Philosophisches: Faden im Gewebe

«Die Menschen sind nicht nur in der Kleidung und im Auftreten, in ihrer Gestalt und Gefühlsweise ein Resultat der Gesellschaft, sondern auch die Art, wie sie sehen und hören, ist von dem gesellschaftlichen Lebensprozess […] nicht abzulösen.» Max Horkheimer

In der heutigen Zeit ist es das höchste Ziel, möglichst selbstbestimmt, authentisch, autonom zu sein. Die eigene Identität steht im Zentrum des eigenen Universums, sie will gelebt werden, sie darf nicht unterdrückt werden, sondern ihre Freiheit im Sinne einer freien Entfaltung ist das höchste Gut. Einschränkungen werden mit Argwohn betrachtet, schnell abgelehnt und verurteilt. Dabei vergessen wir, dass wir als die, die wir sind, eigentlich ein Produkt der Gesellschaft sind, in die wir geboren wurden. Erst durch unseren Austausch mit anderen bildet sich unsere Persönlichkeit heraus, erst durch unser Handeln und Sprechen mit ihnen, können wir werden, wer wir sind.

Hannah Arendt hat das schöne Bild der Gesellschaft als Gewebe gezeichnet: Durch unser Sprechen miteinander schaffen wir ein Gewebe, das wir als Gesellschaft bezeichnen. Sie ist das, was zwischen uns entsteht, wenn wir sprechen und handeln. Wird nun ein neuer Mensch geboren, webt er sich durch sein Dazukommen und Mitreden als Faden in dieses Gewebe ein. Der gegenseitige Austausch prägt den Einzelnen in seinem Sein und gibt der Gesellschaft etwas Neues hinzu.

Webt man dieses Bild nun weiter, würde jeder Faden, der aus dem Gewebe herausgerissen wird, ein Loch entstehen lassen. Indem wir also Menschen, die zum Gewebe der Gesellschaft gehören, unterdrücken, diskriminieren, ausgrenzen, schädigen wir das Gewebe, in das unser Faden eingewebt ist, von innen heraus. Wir machen ein schadhaftes Gewebe daraus. Insofern schaden wir nicht nur denen, die wir schlecht behandeln, sondern fügen auch uns selbst Schaden zu, indem wir den Ort, der uns zu dem macht, die wir sind, auf eine Weise prägen, die auch das eigene Leben irgendwann beeinträchtigen kann, denn: Wer sagt, dass eine Gesellschaft, die sich gegen Pluralität stellt, nicht plötzlich auch etwas an uns selbst findet, das nicht in ihre Vorstellungen passt?

Ein Grund mehr, darauf zu achten und sich dessen bewusst zu sein: Jeder Mensch ist anders und er soll das sein dürfen. Er gehört in diesem So-Sein zum Gewebe, das unser Miteinander darstellt. Nur so kann ein strapazierfähiges, buntes Gewebe entstehen.

Philosophisches: Gleiche Rechte für alle?

«Die Rechte, die man anderen zugesteht, kann man auch von anderen fordern; doch können wir von anderen nicht fordern, was wir selbst nicht respektieren.» (George H. Mead)

Ein einfacher Satz, dem die meisten wohl zustimmen würden auf den ersten Blick. Auf den zweiten wirft er doch Fragen auf: Kann ich wirklich von anderen fordern, dass sie mir sie gleichen Rechte zugestehen wie ich ihnen? Ich kann es hoffen, vielleicht sogar erwarten (mit einer möglichen Enttäuschung), aber fordern? Zudem: Von was für Rechten sprechen wir? Und hat jeder wirklich dieselben? Sollte jeder dieselben haben? Gibt es nicht auch bei Menschen unterschiedliche Voraussetzungen, die unterschiedliche Rechte (und auch Pflichten) zur Folge haben? Ein Kind hat andere Rechte als ein Erwachsener, ein Polizist hat andere Rechte im Umgang mit Straftätern als eine Privatperson.

Die nächste Frage ist, ob es überhaupt sinnvoll wäre, Rechte einzufordern. Das würde Rechte zu einem Tauschgeschäft machen. Ich habe dir einen Gefallen getan, nun musst du mir auch einen tun. Was, wenn nicht? Bereue ich meinen dann? Mache ich dem anderen nie mehr einen? Sinkt er nun in meiner Anerkennung, meiner Zuneigung?

Beim letzten Teil wird es leichter. Was wir nicht bereit sind, zu tun, können wir auch nicht einfordern. Es ist unfair, selbst hohe moralische Werte zu haben, selbst aber nicht danach zu leben, dies aber von anderen zu erwarten. Das ist eine Doppelmoral, die sich leider oft zeigt: Der ausgestreckte Zeigefinger auf andere, wenn die gegen die eigenen Lebensmaximen verstossen. Dass dabei immer drei Finger auf einen selbst zeigen, ignoriert man, weil man da nicht genau hinschaut. Darauf angesprochen finden sich immer Gründe, wieso man selbst grad nicht konnte, wieso man selbst gerade eine Ausnahme machen musste. Das kann man tun, nur sollte man dies dann auch dem anderen zugestehen. Und wenn man das nicht will, bleibt Gandhis Spruch, an dem viel Wahres ist:

«Sei du die Veränderung, die du in der Welt gerne sähest.»

Politik/Gesellschaft: Kategorisierte Identität

«Das Selbstgefühl jedes Menschen wird von seiner Herkunft geprägt, angefangen bei der Familie, aber darüber hinaus auch von vielen anderen Dingen – von der Nationalität die uns an einen Ort bindet; vom Geschlecht, das uns jeweils mit der Hälfte der Menschheit verbindet; von Kategorien wie Klasse, Sexualität, race und Religion, die über unsere lokalen Bindungen hinausreichen.»

Werde ich gefragt, wer ich bin, lautet eine mögliche Antwort: Ich heisse Sandra, bin Philosophin, bald 50 und wohne in der Schweiz. Es gäbe noch viele andere Kategorien, in die ich mich einordnen könnte, je nach Umfeld, in welchem diese Frage gestellt wird. Einige dieser Kategorien habe ich mir selbst ausgesucht. Ich wollte Philosophie studieren, ich bin zwar in der Schweiz geboren, aber ich hätte diese auch irgendwann verlassen können, was ich aber nicht tat. In andere bin ich quasi hineingeboren. Ich bin eine Frau, ich habe ein bestimmtes Alter, weil ich zu dem Zeitpunkt geboren wurde, den ich seit da als meinen Geburtstag feiere. Kategorien helfen, mich in unserem Gesellschaftssystem zu positionieren, einzuordnen.

«Den Ausgangspunkt bilden bei Identitäten Kategorisierungen und Vorstellungen darüber, warum und auf wen sie anzuwenden seien. IN einem zweiten Schritt prägen Identitäten Vorstellungen hinsichtlich des richtigen Verhaltens. Drittens haben sie Einfluss darauf, wie andere Menschen Sie behandeln. Und schliesslich sind all diese Dimensionen der Identität bestreitbar und geben stets Anlass zu Streitigkeiten über die Frage, wer dazugehört, wie die betreffenden Menschen beschaffen sind, wie sie sich verhalten und wie sie behandelt werden sollten.»

Kategorien, in die ich mich einordne, wende ich auch bei anderen an, so dass sie für mich als Menschen fassbarer werden. Das ist grundsätzlich unproblematisch, so lange ich diese Kategorien dann nicht dazu nutze, andere aufgrund dieser Zuordnung schlecht zu behandeln, was leider immer wieder getan wird auf sexistische, rassistische oder andere unterdrückende Weise. Wir vergessen dabei, dass die Kategorien allesamt menschgemacht sind, es sind Strukturen in unserem System, die unser System verständlich machen sollen. Die Kategorien sind dem Menschen nicht immanent, sie gehören nicht zu seiner Essenz. Schon Sartre sagte, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, wir also zuerst alle Menschen sind, erst dann bilden wir Identitäten aus.

