Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem grossen Lastwagen verstauen, der auf der Strasse davor parkt.

Dackelmischling Herkules’ Frauchen Carolin hat endlich den richtigen Mann gefunden, auch wenn der ein gebrauchter Mann ist. Was das genau ist, weiss Herkules noch immer nicht, sein bester Freund Herr Beck versucht es ihm aber zu erklären, so wie er ihm immer die Welt erklärt bei ihren Streifzügen durch den Garten. Er warnt Herkules auch, dass das Zusammenleben mit Menschen meist kompliziert ist, da Menschen kompliziert sind. Von Happy Ends hält Herr Beck gar nichts.

Herkules kann das nicht glauben und schimpft Herrn Beck einen alten Zyniker. Er sieht das Happy End deutlich vor sich, da er nun endlich eine ganze Familie hat mit Carolin, ihrem neuen Freund Marc und dessen Tochter Luisa. Was so idyllisch anfängt, wird bald wirklich kompliziert, als Marcs Exfrau Sabine auftaucht, welche nicht gut auf Carolin zu sprechen ist. Carolin teilt diese Abneigung. Dass Marcs Mutter, die vorübergehend in Marcs und Carolines Haus ein und aus geht, Position gegen Carolin einnimmt, macht das Zusammenleben nicht einfacher. Zwischen Carolin und Marc entsteht ein handfester Streit.

Als ob das nicht genug wäre, erlebt Herkules am eigenen Leib, dass es mit der Liebe wirklich nicht leicht ist. Er verliebt sich im Park in die wunderschöne Golden Retriever Hündin Cherie. Seine Gedanken drehen nur noch darum, wie er sie am besten von sich einnehmen kann. Dass ihn dabei seiner Grösse wegen niemand ernst nimmt, trägt nicht wirklich zu seiner Freude bei. Als dann auch noch Carolins alter Freund und Verehrer Daniel auftaucht, wird Herkules’ Leben wirklich schwierig:

Auweia. So schön friedlich dieses Bild auch ist – ich kann mich daran nicht erfreuen. Denn Caro ist doch Marcs Frau, nicht Daniels. Und auch, wenn sie von Marc nun nur das Schlechteste denkt – ich weiss ja, dass es nicht stimmt.

Herkules muss Herrn Beck recht geben: Das Leben ist kompliziert und die Menschen sind es erst recht. Herkules gibt aber alles, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das Leben und Lieben von Menschen aus der Warte eines kleinen Dackelmischlings erzählt. Die Perspektive wirft eine erfrischend naive Sicht auf die sonst so normalen Dinge und lässt sie dadurch in neuem Licht erscheinen. Man könnte Herrn Beck ab und an fast recht geben: Wir Menschen sind kompliziert.

 

Fazit:

Sommerlich leichte Lektüre herzerwärmend und witzig erzählt. Das perfekte Buch, einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen. Absolut lesenswert. Einzige Gefahr: man möchte nachher selber einen Hund, wenn man noch keinen hat.

Frauke Scheunemann: Katzenjammer, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (18. Juni 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442477921

ISBN-13: 978-3442477920

Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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Was haben ein Kaplan, welcher erotische Romane schreibt, eine einhundertachtzigjährige Schildkröte, eine Wirtin, die ein Geheimnis in sich trägt und ein aufmüpfiges Gespenst gemeinsam? Sie alle sind Teil einer märchenhaften Geschichte rund um den Tower of London. Der Roman „Der verborgene Charme der Schildkröte“ erzählt vom Leben Balthazar Jones’, einem Wächter im Tower of London, und dessen Frau Hebe. Aus finanziellen Überlegungen bewirbt sich Balthazar für die Stelle als Beefeaters (so werden die Wächter landläufig genannt) und bekommt diese auch.

[Hebe Jones] schlug die Warnungen ihres Ehemanns in den Wind, dass sie fortan im Tower würden wohnen müssen. „Jede Frau träumt davon, in einer Burg zu leben“, log sie, ohne den Blick vom Herd abzuwenden.

Gemeinsam mit ihrer Schildkröte Mrs. Cook und dem Sohn Milo ziehen sie in den Turm ein und merken bald, dass die runden Wände das kleinste der Probleme in der neuen Behausung sind.  Doch dann stirbt Milo.

Seine Gedanken wanderten wieder zu der Nacht zurück, in der Milo gestorben war, und zu seinem schrecklichen, schrecklichen Geheimnis.

