Biografie eines Liebenden

Das Lieben und Leiden des Rilke

Der Dichter einzig hat die Welt geeinigt,
die weit in jedem auseinanderfällt.
Das Schöne hat er unerhört bescheinigt,
doch da er selbst noch feiert, was ihn peinigt,
hat er unendlich den Ruin gereinigt:
und auch noch das Vernichtende wird Welt.

SchwilkRilkeFrauenRilke, einer der wohl grössten deutschen Dichter, hat ein Thema immer wieder in seine Verse gepackt: Die Liebe. Aus seiner Feder stammen Gedichte, welche daraufhin über Jahrzehnte zwischen Liebenden ausgetauscht wurden. Es sind Gedichte, welche die Liebe feiern, sie hochheben. Es sind aber auch Gedichte eines Mannes, der selber einerseits zeitlebens auf der Suche nach (mütterlicher) Liebe war, sie andererseits aber nie auf Dauer leben konnte.

Heimo Schwilk zeichnet im vorliegenden Buch das Bild eines Mannes, welcher früh von der Mutter verlassen wurde und der unter diesem Verlust zeitlebens litt. So sehr er seine Mutter teilweise in Briefen an verschiedene Adressaten beschuldigte und beschimpfte, so wenig kam er von ihr los. Davon zeugen nicht nur sein ganzes Leben begleitende Rituale, sondern auch ein lebenslanger Briefwechsel mit der Mutter sowie wohl auch sein Verhalten Frauen gegenüber. Und um dieses geht es im vorliegenden Buch.

Heimo Schwilk stellt Rilkes Beziehungen zu den unterschiedlichsten Frauen vor, den meisten von ihnen war eines gemeinsam: Sie unterstützten ihn (vor allem finanziell und teilweise auch emotional) in seiner Kunst. Seinem Schreiben gehörte wohl seine ganz grosse Liebe, denn diesem unterordnete er alles andere. So war denn auch die grösste Angst in seinem Leben immer wieder, ausgeschrieben zu sein. Sein Leben, dessen war er sich bewusst, gehörte der Kunst und für diese brauchte er eines dringend: Einsamkeit. Und natürlich das nötige Geld, um sich das Leben angenehm zu machen.

Wer nun denkt, er sei ein blosser Profiteur der Gunst der reichen Frauen gewesen, dem muss insofern widersprochen werden, als diese ja – vor allem verführt durch seine Worte in der Dichtung und in Briefen – ihn freiwillig unterstützten, weil sie an ihn und seine Dichtung glaubten. Zudem zeichnete Rilke eines ganz gewiss aus: Dankbarkeit. So sagte denn auch der Philosoph Hans Blumenberg über Rilke:

Zwar kein Meister der Verführung, aber ein Meister der Dankbarkeit. Er war es.

Heimo Schwilk gelingt es, in einer leicht lesbaren Weise das Leben und Lieben (auf seine Weise tat er durchaus) des Rainer Maria Rilke nachzuzeichnen anhand seiner Beziehungen zu verschiedenen Frauen. Ab und an tut er das auf eine fast schon spöttisch anmutende Weise, die nicht immer angebracht scheint, dabei beweist er aber grosse Kenntnis des Lebens und Werks Rilkes und öffnet einen Blick hinter die Kulissen des ganz in seiner Kunst aufgehenden Dichters.

Fazit:
Ein gut lesbares, tiefe Einblicke gewährendes Buch über das Leben und Lieben Rainer Maria Rilkes. Absolut empfehlenswert!

Der Autor
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (1. Juni 2016)
ISBN-Nr: 978-3492308878
Preis: EUR 11/ CHF 16.90
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Antistressprogramm an der Ostsee

Inhalt

Ich bin ja kerngesund, Klösschen, aber der Schörner hat gesagt, Edith, hat er gesagt, du musst mal kürzertreten und auch an dich denken. Du bist immer für alle da und zu wenig für dich.

JansenOmaIsabell, unglücklich im Job, und ihr Nachbar und Freund Kalle, nicht weniger unglücklich in der Liebe, sind gefordert: Isabells Oma braucht Hilfe. Die rüstige Rentnerin ist immer im Einsatz für alle, die Hilfe brauchen, rennt vom Kirchenchor zur Häkelgruppe und von da reihum zu allen Nachbarn – und nun ist sie ausgebrannt. Weil sie nicht in eine Klinik will, reisen die Isabell und Kalle aus der Grossstadt in Omas kleinen Ort an der Ostsee, um ihr unter die Arme zu greifen und entwickeln quasi nebenbei eine Antistress-Therapie. Eigentlich könnten nun alle glücklich sein, gäbe es nicht jemanden, der ihnen in die Suppe spucken möchte.

Beurteilung
Eine sommerlich leichte Lektüre für zwischendurch. Die Charaktere werden authentisch und plastisch beschrieben. Neben den Hauptfiguren finden sich auch viele Nebenfiguren, die alle ihre Eigenarten mitbringen. Die Sprache ist locker und umgangssprachlich. Der Roman findet hauptsächlich in der direkten Rede statt, es gibt wenig erzählende Stellen. Das muss einem vom Stil her liegen.

Wenn man einen leicht zu lesenden Roman für den Liegestuhl sucht, gerne auch mal lacht beim Lesen und kein Gesprächemuffel ist, hat man mit Oma wird erwachsen sicher ein paar Momente Lesespass. Viel mehr gibt es aber auch nicht zu sagen, denn mehr gibt das Buch schlicht nicht her.

Fazit:
Locker-flockige Sommerlektüre für ein paar entspannte Lesemomente. Empfehlenswert.

Die Autorin
Liv Jansen, geb. 1979, arbeitete als Redakteurin für verschiedene Fernsehformate, bis sie vor Kurzem das Schreiben für sich entdeckte. Weil ihr das so gut gefällt, hat sie sich gleich mal an ein Buch gesetzt. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter macht sie gern Urlaub in Österreich, weil es da so leckeren Kaiserschmarrn gibt. Und wenn sie zu Hause in Frankfurt ist, trifft man sie eigentlich immer im Pferdestall bei ihrem Schimmel Romeo. Zornröschen ist ihr erster Roman.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Mira Taschenbuch (6. März 2017)
ISBN-Nr: 978-3956496578
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
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Glück und Unglück in der Literatur

Vom Küssen und den Folgen

Inhalt

Weil die Literatur immer konkret ist, denkt sie nicht in Begriffen, sondern in Szenen. Das Wissen vom Glück erscheint daher in der Literatur immer und immer wieder als die leibhaftige Begegnung zweier Menschen. Das Nachdenken darüber verkörpert sich in deren Geschichte und weiterem Schicksal.

Mit diesem Wissen beginnen wir unsere Reise durch die Welt der Literatur, wir lassen uns von Peter von Matt die Glück oder Unheil bringenden Küsse der Weltliteratur zeigen und deuten.

Literatur […] ist ein jahrtausendealtes Unternehmen der Welterklärung.

Sieben Küsse hat er sich vorgenommen, die Reise geht kreuz und quer durch die Zeiten und durch die Welt. Wir tauchen in die Welt von Virginia Woolfs Mrs Dalloway ein, erfahren mehr über die Rolle der Frau und ihr Selbstbild, das wohl als Bild der damaligen Zeit gelten kann. Wir feiern mit Gatsby die ausufernden Feste, die nur dazu gedacht sind, die einst Geküsste wiederzugewinnen. Daegen wirkt Gottfried Kellers Welt gar bürgerlich – und doch geht es auch da um einen Kuss, ebenso bei Grillparzer, Kleist, Duras und Tschechow.

Beurteilung
VonMattKüssePeter von Matt gelingt es, auf eine unglaublich schön lesbare Weise, mit viel Humor, Fachwissen und spürbarer Leidenschaft für die Literatur, tiefer in die literarischen Welten einzelner Bücher einzutauchen. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise quer durch die Zeit, analysiert einzelne Werke und stellt sie in einen grösseren Zusammenhang. Er legt literarische Mittel wie Symbole, Metaphern, Verweise und mehr offen und breitet dadurch vor dem Leser einen Fundus an Wissen aus.