Leider wird das oft vergessen, wenn es darum geht, Menschen entgegenzutreten. Vor allem wenn diese einer Gruppe oder Kategorie angehören, der wir kritisch gegenüberstehen, sehen wir sie oft mehr als Vertreter dieser Gruppe und weniger als einzelnen Menschen. Wir stützen uns auf Klischeevorstellungen der Kategorie und verhalten uns so, als wären diese dem Menschen eingeschrieben, als machten sie ihn aus, statt wirklich hinzusehen, mit wem wir es zu tun haben. Damit werden wir nicht nur dem einzelnen Menschen nicht gerecht, wir laufen auch Gefahr, Fronten zu bilden zwischen uns hier und unserer Kategorie, und denen da mit ihrer. Dass so keine wirkliche Begegnung von Mensch zu Mensch möglich ist, liegt auf der Hand. Und genau diese brauchen wir, wenn wir wirklich als Menschen unter Menschen leben wollen.

Es gab mal ein Lied „Das ganze Leben ist ein Spiel, und wir sind nur die Kandidaten“ – irgendwie hat das was für sich. Rollen sind wichtig in gewissen Umfeldern, damit man zugeordnet werden kann. Als Arzt übernimmt man für die Zeit des Tätigseins die Rolle des Arztes. Beim Lehrer dasselbe. Oft fällt dann im Privaten auf, dass die Rolle nicht ganz abgelegt werden kann (vornehmlich bei Lehrern). Um ernst zu bleiben: So gesehen sind Rollen wichtig. Noch wichtiger ist aber, zu erkennen, dass es Rollen sind, die an- und abgestreift werden können. Und darunter liegt was. Im Indischen gibt es die schöne Begrüssung „Namaste“. Das Göttliche in mir grüsst das Göttliche in dir. Damit ist genau dieser Kern gemeint, der uns tief in uns ausmacht – und auch verbindet.Und dieser Kern will gesehen werden. Von dir. Von mir. Gegenseitig. Und von jedem bei sich selbst.

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Buchtipp: Kwame Anthony Appiah: Identitäten. Die Fiktion der Zugehörigkeit, Hanser Berlin, München 2021.

Tagesgedanken: Die Welt teilen

Da sitzt man so in dieser Welt und mit einem leben viele andere ebenfalls da. Man hat sie nicht ausgewählt, man kennt sie häufig gar nicht, sie sind mitunter sehr verschieden von einem selbst – und man versucht, irgendwie damit klarzukommen. Die eigene Sicht wird in Frage gestellt, die eigenen Überzeugungen treffen auf fremde. Damit umzugehen ist nicht immer leicht und oft kommt es dadurch zu Streit. Wir vergessen schnell einmal, dass wir als die, welche wir sind, nur das sehen, was in unserem Blickfeld ist, weil wir stehen, wo wir stehen. Der andere steht vielleicht anders, sieht dadurch andere Facetten, die von uns aus unsichtbar sind. Und doch beharren wir gerne auf unserer Sicht – sie ist schliesslich alles, was wir haben. Denken wir. Als die Einzelnen, die wir sind.

Wir könnten mehr haben. Und es wäre wichtig und nötig, dies zu sehen und uns entsprechend zu verhalten. Wir sind nicht nur Einzelne, wir sind auch ein Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft. Wenn wir als die zusammenleben wollen (und wir haben quasi keine andere Wahl), müssen wir einen Weg finden, die Welt nicht nur zu bewohnen, sondern sie zu teilen. Dann entstünden

«Gemeinschaften, in denen das, was allgemein, jeder und jedem zukommend und für alle verbindlich ist, nicht etwas Vorausgesetztes und vermeintlich Selbstverständliches ist, sondern ein erst in Praktiken und Beziehungen herzustellender Bezugspunkt, den wir teilen müssen, um ihn zu erfahren: gekommen, um zu bleiben.»

Wir müssen realisieren, dass wir einander brauchen, denn keiner schafft alles allein. Hannah Arendt sagte, dass wir ohneeinander verloren wären. Dies sollten wir uns hinter die Ohren schreiben. Wir alle haben das gleiche Recht, auf dieser Welt zu wohnen, wir alle möchten das möglichst friedlich tun. Wir haben es in der Hand, in was für einer Gemeinschaft wir leben wollen, denn wir tragen unseren Anteil dazu bei. Es ist an uns – wie Sabine Hark schreibt:

«Gemeinschaftlichkeit dergestalt zu imaginieren, dass neue, transversale und nicht an der Grenze der menschlichen Spezies Halt machende Verwandtschaften zwischen Verschiedenen, die doch füreinander Gleiche sind, wirklich werden.»

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Buchtipp: Sabine Hark: Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der Kohabition, edition suhrkamp, Berlin 2021.

Philosophisches: Schule machen

Kürzlich las ich ein Interview in „Die Zeit“ mit Wigald Boning, in welchem er folgenden Satz äusserte:

„Ich glaube, wenn man geliebt wird als Kind – dann öffnet das viele Türen.“

Und ich dachte: „Wie wahr!“ Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, hängt ein Leben lang nach. Das Gefühl, nicht lieben zu dürfen, weil jede Umarmung von dir zu viel ist, du aber keine kriegst, prägt. Und dann sitzt du irgendwann in deinem Erwachsenenleben und merkst: Ich trau mich nicht. Ich trau mich nicht, darauf zu vertrauen, dass mich jemand lieben kann. Ich trau mich nicht, jemanden zu umarmen, denn meine Umarmungen kommen immer ungelegen. 

Und dann denke ich: Mein Gott, ich hatte das, was man eine behütete Kindheit in einer heilen Welt nennt. Und ich frage mich, wie geht es Kindern, die nicht eine solche Basis haben? Kinder, die Gewalt erleben müssen. Kinder, die aus Familien genommen werden, weil sie misshandelt werden. Kinder, die an einen Ort, in eine Klasse geboren werden, wo sie schon von Anfang an schlechtere Chancen haben – in unserem System. Kindern aus unteren Klassen traut man weniger zu. Experimente haben gezeigt, sie wären zu Gleichem fähig, würde man ihnen das Vertrauen signalisieren, dass sie es schaffen können. Woher sollen sie es nehmen, wenn es ihnen keiner gibt?

Es gibt zum Glück Institutionen, die das auffangen. Und manchmal sind diese richtig gut. Sie schaffen es, dem Kind etwas zu vermitteln, was Liebe heisst. Obwohl es „nur“ Institutionen sind. Sie vermitteln eine Form von Vertrauen:

„Ich glaube an dich!“

Und das Kind kann es glauben, weil eine Beziehung da ist. Und so sollte es in Schulen sein: Jeder kann vieles erreichen. Man muss an ihn glauben, Es ihm mal zutrauen. Keine Schere machen, nicht die Zuwendung nach Klassenzugehörigkeit austeilen. Leider passiert das oft zu wenig. Es gibt private Schulen, doch die können sich viele nicht leisten. Und wenn man landläufig das Modell erklärt, bei Ämtern und staatlichen Schulen vorspricht, kommt als Erstes: 

„Das geht eh nicht.“

Doch, es geht. Es ist sogar finanzierbar. Man müsste es nur wollen. Aber es wäre gefährlich. Plötzlich würden wir Menschen aus allen Schichten bilden, die nachher mündige und fähige Mitbürger wären, die mitsprechen wollen. Plötzlich wäre der eigene Kuchen gefährdet, weil zu viele gelernt haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen können, und wissen, dass sie dafür ihre Stimme in einer Demokratie erheben müssen. Das muss man sich erst mal trauen. 

Nur: Wollen wir weiter eine Demokratie haben, die gelebt wird, müssen wir den Weg gehen. Er fängt im Elternhaus an, aber unsere Institutionen sind in der Pflicht. Auf die könnten wir bauen, wenn sie sich dazu entschliessen könnten. Stellt euch vor: Wir bilden plötzlich Kinder aus, die durch diese Ausbildung erfahren, dass sie selber etwas bewirken können, dass sie dadurch eine Verantwortung tragen, das auch zu tun, und die partizipieren wollen an einem gelingenden Miteinander. 

