Es gibt ein Zitat von Buddha, welches in etwa so lautet:

„Ich lehre euch nicht alle Dinge, die ich weiss, denn ich glaube nicht, dass sie für eure Transformation, eure Heilung und euer Glück wichtig sind. Ich biete euch nur die Dinge an, die ihr wirklich braucht.“

Wie schön wäre es, in unseren Klassenzimmern ginge es genauso zu und her? Wie lebensnah und förderlich wäre es, Lehrer würden Kindern das vermitteln, was sie wirklich brauchen für ihr Leben, für ihr Bestehen in dieser Welt, statt sie mit (so oft unnützem) Wissen abzufüllen?

Wissen ist nicht per se zu verdammen, Wissen ist etwas Wunderbares. Doch es ist nicht primär wichtig. Primär müssten Kindern das lernen, was sie für ihr Leben in der Welt, wie sie sich ihnen präsentiert, brauchen. Faktenwissen, das jeder Computer besser memoriert, gehört da eher nicht dazu, eher sind Fähigkeiten, Werte und soziale Kompetenzen gefragt – all das, was Menschen vom Computer unterscheiden, all das, was Menschen in dieser Welt die Möglichkeit bietet, in ihr zu bestehen und in einem Miteinander zu existieren.

Kinder wollen lernen. Kinder lernen von Natur aus immer. Doch wenn man sie mit Gewalt, Zwang, auch Wut und gar Verzweiflung dazu bringen will, die von einem lebensfremden Bildungsplan auferlegten Inhalte in den Kopf zu beigen, verleidet man ihnen nicht nur oft das Lernen, man macht sie auch krank. Dies oft in mehrfacher Hinsicht. Es gab noch nie eine Zeit, in welcher Kinder so viel krank waren: Depressionen, Burnouts, Suchtkrankheiten – all diese und noch einige mehr sind auf dem Vormarsch. Kinder stehen unter Druck. Und sie merken tief drin wohl auch, wenn man ihnen nicht jegliche Intuition bereits ausgetrieben hat, dass das, was sie tagtäglich vorgesetzt kriegen, mit ihrem Leben herzlich wenig zu tun hat. Dies wohl umso mehr, je intelligenter sie sind, weil sie dann selber erkennen, dass all das Faktenwissen zu leicht abrufbar wäre, würde man sich dem Stand der Welt anpassen und sich nicht so verhalten in der Schule, als ob Computer und all das abrufbare Wissen nicht existierte.

Das heutige Schulsystem leidet unter einem Scheuklappendenken. Es versucht krampfhaft ein Lehrkonzept zu erhalten, das schon vor 200 Jahren überholt war. Es versucht krampfhaft, Wissensinhalte zu vermitteln, die in einer Zeit wie heute nicht mehr adäquat sind in der Form. Es versucht krampfhaft, sich selber weiter am Leben zu erhalten durch das Blockieren innovativer Zugänge zu einem neuen Lernen, zu einer neuen Form von Schule.

Wenn Schule überhaupt noch nötig ist – und ja, ich denke, in der heutigen Form ist sie das nicht -, müsste man zuerst einmal hinschauen, was Kinder wirklich brauchen. Heute und für morgen. Kinder haben Bedürfnisse: Das erste ist, geliebt zu werden. Werden Kinder geliebt, lieben sie auch – es entsteht eine Beziehung. Diese Beziehung ist die wichtigste Grundlage überhaupt. Auf ihr baut alles Weitere auf. Ein zweites ist, zu verstehen. Kinder sind von Natur aus neugierig. Sie wollen wissen, wieso Dinge sind, wie sie sind. Wer kennt nicht all die Fragen nach dem Warum? Wenn man ihnen diese Neugier lässt, wollen Kinder auch lernen. Und sie tun es ohne Druck, Gewalt und Strafandrohungen.

Würde in einer Schule eine Kultur herrschen, in welcher Menschen unter Menschen sind, sich gegenseitig auf Augenhöhe begegnen, von einem Gefühl der gegenseitigen Akzeptanz und Liebe getragen, wäre die notwendige Basis für ein sinnvolles und aus eigenem Antrieb kommendes Lernen gegeben. Dann wäre es Kindern möglich, auf eine gesunde, weil ihrem Naturell entsprechende Weise zu lernen.

