4. Juni

„Ich bin dankbar, nicht weil es vorteilhaft ist, sondern weil es Freude macht.“ (Seneca)

Oft hört man, Menschen seien Egoisten. Sie täten nur, was ihnen nützt. Wieso also sollte man dankbar sein? Was man brauchte, hat man nun, alles weitere dient einem nicht mehr. Wobei: Tut es das wirklich nicht? Einerseits zeigt Dankbarkeit dem anderen Wertschätzung und macht ihn dadurch sicher geneigter, zu einem anderen Zeitpunkt wieder zu helfen.

Dankbarkeit gibt auch mir selber ein gutes Gefühl. Ich habe die Möglichkeit, dankbar zu sein, das bedeutet, mir ist etwas Gutes widerfahren. Das aktive Wahrnehmen desselben verdoppelt noch das Gefühl des „Mir geht es gut.“

Nun nur aus diesen Gründen einen Dank auszusprechen, wäre aber nicht nur berechnend, es würde auch wenig bringen, denn: Was nicht gefühlt ist, zeigt auch keine Wirkung. Nie bei einem selber, selten bei anderen.

3. Juni

„Die Kälte der Welt rührt daher, dass wir das, was wir an Dankbarkeit empfinden, denen, denen sie gilt, nicht genugsam kundgeben.“ (Albert Schweizer)

Wann hast du das letzte Mal „Danke“ gesagt? Wenn uns jemand etwas gibt, Gesundheit wünscht, in dem Moment geholfen hat, geht ein Danke noch schneller von den Lippen. Wie oft danken wir aber den Menschen, die tagtäglich um uns sind, für uns sind, mit uns sind? Danken einfach dafür, dass sie da sind, dass sie uns gut tun, dass sie uns Gutes wünschen?

Wem könntest du heute „Danke“ sagen?

2. Juni

„Denken und danken sind verwandte Wörter; wir danken dem Leben, in dem wir es bedenken.“ (Thomas Mann)

Ich habe in einer schwierigen Zeit damit begonnen, jeden Abend den Tag Revue passieren zu lassen und drei Dinge zu suchen, für die ich dankbar bin. Und: Egal, wie schwierig der Tag war, ich fand immer drei Dinge. Nicht immer grosse, ab und an kleine, fast schon banale, aber doch wohltuende.

Diese Praxis der aktiven Dankbarkeit hat mir sehr geholfen, das Leben umfassender zu sehen. Sie hat mir geholfen, auch in dunklen Momenten die lichtvollen Momente wahrnehmen zu können. Und über die Zeit hinweg merkte ich, wie ich besser mit den Herausforderungen umgehen konnte, die das Leben brachte, einfach, weil tief in mir immer auch Dankbarkeit mitschwang für das Gute, das jeden Tag präsent ist – wenn man es sieht.

1. Juni

„Wäre das Wort „Danke“ das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“ (Meister Eckhart)

Es gibt ein Lied, in welchem es heisst: „Danke für diesen guten Morgen, danke, für jeden neuen Tag….“ Und ja, es ist kein hochstehendes Lied, eher so ein banales mit einer simplen Melodie, einem einfachen Text. Sowas belächelt man gerne. Bis man innehält und denkt: Wie, wenn nicht so?

Ist nicht jeder neue Tag ein Geschenk? Eines, mit dem man eigentlich nicht rechnen kann und es doch tut? So selbstverständlich? Und wenn dann nicht alles so läuft wie geplant, hadert man noch. Ohne zu überlegen, dass schon der Tag eigentlich ein Geschenk war.

Wir müssen nun nicht alle mit einem Dauergrinsen durch die Welt laufen, gewisse Tage sind schwieriger als andere, und doch: Jeder Tag ist ein Geschenk und keiner ist selbstverständlich. Wir haben jeden Tag einen Grund, dankbar zu sein.

31. Mai

„Recht sehen und hören ist der erste Schritt zur Wahrheit des Lebens.“ Johann Heinrich Pestalozzi

Siehst du, was wirklich da ist, oder nur das, wovon du denkst, dass es da wäre, weil du es täglich gesehen hast und eigentlich gar nicht mehr wirklich hinschaust?

Hörst du, was wirklich gesagt wird, oder hörst du nur das, wovon du denkst, dass der andere es sagt, weil du denkst, ihn zu kennen und zu wissen, was er sagen will?

Und denkst du, dass du mit dem, was du siehst und hörst, wirklich die Welt da draussen wahrnimmst, oder nur immer deine eigene (beschränkte) Sicht derselben? Und wie wäre es wohl, wenn du den Blick und die Ohren öffnen würdest für das, was wirklich ist?