Eine Utopie? Möglich. Aber nur, wenn wir es nicht wagen. Es wäre machbar! Ich glaube dran!

Verantwortung übernehmen

Wir leben in dieser Welt und sind von ihr abhängig, da wir ohne sie nicht leben könnten. Und doch verhalten wir uns so, als ginge die Welt uns nichts an, als könnten wir uns in der Natur bedienen, diese ausbeuten und zerstören, ohne dass dies irgendetwas mit uns zu tun hat. Wir zerstören die Leben von Tausenden, Millionen von Menschen an entlegenen Orten durch unser tun und fühlen uns doch nicht verantwortlich dafür: Es sind zu viele, sie sind gesichtslos für uns, die Kausalkette von Tun und Wirkung ist zu abstrakt. 

«Die Art, wie sich ein Individuum verhält, ist eine Antwort, nicht bloss eine Reaktion, auf seine Umwelt; sie ist jeweils eine signifikante Art, sich auf die Welt zu beziehen.»

Mit dieser Art zu leben heute, machen wir nicht nur unsere Umwelt kaputt, wir laufen auch in die Gefahr, unsere Gesellschaftsstrukturen so zu gestalten, dass sie totalitäre Systeme ermöglichen. Die Gleichschaltung unserer kapitalistischen Ziele, welche immer weniger Pluralität und immer mehr Gleichförmigkeit mit sich bringt, bedeutet das schleichende Ende einer Welt, in der ein Individuum noch nach seinem eigenen Willen leben kann. Es braucht ein Umdenken, eine Aufklärung, die an die heutigen Bedürfnisse von Mensch und Welt angepasst ist. 

Der Mensch ist gefordert, andere Menschen, Tiere, die Natur auf eine Weise wertzuschätzen, die ein Zusammenleben ermöglicht, das für die Lebewesen ein gutes ist, und das die Natur wieder aufatmen lässt. Das bedingt, dass wir Grenzen setzen da, wo Technik und Profitdenken Risiken bergen, wo sie Vernichtung mit sich bringen können: Die Vernichtung des freien Willens, die Vernichtung von natürlichen Lebensräumen, die Vernichtung möglichen Lebens in dieser Welt. Wir brauchen ein Bewusstsein für die Verwundbarkeit der Welt. 

Mit dem Bewusstsein um die Verwundbarkeit der Welt geht auch das unserer eigenen Verwundbarkeit einher. Wir werden in der Welt, wie wir sie gestalten, leben, und unter ihr leiden müssen, wenn sie weiter zu Grunde gerichtet wird. Wir werden die Konsequenzen tragen und es wird auch uns an die Substanz gehen, wenn wir nicht wieder neue Wege finden, diese kurzfristig mit noch grösseren zu erwartenden Schäden zu umgehen. Es liegt also in unserer Verantwortung, unser heutiges Tun so zu verändern, dass wir nicht weiter Schaden zufügen, sondern endlich beginnen, diesen wiedergutzumachen. Wir müssen unser alltägliches Verhalten den Erfordernissen anpassen – und das kann jeder für sich tun.

Immer wieder hört man dann: Ich bin ja nur ein kleines Licht. Das bringt doch nichts, wenn ich mich einschränke. Die da oben sollen endlich was tun. Am besten befehlen. Nur: Würden sie befehlen, fühlte man sich wieder bevormundet, in der eigenen Freiheit eingeschränkt, und ich sehe schon die wütenden Protestierer, die um diese ihre Freiheit auf die Strasse gehen. Jetzt hätten wir die Freiheit, selbst zu handeln. Ohne Befehl, nur im Bewusstsein, das richtige tun zu müssen – weil wir es wollen (sollten).

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Buchtipp zur Vertiefung des Themas:
Corine Pelluchon: Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung

Ein Buch darüber, ob Aufklärung noch zeitgemäss ist, ob wir nach allem, was die Vergangenheit und Gegenwart an Krisen mit sich brachten, noch auf diese zurückgreifen können. Corine Pelluchon skizziert eine neue Form von Aufklärung, die den Gefahren, die auf uns lauern, wenn wir so weiterleben wie bisher, entgegentritt. Sie propagiert kritisches Hinterfragen von aktuellen Verhaltensweisen und strukturellen Systemen, plädiert für einen Humanismus in Bezug auf Tier- und Menschenrechte, setzt als Ziel eine ökologische und demokratische Gesellschaft, die von Freiheit geprägt ist und doch die notwendigen ökologischen Zwänge berücksichtigt.

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Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (22. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3534273605
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3534273607

Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Inhalt

«Für den Menschen heisst Leben…’unter Menschen weilen’ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‘aufhören unter Menschen zu weilen’ (desinere inter homines esse).

In ihrem Werk «Vita activa oder Vom tätigen Leben befasst sich Hannah Arendt mit den menschlichen Grundtätigkeiten, damit, was Menschen tun, wenn sie leben. Sie unterteilt diese in drei Kategorien: Das Arbeiten (alles, was für den Lebenserhalt notwendig ist), das Herstellen (das Schaffen von überdauernden Gütern) und das Handeln (den Umgang von Menschen miteinander, das Tun und Sprechen zum Zwecke der Gestaltung der gemeinsamen Welt). Während Arbeiten und Herstellen notwendig sind für das Leben und Überleben in dieser Welt, ist Handeln das, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Es ist das tätige In-der-Welt-Sein als viele Menschen (Pluralität), durch welches sich das jeweilige Wer des einzelnen Menschen offenbart und sich gleichzeitig in das Wir einfügt.

Weitere Betrachtungen

«Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, dass er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht.»

Wir Menschen neigen dazu, das Leben als Kausalkette zu sehen. Dinge passieren, so denken wir, weil wir sie so geplant haben, weil aus dem vorher zwangsläufig dies oder jenes hervorgehen könnte. Kommt es anders, sind wir erstaunt, um dann eine neue Erklärung zu finden, wieso es so kam. Kierkegaard sagte dazu, dass sich das Leben immer nur rückwärts erklärt, aber vorwärts gelebt werden muss. 

Nun ist es nicht so, dass wir dem Leben willkürlich ausgeliefert sind, keine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten haben, sondern uns in die Dinge fügen müssen, wie sie sich darbieten. Es hilft aber, ein kleines bisschen Demut zu bewahren, wenn Dinge gelingen, denn sie hätten durchaus auch misslingen können – das gilt für uns selbst wie auch für andere. Nicht jeder, der im Leben nicht auf der Sonnenseite steht, hat dies selbst verschuldet, es ist nicht nur Dummheit, Faulheit oder mangelnder Wille, wenn Menschen durch die gesellschaftlichen Maschen fallen, sondern oft das Leben, das Menschen mit Schicksalen bedenkt, welche diese weder erwarten noch bewältigen konnten.

Dies im Blick, ist es an uns, dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie für diese Menschen Halt bietet, dass sie schaut, dass keiner durch die Maschen fällt, dass das Grundanliegen ist, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Wir haben nur diese eine Welt und wir können sie gemeinsam gestalten – was würde unser Leben für einen Sinn ergeben ohne sie?

«Jede menschliche Tätigkeit spielt in einer Umgebung von Dingen und Menschen; in ihr ist sie lokalisiert und ohne sie verlöre sie jeden Sinn. Diese umgebende Welt wiederum, in die ein jeder hineingeboren ist, verdankt wesentlich dem Menschen ihre Existenz…»

Hannah Arendt kritisiert die Verherrlichung der Arbeit, während das politische Handeln, welches erst eigentlich den Menschen und sein Leben in der Welt ausmacht, vernachlässigt wird. Sie betont die Notwendigkeit des Miteinandersprechens, da nur durch dieses die Möglichkeit besteht, die Welt zu gestalten.