Würde zudem die Schule realisieren, dass die Lerninhalte sich den gegebenen Veränderungen, die noch dazu immer schneller voranschreiten und so eine Zukunft erahnen lassen, in welcher das bis anhin Gelernte wenig brauchbar und umsetzbar ist, könnte sie sich auf die wirklich wichtigen Inhalte konzentrieren: Fähigkeiten, Werte und soziales Verhalten. Das heisst nicht, dass fortan Wissen keinen Platz mehr haben sollte, aber es sollte mehr den Kindern überlassen sein, welches Wissen ihnen wichtig ist und auf welche Weise sie sich dieses aneignen können. Lehrer wären in einer solchen Schule nicht per se Vermittler, sondern zugewandter Wegbegleiter.

Ich bin überzeugt, dass aus einer solchen Schule lebenskompetente, gesunde und motivierte Persönlichkeiten ins Leben hinaus gingen und dieses in die Hand nehmen könnten und wollten. Ich bin überzeugt, dass solche Menschen nicht von Maschinen ersetzt werden können, weil sie nicht versuchen, mit diesen zu konkurrieren, sondern sich auf ihre eigenen Stärken berufen und diese einsetzen können. Ich bin überzeugt, dass damit eine Zukunft realisiert würde, in welcher Menschen friedlicher miteinander leben könnten und sie Maschinen nicht als Gefahr, sondern als wertvolle Unterstützung sehen könnten, welche ihnen möglich macht, mehr als Mensch unter Menschen und nicht als funktionierendes Rad im Getriebe zu agieren.

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

_______

* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Marthe Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.

Nutzte man früher Papieragenden, verwaltet man heute die Termine elektronisch. Papierbücher sehen sich in Konkurrenz mit eReadern, Bibliotheken mit Buchbeständen rüsten um. Der Liebesbrief weicht der eMail, Anrufe werden durch Whatsappnachrichten ersetzt. Wir sind angekommen – in der digitalen Welt.

Die oben genannten Veränderungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Dass ich heute auf meinem iPad herumtippe, statt auf Papier zu kritzeln, heisst noch wenig. Digitalisierung geht weiter.

Anfänge der Digitalisierung
Anfänglich ging es in der Tat darum, analog verfügbare Daten digital zugänglich zu machen. Erstens sind digitale Daten einfacher zu teilen und von überall einzusehen, zweitens stellen sie auch eine Sicherung von teilweise dem Verfall ausgelieferten Beständen dar. Zudem ist es einfacher, in digitalen Dokumenten zu suchen als analog. Auch die Verarbeitung ist deutlich einfacher und auch umfangreicher möglich. Dass das Ganze noch zusätzlich Platz sparte, kam obendrauf. Digitalisiert wurden Texte, Bilder, Tondokumente, Filme.

Die Digitalisierung oben genannter Daten führte zu einer ständig verfügbaren, von überall und zu jeder Zeit zugreifbaren Masse an Wissen. Eine Gefahr für den Menschen. Was eine Maschine weiss, die systematisch mit Wissen gefüllt werden kann, übersteigt um ein Weites das, was ein Mensch sich merken kann. Die Maschine vergisst nicht (es sei denn, das System liegt ab, aber dafür gibt es Backups, die ja hoffentlich jeder regelmässig macht). Der Mensch vergisst nicht nur, er kann sich schon viel gar nicht merken. Schon gar nicht so schnell und schon gar nicht endlos und umfassend.

Unser Schulsystem
Schaut man auf unsere Lehrpläne, sieht man hauptsächlich eines: Was an Wissen muss in welchem Zeitraum in Kinderköpfe gepaukt werden. Man behandelt Kinder also wie Computer, indem man sie mit Wissen füttert, das sie dann auf Abruf wieder ausspucken müssen. Das mag kurzfristig bei Prüfungen noch gelingen (ob es sinnvoll ist, sei dahingestellt und wird hier nicht weiter thematisiert), mittel- und langfristig führt es nur zu einem: Wir bilden unsere Kinder zu Unterlegenen aus. Kein Kind wird je mit einem Computer mithalten können. Wenn das Kind mit all dem angehäuften Wissen aus der Schule kommt – und wir gehen vom Optimalfall aus, dass es noch alles weiss, nichts vergessen hat – , wird es nie mit der abrufbaren Informationsmasse eines Computers mithalten können.

