlichen und beständigen Dinge, die täglich wiederkehren. Ich mag es, wenn ich weiss, wie alles ist, wie es wird, wenn ich weiss, was die Tage mir bringen. Neues macht mich unruhig, liegt mir nicht. Ich mag die mir vertrauten Dinge um mich, weiss, wo alles ist, weiss, dass es da ist. Ferien sind mir ein Graus. Nie habe ich all das dabei, was mir irgendwann im Laufe der Zeit fehlt. Nie habe ich meine Ruhe für mich, kann einfach nur in den Tag hinein leben, der mir vertraut ist, wo alles seinen Platz  hat. Es sind schliesslich Ferien, man muss was erleben, muss etwas sehen, muss die Welt erkunden und Freizeitbeschäftigungen abhaken. Dazu hat man ja Ferien.

Neuerungen im Alltag sind  mir ein Gräuel. Termine, die meinen Alltagstrott durchbrechen und über den Haufen werfen eine Plage. Ich werde giftig. Unleidlich. Schimpfe, tobe. Bis das Neue da ist, durch ist und ich sehe: ging ganz gut. Und dann kehrt wieder Zufriedenheit ein. Bin ich sonderbar? Mag sein. Vielleicht auch borniert, verkalkt, langweilig. Möglich. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich mag den Trott, ich schick mich drein und wenn man mich da lässt, bin ich absolut pflegeleicht, zufrieden und fröhlich. 

Ok, meistens. Ab und an sehe ich in der Welt draussen Dinge. Die sehen neu und spannend aus. Und machen Lust, sie zu erkunden, sie zu ergreifen. Und ich sehe die andern, die sie ergreifen, höre, wie sie davon sprechen und denke, es wäre genau das, was ich auch wollte, damit ich auch wäre, wie sie, hätte, was sie haben. Spüre die Unzufriedenheit aufsteigen. Stelle mir vor, wie alles wäre, wäre ich genau da, hätte genau das, denke mir, was das für mich bedeuten würde – und bin schlagartig geheilt. Gehe zurück in meinen Alltagstrott, bin dankbar, ihn zu haben. Er ist mein Stück Heimat, mein Stück Geborgenheit, mein Halt und mein Leben. Und das ist gut so, genau so brauche ich es – für mich.