Sie weist auf die Gefahren der modernen Massengesellschaften hin, in welchen nicht mehr Menschen miteinander sprechen, sondern die statt eines Jemands von Niemanden beherrscht werden, welche sich hinter bürokratischen Abläufen verstecken und damit jeglicher Verantwortung entgehen.

«Wo immer es um die Relevanz der Sprache geht, kommt Politik notwendigerweise ins Spiel; denn Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind.»

Indem Menschen einen öffentlichen Raum schaffen, in welchem sie gemeinsam über die geteilte Welt sprechen, betreiben sie Politik und nur insofern sind sie frei.

Fazit
Ein umfassendes, scharfsinniges und tiefgründiges Buch über das menschliche Tun und was es heisst, ein verantwortungsvoller und politisch aktiver Mensch zu sein.

Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Flüchtlinge – was ist wirkliche Hilfe?

Kürzlich las ich einen Artikel über die Schwierigkeiten von Flüchtlingen und wie wir als Land deren Menschen- und Grundrechte mit Füssen treten. Nicht nur sind die Unterkünfte oft bedenklich, fehlt es doch an Privatsphäre bei oft längerdauernden Kollektivunterkünften. Zudem: es gibt Rayonverbote, welche die Bewegungsfreiheit einschränken, sie dürfen teilweise öffentliche Einrichtungen wie Freibäder besuchen. Abgewiesene Flüchtlinge müssen zweimal täglich einen Antrag für Nothilfe stellen – und diese reicht kaum zum Überleben, von Leben ganz zu schweigen, vor allem mit Kindern. Und so weiter. 

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“ (Hannah Arendt)

Die Thematik ist nicht neu, ich mache mir immer wieder Gedanken dazu, und ich überlegte, ob ich dazu schreiben soll, mich in irgendeiner (mehrheitlich schriftlichen) Form engagieren soll. Da kamen sie, die Gegenargumente: Das bringt nichts, damit ist keinem Flüchtling geholfen. Die sitzen noch immer in ihren Notunterkünften, haben nichts zu essen. Hilfe wäre nur, wenn ich einen oder zwei privat bei mir aufnähme. 

Meine erste Reaktion war ein spontanes innerliches Nein, da ich an die Macht und Kraft des Wortes glaube, da ich überzeugt bin, dass gewisse Dinge auch gedacht und gesagt werden müssen, um ein Bewusstsein zu schaffen, so dass sich Menschen (und immer mehr Menschen, es gibt grosse Widerstände) für eine Verbesserung der Situation einsetzen. Doch dann schwankte ich. Gab innerlich meinen Plan auf. Und war betrübt. 

Aber nein! Wenn ich einen Flüchtling aufnehme, ist KEIN Problem gelöst, nicht mal langfristig das dieses einen Flüchtlings. Wenn sich nicht unsere politischen Strukturen ändern, der grundsätzliche Umgang mit Flüchtling menschenwürdiger wird, sind das gut gemeinte Hilfsangebote für den Moment – aber dann? Flüchtlinge sind oft mehrere Jahre da. Ich denke nicht, dass es wirklich angemessen ist, diese so lange in einem Privatzimmer unterzubringen. Auch die Probleme des alltäglichen Lebens, des Berufsverbots, der schikanös anmutenden Formalitäten wäre damit nicht gelöst. 

In einer Stadt am Bodensee hat man, um die Situation mit den ankommenden Ukrainern zu bewältigen, zwei Stellen eingerichtet, die sich um die Flüchtlinge kümmern und alles organisieren sollen. Das ist grossartig, nur fehlt den beiden die Entscheidungskompetenz und so können sie wenig mehr tun, als auf notwendige Formulare hinweisen. Andernorts wurden Gelder bewilligt für Kost und Logis, nur fliessen diese nicht. Wieder andernorts weiss man nicht genau, was passiert, wenn die Menschen ärztliche Hilfe oder Medikamente brauchen. Alle sind guten Willens, alle nicken verständnisvoll mit dem Kopf und jede Stelle schiebt es einer anderen zu, welche zuständig wäre.

Solange es Nationalstaaten gibt, wird es Kriege geben. Solange es Kriege gibt, die von Nationalstaaten gegen andere geführt werden, wird es Menschen geben, die fliehen müssen. In Anbetracht dessen sollten wir uns um strukturelle, politische, rechtliche Lösungen kümmern, die genau festlegen, was passiert, wenn ein Mensch, der aus einem anderen Land fliehen musste, hinmuss, so dass diesem Menschen von Anfang an ein menschenwürdiges Leben möglich ist. Natürlich kann man mit Übergangslösungen arbeiten, aber auch die müssen klar definiert und menschenwürdig sein.

Menschen, die fliehen mussten, sind nicht Menschen zweiter Klasse, sie brauchen keine Almosen, sie sollen nicht Bittsteller sein müssen, sie sollen nicht auf gut Glück auf die Hilfe Einzelner, die zufällig kommen oder eben auch ausbleiben kann, hoffen müssen. Sie sollten nicht Opfer eines nicht auf sie vorbereiteten Systems werden, sondern sich als Menschen mit einem «Recht, Rechte zu haben», wie Hannah Arendt sagte, fühlen. Weil ihnen das zusteht. Als Menschen, als gleichwertige Mitglieder der Menschheit, die schlicht weniger Glück hatten, damit aber nicht weniger wert sind.

Und so komme ich zum Schluss: Es gibt viele Arten von Engagement und jeder sollte tun, was er am besten kann – das gemeinsame Ziel im Blick. Aber DAS ist wichtig. Die einen suchen nach Lösungen mit Blick auf die ethischen, praktischen und menschlichen Probleme, die anderen können Lösungen in Rechte und Strukturen umsetzen, die dritten können alles ausführen. Nur so werden wir in Zukunft auf eine ethisch vertretbare Weise damit umgehen können, Menschen als Menschen bei uns aufzunehmen, die ihre Heimat verloren haben.

Utopien

Als ich ein Kind war, spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte immer ausgefallene Ideen, was ich bauen wollte (es gab noch nicht so viele fertige Bausätze mit seitenlangen Bauanleitungen) und versuchte dann, dies umzusetzen. Mein Vater wollte mir immer helfen, mir zeigen, wie es geht, doch das machte mich wütend. Ich wollte es selber herausfinden. Mein Vater hat mir bis ins Erwachsenenalter vorgeworfen, dass ich mir schon als Kind nicht helfen lassen wollte. Zwar stimmt das nicht ganz, da ich durchaus Hilfe annehme, wo ich etwas nicht selbst kann oder können will, aber nicht da, wo ich der Überzeugung bin, es selbst zu schaffen.

Es gibt dieses schöne Wort der Selbstermächtigung. Ich finde es zentral in Bezug auf das Menschsein, auf die Selbstachtung als Mensch und damit die eigene Würde. Menschen, die nicht wissen, dass sie selbst etwas bewirken können, fühlen sich (und sind meist auch wirklich) Opfer der Umstände und damit hilflos und abhängig von anderen. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht nagt am Selbstbild und damit an der Selbstachtung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand will. Umso mehr erstaunen mich aktuell geführte Diskussionen, wenn es um Themen wie zum Beispiel Rassismus geht.

Eine aktuell populäre Sicht bei der heutigen Thematisierung von Rassismus (die ursprünglich aus den Staaten zu uns kam) ist, dass Weisse aufgrund ihrer Hautfarbe per se rassistisch seien, weil sie in der Geschichte die Schwarzen unterdrückt haben. Rassismus so gesehen ist also quasi in ihren Genen eingebrannt, und sie können dem nicht entkommen.