Was heisst das? Überall, wo ein Computer Menschen ersetzen kann, wird der Mensch ersetzt. Wenn wir nun unseren Kindern das beibringen, was der Computer besser kann, setzen wir sie durch unsere Bildungsmassnahmen auf die Ersatzbank. Zwar können diese Kinder sicher nett im Smalltalk mit ihrer Allgemeinbildung brillieren, sie können das Brutverhalten von Singvögeln erklären, die Flüsse in den Kontinenten einzeichnen, wenn sie Humor haben, sogar unterhaltsam darlegen, wieso beim Aufeinandertreffen gewisser Chemikalien eine Explosion entsteht. Nur: Das wird ihnen im Arbeitsleben wenig helfen.

Was noch dazu kommt: Die Digitalisierung schreitet voran. Heute werden nicht mehr nur Daten und Fakten von analog auf digital umgestellt, heute ist es möglich, Simulationen von realistischen Situationen herzustellen. Computer sind in der Lage, auf Aussagen zu reagieren und sie antworten. Zu einem grossen Prozentsatz angepasst und kompetent.

Was nun?
Fassen wir zusammen: Computer speichern mehr Daten als sich ein menschliches Hirn merken kann. Computer können diese schneller abrufen. Sie sind zudem so vernetzt, dass von überall zu jeder Zeit auf die Daten und Fakten zugegriffen werden kann. Computer werden mehr und mehr interaktiv, auch sprachlich. Ich frage was, der Computer antwortet. So kann ich von Computern Wissen erfragen, Zimmer in Hotels buchen oder aber einen Tisch fürs Abendessen.

Die Forschung geht weiter. Es gibt mittlerweile Computer, die die Körpersprache lesen und darauf reagieren können. es existieren Roboter, die aussehen wie Menschen (auf Wunsch wie ein bestimmter Mensch mit den diesem typischen Ausdrucksweisen, seiner Stimme und mehr). Die Technik rüstet auf.

Wo bleibt der Mensch?
Mit Wissen werden wir keine Chance haben. Mit ganz viel anderem auch nicht. Die Maschine holt uns ein. Was bleibt sind Beziehungen, sind Werte, sind Fähigkeiten. Klar kann ein Computer von Liebe, Mitgefühl und Hingabe erzählen, er lebt sie nicht, er vermittelt sie nicht. Was menschlich bleibt, sind unsere tief inneren Qualitäten. Vielleicht will uns die Digitalisierung lehren, uns wieder darauf zu besinnen? Vielleicht wäre es an der Zeit, unsere Kinder auf das einzustimmen, was wirklich zählt, darauf, wo sie Experten sind und sein werden. Vielleicht ist es an der Zeit, zu merken, dass reines Faktenwissen anhäufen nicht lernen heisst. Und dass es vor allem nichts bringt.

Fazit
Die Digitalisierung ist unglaublich spannend, sie treibt unsere Welt in immer schnellerer Zeit zu immer neuen Ausgangslagen. Das macht Angst. Immer mehr übernehmen Computer Dinge, die mal von Menschen ausgeführt wurden. Menschen wurden ersetzt durch Maschinen, es werden mehr werden. Es wäre an der Zeit, umzudenken. Und wo müsste man damit nicht anfangen, wenn nicht in der Schule? Einfach neu iPads statt Notizblöcke zu verteilen reicht nicht aus, um mit der Digitalisierung mitzuhalten. Umdenken ist gefordert. Und dann sind iPads toll. Man kann damit auch spielen, kreativ sein. Nutzt man sie zur reinen Checkliste für erfolgte Leistungen, kann man auch zum Notizblock zurückkehren.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Begriffe, die seit einiger Zeit durch die verschiedenen Medien schwirren, mal werden sie euphorisch zu den Hoffnungsträgern der Zukunft erklärt, mal wird durch sie in düsteren Szenarien der Untergang der Menschheit prognostiziert. Die Wahrheit liegt – wie so oft wohl – irgendwo in der Mitte. Was sicher wichtig ist für die nächste Zeit: Wir müssen einen Umgang mit der sich immer schneller verändernden Umwelt finden, wir müssen erkennen, wie wir uns mit ihr – und auch durch sie – entwickeln können.