Peter von Matt wird dieses Jahr 80. Aus seiner Feder stammen viele wunderbare Bücher zur Literatur, die immer auch ihn selber und seine Leidenschaft durchschimmern lassen. Ich bin dankbar, durfte ich bei diesem Mann studieren, der nicht nur fachlich, sondern auch menschlich toll ist. Er hat die Gabe, Bücher lebendig werden zu lassen. Er vermittelt einem Sichtweisen auf Texte, die helfen, diese mit ganz neuen Augen zu sehen, tiefer zu gehen, weiter zu forschen und mehr herauszuziehen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das von der Liebe zur Literatur, dem immensen Fachwissen, allgegenwärtigem Humor lebt und Lust am (genauen) Lesen vermittelt. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern, war von 1876 bis 2002 Professor für Germanistik an der Universität Zürich. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste. 2014 wurde Peter von Matt mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Er lebt bei Zürich.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. Januar 2017)
ISBN-Nr 978-3446254626
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Wenn Fronten härter und Gräben tiefer werden

Inhalt

Er fragt sich, ob er auf seine Frau warten und sie zur Rede stellen soll, aber es ist nur ein flüchtiger Gedanke. Im Grunde ist sie diejenige, die ihn zur Rede stellen sollte.

ParksThomasThomas und Mary sind seit 30 Jahren verheiratet. Sie leben ihr Leben in einer Routine, die sich über die Jahre gebildet hat. Das wirklich Verbindende sind wohl die Kinder, welche aber nun gross sind – die Tochter ist schon ausgezogen. An ihrer Stelle zieht ein Hund ein. Es ist mit ihm wie mit allem: Es ist nicht ganz klar, ob er der Ehe von Thomas und Mary eher zu- oder abträglich ist. Die beiden reden schon lange nicht mehr miteinander, was aber gar nicht neu zu sein scheint.

Tatsächlich ging es, wenn sie zusammen waren, oft darum, über ihre gemeinsamen Bekannten herzuziehen, was vielleicht der Grund ist, warum aus diesen Bekannten keine gemeinsamen Freunde wurden.

Beurteilung
Thomas & Mary ist ein Buch über eine Ehe. Es ist eine Ehe, wie es vermutlich viele gibt, eine Ehe, die nicht durch spezielle Eskapaden, Ausbrüche oder Dramen daherkommt – und doch nicht wirklich eine Beziehung ist. Das Buch ist mehrheitlich aus Thomas’ Sicht geschrieben. Er reiht Erinnerungen aneinander, nicht chronologisch, einfach so, wie sie ihm in den Sinn kommen. So entsteht aus vielen kleinen Stücken langsam ein Bild. Es ist das Bild von vielen kleinen Lügen, Verletzungen, Verurteilungen.

Gezeichnet wird das ganz normale alltägliche Leben zweier Menschen, die sich selber in einer Beziehung gefangen haben und beständig an den Mauern arbeiten. Sie reden nicht miteinander, sondern eher aneinander vorbei. Sie haben die eingefahrenen Muster zweier Menschen, die über Jahre daran gearbeitet haben, sie zu entwickeln, und die diese nun meisterhaft beherrschen. Sichtbar werden sie an Bemerkungen, Gesten, Verhaltensweisen.

All das erzählt Tim Parks in einer einfachen, gut lesbaren Sprache, die fast mündlich anmutet – was in dem Fall gut passt, sind es doch Thomas’ Gedanken, denen wir meist folgen. So greift die Form den Inhalt auf und macht diesen noch authentischer.

Als Leser sitzt man vor dem Buch und fragt sich immer mehr: Kann das so weiter gehen? Kommen sie da nochmals raus? Und wenn ja: Wie? Tim Parks ist es gelungen, zu zeigen, dass es eigentlich keinen Schuldigen gibt in dieser Geschichte. Es ist das Miteinander, das langsam weniger wird. Es sind die Gräben, die tiefer werden durch ausbleibende Zärtlichkeiten, mangelndes Interesse, fehlendes Miteinander. So ist eine eigentlich stille, tiefe Geschichte entstanden, die aber bei alledem leicht erzählt wird. Das ist grosse Erzählkunst.

Fazit:
Ein authentisches, menschliches und sprachlich stimmig erzähltes Buch über die eingefahrenen Muster einer langjährigen Ehe. Empfehlenswert.

Der Autor
Tim Parks, geb. in Manchester, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seit 1981 lebt er in Italien.

Seine Romane, Sachbücher und Essays sind hochgelobt und mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. den Somerset Maugham, Betty Trask und Llewellny Rhys Awards. Er unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität Mailand, schreibt für den New Yorker und die New Review of Books, und seine Übersetzungen umfassen die Werke von Moravia, Calvino, Calasso, Tabucchi und Machiavelli. Zuletzt erschien Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen (Kunstmann 2016).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (15. Februar 2017)
Übersetzung: Ulrike Becker
ISBN-Nr 978-3956141645
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Was bleibt, wenn jemand aus seinem Leben verschwindet

Inhalt

Was ich liebe: wie wir damals waren und wie wir hätten werden können.

FullerEheIngrid, eine junge Literaturstudentin aus London, weiss, was sie will: Unabhängig sein, die Welt bereisen, Schriftstellerin werden. Diese Pläne sind bald vergessen, als sie sich in den älteren, attraktiven und sehr umschwärmten Literaturprofessor Gil Coleman verliebt. Spätestens als Ingrid schwanger ist, weiss sie, dass ihr Leben eine andere Bahn einschlagen wird.

Das Leben wird nicht leicht für Ingrid. Geldsorgen und ein untreuer Ehemann plagen sie. Meist ist sie mit zwei Kindern, Nan und Flora, allein in einem kleinen Ort an der englischen Küste. Weil der Schlaf ausbleibt, schreibt sie Gil Briefe, die sie in den Büchern der Bibliothek versteckt – und irgendwann verschwindet sie.

Die drei Zurückgebliebenen gehen unterschiedlich mit dem Verlust um. Nan, die ältere Tochter übernimmt tatkräftig die Mutterrolle, Flora und ihr Vater Gil pendeln zwischen der Hoffnung, dass Ingrid zurückkommt, und der Verzweiflung, dass sie tot sein könnte, hin und her.

Beurteilung
Eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Claire Fuller erzählt die Geschichte einer Familie einerseits aus der Sicht Ingrids durch ihre Briefe an Gil, andererseits aus Floras Sicht. So wird nach und nach das ganze Leben der vier aufgerollt und man sieht als Leser, wie alles kam, wie es heute, zum Zeitpunkt der aktuellen Handlung, ist.

Obwohl man wenig über die Äusserlichkeiten der einzelnen Figuren erfährt, werden sie durch ihre Handlungen, ihre Gedanken, plastisch und fast fühlbar. Man wird als Leser mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, lebt sie mit, will nicht mehr aus der Welt des Buches austreten, obwohl man zunehmend versteht, wieso Ingrid es durchaus wollte.

Eine englische Ehe ist die Geschichte einer Frau, die im falschen Leben gefangen ist und ausbrechen will. Es ist die Geschichte einer Liebe, die voller Hoffnung begann, wohl nie endete, und doch an einen Ort gelangte, an dem sie nie hätte ankommen sollen. Es ist die Geschichte zweier Mädchen, die mit der ganzen Situation überfordert waren und sind, und die ihren Weg, damit umzugehen, suchen mussten. Es ist aber auch eine Geschichte übers Schreiben

Geheime Wahrheiten[…] sind das Lebensblut des Schriftstellers. Eure Erinnerungen und eure eigenen Geheimnisse. Vergesst Handlungen, Charaktere, Struktur; wenn ihr euch Schriftsteller nennen wollt, müsst ihr die Hand bis zum Handgelenk ins Trübe stecken, bis zum Ellbogen, zur Schulter, und die dunkelsten, intimsten Wahrheiten hervorzerren.

und über Bücher:

Ein Buch wird erst lebendig, wenn es mit dem Leser kommuniziert. Was passiert denn eurer Meinung nach in den Lücken, mit den unausgesprochenen Dingen, mit dem, was ihr ausgelassen habt? Der Leser füllt all das mit seiner eigenen Fantasie.