Nicht nur zementiert diese Argumentation die Fronten schwarz-weiss, sie macht Schwarze auch zu ewigen Opfern. Wenn dem Weissen der Täterstatus eingebrannt ist, ist es dem Schwarzen das Opfertum. Tun wir jemandem damit einen Gefallen oder macht diese Sicht irgendetwas besser? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Menschen so gesehen spricht ihnen die Würde ab, die auch darauf beruht, dass Menschen frei sind, sich zu ändern. So schreibt Avishai Margalit in seinem Buch „Politik der Würde“:

„der grundlegende Respekt vor jedem einzelnen orientiert sich an dem, was er in Zukunft tun könnte, nicht an dem, was er in der Vergangenheit getan hat. Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung.“

Margalit fährt fort, dass ein Mensch nicht durch seine Vergangenheit determiniert (wenn auch durchaus geprägt), sondern zu jedem Zeitpunkt frei ist, sich und sein Verhalten zu ändern. Wenn dies schon für das eigene Verhalten gilt, wie viel grösser muss also die Möglichkeit einer Veränderung über Generationen sein, in denen durchaus ein Denkprozess stattfand und auch Massnahmen zur Abschaffung von Rassismus erfolgreich durchgesetzt werden (nicht zu verstehen als diesen vollständig aus der Welt schaffen) konnten?

Ich bin der Meinung, dass wir genau hinschauen müssen, wo heute noch strukturelle Benachteiligungen existieren, und wir müssen diese gemeinsam angehen. Betroffene sollten aber nicht nur von den Anderen Veränderungen erwarten, sondern sie sollten sich auch als Akteure sehen (können). Auch dafür ist ein Miteinander wichtig, dass ein Raum geschaffen wird, in welchem es möglich ist, für die eigenen Rechte und gegen Benachteiligungen einzustehen. Dann gibt es keine Täter und Opfer durch von aussen definierte Kriterien, sondern eine gemeinsame Welt mit gemeinsamen Werten und Zielen, welche diese gestalten sollen, und in der jeder seinen Platz hat.

Ich mag Utopien… und ich glaube, sie könnten oft verwirklicht werden.


Leseempfehlung: Avishai Margalit: Politik der Würde, Suhrkamp Verlag, 2. Auflage, Berlin 2018.

Tagesgedanken: Von Zahlen und Menschen

Das war meine Lektüre der letzten Tage. Ich muss gestehen, sie fiel mir nicht leicht und sie brachte mir keine gute Laune. Auf der einen Seite waren es schlicht viele Zahlen, Tabellen, Diagramme, technischen Fakten, auf der anderen Seite zeigten die Inhalte auf Missstände der heutigen Welt, die so vor Augen zu haben, bedrückten. Was ich schon lange dachte, nämlich, dass wir unser ganzes Leben der Wirtschaft unterordnen, dass demokratische Werte den ökonomischen geopfert werden, dass Mitmenschlichkeit gegen Profit verliert, wird in diesen Büchern durch den klaren Blick auf die globalen Zustände und die Mechanismen, die dahin geführt haben, offensichtlich.

Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird grösser, Armut ist ein Problem, das moralisch kaum mehr zu vertreten ist, wirtschaftlich aber weiter gepflegt wird, während die Reichen mit ihrem Reichtum zusätzlich einen Grossteil der ökologischen Sünden verursachen, unter welchem dann mehrheitlich die Ärmsten auf der Welt leiden. Und wir sitzen zu Hause im bequemen Sofa und wollen es offensichtlich so haben. Wir würden schon etwas ändern, wenn die Anderen in der Pflicht wären, aber mit uns hat das nichts zu tun. Dabei gäbe es Lösungen. Machbare.

Man weiss, dass ab einer gewissen Grösse des Einkommens/Besitzes das Glück nicht mehr zunimmt. Nehmen wir einen Millionär mit einem Vermögen von 100 Millionen. Er hat mit einem Bruchteil dieser Millionen zu tun, er braucht sie nicht alle. Er hat sie und definiert sich durch dieses Haben. Hätte er – sagen wir – nur 50, lebte er noch genauso wie jetzt. Und wenn es vielleicht eine Yacht weniger wäre – ich denke nicht, dass er massiv unglücklicher wäre. Wieso also keine progressive Steuer auf diese hohen Vermögen? Wieso keine Umverteilung von denen, denen es nicht weh tut, zu denen, denen das Nichthaben grosse Schmerzen bereitet? Darauf habe ich leider keine Antwort. Und genau das treibt mich um, da ich verstehen möchte. Immer. Ich bleibe dran (allerdings lieber wieder mehr philosophisch, weniger ökonomisch).

Tagesgedanken: Was kümmert mich die Welt?

Ich lese aktuell drei Bücher: eines über die Geschichte des Kapitalismus, eines über Philosophie und Armut, eines über Moral und Politik. Ich lese Zeitungen, sehe, was passiert auf dieser Welt und es erschüttert mich. Wir haben es geschafft, aus dieser Welt ein Schlachtfeld zu machen, einen Tummelplatz der Schädigungen, die alle auf dem eigenen Profitdenken fussen. Nun kann man einfach sagen: Ich selber habe ja nichts gemacht, ich lebe ja nur mein Leben – doch ich denke, das ist zu einfach gedacht.

Wir frönen dem Konsum, während andere Menschen auf der Welt verhungern. Woher rührt die Gleichgültigkeit, die mangelnde Aufregung, die fehlende Empörung? Ist das Thema zu wenig präsent? Zu wenig konkret? Hätten wir nicht die Pflicht, zu helfen? Worauf gründen überhaupt Pflichten? Wer steht in der Verantwortung? Wofür? Auf welche Weise?*

Versuchen wir es mit einer Analogie zur Veranschaulichung (das Beispiel ist von Peter Singer): Ein Mann geht an einem Teich vorbei, darin ertrinkt gerade ein Säugling. Der Mann hilft dem Kind nicht, weil er seinen teuren Anzug nicht ruinieren will. Das löst bei den meisten vermutlich Empörung aus. Man ist sich wohl mehrheitlich einig, dass der Mann dem Kind hätte helfen müssen. Es wäre hier um eine Güterabwägung gegangen, bei welcher das Leben eines Kindes mehr Gewicht gehabt hätte als ein Anzug. Wir sehen hier also den Mann in der Pflicht. Zudem sind wir uns mehrheitlich sicher, dass wir geholfen hätten.

Kann man diese Sicht analog auf das Armutsproblem anwenden? Dort sterben Menschen, hier sitzen wir, könnten helfen (wie wäre noch konkret zu klären) und tun es nicht. Wieso sehen wir uns hier nicht in derselben Hilfspflicht wie beim ertrinkenden Kind? Es gibt einige Unterschiede zwischen den beiden Fällen:

Im Teichbeispiel haben wir einen einzelnen Mann und ein Opfer. Die Hilfe ist einmalig und danach ist alles wieder gut, das Kind in Sicherheit. Im Falle der Armut haben wir es mit 800 Millionen Menschen zu tun, das kann kein Einzelner bewältigen. Eine Spende wäre sicher eine Gewissensberuhigung, aber noch keine ausreichende oder gar nachhaltige Hilfe. Armut ist kein individuelles Problem, es reicht nicht, allen etwas zu essen zu geben, einen Einzelnen von einer Krankheit zu heilen. Die nächste Krankheit wird kommen und der nächste Hunger auch. Armut ist ein strukturelles Problem, es rührt daher, dass Menschen keinen Zugang zu Gütern für ihre Grundversorgung (Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, etc.) haben. Da müsste man ansetzen. Es gibt einige sehr sinnvolle globale NGOs, die in grösserem Masse helfen und die auf Unterstützung angewiesen, allerdings müsste das Problem auch auf politischer Ebene und in noch umfassenderem Rahmen angegangen.

Sind wir also doch fein raus aus der Pflicht? Können wir weiterleben wie bisher, unserem Vergnügen frönen und die Probleme dieser Welt vergessen, da wir nichts tun können? Ich denke nicht. Mit unserem Konsumverhalten fördern wir die Ungleichheiten auf dieser Welt. Indem wir uns mit Kleiderbergen aus wenig nachhaltiger und ausbeuterischer Produktion eindecken, stärken wir Systeme, die so produzieren. Der Verzicht auf diese Produkte würde nicht den Menschen dort die Arbeit nehmen (so wird der eigene Kaufrausch oft gerechtfertigt), sondern die Firmen dazu anhalten, andere Bedingungen zu schaffen (natürlich nicht von heute auf morgen und das ist nur ein Schritt von vielen).