Mit dem Tod des gemeinsamen Sohnes Milo stirbt auch die Liebe Balthazar Jones, Beefeater und späterer Oberaufseher der Königlichen Menagerie im Tower of London, und dessen Frau Hebe Jones, Mitarbeiterin im Fundbüro der Londoner Untergrundbahnen, langsam.  Während Hebe über den gemeinsamen Verlust trauern möchte, zieht sich ihr Mann Balthazar immer mehr zurück, nicht zuletzt belastet von einer geheimnisvollen Schuld.

Als Hebe eines Tages ihre Koffer packt und dem ehelichen Schweigen entflieht, bleibt Balthazar Jones traurig zurück. Dass zur selben Zeit auch noch Mrs. Cook verschwindet, ihres Zeichens die älteste Schildkröte der Welt und Familienmitglied der Familie Jones, lässt bei Balthazar das erdrückende Gefühl der Leere und Einsamkeit zurück.

Einzigen Halt findet er bei den Tieren der neu im Tower eingerichteten Menagerie, bestehend aus Tieren, welche der Englischen Königin von Staatsoberhäuptern aus aller Welt geschenkt worden waren. Als die Tiere wieder zurück in den Londoner Zoo geschafft werden, schwindet auch noch der letzte Halt in Balthazars Leben.

Julia Stuarts Roman nimmt den Leser mit in die Geschichte des Towers of London, welche von den Enthauptungen der Hingerichteten bis hin zur Herkunft von Löchern in den Türen reicht. Er entführt zu den Einzelschicksalen der Menschen hinter abgegebenen Fundgegenständen und lässt ihn teilhaben am Leben eines Mannes, dem nach und nach die Liebe abhanden kommt.

 

Fazit:

Eine humorvolle Geschichte, die alles in sich trägt, was man sich wünscht: Feingefühl, Humor, Geheimnis, Geschichte. Trotz der oft grossen Tragik des Geschehens wird der bedrückende Kloss im Hals nie erstickend.

Julia Stuart: Der verborgene Charme der Schildkröte, Goldmann Verlag, München 2012.

 Sally findet es mit einem Mal  anstrengend, wie Alfred auf ältlliche Weise im Bett sitzt, ein überzeugender Beitrag zur Trostlosigkeit dieses Zimmers […] jetzt in den Ferien, sollte man meinen, ist es selbst für einen Mann in Alfreds Alter eine unnatürliche Sache, so viel herumzuliegen. […] Die halbe Nacht grabschte er nach Sallys Hüften, die meiste Zeit lag er auf ihr. Sie selber wachte einige Male in Schweiss gebadet auf, so dass sie sich jetzt fragt: Was ist das? Ist es Alfred oder seelische Armut oder eine Krankheit? Sind es die Hormone oder ist es Angst?

Schon im ersten Kapitel erhält man einen Eindruck von der nun dreissigjährigen Ehe von Sally und Alfred. Er der eher schwermütige, konservative, bewahrende, sie die aktive, unzufriedene, suchende, fragende Part. Jäh aus den Ferien weggerufen wegen eines Einbruchs in ihr Haus, zeigt sich die ganze Tragweite dieser Unterschiedlichkeit. Während Alfred noch mehr in Lethargie und Selbstmitleid verfällt, widmet sich Sally Aktivismus, packt an, will wieder nach vorne gehen. Alfred trauert um den Verlust der Vergangenheit, leidet an der Zerstörung seiner Sicherheit, seiner Konstanz im ewig Gleichen, was Sally immer mehr in eine Position des Zweifels stürzt. Zweifel an Alfred, an ihrer Liebe, an ihrer Ehe. Sie sucht in dieser Phase eine Aussenbeziehung zu Eric, nicht die erste. Die Ausbrüche – von denen Alfred immer stillschweigend wusste, weswegen es verwundert, dass er dieses Mal nichts mitkriegt – scheinen ihr eine Lebendigkeit in die Statigkeit ihres Lebens zu bringen, die sie braucht. Trotzdem kommt sie immer zu Alfred zurück, sucht diese Statigkeit auch, da er wohl ihr Halt in einer sonst Haltlosen Welt ist – im Aussen wie im Innen. Dies drückt sich auch in einer Erkenntnis aus, die sie überkommt:

Spätestens damals hatte sie begriffen, dass Wohnen etwas Emotionales ist und dass sie mit ihren Gefühlen weit weniger links stand als ideologisch. Von da an hatte sie gewusst, Gefühle sind konservativ, sie verändern nicht die Welt.