Claire Fuller ist ein sehr lebendiges Buch gelungen. Es gelingt ihr, durch die verschiedenen Erzählperspektiven die Spannung hochzuhalten. Es gelingt ihr, Charaktere zu schaffen, mit denen man sich identifizieren kann, in die man sich hineinversetzen kann. Man sieht die Schauplätze vor sich, riecht das Gras, hört das Meer beim Lesen. Man lebt die Geschichte mit und wenn man die letzte Seite beendet hat, fällt der Abschied schwer.

Fazit:
Ein wunderbares Buch: Tief, lebendig, mitreissend, wunderbar erzählt. Ein Buch, das berührt und bereichert. Eine absolute Leseempfehlung.

Die Autorin
Claire Fuller lebt mit ihrem Mann in Winchester, England, und hat zwei erwachsene Kinder. Für ihren späten Debütroman „Our Endless Numbered Days“ erhielt sie viel Kritikerlob und wurde mit dem Desmond Elliot Award ausgezeichnet. „Eine englische Ehe“ ist ihr zweiter Roman und wurde in mehr als 10 Sprachen lizensiert.

Susanne Höbel übersetzt seit gut zwanzig Jahren aus dem Englischen und Amerikanischen, darunter Werke von John Updike, Thomas Wolfe, Graham Swift und Nicholson Baker. Sie lebt in Hamburg und Südengland.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. März 2017)
Übersetzung: Susanne Höbel
ISBN-Nr: 978-3492057912
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Alles eine Frage der Gerechtigkeit?

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Nietzsche

georgezeugeDiese Zitat steht am Anfang des neusten Inspector-Lynley-Romans von Elizabeth George. Es regt zum Nachdenken an, es geht tief und hat viel Wahres. Es wäre schön, wäre der Roman so weiter gegangen. Nun wäre es wohl vermessen, eine Krimi-Autorin mit einem so grossen Philosophen messen zu wollen, drum lassen wir das.

Jugendliche werden ermordet. Die Polizei lässt es versanden, bis plötzlich nach drei Toten mit Migrationshintergrund ein Weisser Opfer wurde. Neben der Erkenntnis, dass es sich wohl um einen Serienmörder handelt, muss sich die Polizei auch mit dem Vorwurf des Rassismus auseinandersetzen.

Das altbewährte Team Lynley und Harver ist gefordert. Nur: Harver wurde erst kürzlich degradiert. Und sie versinkt zu Hause im Chaos. Und Elizabeth George wird nicht müde, beides zu betonen, ohne allerdings aufzuklären, was genau Sache ist. Liest man die Reihe kontinuierlich, weiss man das und ärgert sich über die ständigen Hinweise, liest man das Buch als alleinstehenden Krimi, ärgert man sich über die mit der Zeit nervenden Hinweise ohne Aufklärung. So oder so eine unglückliche Angelegenheit. Auch sonst wäre das Buch leicht um die Hälfte zu kürzen gewesen. Bei allem Verständnis für den Wunsch, auf kulturelle Unterschiede hinweisen zu wollen, waren viele Teile der Geschichte nicht förderlich, sie zogen sie nur in die Länge – dies vor allem am Anfang. Man muss sich wirklich sehr durchbeissen, bis der Fall endlich Fahrt aufnimmt.

Bei aller Kritik gelang es George, die Charaktere gut zu zeichnen, die Idee hinter allem ist gut und wenn das Buch mal zum Punkt kommt, packt es und reisst mit. Die vielen privaten Einschübe fungieren Spannungssteigerung – ab und an ein wenig zu viel des Guten für die „Fall-Versessenen“, interessant für die „Figuren-Anhänger“.

Fazit:
Ein Krimi mit einer guten Idee, plastischen Figuren, einem guten Plot und vielen Längen, die Geduld erfordern.

Die Autorin
Eine Amerikanerin in London – zumindest zeitweise lebt Elizabeth George in der britischen Hauptstadt. Dort recherchiert die preisgekrönte Krimiautorin detailversessen an den Orten des Geschehens. Ihre größtenteils verfilmten Geschichten sind eher Gesellschaftsromane als „nur“ spannende Storys – von denen George allerdings eine Menge versteht. Denn Handwerk und Kunst des Schreibens hat sie lange Jahre als Lehrerin für Englische Sprache und Literatur sowie später in Unikursen für Kreatives Schreiben unterrichtet. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrem Ermittlerduo Inspector Lynley und Sergeant Havers. Geboren wurde Elizabeth George 1949 in Warren im US-Bundesstaat Ohio. Nach vielen Jahren in Kalifornien lebt sie heute im Nordwesten der Vereinigten Staaten bei Seattle.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 800 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (21. November 2016)
Übersetzung: Ingrid Krane-Müschen
ISBN-Nr: 978-3442485246515
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
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Das Leben und Scheitern eines Jahrhundertmalers

„Dieser Mensch ist entweder verrückt, oder er lässt uns alle weit hinter sich.“

Dem ersten Teil der Aussage von Camille Pissarro haben wohl viele in Vincent van Goghs Umfeld zugestimmt. Vincent van Gogh war alles andere als ein gewinnender Mensch. Er war störrisch, eigensinnig, eigenbrötlerisch, ablehnend, teilweise ungepflegt. Er war aufbrausend, fanatisch in allem, was er wollte, fordernd und nicht sehr umgänglich. Ob diese Eigenschaften Grund für sein ständiges Scheitern bei allem, was er anpackte, waren oder aber er so wurde, weil er von klein auf in seinen Sehnsüchten und Wünschen verstossen wurde und nicht reüssierte, ist schwer zu sagen. Fakt ist, dass er erst mit 30 Jahren zur Malerei kam, der Weg davor steinig war, der danach nicht weniger.

Vincent van Gogh wurde in eine Familie hineingeboren, in der Zusammenhalt und Familiensinn grossgeschrieben wurden. Diese Werte ins Herz gepflanzt muss es umso schmerzlicher gewesen sein, immer der Aussenseiter, gar der verstossene, „missratene“ Sohn zu sein. Vincent schwankte zwischen verzweifelten Annährungsversuchen und trotziger Abkehr von der Familie. Und er litt. Teilweise so sehr, dass er in Depressionen verfiel, sich völlig zurückzog von den Menschen und vom Leben – nicht dass er in weniger depressiven Momenten sehr sozial veranlagt gewesen wäre.

Wenn er sich nicht um gute Gesellschaft bemühe, komme es daher, weil man „als Maler auf andere gesellschaftliche Bestrebungen verzichten muss“. Wenn er „zeitweilig unter Schwächeanfällen, Nervosität und Melancholie“ leide, liege es an „einer Eigenheit in der Natur jedes Malers“. Wenn er ein unruhiges, unkonventionelles Leben führe, dann weil es „zu meinem Beruf passt. […] Ich bin ein armer Maler.“

Er suchte zwar immer Anschluss, am liebsten familiären, war aber nicht in der Lage, diesen lange aufrecht zu erhalten. Er überwarf sich mit allen Menschen, die er anfänglich verehrte, die es auch gut mit ihm meinten.