Ein weiteres Problem: Unsere Regierungen unterstützen die Politiker in den von Armut betroffenen Ländern, sie tun das für unseren Profit. Sie kaufen Rohstoffe aus Verbrecherstaaten, der Gewinn kommt nur der jeweiligen Regierung, nie dem Volk zugute. So werden die Ressourcen ganzer Länder geplündert, das Volk bleibt in Armut und die machthabenden Gauner bereichern sich.

Das geht uns nichts an? Wir haben damit nichts zu tun? Auch hier kommen wir nicht so leicht davon: Wir haben unsere Regierungen gewählt und wir wählen die Bedingungen in unserem Land durch Wahlen, Abstimmungen und durch unser Verhalten. Wir verschwenden Ressourcen, da sie ja endlos vorhanden zu sein scheinen (die Bedingungen dafür ignorieren wir). Wir sind nicht mal im eigenen Land bereit, zu einer gerechteren Umverteilung beizutragen, um hier die Armut, die durchaus existiert, zu bekämpfen. So stimmen wir zum Beispiel immer wieder gegen höhere Besteuerung, weil wir nicht wollen, dass man uns etwas wegnimmt. Helfen ja, aber nicht auf unsere Kosten… Es würde sonst nicht mehr für das tägliche Fleisch und das 12. Paar Schuhe reichen.

Mich frustriert das im Moment sehr. Auch das Wissen, dass ich mir in der Vergangenheit viel zu wenig Gedanken darüber gemacht habe, frustriert mich. Ich werde die Welt nicht retten können, aber ich möchte zumindest hinsehen, was passiert und meinen Beitrag zu einer möglichen Verbesserung leisten. Da ich als Philosophin ein denkender und schreibender Mensch bin, werden das meine vorrangigen Mittel sein zur Bewusstmachung des Problems. Ich will und darf nicht mehr schweigen, wenn ich Missstände sehe, und ich will und muss auch mein eigenes Verhalten überdenken. Frei nach Gandhi:

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


*Das sind nur Gedanken und soll keine abschliessende Abhandlung darstellen. So liegt es in der Natur der Sache, dass vieles Erwähnenswerte keinen Eingang fand und die perfekte Lösung des Problems noch aussteht. Man möge es mir nachsehen.

Die beste aller möglichen Welten

Hier in Spanien gibt es in den Felsen der Hügel Höhlen. In diesen Höhlen wohnen Menschen, die sonst kein Zuhause haben in der Welt. Gestern erzählte mir jemand von einem jungen Mann aus Dänemark, der in einer solchen Höhle lebt. Er spricht ein wenig Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, hält sich mit einigen Gelegenheitsjobs soweit über Wasser, dass er nicht verhungert. Seine Schuhe haben Löcher, so dass die Zehen rausschauen. Alles, was er hat, trägt er bei sich – es ist wenig.

Vor dem Einkaufszentrum, in welchem ich hier meine Lebensmittel einkaufe, sitzt seit Jahren Tag für Tag ein Mann in ausgeleierter Kleidung, mit verfilzten Haaren. Bei ihm sind seine zwei Hunde. Er sitzt da bei den Einkaufswagen, hilft ab und zu, wenn jemand Hilfe benötigt, spielt ansonsten auf dem Handy. Wir grüssen uns immer freundlich, wir kennen uns und wissen doch nichts voneinander.

Ich frage mich immer wieder, wie es soweit kommen kann. „In unseren Breitengraden wird jedem geholfen, da muss keiner so enden.“ Das hörte ich grad gestern wieder. Und ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass einer von den Menschen hier in den Höhlen sich als Lebensziel gesetzt hat, da zu landen. Als ich davon anfing, dass es möglich sein muss, unsere Wirtschaft so zu verändern, dass wirklich allen geholfen ist, wurde ich als naive Philosophin hingestellt. Nun ja, ich sage nicht, dass es einfach ist, aber ich bin überzeugt, dass es theoretisch möglich sein müsste. Ich bilde mir nicht ein, dass ich diese Lösung als einzige finden würde, aber darüber nachdenken möchte ich. Zumal ich denke, dass der erste Schritt in eine bessere Welt das wachsende Bewusstsein ist, das geweckt werden muss. Nicht nur in Bezug auf die Armut in der Welt, sondern auch in Bezug auf unsere ökologischen Probleme, die dringend einer Lösung bedürfen, wollen wir unsere Welt nicht an die Wand fahren. Die Lösungen müssen nachhaltiger sein als einfach Benzin durch ebenso schädliche Autobatterien zu ersetzen. Es reicht nicht, Oberflächenkorrekturen vorzunehmen, wir müssen in die Tiefe steigen:

Was hat welche Wirkung, was brauchen wir, welche Mittel haben wir, das zu erreichen und wie setzen wir es um. Ich möchte daran glauben, dass ich nicht einfach eine naive Philosophin bin, sondern dass es gelingen kann, die Welt zu einer zu machen, in der wir alle ein gutes Leben leben können. Auch die nachfolgenden Generationen.

Als ich gestern meine Hoffnungen für eine bessere Welt mit weniger Armut äusserte, kamen doch auch Reaktionen, dass diese utopisch sei – weil schon so lange nicht realisiert. Ich frage mich: Was ist die Alternative? Die Welt dem Abgrund geweiht zu sehen und schon mal vorsorglich reinzuspringen? Das möchte ich nicht glauben. Ich habe mich bislang im Leben nicht als Optimisten gesehen, wobei ich wohl auch kein Pessimist bin – und doch möchte ich mich hier zur optimistischen Seite zählen, frei nach dem Spruch von Theo Lingen:

„Lieber ein enttäuschter Optimist, als ein Pessimist, der recht hat.“

Wir leben in einer Welt mit verschiedenen Ungleichgewichten: arm – reich, Frau – Mann, Schwarze – Weisse, Mensch – Natur, Staat – Wirtschaft. Im Vergleich zu früher haben wir in verschiedenen Punkten Verbesserungen erreicht (das Patriarchat ist rechtlich abgeschafft, in den Köpfen muss noch einiges gehen, Rassismus ist mehr ins Bewusstsein gerückt, etc. ), was Hoffnung auf mehr macht, in anderen Punkten wurde es eher schlimmer (die Ausbeutung der Natur schreitet voran), in meinen Augen aber nicht hoffnungslos. Was sicher ist: Um Veränderungen zu bewirken, bedarf es eines Umdenkens. Wir müssen weg von der Mentalität, dass der Staat unsere Bedürfnisse befriedigen muss, hin zu einem Denken für mehr Gemeinwohl. Weg aus der egozentrierten Selbstoptimierungshaltung hin zu mehr Gemeinsinn. Wir müssen hinsehen und erkennen, welchen Beitrag wir selber leisten. Und wir müssen bereit sein, etwas zu verändern, auch wenn wir selber dadurch Einschränkungen erleben. Wir haben das Glück, in einer Demokratie zu leben, was die wohl einzige Staatsform ist, die Möglichkeiten bietet, gemeinsam Probleme zu bewältigen. Dazu müssen wir uns aber auch einbringen und in den Dialog treten.

Martha Nussbaum: Königreich der Angst

Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Inhalt

„Wenn Menschen Angst voreinander und vor einer unbekannten Zukunft haben, führt dies leicht dazu, dass ein Sündenbock gesucht wird, dass Rachefantasien und ein giftiger Neid auf die Bessergestellten (seien es die Wahlsieger oder die sozial und wirtschaftlich Mächtigeren aufkommen.“

Wir leben aktuell in einer Welt, durch die ein tiefer Riss geht. Die gesellschaftliche Spaltung zeigt sich in verschiedenen Bereichen, sie vergrössert sich in den Verhältnissen von arm und reich, aber auch in den verschiedenen Gesinnungen der Menschen. Menschen bilden Gruppen und stellen sich gegen andere Gruppen, man befeuert sich gegenseitig innerhalb der eigenen Gruppe, der Dialog mit der anders denkenden fällt aus. Das Gefühl eines Miteinanders im Grossen ist schon lange Geschichte und die Gräben werden immer tiefer.