KI und Digitalisierung sind nicht per se schlecht oder gut, sie sind. Sie wurden von Menschen entwickelt und sind nun dadurch ein Bestandteil unseres Lebens – und das wohl in zunehmendem Masse. Um damit umgehen zu können, ist es wichtig, zuerst einmal zu verstehen, worum es sich dabei überhaupt handelt, und dann zu erkennen, wo sie uns nützen können und wo sie uns in unserem Denken mehr behindern. Die Automatisierung von Entscheidungen, Abläufen und Prozessen kann sowohl für den einzelnen Menschen als auch für Unternehmen eine Chance sein, die Gesellschaft kann davon profitieren – wichtig dafür ist allerdings, dass wir uns bewusst sind, welche Entscheidungen wir wirklich Maschinen überlassen wollen und können, und welche wir doch lieber in Menschenhand wissen.
Was ist künstliche Intelligenz?
KI ist grundsätzlich als Software zu verstehen, welche in einer steuerungsfähigen Hardware sitzt. Die Software lernt in Verbindung mit der Hardware Dinge aufzunehmen, zu analysieren und in eine Handlung umzusetzen. Nach einem solchen Ablauf evaluiert das System das Ergebnis: Wenn es zum gewünschten Ziel führt, wird das Ganze als funktionierender Ablauf gespeichert, Problemen werden entsprechend festgehalten. Aus solchen Abläufen lernt das System also, was funktioniert und was nicht, so dass aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen in nächsten Situationen das anzuwendende Handlungsprinzip immer mehr und besser angepasst werden kann und leistungsfähiger funktioniert.

Die Fähigkeit, die eigenen Ergebnisse zu analysieren und sich aufgrund gewonnener Daten immer weiter selber zu verbessern, stellt den grossen Unterschied zur herkömmlichen Programmierung dar. Während man früher das Wissen aus Menschenköpfen in Maschinen speiste, damit aber auch die Grenzen des Einspeisbaren quasi selber setzte, können sich verselbständigende Mechanismen nun über diese Grenzen hinaus entwickeln. Neu setzt der Mensch nur noch den Rahmen, die Maschine ist dann innerhalb dieses Rahmens selbstlernend.

Es geht also nicht mehr darum, Theorien und Regeln einzuspeisen, sondern Ziele zu definieren, so dass Computer dann durch verschiedene Beispiele, Ergebnisanalysen und Feedbackketten lernen, ob sie die vom Menschen gesteckten Ziele erreichen können. Die Abkehr von der reinen Wissenseinspeisung anhand von festgesetzten Regeln und Theorien hin zur Entwicklung von sich durch Zielorientierung selber steuernden und weiter entwickelnden Systemen hat in der Informatik zu einer Weiterentwicklung geführt, die immer schneller immer bessere Ergebnisse liefert.

Was wir daraus für die Schule ableiten können
Im herkömmlichen (Frontal-)Unterricht werden Kinder wie früher Computer mit Wissen gespeist. Sie sind quasi die Trägerplatinen, auf welche nun Daten geschrieben werden sollen. Das System schreibt vor, welche Daten relevant sind, welche nicht. Durch den entsprechenden Druck wird sichergestellt, dass die Kinder dies aufnehmen und damit mehrheitlich ausgelastet sind. Für mehr bleibt wenig Zeit und oft auch wenig Interesse, da in den Köpfen steckt: „Das brauchen wir nicht für die Prüfung.“

Dadurch, dass Computer technisch besser in der Lage sind, Daten zu speichern, sie dies erstens schneller, zweitens zuverlässiger und drittens langfristiger können, sind sie dem Menschen immer überlegen in dem Punkt. So gesehen bilden wir unsere Kinder zu Verlierern gegen die Maschine aus. Es verwundert also auch nicht, dass der Mensch, der sich damit konfrontiert sieht, dass jede Maschine besser kann, was er kann, und dieser Vorteil auch immer mehr genutzt wird in der Wirtschaft, Angst um seine Zukunft hat. Statt aber in der Angst zu verweilen, könnte man etwas ändern.

Statt an dem Punkt stehen zu bleiben, den die Computerindustrie überwunden hat, könnte man sich nach ihrem Beispiel weiter entwickeln. Kinder wären dann keine Träger, die gefüllt werden müssen, sondern selber denkende Systeme, denen man den passenden Rahmen geben muss, in welchem sie Ziele erreichen können. Idealerweise wären das selbstgesteckte Ziele aufgrund eigener Interessen und persönlicher Neugier, aber auch vom Lehrplan definierte Ziele, welche mit der nötigen Faszination vermittelt werden, können Antrieb genug sein, den Forscherdrang junger (und auch älterer) Menschen anzustacheln und sie auf die Lern-Reise bringen.

Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, Fähigkeiten zu entwickeln, die sie selbstbestimmt agieren lassen, wenn sie darauf merken, dass sie es selber in der Hand haben, dadurch auch die Verantwortung tragen für das, was sie tun und damit erreichen, gibt das ein Gefühl einer Selbstwirksamkeit. Während die Maschine rein analytisch Wahrscheinlichkeiten berechnet und das weitere Handeln daraus ableitet, kommt beim Menschen die Freude hinzu, welche den Antrieb für neue Herausforderungen noch zusätzlich stärkt.

Auf diese Weise, so bin ich überzeugt, können Menschen über (ihre selber gedachten und von aussen gesetzten) Grenzen hinauswachsen. Sie können sich auf die ihnen mögliche Weise entwickeln. Auf diese Weise könnte sich auch die Angst abbauen, dass Maschinen ihren Platz einnehmen können, denn Maschinen können viel, das dem Menschen eigen ist, nicht. Das sieht man aber mehrheitlich dann, wenn man nicht versucht, aus Menschen (schlechtere) Maschinen zu machen. Man sieht es dann, wenn man den Mensch in seinem Menschsein akzeptiert, stärkt und vor allem: leben lässt.

Betrachtet man den herkömmlichen Unterricht, sieht man meist einen Lehrer, der basierend auf einem Lehrplan Stoff vermittelt. Er füllt kleine Kinderköpfe wie Fässer mit Wissen, das diese kurz aufnehmen, behalten, wiedergeben müssen. Darauf basierend werden sie bewertet. Wir haben also einen Klassenverband mit gleichaltrigen Schülern, die beim gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut erreichen müssen (7G-Prinzip).[1]

Nun sind aber Kinder nicht gleich, sie haben unterschiedliche Fähigkeiten, brauchen unterschiedliche Bedingungen zum lernen und haben ein unterschiedliches Tempo. Wie viel besser wäre also, wenn Kinder die Möglichkeit hätten, sich auf die ihnen eigene Art den nötigen Stoff anzueignen? Wenn sie also „als vielfältige Menschen auf vielfältigen Wegen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen kämen“ (8V-Prinzip)[2]?

Mit dem althergebrachten Frontalunterricht ist das sicher nicht zu bewerkstelligen, neue Lehr- und Lernformen sind gefragt. Lehrer sollen nicht mehr länger Lieferanten von Wissensinhalten sein, sondern Begleiter auf dem Lernweg der Schüler. Diese wiederum sind nicht blosse Wissenstanks, die passiv aufnehmen, was präsentiert wird, sondern aktive Lerner, die sich ihr Wissen selber erarbeiten durch autonomes Lernen.

Autonomes Lernen heisst, dass das Lernen eigenverantwortlich erfolgt, die Mittel und Wege selbstbestimmt sind und individuell angewendet werden, den eigenen Bedürfnissen angepasst. Der Schüler ist also frei in der Wahl seiner organisatorischen, zeitlichen, räumlichen, methodischen Mittel. Autonomes Lernen ist mehr als selbständiges Lernen. Beim autonomen Lernen setzt sich der Lernende die Ziele selber. Zwar liegt es in der Natur unseres Schulsystems, dass Lehrpläne Ziele vorschreiben, doch beim autonomen Lernen versucht man, sich diese Ziele zu eigenen zu machen. Je besser das gelingt, desto leichter fällt schliesslich auch das Lernen.

Es liegt schlussendlich in der Verantwortung jedes einzelnen Lernenden, seine sich gesetzten Ziele zu erreichen. Damit diese – meist langfristigen – Ziele erreicht werden können, müssen oft auch kurzfristige zurückgestellt werden. Wenn der Lernende kein Neulernender ist, verfügt er zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Repertoire an Lernstrategien. Er wählt nun die für das zu erreichende Ziel passende aus. In der Folge kann er die eigenen Lernfortschritte immer selber kontrollieren und die Fortschritte beurteilen, um zu evaluieren, ob seine Strategie Früchte trägt. Er erkennt dabei auch Hürden und Hindernisse und kann gezielt um Hilfe bitten.