30. Mai

„Aufmerksamkeit, mein Sohn, ist,
was ich dir empfehle;
bei dem, wobei du bist, zu sein mit ganzer Seele.“
Friedrich Rückert

Ich habe kürzlich einen Kuchen gebacken. Sieben Zutaten waren zu verwenden, zwei habe ich vergessen, da ich – husch husch – noch nebenher andere Dinge machte. Nun war das kein Drama, es gab einfach keinen Kuchen zum Kaffee, dafür viel Gelächter über das Versäumnis, aber:

Manchmal geht auch etwas in die Hosen, weil wir schlicht zu viel nebenher tun, das gravierende Konsequenzen hat. Und wie leicht wäre es gewesen, das zu vermeiden, hätten wir uns nur ganz auf das konzentriert, was wir gerade taten.

29. Mai

„Alles läßt sich überwinden durch Standhaftigkeit; alles läßt sich vergessen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet.“ Adolph Freiherr von Knigge

Jemand hat dich geärgert? Wieso schenkst du ihm noch mehr von deiner Zeit, indem du über ihn nachdenkst? Jemand hat dir Unrecht getan? Wieso vergeudest du deine Zeit mit Racheplänen, statt dir etwas Gutes zu gönnen? Das Schicksal meinte es nicht gut mit dir? Du kannst es nicht ändern, aber indem du nur noch daran denkst, wird auch die Zeit, die du mit Schönem füllen könntest, davon beeinträchtigt.

Das Leben ist nicht immer schön und bunt und wunderbar, mitunter setzt es uns zu. Das können wir oft nicht ändern. Was aber in unserer Hand liegt, ist, wie viel Energie wir an das weniger Schöne verschenken.

28. Mai

„Jede Minute, die wir damit verschwenden, uns um die Zukunft zu sorgen oder die Vergangenheit zu bedauern, ist eine Minute, in der wir unsere Verabredung mit mit dem Leben verpassen.“ (Thich Nhat Hanh)

Was war, war, wir können es nicht ändern. Ebensowenig wissen wir wirklich, was kommt – wir werden es sehen, wenn es eintrifft. Alles, was wir haben, ist das heute. Nur heute können wir wirklich leben, heute können wir was bewirken.

Das bedeutet nicht, dass man sich nicht an gestern erinnern darf. Ebenso kann man sich mal hinterfragen in seinem Tun von gestern, um nicht heute ähnliche Fehler wieder zu machen. Auch können wir durchaus Pläne schmieden für die Zukunft, damit wir heute wissen, in welche Richtung wir gehen wollen, um unsere Ziele auch zu erreichen.

Was aber sicher wenig bringt, ist, wenn wir uns den Kopf zermartern wegen Dingen, die schlicht ausser unserer Reichweite sind. Horrorszenarien ausmalen, was alles passieren könnte, wird uns weder davor schützen, dass es passiert, noch gibt es uns etwas an die Hand, dann angemessen zu reagieren. Alles, was wir können, ist, das Heute so zu leben, dass wir das uns Mögliche getan haben, dass es ein gutes Morgen wird.

27. Mai

„Nimm dich voll Menschenhuld der Kleinsten willig an. Auch wisse, daß dir oft der Kleinste nützen kann.“ Karl Wilhelm Ramler

Wieso kümmerst du dich um andere Menschen? Weil es dir ein Anliegen ist? Weil du hoffst, dass auch was zurück kommt? Weil du dir etwas für dich davon versprichst?

Wirkliche Anteilnahme ist nicht berechnend. Wenn ich etwas gebe, muss ich dafür nicht auch etwas kriegen. Ich bin aber überzeugt, dass der, welcher von ganzem Herzen und wirklich anteilnehmend gibt, immer genug zurück bekommt. Vielleicht nicht von dem, dem er gegeben hat, sondern durchs Leben von anderen. Und dies vielleicht gerade drum, weil sie einen als einen Menschen erkennen, der ohne auf den eigenen Profit zu achten, Anteil nimmt. Und gibt.

Und nicht zuletzt: Gutes tun tut immer auch einem selber gut. Insofern kriegt man immer sofort etwas zurück, wenn man Gutes tut.

26. Mai

„Das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wenn wir unsere volle Aufmerksamkeit auf etwas richten, hat daneben nichts mehr Platz. Egal wie klein oder gross das so beachtete ist: Es ist in dem Moment alles für uns. Wenn wir uns ganz unserem Hobby hingeben, verlieren wir förmlich das Gefühl für Zeit, wir sind tief in unserem Tun versunken. Schön!
Aber: Wie oft geht es uns genau so, wenn wir ein Problem haben? Wir sehen nur noch dieses, kreisen den ganzen Tag darum, sehen all die anderen – oft auch guten – Dinge in unserem Leben kaum mehr.

Aufmerksamkeit alleine ist nicht per se gut oder schlecht, die Frage ist immer auch: Worauf richten wir sie?