Wie kam es dazu? Was hat dazu geführt, dass sich Menschen immer mehr voneinander entfernen und entfremden? Martha Nussbaum geht diesem Problem auf den Grund und kommt zum Schluss, dass politische Vorgänge immer auf Emotionen gründen, allen voran rangiert die Angst. Menschen sehen sich durch die zunehmende Globalisierung immer machtloser und kleiner, sie fürchten um ihren Platz in der Welt. Aus Angst heraus suchen sie Schuldige für diese Gefühle und finden sie auch: Andere Rassen, Geschlechter, Religionen, etc.

Wir müssen diese Mechanismen erkennen, damit wir sie aus der Welt schaffen und wieder zusammenwachsen können. Martha Nussbaums Buch ist ein guter Weg dahin.

Weitere Betrachtungen

„Die Schuldzuweisung gibt uns eine Strategie an die Hand: Jetzt werde ich meinen Willen mit Toben und Lärmen durchsetzen. Doch sie drückt auch ein ihr zugrunde liegendes Bild von der Welt aus: Die Welt sollte uns geben, was wir verlangen. Wenn Menschen das nicht tun, sind sie böse.“

Niemand ist gerne machtlos, man möchte etwas tun, man möchte sich die eigene Welt sichern und sich in der Welt, in der man lebt, zu Hause fühlen. Aus dieser Hilflosigkeit und Angst heraus begehren wir auf, wir nutzen soziale Medien und die Kraft der Gruppe, um unseren Unmut kundzutun. Wir fühlen uns in der Gruppe stark und gehen gegen die Sündenböcke los. Und bei dem Unterfangen erwarten wir, dass der Staat hinter uns steht. Er soll uns die Welt bereiten, die wir uns wünschen. Tut er das nicht, unterstellen wir ihm falsche Interessen und Prioritäten.

In dieser Haltung zeigt sich eines deutlich: Der Mensch sieht sich als Konsument in einer Welt, die für ihn wie ein Markt funktionieren soll. Während laut Forderungen zur Befriedigung der eigenen Interessen gestellt werden, schwindet die aktive Teilhabe an politischen Vorgängen immer mehr.

„In allen Gesellschaften werden Gruppen von Menschen marginalisiert und als zweitrangig behandelt… Im Gegensatz dazu ist in modernen Demokratien die. öffentliche Norm in der Regel eine des gleichen Respekts und der gleichen Berücksichtigung. Wenn es zur Herabstufung einer Gruppe kommt, verletzt dies die eigenen Gerechtigkeitsnormen der Gesellschaft.“

Die Demokratie ist die Staatsform, in der die Macht beim Volk liegt, sprich, das Volk hat es durch seine Teilhabe in der Hand, die Umstände im Sinne der eigenen Werte zu gestalten. Die Verfassung ist Ausdruck dieser Werte, die Umsetzung kann durchgesetzt werden. Dazu bedarf es aber der aktiven Teilhabe durch staatliche Rechtsmittel, lauter Protest und innerstaatliche Grabenkämpfe sind da wenig hilfreich.

Wir müssen aufpassen, denn:

„Die Demokratie kann zerbrechen, wenn wir der Angst nachgeben.“

Persönlicher Bezug

„Sokratisches Denken ist eine Praxis der Hoffnung, weil es eine Welt des Zuhörens, der leisen Stimmen und des gemeinsamen Respekts vor der Vernunft schafft.“

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir wieder miteinander reden und gemeinsam für die gute Sache kämpfen. Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht der recht hat, welcher am lautesten schreit, sondern wir durch das Zusammentragen von verschiedenen Stimmen eine gemeinsame Lösung finden. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir einander wieder zuhören, voneinander lernen, aneinander wachsen. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir uns nicht immer weiter voneinander entfernen, sondern wieder mehr zusammenwachsen.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Angst und deren gefährlichen Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Mit ihrem umfangreichen Werk hat sie mehrere Literaturpreise und über sechzig wissenschaftliche Ehrengrade erhalten und gilt als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart.

Angaben zum Buch
Herausgeber: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (14. Januar 2019)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Übersetzung: Manfred Weltecke
ISBN-Nr.: 978-3806238754

Lohnungleichheit Frauen und Männer

Ich habe mich in der letzten Zeit in Ökonomie-Bücher gestürzt – eine neue Welt, die für mich zwar anstrengend war durch die doch trockenen Fakten, die mir aber auch ganz neue Einblicke ins Leben und in die Welt eröffnet haben. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie wertvoll es ist, die eigenen Pfade ab und an zu verlassen und Neues zu entdecken. Ich kam zum Schluss, dass eigentlich ökonomische Zusammenhänge ganz viel von unserem (Zusammen-)Leben bestimmen, dass diese Zahlen und Fakten viel mehr sind als nur das. Sie bestimmen Lebensumstände.

Es gibt den Spruch, dass das, was einer hat, bestimmt, was einer ist. Das ist ein Denken, das man gerne ablehnt, weil man findet, den Mensch mache viel mehr aus als sein Besitz. Man liest den Ausspruch in der Weise, dass das Haben wichtiger ist als das Sein und ist darüber moralisch empört, da das Sein doch viel zentraler ist. Nur: Um sein zu können, muss man etwas haben, denn ohne die grundlegende Finanzierung dieses Seins wird dieses Sein nicht nur kein befriedigendes sein, sondern sogar ein leidvolles. Und das ist es in der heutigen Zeit immer noch für viele Menschen auf dieser Welt.

Befasst man sich intensiver mit der Thematik der Geldverteilung auf dieser Welt, sieht man, dass diese alles andere als gleich oder gerecht ausfällt. 1 % der Menschen am oberen Ende der Skala besitzt mehr als 50 % am unteren zusammen. Die Menschen am ganz unteren Ende haben von allem zu wenig, ihr Überleben ist auf menschenwürdige Weise oft nicht mehr möglich. Hier möchte ich eine andere Ungleichheit herausgreifen: Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Zahlen dazu habe ich aus dem Buch „Der Sozialismus der Zukunft“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Es versammelt seine Kolumnen aus Le Monde aus den Jahren 2016 – 21.

Im Alter von 25 arbeiten beide Geschlechter in vergleichbaren Stellen, da beträgt der Einkommensunterschied zwischen 10 und 20 %. Im Laufe der Jahre werden Männer mehr befördert als Frauen, der Unterschied steigt an, liegt bei 50 Jahren bei 60 & und kurz vor der Rente bei 64 %. Das sind die Zahlen aus Frankreich im Jahr 2016, ich denke aber, viel hat sich da noch nicht geändert und auch in anderen Ländern wird es nicht komplett anders sein. Piketty hat berechnet, dass dies aber schon eine Verbesserung zu früher darstellt, und da, wenn die Entwicklung so weiter geht, wir im Jahr 2102 Lohngleichheit haben werden.

Ich frage mich, ob wirklich jemand mit einem Ansatz von Gewissen in einer solchen Welt leben möchte?! Oft heisst es, das patriarchalische System hänge noch in den Köpfen, diese Umstände seien den Ängsten der Männer vor Macht- und Jobverlust geschuldet, weshalb sie die alten Strukturen leben liessen. Ich kann (will) nicht glauben, dass jemand am Abend wirklich noch in den Spiegel schauen könnte, wenn er das bewusst so geplant hätte. Sind uns diese Zahlen zu wenig bewusst? Müssten wir uns mehr dafür einsetzen, diese Missstände aufzuzeigen? Wer? Wo? Auf welche Weise? Was können wir tun? Mir war das alles nicht in dem Ausmass bekannt (in Ansätzen aber schon). Das Thema will ich weiter verfolgen, vor allem auch, weil ich denke, dass mit dieser Ungleichheit noch ganz viele andere Probleme dieser Welt zusammenhängen, Piketty spricht in dem Zusammenhang auch von er weltweiten Armut sowie dem Klimaschutz.