Autonomes Lernen ist je nach Ziel einfacher oder schwerer, bedarf mehr oder weniger Begleitung. Wie diese Begleitung auszusehen hat, ist von Fall zu Fall verschieden. Manchmal reichen methodische Anregungen, manchmal braucht es ein wenig Druck oder aber im Gegenteil Gewährenlassen. Autonomie so verstanden ist keine absolute Grösse, sondern immer zielabhängig. Damit autonomes Lernen gelingen kann, bedarf es einer Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die auf Augenhöhe stattfindet, in der beide ihre Authentizität bewahren und in welcher ein Vertrauensverhältnis herrscht. Der Lehrer tritt nicht länger als Wissender auf, der doziert, sondern als Partner im Dialog. Der Lehrer ist dabei nicht dazu da, den Schüler zu motivieren, sondern er (und die Schule) schafft Bedingungen, unter denen der Schüler sich selber motivieren kann. Dieser ist dann frei in der Wahl seiner Mittel und Wege, er hat die Gelegenheit, in Eigeninitiative und mit Neugier den zu erarbeitenden Stoff zu verinnerlichen.

Damit Autonomie gefördert werden kann, müssen auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einerseits den Lernprozess unterstützen, andererseits die Zielvorgaben beinhalten und deren Erreichen sichern. Dabei kann ein Lernvertrag helfen: Lehrer und Schüler vereinbaren, welche Ziele zu erreichen sind, in welchem Zeitrahmen das passieren soll und was beide voneinander brauchen, damit das Ziel erreicht werden kann. Auf dieser Basis kann sich der Schüler auf seinen persönlichen Lernweg machen, er wird dabei vom Lehrer begleitet, hat die Möglichkeit, auftretende Probleme mit diesem zu besprechen.

Wichtig ist auch die Umgebung, in welcher autonomes Lernen stattfindet: Die individuelle Herangehensweise an den zu lernenden Gegenstand bedarf eines Lernorts, welcher verschiedenen Lerntypen die nötige Infrastruktur liefert. Es sind Orte zum stillen Lernen wie auch zum Lernen in Gruppen nötig.

Zusammengefasst lassen sich folgende Parameter für autonomes Lernen auflisten:

Autonomes lernen ist

  • individuell
  • selbstbestimmt
  • eigenverantwortlich

Autonomes Lernen braucht

  • eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler
  • Begegnung auf Augenhöhe
  • Vertrauen
  • Empathie
  • eine geeignete Lernumgebung

Ein autonom Lernender verfügt über folgende Fähigkeiten:

  • Er setzt sich selber Ziele
  • Er übernimmt die Verantwortung über seinen Lernprozess
  • Er setzt die Prioritäten innerhalb seiner Ziele
  • Er kann aus verschiedenen Strategien die für das aktuelle Ziel geeignete auswählen
  • Er kontrolliert seine Lernfortschritte und kann diese einordnen
  • Er merkt, wo er Hilfe braucht und kann diese einfordern

____________________

[1] vgl. dazu Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht

[2] ebd.

Wie oft hörte ich das in meiner Schulzeit und ich konnte es kaum glauben. Klar, Schule wurde als das hingestellt, was mich auf die Zukunft vorbereiten, das mir den Zugang zu einer Ausbildung, zu einem Studium, zu einer weiterführenden Schule ermöglichen sollte. Und so lernte ich, was mir vorgegeben wurde, zu lernen. Sinn und Zweck sah ich selten, was sich auf die Lernmotivation niederschlug und oft das Lernen eher als notwendiges Übel denn als sinnvolle Tätigkeit erscheinen liess.

Lernen in der Form, wie ich es in der Schule kennengelernt habe, war eigentlich kein wirkliches Lernen, es war eher das Pauken von Inhalten, die mir vom Lehrer frontal gegen den Kopf geschleudert wurde und die ich nun in diesem hätte ansammeln sollen. Dass sich diese Inhalte oft nur kurzzeitig und nur gerade im Hinblick auf eine Prüfung niederliessen, bestärkt die Ansicht, dass von Lernen, wirklichem Verinnerlichen, kaum die Rede sein konnte.