Als er endlich zur Kunst fand, ging er darin auf. Wie alles zuvor betrieb er auch die Malerei fanatisch. Er war einerseits dankbar für jede Anleitung, die er finden konnte, schlug Ratschläge aber trotzdem schnell in den Wind, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Sehr ausführlich beschreiben Steven Naifeh und Gregory White Smith Vincent van Goghs Leben und Schaffen. Quellen, Briefe und ältere Biographien fanden Eingang in dieses 1200 Seiten starke Buch, welches ein Leben präsentiert, das vom Scheitern geprägt war. Es bettet das Leben dieses Suchenden ein in den zeitlichen Kontext und legt seine Bezüge zur Umwelt, zu den Menschen seiner Zeit offen. Es zeigt auf, was Vincent van Gogh bewegte, umtrieb, teilweise auch umstiess. Sachlich, akribisch, nie langweilig entfaltet sich der gequälte Lebensweg eines Menschen, der von Sehnsüchten geplagt war, die sich nie erfüllten, und der ob seines eigenen Scheiterns verzweifelte – um sich dann doch wieder aufzuraffen und in ein neues Abenteuer zu stürzen. Die Malerei war das letzte. Auch da war der Weg hart, doch er ging ihn durch alle Schwierigkeiten hindurch. Glücklich hat er ihn nicht gemacht, aber unsterblich.

Fazit:
Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
VanGoghGebundene Ausgabe: 1216 Seiten
Verlag: S. Fischer Verlag (9. Oktober 2012)
ISBN-Nr.: 978-3100515100
Preis: EUR 34 / CHF 48.90

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Die Vergangenheit schläft nie

Jede Erinnerung ist eine Papierblume im Ärmel eines Zauberers, gerade eben noch unsichtbar und gleich darauf so gegenwärtig und blühend, dass ich mir nicht vorstellen kann, wieso sie sich die ganze Zeit versteckt hatte.

picoultendeSage Singer hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und ist seit da durch eine Narbe gezeichnet. Sie entzieht sich gerne den Menschen, so dass ihr der Beruf der Bäckerin, den sie mit Leidenschaft ausübt, gerade recht kommt. Regelmässig besucht sie eine Trauer-Selbsthilfegruppe, wo sie auf Josef trifft. Josef ist auch Kunde in der Bäckerei, in der Sage arbeitet. Immer sitzt er da mit seinem Dackel und hat sein kleines Notizbuch auf dem Tisch.

Zwischen Josef und Sage entsteht eine Freundschaft. Beide waren sie allein, beide fühlen sie sich verstanden.

Es ist ein Unterschied, ob man die Vergangenheit mit jemandem teilt oder sie allein durchlebt. Es fühlt sich weniger nach Wunde, eher nach Verband an.

Eines Tages bittet Josef Sage um einen Gefallen: Sie soll ihn umbringen. Er erzählt ihr von seiner Vergangenheit als SS-Soldat. Sein Tod soll Sühne sein für seine Schuld. Sage steht vor einem Dilemma. Ist die Erfüllung dieses Wunsches moralisch legitim? Gesetzlich ist sie sicher nicht.

Bis ans Ende der Geschichte ist ein sehr vielschichtiger Roman. Er behandelt die unterschiedlichsten Themen, die alle für sich romanfüllend gewesen wären: Trauer nach einem Verlust, der Umgang mit eigenen Schwächen, Vergangenheitsbewältigung nach dem Holocaust – auf beiden Seiten, denn Sages Grossmutter ist eine Überlebende des Regimes.

Jodi Picoult schafft es, sehr glaubwürdige und stimmige Charaktere zu erschaffen, die alle ihre Geschichten als Erzählstränge in den Roman einbringen und diese langsam zu einem Netz weben. Das Buch regt zum Nachdenken an, es stellt viele ethische Fragen, auf die man Antworten finden muss und will.

Ab und an hat der Roman Längen, ganze Abschnitte erscheinen als sehr weit hergeholt und wenig zielführend, haben aber am Schluss ihren Sinn im Ganzen. Ein sehr durchdachtes, gut durchkomponiertes literarisches Werk, das sich dann und wann etwas zu sehr in die Länge zieht durch die Beschreibung zu vieler Details. Damit steht Jodi Picoult aber nicht alleine da, diese – wenn man es denn so nennen will – Schwäche teilt sie mit ganz Grossen der Literatur.

Fazit:
Ein kunstvoll durchkomponiertes, mit plastischen Figuren beseeltes, zum Nachdenken anregendes Werk, das einige Längen aufweist. Sehr empfehlenswert.

Die Autorin
Die gebürtige New Yorkerin Jodi Picoult eroberte im Sturm die Herzen ihrer Leser. Vor allem ihr Talent , mit Feingefühl vielschichtige zwischenmenschliche Beziehungen zu beschreiben, schätzen ihre Fans. Die 1967 geborene Autorin lebt heute mit ihrem Mann und ihren Kindern in Hanover, New Hampshire. Bereits während ihres Studiums widmete sie sich dem Schreiben und arbeitete zunächst als Texterin und Lehrerin. Ihren ersten Roman verfasste sie 1992, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war. Damit sie für ihre Bücher effektiv recherchieren kann, hat ihr Mann seinen Beruf aufgegeben. Jodi Picoult kann so die Schauplätze ihrer Romane besuchen, um eine genaue und authentische Beschreibung zu liefern. Kein Wunder also, dass man mit ihren Romanhelden jedes Mal mitfiebert, als ob sie wirklich wären.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 576 Seiten
Verlag: Penguin Verlag (22. August 2016)
Übersetzung: Elfriede Peschel
ISBN-Nr: 978-3328100515

Preis: EUR 10 / CHF 14.90
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Muse, Malerin – Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso

Das Leben muss riskiert werden, um gelebt zu sein

Wenn du wirklich leben willst, musst du Dramatisches riskieren, sonst lohnt sich das Leben nicht. Wenn du riskierst, erlebst du auch schlimme Dinge, aber du lernst vor allem eine Menge und lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das Allerschlimmste: langweilig werden.

François Gilot hat etwas riskiert im Leben. Immer wieder. Sie hat sich auf eine Beziehung zu Picasso eingelassen, dem sein Ruf über seinen Umgang mit Frauen vorauseilte. Trotz Warnungen von aussen und eigenem Wissen, dass es nicht gut enden kann, wurde Françoise die Frau an Picassos Seite. Die beiden hatten zwei Kinder und Françoise war es, die nach zehn Jahren für sich beschloss, die Beziehung zu beenden. Bis zuletzt hatte Picasso gehofft, das Ruder rumreissen zu können, als er sie wirklich abreisen sah, drohte er ihr, dass sie nie mehr einen Fuss auf den Boden der Kustwelt bringen würde. Er hatte sich geirrt.

Nachdem François Gilot 1964 selber ein Buch herausgegeben hat über ihre Zeit mit Picasso (Mein Leben mit Picasso), ist mit Die Frau, die nein sagt ein weiteres Zeugnis des Lebens dieser starken Frau erschienen. Malte Herwig hat die eigenwillige Françoise Gilot, welche mittlerweile 90 Jahre alt ist, in ihren Ateliers in New York und Paris besucht und in Gesprächen ihre Sicht vom Leben generell und dem mit Picasso ans Licht gebracht. Dass bei einer Malerin die Malerei immer eng mit dem Leben verknüpft ist, liegt in der Natur der Sache, so dass Gilots Ausführungen über ihr Malen immer auch Philosophien fürs Leben sind.

Du musst aus deinen Fehlern lernen, anstatt sie wegzuwischen. Ein falscher Strich, zu dick aufgetragene Farben müssen Teil einer neuen Bildgestaltung werden, bis alles passt – eine Lebensphilosophie, der Françoise nicht nur in ihren Werken bis heute treu geblieben ist. Was gelebt wurde, bleibt und kann nicht weggewaschen werden. Es ist für immer Teil von dir, aber am Ende zählt das Ganze, das du daraus machst. Das Leben als Gesamtkunstwerk.

Das Buch zitiert teilweise lange Passagen aus Gilots Werk, auch die Gespräche nehmen oft die Thematik jenes Buches auf: Das Leben mit Picasso, Picasso als Mensch und Maler und Kontakte zur Künstlerszene der damaligen Zeit. Gilot selber bleibt trotz allem eher undurchsichtig (was aber auch ihrem Naturell entspricht), sie wird auch in diesem Buch grossenteils durch ihre Beziehung zu Picasso vorgestellt. Es ist allerdings zu vermuten, dass dies trotz des selbst herbeigeführten Bruchs mit Picasso so ist, da auch Abkehr eine Form von Auseinandersetzung sein kann – vor allem, wenn sie von einem so prägenden Menschen und der Zeit mit diesem vonstatten geht.