25. Mai

„Es ist leicht, einen Schlafenden zu wecken, aber die Achtlosen sind so gut wie tot.“ Abu’l Madschd Madschdud Sana’i

Ist es dir auch schon passiert, dass du dich am Abend hingesetzt hast und dich gefragt, was du eigentlich an dem Tag alles gemacht hast? Wie oft laufen wir quasi im Automatenmodus durch die Welt und nehmen diese nicht wirklich wahr? Wie oft nehmen wir uns selber nicht wahr, sondern funktionieren einfach?

Manchmal muss erst etwas passieren, damit wir realisieren, wo wir im Leben eigentlich stehen und was wir durchs Leben tragen. Vielleicht könnten wir das eine oder andere vermeiden, würden wir schon vorher immer mal wieder bewusst innehalten und achtsam wahrnehmen, wie sich unser Leben anfühlt, wie wir uns in unserem Leben fühlen, wie sich unser Körper anfühlt, wie sich unsere Seele fühlt.

24. Mai

„Wie selten ist der reine Blick, das bereite Herz, der aufmerksame Sinn?“ Hugo von Hofmannsthal

Je älter wir werden, desto mehr haben wir erfahren, erlebt, auch durchlitten. Alles, was uns im Leben begegnet, hinterlässt Spuren – tiefe, schmerzhafte, auch schöne. Sie prägen unser Sein, damit auch unser Verhalten. Vor allem Verletzungen aus der Vergangenheit können dazu führen, dass wir uns verschliessen, so denken, Herz und Seele schützen zu können.

Leider schützen wir uns damit nicht nur, oft verletzen wir uns auch selber immer wieder durch dieses Verschliessen. Und oft verpassen wir auch wunderbare Chancen, weil wir uns nicht trauen, wirklich mit offenem Herzen und Blick durchs Leben zu gehen.

Das Leben erfordert mitunter Mut. Ein offenes Herz lässt alles rein. So nicht nur Schweres, sondern immer auch Schönes. Und das hilft, das Schwere zu tragen.

23. Mai

„Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.“ (Jiddu Krishnamurti)

Wir neigen dazu, wenn wir etwas sehen, dieses gleich zu beurteilen. Gegenstände, Menschen, Situationen – alles kriegt einen Stempel aufgedrückt, welchen wir durch unsere Erfahrungen in der Vergangenheit geprägt haben. Oft schauen wir gar nicht mehr genau hin, wir wissen ja – so denken wir – schon bescheid.

Nur: Ist die heutige Situation wirklich genau gleich wie die letzte, aufgrund derer wir sie bewerten? Ist der Mensch vor uns wirklich genau so, wie der, an den er uns erinnert mit seinem Verhalten? Ist der Baum wirklich einfach nur ein Baum wie tausend andere oder aber zeichnet ihn nicht doch etwas Spezielles aus?

Nur wenn wir die Dinge achtsam anschauen, wenn wir sie in ihrem heutigen Sein, wie es sich uns präsentiert, wahrnehmen, sehen wir sie, wie sie wirklich sind. Ansonsten sehen wir nur das, was wir aus uns selber in sie hineinlesen.

22. Mai

„Auf alles, was der Mensch vornimmt, muß er seine ungeteilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten.“ Novalis

Geht es dir auch so, dass du ab und an tausend Dinge aufs Mal machst, ganz vieles mal schnell nebenher erledigst? Das mag bei einigen Routinedingen gut funktionieren, auch wenn es Studien gibt, dass man gar nicht effizienter ist, wenn man die Dinge gleichzeitig statt hintereinander macht (und ob es einem wirklich gut tut, ist die andere Frage).

Wenn du aber ein Ziel hast, etwas wirklich willst, musst du es mit ganzem Engagement und voller Aufmerksamkeit verfolgen. Was man nur halbherzig verfolgt, kommt meist auch genau so raus: halbpatzig. Es ist einerseits ein Ausdruck deines Wunsches, etwas zu erreichen, wenn du dich diesem voll widmest. Andererseits gibst du dem Wunsch erst durch deinen Einsatz auch den Wert, von dem du behauptest, dass er ihn hat für dich.

Wenn du also ein Ziel hast, setze deine ganze Energie in dessen Verfolgung. Nur so gibst du wirklich alles, was du kannst, um es zu erreichen.

21. Mai

„Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum ersten Male wirklich sieht.“ (Christian Morgenstern)

Ist es dir auch schon einmal passiert, dass du durch eine Strasse gingst und plötzlich ein Haus sahst, das dir vorher noch nie aufgefallen ist? Oft laufen wir mit Scheuklappen durch die Gegend, sind entweder in Gedanken versunken, ins Gespräch vertieft oder – wie so oft – mit den Augen auf den Handy-Bildschirm geheftet. Dabei wäre da draussen eine ganze vielfältige und bunte Welt, die nur gesehen werden möchte. Und die neue Inspirationen und auch Freuden bringen könnte – wenn man sie sähe.

Vielleicht beim nächsten Gang durch die alltäglichen Strassen die Augen besondern offen halten, um all das zu sehen, was uns vielleicht sonst entgangen ist?