Von vielem, das ich damals gehört habe, ist kaum etwas geblieben. Das ist insofern schade, als ich heute finde, dass ganz vieles davon spannend gewesen wäre, dass es mich eigentlich interessieren würde. Nun ist es nicht so, dass ich ein gänzlich uninteressiertes Kind gewesen wäre, im Gegenteil. Es gelang im Unterricht in der Form schlicht nicht, mein Interesse zu wecken. Das hatte verschiedene Gründe:

  • Ich sah beim Lehrer selten eine eigene Faszination für den Stoff. Meist leierten unsere Lehrer die gleichen Inhalte auf die gleiche Art und Weise runter, wie sie das schon seit Jahren getan hatten.
  • Ich sah in vielen Inhalten keinen Sinn für mein Leben, da ich sicher war, die Mehrheit davon nie mehr im Leben brauchen zu können. Und ich habe recht behalten.
  • Das stupide Auswendiglernen von prüfungsrelevantem Stoff tötete noch den letzten Funken an Interesse in mir.

Und ja, so fühlte es sich schlicht nicht so an, als ob ich für mich lernte – ich lernte für die Schule. Ich lernte für eine Schule, die so ausgerichtet war, dass sie mir Stoff eintrichtern musste nach Lehrplan, welcher für mich nicht relevant war, auf eine Weise, die weder kindgerecht noch lernpsychologisch sinnvoll war.

Nun kann man sagen, dass man es nicht besser wusste. Das wage ich zu bezweifeln, denke ich nur an Aussagen von Humboldt, Dewey oder auch Piaget (um nur einige wenige zu nennen, die Liste wäre lang). Seit da kam die Hirnforschung dazu, welche viele der Aussagen stützte, vor allem aber, dass Lernen, wie es heute in Schulen gefordert wird, nicht den menschlichen Anlagen entspricht.

So oder so: Wenn ein Kind wirklich für sich lernen soll, dann müsste dieses Lernen auf eine ihm mögliche Weise geschehen können und es müsste für sein persönliches Leben einen Sinn ergeben. Im Hinblick darauf, dass wir in unserer immer schneller sich verändernden Welt keine Ahnung mehr haben, welche Berufe es in der Zukunft noch geben wird, wäre es wichtig, dem Kind Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben, welche ihm eine Anpassung an diese sich verändernde Welt ermöglichen. Zudem müsste es sich in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt orientieren und austauschen können. Es müsste, um in eben dieser Welt friedlich mit andern zusammenleben zu können, Werte verinnerlichen, die dieses Zusammenleben ermöglichen. Es muss wissen, wie und wo es sich Informationen beschaffen und wie es diese verinnerlichen kann – was es von Natur aus könnte, würde man ihm dieses natürliche und autonome Lernen nicht abgewöhnen würde durch zu viele vorgefertigte Antworten, welche das neugierige Fragen im Keime ersticken.

Werte und Fähigkeiten und Kompetenzen in grundlegenden Bereichen, die lebensrelevant in einer Welt des Miteinanders sind, wären also das, was in Schulen vermittelt werden sollte. Dass eine gewisse Allgemeinbildung durchaus sinnvoll ist, soll nicht bestritten werden, allerdings sollte es dem Interesse des Kindes überlassen werden, wie tief es in gewissen Bereichen gehen (nämlich so weit, wie es für seinen persönlichen Lebensweg sinnvoll erscheint) und auf welchen Wegen es sich diesen Stoff erarbeiten will.

Damit plädiere ich nicht dafür, den Lehrer abzuschaffen und die Kinder auf sich selber gestellt zu lassen beim Lernprozess, im Gegenteil. Lehrer sind wichtig. Allerdings sollte ihre Aufgabe weniger in der dozierenden Fachvermittlung liegen, als mehr in der Begleitung auf den individuellen Lernwegen und im Aufbau einer Beziehung, welche dem Kind Halt und einen geschützten Rahmen gibt auf seiner Reise durch die Lernwelten.

Gleichheit und Gleichberechtigung sind Themen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel diskutiert wurden und für deren Erreichen (auf verschiedenen Ebenen) grosser Einsatz geleistet wurde. Dies sicher zu recht. Allerdings wurde im Zuge dieser Aktionen aus einem Bestreben, die Menschen als gleiche zu sehen, eine Gleichmacherei. Man verwechselte die Gleichheit des Menschen qua seines Mensch Seins mit einer Ausmerzung jeglicher Unterschiede, mit einer Gleichförmigkeit.