Wie retten wir unsere Demokratie?

Am 24. Juni 1995 wurde Südafrika zum Rugby-Weltmeister gekürt. Rugby war in Südafrika bis dahin der Sport der Weissen gewesen, Schwarze wurden lange Jahre vom Sport ausgeschlossen. Nelson Mandela wollte aufzeigen, dass Sport verbinden kann, er überreichte dem Siegerteam in dessen Trikot die Trophäe und zu Tränen gerührt verkündeten die Spieler, diesen Sieg für ganz Südafrika geholt zu haben. An diesem Abend feierten alle gemeinsam, Schwarze und Weisse, diesen Triumph. Die Springboks, die früher für die Apartheid standen, wurden zu einem Symbol der Hoffnung. Das hätte nach den Jahren der Apartheid mit all ihren grausamen, diskriminierenden Massnahmen gegen die schwarze Bevölkerung der Anfang eines friedlichen Zusammenlebens sein können. Leider fehlte dafür der Mann, der es in die Hand nahm, und die rassistischen Zustände in Südafrika verstärkten sich wieder.

Was Nelson Mandela aufzeigte, war, dass wir verbindende Massnahmen brauchen, keine trennenden, wenn wir einem System Herr werden wollen, das Menschen diskriminiert. Die Menschen weiter gegeneinander aufzuhetzen, um eigene Interessen (so wichtig und richtig sie auch sein mögen) durchzusetzen, wird zu keinem friedlichen Miteinander führen. Leider ist das bis heute in vielen Köpfen nicht angekommen, im Gegenteil:

Immer mehr (mehrheitlich) Linke konzentrieren sich auf eine Identitäts-Politik, indem sie sich auf eine Gruppe von Minderheiten konzentrieren, deren Rechte sie durchsetzen wollen. Zwar ist der Einsatz für benachteiligte Gruppen und deren Gleichberechtigung und Würde zu befürworten, allerdings werden dazu aktuell mehrheitlich Opfernarrative bemüht, welche dazu dienen sollen, sich gegen andere Gruppen zu behaupten. Das führt dazu, dass es zu einer immer grösseren Aufspaltung der Gesellschaft kommt. Die Menschen fühlen sich nicht mehr als Teil der (staatlichen) Gemeinschaft, sondern als Teil einer kleinen Gruppe, welche gegen andere Gruppen kämpft. Die Solidarität untereinander nimmt ab, der Blick aufs Gemeinwohl schwindet zugunsten der Fokussierung auf partielle Interessen. Der Politologe Francis Fukuyama sieht in dieser Bewegung die Gefahr eines neuen Tribalismus.

Dass bei dieser Entwicklung immer auch Menschengruppen durch die Maschen der Aufmerksamkeit fallen, bleibt nicht aus. Vor allem die Arbeiterklasse, mehrheitlich weisse Europäer, Menschen, die finanziell und sozial am unteren Ende der Gesellschaft stehen, fühlen sich nicht mehr beachtet, sie fühlen sich in ihren Sorgen und Nöten nicht mehr wahr- und ernstgenommen und damit in der Gesellschaft und von der Politik nicht mehr repräsentiert. Das spielt populistischen Parteien in die Hände, die sich diesen Menschen annimmt und ihnen versprechen, was sie vermissen. Sie scheinen ihnen so die verloren gegangene Würde zurückzugeben. Diese Tendenz zeigt sich in vielen Nationen, in denen es zu einem deutlichen Rechtsrutsch und zu Erfolgen populistischer Parteien gekommen ist.

Ich denke, in unseren Breitengraden kann man von einer allgemeinen Befürwortung des demokratischen Systems sprechen – welches andere politische System wäre besser? Eine liberale Demokratie gestattet es dem Menschen, in grösstmöglicher Freiheit im Wissen um den Schutz derselben und der eigenen Person und Eigentumsverhältnisse zu leben und an der Steuerung des Landes teilzuhaben durch die demokratischen Mittel, die das Volk gemeinsam in den Händen hat. Nur: Diese Befürwortung verkommt mehr und mehr zur Theorie, die tatsächliche Lage der Nation sieht anders aus.

Wollen wir die Demokratie retten und damit ein Gesellschaftssystem der Teilhabe bewahren, müssen wir den Blick wieder vermehrt auf das Gemeinwohl lenken. Oft wird das mit einem Abbau individueller Rechte und Freiheiten gleichgesetzt, was aber nicht stimmt, eigentlich im Gegenteil. Indem wir uns politisch dafür einsetzen, dass wir ein System realisieren können, in welchem Diskriminierung und Unterdrückung beseitigt werden, in welchem jeder Bürger die gleichen Rechte an der Teilhabe und Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu verwirklichen, hat, verbessern wir die Lage jedes Einzelnen und fördern auch das Gemeinwohl, weil eine Gesellschaft mit weniger Ungleichheiten zugleich eine besser gestellte ist, eine, in welcher Menschen untereinander eine Verbindung spüren und nicht gegeneinander ins Feld ziehen.

Die Grundfragen, die sich stellen, sind immer wieder dieselben:

Was ist ein gutes Leben?
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir nur darauf fokussieren, was für uns persönlich ein gutes Leben wäre, dabei nicht berücksichtigen, dass wir als Individuen nie ohne die soziale Welt auskommen können, ignorieren wir die Bedingungen, die überhaupt erst ein gutes Leben ermöglichen. Der Blick auf Einzelinteressen wird immer zum Ausschluss der Anderen führen und damit nichts Gutes bringen. Identitätspolitik, die nur die Interessen der eigenen Gruppe vertritt, wird für diese Gruppe und die Gemeinschaft keine gute Welt schaffen. Es wäre an der Zeit, sich wieder mehr auf den integrativen Charakter der Demokratie zu konzentrieren. Wir müssen als Gemeinschaft für gerechte Strukturen innerhalb unseres demokratischen Systems sorgen, wir haben es durch unsere Teilhabe an politischen Entscheiden in der Hand, unser Land mitzugestalten und damit die Lebensbedingungen der Menschen in ihm.

Fukuyamas Lösung für das Problem besteht darin, „größere und einheitlichere nationale Identitäten zu definieren, welche die Mannigfaltigkeit liberaler demokratischer Gesellschaften berücksichtigen“*. Es gilt, ein nationales Bewusstsein zu entwickeln, das auf Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Menschenwürde baut und nicht durch Volkszugehörigkeit, Rasse, Geschlecht oder Religion bestimmt ist. Dieses einende Bewusstsein könnte auch der Tendenz der letzten Jahre, dass immer weniger Menschen wirklich an der Demokratie partizipieren, entgegen wirken. Dies war nämlich ein weiterer Effekt der vermehrten Individualisierung: Man war kaum mehr bereit, sich für etwas zu engagieren, zu dem man sich nicht zugehörig fühlt.

Um diese Teilhabe wirklich zu befördern, bedarf es einer politischen Bildung, die bereits in der Schule stattfinden müsste. Demokratisches Handeln muss gelernt, Werte und Möglichkeiten müssen vermittelt werden, damit sie umgesetzt werden können. Dazu gehört auch der Blick auf Missstände wie Diskriminierung. Dazu gehört auch der Blick auf historisches Unrecht, das es künftig zu vermeiden gilt. Dazu gehört auch der Blick aufs Ganze, weg vom Einzelnen. Nur wenn wir sehen, dass wir nicht nur vom Staat fordern können, was wir denken, dass es uns gebührt, sondern als Bürger auch etwas zurückgeben müssen, werden wir einen Staat und damit ein Zusammenleben gestalten können, in dem jeder die Anerkennung bekommt, die ihm zusteht, weil er ein Mensch unter Menschen ist und dadurch die gleiche Würde, den gleichen Wert besitzt.

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*vgl. zu dem Thema Francis Fukuyama, Identität: Wie der Verlust unserer Würde die Demokratie gefährdet