Françoise machte sich zeitlebens viele Gedanken. Sie durchschaute viel und liess sich dann (trotzdem) bewusst auf die Dinge ein, auch auf die, welche von vornherein schwierig oder gar aussichtslos erschienen, von denen sie sich aber etwas für sich erhoffte – so auch wenn sie liebte und wusste, dass es vernünftig wäre, diese Liebe nicht zu leben. Allerdings wäre das nicht das Leben, wie sie es für sich definiert.

Aber die Vernunft ist kein Freund des Malers, du brauchst sie nicht unbedingt bei der Arbeit. Zum Malen brauchst du Leidenschaft, du musst in Schwung kommen und den Vogel Zweifel von der Schulter scheuchen.

In einigen Gesprächen geht Françoise Gilot auch auf ihr Malen und ihr Verständnis davon, was Malen heisst, ein. Sie schildert ihre Liebe zur Bilderwelt, zu der immer auch eine Liebe zur Sprache kommt.

[…]
Malen ist zuerst einmal Handwerk. Man braucht Fingerfertigkeit, Kenntnis der Werkzeuge und muss die Beziehungen der Farben untereinander studieren.
[…] Das Auge ist das wichtigste Instrument der Malerin
Ich wollte immer Malerin sein, aber die Sprache ist mir sehr wichtig. […] Wenn ich zeichne, ist das Wort nie weit. […] Irgendwo in den Ritzen ihrer Gemälde versteckte sich immer der Intellekt. Im Unterschied zu den männlichen Malerfürsten ihrer Generation trug sie dabei nie dick auf.

Ein weiterer Schwerpunkt des Buches sind die Erkenntnisse, die Malte Herwig aus den Gesprächen für sich selber zieht, als ob er gleichwohl dem Leser erklären möchte, was ihm die Aussagen von Gilot zwischen den Zeilen sagen könnten. Das macht aus dem Buch stellenweise eine Art Lebensratgeber und Selbsterfahrungsbericht. Ich hätte lieber mehr über François Gilot und ihre Malerei erfahren, möchte diesem Kritikpunkt aber nicht zuviel Gewicht geben innerhalb des Ganzen: Die Frau, die nein sagt ist ein informatives und tiefgbründiges Buch, das Einblicke in das bewegte Leben einer mutigen Frau gewährt und eine bereichernde Lektüre.

Fazit
Ein tiefgründiges Buch, das den Menschen François Gilot vorstellt und Einblicke in ihr bewegtes Leben mit und nach Picasso gibt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Malte Herwig
Malte Herwig, Jahrgang 1972, ist Reporter beim Magazin der Süddeutschen Zeitung und lebt in Hamburg. Seine Artikel und Interviews sind in nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht worden.

François Gilot
Françoise Gilot, 1921 in Neuilly-sur-Seine geboren, lebt und arbeitet abwechselnd in New York und Paris. Ihre Bilder werden in Museen auf der ganzen Welt gezeigt (Museum of Modern Art, Musée Picasso in Antibes, Musée d’Art Moderne in Paris u. a.). Ihr erstes Buch »Leben mit Picasso« (1964) wurde ein internationaler Bestseller trotz der Versuche Pablo Picassos, die Veröffentlichung mit rechtlichen Mitteln zu verhindern und Gilot in der Kunstwelt zu isolieren.

Angaben zum Buch:
die_frau_die_nein_sagtTaschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Ankerherz Verlag (15. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3940138828
Preis: EUR 29.90 / CHF 48.90

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Glück her – aber dalli

Was will ich wirklich? Ich?
Die radikalste aller Fragen einer Frau mit Kindern.

moserglu%cc%88ckMilena ist 50, geschieden, hat zwei tolle Kinder, den Beruf, den sie immer haben wollte, und doch: Irgendwas fehlt. So richtig glücklich ist sie nicht und sie weiss auch nicht genau, wann sie es das letzte Mal wirklich war. Was muss sie tun, um einfach mal wieder glücklich zu sein? Und vor allem: Was will sie überhaupt – für sich. Bislang hatte sie sich diese Frage nicht stellen müssen, sie war einfach für die anderen da gewesen. Sie hat entweder in San Francisco oder in der Schweiz das Familienleben organisiert und fleissig Bücher geschrieben – was man halt so macht als Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin.

Das soll nun ändern. Milena plant eine Reise durch die USA. Sie will glückliche Paare besuchen und selber glücklich sein. Sie will lachen, tanzen und sich selber finden.

Ganz auf mich allein gestellt, auf mich zurückgeworfen, würde ich mich neu kennenlernen.

Das Glück sieht immer anders aus ist die autobiographische Geschichte einer Frau, die von aussen betrachtet strahlend, fröhlich und erfolgreich scheint, tief drin aber von Zweifeln und Selbstkritik zerfressen ist. Milena Moser erzählt schonungslos offen von ihrem Gefühl, nie zu genügen, von der Leere nach der Ehe, von ihrer Müdigkeit und auch Orientierungslosigkeit: Wo führt das alles hin? Und: Wer bin ich überhaupt und was will ich im Leben?

Die Reise wird nicht nur einfach, denn erstens lässt sich das Glück nicht auf Knopfdruck finden und zweitens sind Selbstsuchen auch oft mit Rückblenden verbunden, die dem Glück selten zuträglich sind. Trotzdem ist das Buch weder düster noch erschlägt es einen mit Melancholie. Es ist frei von Selbstmitleid und gar nicht weinerlich. Die Sprache ist gut lesbar, der Stil fliessend, man sitzt hin, fängt zu lesen an und klappt das Buch irgendwann am Ende zu. Unterbrechen möchte man es nicht, schliesslich ist man tief in einem Leben drin, in dem man sich doch ab und an auch selber wiedererkennt.

Das Buch wirkte auf mich, als ob die Autorin sich einfach mal alles von der Seele geschrieben hätte, um den Ballast, der sich angesammelt hat, loszuwerden. Eine Technik, die man beim Expressiven Schreiben anwendet, um sich und seinen Prägungen auf die Spur zu kommen und (positiver) weiter gehen zu können. Neben dem Umstand, dass hier ein wirklich schönes Buch entstanden ist, hoffe ich natürlich, dass dies der Autorin geglückt ist.

Fazit:
Eine schonungslos offene, tief gehende und berührende Lebensbetrachtung. Das wohl persönlichste Buch von Milena Moser. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Milena Moser

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

Hier geht es zm Interview mit der Autorin.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3423216715
Preis: EUR 10.95 / CHF 16.90

Erhältlich bei jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH.

Eine explosive Mischung

Es war eine kraftraubende und entmutigende Arbeit. Wir wussten immer noch nicht, ob der Tod des Ehepaars Bailey ein Unfall, ein kombinierter Mord/Selbstmord oder ein Doppelmord war. Klar war nur, dass auch den Experten, die Claire hinzugezogen hatte, nichts eingefallen war und dass die Öffentlichkeit verrückt spielte.

patterson8Ein Ehepaar aus besseren Kreisen wird tot im Bett aufgefunden, allerdings findet niemand heraus, woran die beiden gestorben waren. Der Fall hat für die Polizei oberste Priorität – Befehl von ganz oben, so dass keine Zeit bleibt, dem Mord an einem schwarzen Obdachlosen weiter nachzugehen, zumal dessen Aufklärung sowieso eher unwahrscheinlich erscheint.

Zwar versuchen Lindsay und ihr Partner Conklin, während ihrer Freizeit etwas Licht ins Dunkel zu bringen, aber das reicht Cindy, Lindsays Freundin und Reporterin beim Chronicle nicht. Sie ist empört über das Zweiklassendenken der Polizei und macht sich den Fall zu eigen – sie will den Mörder des Mannes, der auf der Strasse als Heiland verehrt wurde, finden.