Erich Fromm definierte Gleichheit folgerichtig:

Gleichheit bedeutete, dass jeder von uns die gleiche menschliche Würde besitzt trotz aller bestehenden Unterschiede;*

Sie bedeutet aber nicht, dass wir alle gleich sind im Hinblick auf unsere Anlagen, Eigenschaften, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Geht man davon aus, kommt man zum Schluss, dass für jeden Menschen die gleichen Bedingungen geschaffen werden müssen, jeder Mensch denselben Weg einschlagen müsse, da es nur einen richtigen gibt. Das zeigt sich schon in den heutigen Schulsystemen, welche nach dem 7G-Prinzip funktionieren:

Gleichaltrige Schüler, haben beim gleichen Lehrer im gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut zu erreichen.**

Daraus resultieren ganz viele Kinder, welche mit der Schule nicht klar kommen, welche es nicht schaffen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, welche sogar zu Lernkranken oder Lerninvaliden werden. Viel besser wäre doch, Kinder (und eben auch Erwachsene) in ihrer Individualität wahrzunehmen und auf sie abgestimmte Wege zu entwickeln. In der Schule könnte man von 8V-Unterricht sprechen:

Wir gelangen auf vielfältigen Wegen mit vielfältigen Menschen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen.***

Dahinter steht eine Haltung: Menschen sind Menschen und als solche individuell. Zwar haben sie als Menschen gleiche Werte und Rechte und sollen auch die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die gleichen Chancen, die auszuleben, erhalten.**** Das Ziel eines jeden Menschen ist wohl, das eigene Leben zu meistern und es als ein gutes Leben zu empfinden. In der Schule haben wir einen Lehrplan mit Kompetenzen, die am Schluss der Schullaufbahn auf jeder Stufe erreicht werden müssen. Das sind die gemeinsamen Ziele. Nur: Die Wege dahin sind individuell, da Individuen sie gehen.

Wenn wir nun wollen, dass alle gleich sind, auf gleiche Weise handeln, dies im gleichen Tempo tun sollen, und so weiter: Dann pressen wir Menschen in Schemen, in die sie schlicht nicht passen. Nur:

Was ist die Alternative?

Und:

Wie soll das umgesetzt werden?

Die erste Reaktion in Schulen ist meist: Das klappt bei uns nicht, das können wir nicht leisten.

Bezogen auf die Philosophische Praxis heisst das, dass es nicht einen Weg gibt, sich selber zu erkennen, die eigenen Probleme und Unsicherheiten zu analysieren und Haltungen, damit umzugehen, zu entwickeln. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Stärken, baut auf anderen vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten auf. Es gilt, den einzelnen Menschen sich mit seinen Stärken und Anlagen kennenzulernen und dann gemeinsam einen Weg zu finden, der dem einzelnen Menschen entspricht.

Das geht auch in einem System, konkret in einer Schule. Es bedingt aber eines Umdenkens. Aus einem distanzierten Lehrer-Schüler-Verhältnis heraus funktioniert das nicht. Es bedingt eine Beziehung, ein „In-Beziehung-Treten“, bei welchem sich beide Seiten öffnen und vertrauen. Es funktioniert nicht mit Frontalunterricht, wo einer das Wort hat, die anderen nur zuhören. Es funktioniert dann, wenn neue Wege beschritten werden, Schüler in ihrer Autonomie als Menschen und als Lernende wahrgenommen und unterstützt werden, Lehrer keine Befehlshaber sondern Begleiter sind.

Immer mehr Kinder leiden. Sie entwickeln Ängste, Depressionen, bringen sich gar um. Es gibt Lernverweigerer, Schulverweigerer, so genannte Schulversager. Kinder fallen durch die Netze. Die alten Netze scheinen zu grosse Löcher zu haben. Wir müssen neue knüpfen, um wieder die auffangen zu können, um die es geht: Die Kinder. Sie sind es, die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen.

Wie wollen wir diese Zukunft haben?

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* Erich Fromm, Der kreative Mensch
** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
*** Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht
**** Es sei hier auf die Gerechtigkeitstheorie Amartya Sens und auch Martha Nussbaums verwiesen. Sie weiter auszuführen, würde den Rahmen hier sprengen.