Wie gewohnt spielen auch die verschiedenen Privatleben der Mitglieder des Women’s Murder Club verrückt, es wird geliebt, geweint, gebangt. Während man sich immer mehr fragt, ob das mit Joe und Lindsay wirklcih noch was wird, zumal Conklin eine nicht zu verachtende Konkurrenz für Joe zu sein scheint, lässt sich Cindy auf einen Mann ein, der das Potential hat, die Frauenfreundschaften zu durchbrechen.

Der achte Fall des Women’s Murder Club übertrifft die letzten Fälle um ein Vielfaches. Er ist von der ersten bis zur letzten Seite packend, lässt einen kaum atmen beim Umblättern, und das Buch wegzulegen ist keine Option. Gekonnt zieht Patterson seine Fäden, baut Cliffhanger ein, webt langsam Stück für Stück ein Netz, das sich mehr und mehr zusammenzieht, bis alles schlussendlich aufgeklärt ist und man als Leser ausser Atem das Buch weglegt – um möglichst schnell den nächsten Fall zu schnappen und loszulegen. Ganz grosses Kino!

Fazit:
Beim achten Fall des Women’s Murder Club übertrifft sich Patterson selber. Von der ersten Seite an ist man gefangen und legt das Buch erst zur Seite, wenn alles aufgeklärt ist. Sehr empfehlenswert!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Der 1. Mord, Die 2. Chance, Der 3. Grad, Die 4. Frau, Die 5. Plage, Die 6. Geisel, Die 7 Sünden und Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (19. Dezember 2011)
Übersetzung: Leo Strohm
ISBN-Nr: 978-3442372324
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Feuerteufel und Todesengel?

„Lasst uns nicht allein!“
Er sah, wie die Flammen an den Vorhängen emporzüngelten, und hörte die erstickten Schreie seiner geliebten Frau, während die Haustür krachend ins Schloss fiel.

patterson7Eine Reihe von Brandanschlägen fordert mehrere Menschenleben, immer reiche Ehepaare. Lindsay Boxer steht vor einem Rätsel und weiss nur, dass sie bald mehr wissen muss, damit nicht noch mehr Menschen sterben.

Zur gleichen Zeit gibt es neue Hinweise im Fall des verschwundenen Michael Campion, des herzkranken Sohnes eines ehemaligen Gouverneurs. Er soll das letzte Mal bei einer Prostituierten gesehen worden sein, aus deren Haus er nie mehr rausgekommen ist. Als die bildschöne und mädchenhaft unschuldig aussehende Prostituierte ihre Tat gesteht, scheint wenigstens dieser Fall gelöst – bis sie das Geständnis widerruft. Und irgendwo vermutet Lindsay Boxer einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen, nur: Wo?

Zum Glück hat sich Lindsays Privatleben ein wenig normalisiert, fast könnte man es glücklich nennen, wären da nicht Lindsays Zweifel und ihr Zögern. Zudem raubt ihr der berufliche Ehrgeiz jegliche Zeit für ein Privatleben, so dass sie ihren Liebsten, der ihretwegen einige Opfer gebracht hat, kaum sieht, was auf Dauer nicht gut gehen kann. Die wenige Zeit, welche die beiden haben, verbringen sie in detailreich beschriebenen Liebesaktivitäten – hätten sie mehr Zeit, müsste man wohl die Genrewahl überdenken.

Der siebte Fall des Women’s Murder Club ist wieder gewohnt spannend. Von der ersten Seite an zieht er einen in den Bann und lässt nicht los, bis alles restlos aufgeklärt ist. Dass das Ende ein wenig gar überraschend und wenig befriedigend ist, bleibt als kleiner Wermutstropfen zurück. Trotzdem ist das Buch ein wirklicher Pageturner und ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Fazit:
Beim siebten Fall des Women’s Murder Club ist Patterson wieder gewohnt spannend und packend. Von der ersten Seite an ist man im Bann des Buches und legt dieses ungern wieder weg. Sehr empfehlenswert!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Der 1. Mord, Die 2. Chance, Der 3. Grad, Die 4. Frau, Die 5. Plage, Die 6. Geisel und Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (15. November 2010)
Übersetzung: Leo Strohm
ISBN-Nr: 978-3442375851
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Ein moralisch gerechtfertigter Mord?

Wenn Sie Ihre Frau töten, tun Sie ihr nur etwas an, was ihr ohnehin widerfahren wird. Und Sie würden andere Menschen vor ihr retten. Sie ist etwas Negatives. Sie macht die Welt schlechter.

swansongerechteTed Severson, ein reicher Unternehmer, denkt, glücklich verheiratet zu sein mit der wunderschönen Miranda, bis er diese eines Tages bei einem Seitensprung beobachtet. Die Wut wächst in ihm. Als er kurz darauf an einer Flughafenbar sitzt und eine attraktive Frau sich neben ihn setzt, erzählt er ihr – ein paar Martinis haben seine Zunge gelockert – von seinem Leben. Lily, so heisst die attraktive Bekanntschaft, versteht ihn gut und macht ihm ein Angebot: Sie will ihm helfen, seine Frau umzubringen.

In der Folge planen die beiden minutiös den perfekten Mord, kommen sich dabei auch näher. Doch dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wende.

Die Gerechte ist die Geschichte eines perfekten Verbrechens. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, die sich kapitelweise abwechseln. Dabei gibt es immer Rückblenden vor allem in die Vergangenheit von Lily, die aufzeigen, wie Lily zu dem Menschen mit den moralischen Beweggründen wurde, der sie heute ist. Dem Autor ist hier eine psychologische Analyse gelungen, die ohne jegliche Beschreibungen, sondern nur durch erzählte Handlungen und Erlebnisse auskommt.

Höhepunkt des Buches ist sicher der Moment, als Peter Swanson einen sehr unerwarteten – im Nachhinein aber nachvollziehbaren – Wendepunkt einbaut. Der Autor hat sein Handwerk verstanden, das Buch ist gut geschrieben, spannend aufgebaut und mit den nötigen Überraschungen versehen, um den Leser bei der Stange zu halten. Die Form der abwechselnden Perspektiven und vielen Rückblenden nimmt der eigentlichen Geschichte aber viel an Tempo und ist wohl Geschmacksache: Man mag es oder nicht.

Fazit:
Eine packende Idee stimmig umgesetzt, gut geschrieben und mit den nötigen Überraschungsmomenten und Wendepunkten. Der Stil der wechselnden Perspektiven und Rückblenden ist aber Geschmacksache.

Der Autor
Peter Swanson studierte am Trinity College, der University of Massachusetts in Amherst und am Emerson College in Boston. Er lebt mit seiner Frau und einer Katze in Somerville, Massachusetts, wo er an seinem nächsten Buch schreibt.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (16. Januar 2017)
Übersetzung: Fred Kinzel
ISBN-Nr: 978-3734103599
Preis: EUR 12.99 / CHF 18.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Bei einer Reise durch meine gern gelesenen Literaturblogs stiess ich auf einen Artikel des Kaffeehaussitzers, in welchem dieser 10 Fragen beantwortete, die er bei Sätze & Schätze gefunden hatte.

Eine schöne Idee, wie ich fand und das Hirn lief natürlich gleich heiss: Was wären meine Antworten? Hier sind sie:

Frage eins
Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?
Ich habe keine Ahnung. Ich weiss, dass ich als Kind Enid Blyton liebte, am meisten ihre Reihe „Geheimnis um…“. Dicky und sein Sittich hatten es mir besonders angetan, später kamen dann „Fünf Freunde“, „TKKG“ und „???“ – man sieht, ich war schon damals Krimiliebhaber. Aber mir sind auch andere Bücher im Kopf: „Die Turnachkinder“ – es gab eine Sommer- und eine Winterausgabe – sowie Berte Bratt – nach der Lektüre wollte ich unbedingt nach Norwegen. Was aber das erste Buch war? Ich kann es echt nicht sagen.

Frage zwei
Das Buch, das Deine Jugend begleitete?
Ich habe auch da viel gelesen, so dass es schwer ist, ein Buch zu wählen. Was aber sicher eines meiner liebsten Bücher der Zeit war: Marion Zimmer-Bradleys „Die Nebel von Avalon“. Ich habe das Buch verschlungen, fand es wunderbar.

Frage drei
Das Buch, das Dich zum Leser machte?
Vermutlich Grimms Märchen, da das Vorlesen derselben meine Liebe zu Geschichten weckte und ich dann bald mal selber lesen wollte.

Frage vier
Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?
Das müsste „Effi Briest“ von Theodor Fontane sein.

Frage fünf
Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?
Ich habe kein wichtigstes Buch. Es gibt verschiedene wichtige Bücher in meinem Leben. Eines hat mich über Monate begleitet, weil ich damit gearbeitet habe und eine Arbeit drüber schrieb (Thomas Manns „Doktor Faustus“. Ein anderes hat mich einfach unglaublich gut unterhalten, auf eine Weise, die nicht einfach nur Pageturner war, sondern mehr (Joël Dickers „Der Fall Harry Quebert“). Wieder andere Bücher haben mich berührt mit ihrer Thematik, haben mich mitfühlen und –leiden lassen („Effi Briest“, „Anna Karenina“ und viele mehr). Und dann sind da noch Rilkes Gedichte, kaum ein Buch habe ich mehr in die Hand genommen. Ebenso die Gedichte von Erich Fried, ein Buch, das mir ein Mensch geschenkt hat, der mir sehr viel bedeutet hat und es immer tun wird – über den Tod hinaus. Die Widmung im Buch erinnert zusätzlich daran. Und….

Frage sechs
Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?
Ich habe vor keinem Buch Angst. Ich denke, ich würde mit jedem einen Weg finden. Die Frage ist: Muss ich es? Ich habe heute die Freiheit, selber entscheiden zu können, was ich lese. Das war eine lange Zeit lang anders – und ja, auch das hatte Vorteile, da ich Bücher las, die ich ohne äusseren Druck vielleicht nicht gelesen hätte und die mir viel bedeutet haben, weil sie mir Welten erschlossen haben, in die ich sonst nie eingetaucht wäre. Es gibt auch heute noch Bücher, die von aussen an mich herangetragen werden. Da bemühe ich mich ein wenig mehr, sie weiter zu lesen, selbst wenn sie mir nicht gefallen. Schlussendlich halte ich es aber bei Büchern wie beim Wein: Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher (und schlechten Wein!). Ich möchte aber anmerken, dass die Wertung „schlechtes Buch“ häufig schlicht Geschmackssache ist. Natürlich gibt es Kriterien, die ein Buch auch rein vom „schreiberischen“ Handwerk her als schlecht qualifizieren – doch: Selbst das Buch kann irgendwem gefallen und wenn es das tut, ist das doch wunderbar. Die Frage ist doch: Was will Literatur, was soll sie? Meiner Meinung nach soll sie primär unterhalten. Sie soll den Leser eine Weile aus seiner Welt in eine andere entführen, aus welcher er etwas mitnimmt in die eigene. Das Mitgebrachte kann vielschichtig sein, es geht von Entspannung bis hin zu Erkenntnissen.

Frage sieben
Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?
Das kann ich nicht beurteilen, denn dazu müsste ich alle gelesen haben und die entsprechenden Statistiken kennen. Ich konnte sicher die Aufregung um die Grauschattierungen nie nachvollziehen, aber: Ich habe das Buch nicht gelesen und werde es wohl kaum je tun – ergo weiss ich es nicht wirklich.

Frage acht
Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?
Wenn ich ein Buch lesen wollte, würde ich es tun. Zeit kann man sich nehmen, Bücher müssen ja nicht an einem Tag gelesen werden. Wer also liest, kann alles lesen. Da auf den richtigen Zeitpunkt zu waren, mutet ein wenig komisch an.

Frage neun
Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?
Es ist wohl kein Buch, es sind die, welche religiöse Bücher wortwörtlich auslegen und fanatisch danach handeln. Und: Es kommt nicht drauf an, welches Buch man nimmt, es steht in allen in etwa dasselbe drin.

Frage zehn
Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?
Meines. Irgendwann mach ich das vielleicht sogar noch. Ich neide keinem sein Buch. Und dass er es geschrieben hat und nicht ich, bedeutet, dass es seins war – nicht meins.

Und schon bin ich durch… hat Spass gemacht, war für mich aber nicht wirklich neu, da ich mich ja ziemlich oft durchleuchte und hinterfrage. Viel spannender wäre: Wie sieht das bei euch aus?

 

Ich füttere schon seit langem Instagram mit meinen Bildern, bin da im Laufe der Zeit über viele Challenges gestolpert und dachte, ich mache auch mal einen – meinen persönlichen Literaturchallenge. So hangelte ich mich in Bildern durchs ABC und es machte grossen Spass. Jeden Tag stand ich vor meinen Regalen und suchte ein Buch zu einem neuen Buchstaben, machte mir Gedanken, las vielleicht ein wenig rein. Nun bin ich durchs Alphabet durch und möchte die ganze Liste hier nochmals zeigen – vielleicht gefällt euch ja auch das eine oder andere Buch:

A
Mitch Albom „Dienstags bei Morrie“ Die wunderbare und berührende Geschichte einer Lebensbegleitung. Das Buch hat mich in seiner Einfühlsamkeit, Weisheit und Demut unglaublich berührt.

B
Julian Barnes „Vom Ende einer Geschichte“ Ein Buch über die Erinnerung, darüber, wie man sich selbst Geschichten erzählt und dabei eine Auswahl trifft, die ins Lebensbild passt. „Geschichte…ist die Summe der Erinnerungen derer, die viel erlebt und viel überstanden haben und meistens weder Sieger noch Besiegte sind.“

Einer meiner Lieblingssätze im Buch: „Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.“

C
img_0967Alex Capus „Léon und Louise“ Die Geschichte einer grossen Liebe, aber auch eine Geschichte über Verantwortung, Leidenschaft und Vertrauen. Eine feinfühlige, mitreissende und wunderbar erzählte Geschichte.

D
Joël Dicker „Der Fall Harry Quebert“ Eines meiner absoluten Leseerlebnisse der letzten Jahre. „In meinem Leben gab es nur Harry, und seltsamerweise stellte ich mir überhaupt nicht die Frage, ob er schuldig war oder nicht… Er ist ein Mensch und Menschen haben ihre Dämonen. Jeder von uns. Die Frage ist nur, wie viel man diesen Dämonen durchgehen lässt.“ Ein spannender Krimi und noch viel mehr.

E
Epiktet „Das Buch vom geglückten Leben“ Nach Epiktet haben wir das Glück in der Hand. Wichtig dabei ist, zu unterscheiden zwischen dem, was wir beeinflussen können, und dem was nicht in unserer Macht steht. „Du kannst unüberwindlich sein, wenn du dich in keinen Kampf einlässt, in dem es nicht in deiner Macht steht, zu obsiegen.“

F
Hier wird es schwer, da Theodor Fontane einer meiner Liebsten ist, weswegen ich eigentlich das Gesamtwerk vorschlagen würde. Sehr empfehlen kann ich aber die Ehebriefe. Und: Müsste ich mich für ein Buch entscheiden, wäre es „Effi Briest“. Oder „L’Adultera“? Oder doch…..? Herr Briest hatte schon recht: „Es ist ein weites Feld.“

G
Anne Girard „Madame Picasso “ Ein Buch über einen der grössten Künstler, eine grosse Liebe und das Leben mit seinen oft schwierigen Wegen. „Sein Herz war nicht ausreichend mit dem Werk auf seiner Staffelei verbunden. Er steckte fest. Picasso wusste, dass er eine Inspiration benötigte, um es zu vollenden. Er brauchte eine Muse.“ Diese Muse fand Picasso – und noch viel mehr. Ein wunderbares Buch!

H
Hermann Hesse „Gedichte“ „Man braucht vor niemandem Angst zu haben. Wenn man jemanden fürchtet, dann kommt es daher, dass man diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat.“ Hermann Hesse liebe ich für seine tiefgründigen Gedanken, für seine feinfühligen Analysen und vor allem für seine wunderbaren und lebensnahen Gedichte.

I
img_1041Andreas Izqiierdo „Glücksbüro“ Ein vielschichtiges, tiefgründiges, herzerwärmendes Buch, die Geschichte um einen unscheinbaren und einsamen Menschen, der eines Tages die Liebe findet und zu leben beginnt.

J
img_1065Husch Josten „Der tadellose Herr Taft“ Ein einfühlsames, zum Nachdenken anregendes Buch, das die Geschichte eines Mannes erzählt, der durch den Weggang seiner Frau irgendwie auch sich selber verloren hat und nun hofft, sie und damit sich selber wiederzufinden. „Er, der immer seinen Weg gekannt und grundsätzlich die Richtung gewusst hatte, taumelte durch die Tage.“

K
Doktor Erich Kästners „Lyrische Hausapotheke“ Sie enthält Gedichte, die man bei Einsamkeit, Faulheit, Geldnot, Eheproblemen, schlechtem Wetter und vielem mehr lesen kann. Die nötige Medizin kommt hier gepaart mit viel Humor und Ironie, sie „richtet sich, zumeist in homöopathischer Dosierung, gegen die kleinen und grossen Schwierigkeiten der Existenz.“

L
David Levithans „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ Die Geschichte von A, welcher jeden Tag in einem neuen Körper aufwacht. „Früher oder später muss man mit der Tatsache Frieden schliessen, dass man einfach existiert. Warum es so ist, lässt sich nicht herausfinden.“ Ein tiefgründiges, einnehmendes, gefühlvolles und wunderbar erzähltes Buch.

M
img_1106Thomas Mann „Doktor Faustus“ Der Buchstabe war nicht leicht zu bewältigen. Es gibt einige Autoren mit „M“, die ich mag und von dem einen, schliesslich gewählten Bücher, die ich besser mochte. ABER es gibt wohl kaum ein Buch, mit dem ich mich intensiver und länger auseinander setzte als dieses. Ich las über 9 Monate alles dazu, was ich fand, las alles andere von Thomas Mann, hörte seine Musik – ich lebte quasi mit Thomas Mann, während ich für meine Masterarbeit seinen Schreibprozess analysierte. „Doktor Faustus“ greift den Pakt mit dem Teufel auf. Es ist die Geschichte eines genialen Künstlers, der für die Kunst seine Seele verkauft und schlussendlich daran zugrunde geht. Ein grossartiger Roman mit vielen Ebenen. Ein Meilenstein in meiner persönlichen Lesewelt.

N
Hakan Nesser „Die Einsamen“ Ich habe das Buch gefressen. Hakan Nesser gelang es, eine Geschichte auf mehreren Ebenen zu konstruieren, diese zu durchmischen und mit genial platzierten Cliffhangern zu versehen.

O
Yoko Ogawa „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ Durch einen Autounfall reicht das Gedächtnis eines Mathematikprofessors nur noch 80 Minuten. Er flüchtet sich aus dem Leben in die Welt der Zahlen, bis eine neue Haushälterin und deren Sohn ihn zum Leben zurück bringen. Ein stilles, tiefes, malerisches und wundervolles Buch über die Liebe, über Freundschaft, über das Vergessen und vieles mehr. Man möchte nicht mehr aus dieser Welt auftauchen, wenn man mal drin ist.

P
Riika Pulkkinen „Wahr“ Mein „P“ für den #abcliteraturchallenge war keine leichte Sache, da einer meiner meistgelesenen Autoren mit P beginnt. Trotzdem entschied ich mich für Riikka Pulkkinen. Eine poetische und philosophische Geschichte über Liebe und Verlust, Krankheit, Tod und Weiterleben. Ein Buch, das mich tief berührt hat, ein Buch, das grundlegende Fragen stellt, ein Buch, das nachhallt.

Q
Meine Bibliothek umfasst kein Q – drum passe ich hier und mache gleich mit R weiter.

R
Bethan Roberts „Der Liebhaber meines Mannes“ Es ist die Geschichte von drei Menschen, die alle irgendwie Opfer ihrer Zeit geworden sind, die unter den Normen der Gesellschaft leiden. Ein feinfühliger Roman mit viel Tiefe, der direkt ins Herz geht.

S
img_1159Elif Shafak „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ Eine Frau vertieft sich in einen Roman über Rumi, lernt die Geheimnisse der Liebe kennen und merkt, dass ohne Liebe alles nichts ist. Und sie macht sich auf die Suche nach der Liebe in ihrem Leben. Ein philosophisches, berührendes, tiefgründiges Buch, das ich jedem nur ans Herz legen kann. Eine Mischung aus Liebes- und Lebensgeschichte und Mystik….und ich höre nun auf, zu schwärmen

T
img_1166Leo N. Tolstoi „Anna Karenina“, eines meiner Lieblingsbücher überhaupt. Die tragische Liebesgeschichte der schönen Anna Karenina mit dem Grafen Alexej Wronskij handelt von der Liebe, von Ehebruch und von gesellschaftlichen Normen. Mit diesen Themen ist das Buch nicht allein in der Zeit, auch Effi Briest, L’Adultera (Fontane) oder Madame Bovary (Flaubert) behandeln diese Themen (allesamt ebenfalls Lieblinge von mir). „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ (Anna-Karenina-Prinzip)

U
Leon Uris „Exodus“ Die Geschichte der Gründung Israels. Es gelingt Uris, die Geschichte einzelner Menschen mit den grossen historischen Zusammenhängen zu verbinden. Der Autor schafft es, einerseits Geschichte lebendig werden zu lassen und trotz der Schwere des Themas und des Umfang des Romans nicht erschlagend zu wirken, sondern mitzureissen.

V
Fred Vargas „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“ Paris ist im Griff eines Zwangsneurotiker, der Kreidekreise um Gegenstände malt. Alles ganz harmlos, bis plötzlich eine Leiche in einem der Kreise liegt.

W
Oscar Wilde „ Dorian Gray“ Ein Roman voller Witz und doch tiefgründig, ein Roman um Sein und Schein, um die Motive des Handelns und die Moral. Tolles Buch!

X
Da ich kein X im Bücherregal habe, dafür aber viele Ws, bringe ich ein zweites davon:
John Williams „Stoner“ Die Geschichte eines Mannes, der seinen Weg durchs Leben geht, unbeirrt von allen Schwierigkeiten, die es ihm schwer machen. Er lebt als eigenbrötlerischer Charakter seine Leidenschaft und sein Leben in der Literatur aus, weil die Realität ein einziger Kampf zu sein scheint. Ein Buch über die gelebte, unlebbare und vermisste Liebe, über Kämpfe und Niederlagen, ein stilles Buch mit wenig Handlung, leisen Tönen und doch viel Wirkung. Stoner lässt einen nicht los. Sehr empfehlenswert!

Y
Irvin D. Yalom „Und Nietzsche weinte“ Lou Salomé sorgt sich um den verzweifelten Nietzsche und wendet sich an den Psychotherapeuten Josef Breuer. Ein Roman darüber, wie einer wird, was einer ist, und vieles mehr. Tiefgründig, philosophisch und doch gut lesbar.

Z
img_1221Stefan Zweig „Rausch der Verwandlung“ Ich habe immer gerne gelesen, Stefan Zweig war meine erste grosse Liebe bei den deutschen grossen Schriftstellern. Ein sehr engagierter Buchhändler in einer kleinen Buchhandlung in meiner Heimatstadt Winterthur empfahl mir das Buch mit damals 16 und eine Liebe war geboren. Rausch der Verwandlung handelt vom Leben in verschiedenen Welten, von Sehnsüchten, Enttäuschungen und von den zwei Klassen der Gesellschaft in der Nachkriegszeit. Ein sehr tiefgründiges, auch sehr düsteres Buch, das durch die sehr plastischen und psychologisch stimmig gezeichneten Figuren besticht.