Und auch wenn Gefühle Dauerhaft sind, so sind sie nicht immer da, nicht immer gleich stark. Während Alfred die ganzen dreissig Jahre damit verbracht zu haben scheint, bewundernd auf Sally zu schauen, sich glücklich über jeden von ihm als schön befundenen Blick zu sein, findet Sally viele Dinge, die sie an ihrem Mann beanstandet. Sie geht mit ihren Worten nicht zimperlich um. Trotzdem weiss sie auch in lieblosen Zeiten, sie würde Alfred bald wieder lieben, so wie sie ihn am Anfang geliebt hatte und später auch immer wieder, nur jetzt nicht, da konnte sie ihm nichts vormachen.

Es ist die Dauer der Ehe das hier auszeichnende, da gerade diese Dauer in einer unsteten, immer schnelleren Welt aussergewöhnlich ist. Erst da zeigen sich die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, aber auch, was Paare zusammenhält. Es sind die kleinen Fürsorglichkeiten des Alltags, die Aufmerksamkeiten im Vorbeigehen, welche Arno Geiger sehr einfühlsam und unaufdringlich erzählt.

Fazit:

Ein bewegender, nachdenklich stimmender Roman über die Liebe, die Ehe, das Miteinander. Unbedingt lesenswert.

Arno Geiger: Alles über Sally, dtv, München 2011.

Vom strebsamen Jurastudenten zum Betrüger wider Willen: In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» taucht der italienische Autor Gianrico Carofiglio in die Niederungen der Psyche ab.

 

Ist Betrug an einem Betrüger moralisch verwerflich oder ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit? Oder ist einer, der so was tut, nicht gar ein Robin Hood? Solche Fragen beschäftigen Guido, nachdem er als Komplize des Trickspielers Francesco an einem getürkten Kartenspiel teilgenommen hat.

In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» erzählt der italienische Autor Gianrico Carofiglio von Guido, einem vorbildlichen Studenten, der seinen Eltern ein folgsamer Sohn ist und ebenso vorbildliche Freundinnen mit nach Hause bringt. Eines Abends auf einer Party wächst der sonst Unscheinbare aber über sich hinaus, indem er seinen Bekannten Francesco durch einen gezielten Kinnhaken vor einem Angriff bewahrt. «Das war in gewisser Weise nicht ich», erinnert sich Guido.

 

Vergewaltigungsserie

Eine Einsicht, zu der er in der Folge noch öfters kommen wird. Guido taucht immer mehr in Francescos Welt des Falschspiels ein – das alte Leben muss einem neuen Platz machen. Parallel zu Guidos Geschichte wird der Leser mit einer Vergewaltigungsserie konfrontiert. Junge Mädchen werden nachts nach dem immer gleichen Muster missbraucht und laufen gelassen. Lange tappt der Leser im Dunkeln, was die beiden Geschichten verbindet. Erst als Guido darüber in der Zeitung liest und sich dabei die Frage stellt: «Was tust du da?», wird allmählich klar, dass er in irgendeiner Weise darin verstrickt ist.

Spannender Thriller

Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, war in seiner Heimatstadt lange als Richter und Antimafiastaatsanwalt tätig, fungierte danach als Berater der italienischen Regierung und sitzt heute im italienischen Senat. Schon mit acht Jahren wollte er einen Roman schreiben, liess dieses Vorhaben aber abgesehen von ein paar nicht weiter verfolgten Versuchen bis ins Jahr 2000 ruhen. Die bis heute erschienenen vier Romane stiessen international auf grosses Interesse und brachten Carofiglio einige Preise ein.

Der Autor erzählt in einer klaren und schnörkellosen Sprache von Guidos Weg in den Abgrund. Er beleuchtet dabei nicht nur die Abgründe der Psyche, sondern auch die Realität in all ihren Schattierungen. Jeder ist gleichzeitig Täter und Opfer, je nach Perspektive. Damit hebt sich Carofiglios Psychothriller erfrischend ab von der aktuell vorherrschenden Killerliteratur, in der blutgetränkte Opfer und heldenhafte Fahnder die Hauptrolle spielen. Bei Carofiglio sind es vielmehr die Ambivalenz seiner Helden und das moralische Dilemma, die für nachhaltige Beklemmung sorgen. (Berner Zeitung)

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land. Roman, übersetzt von Julia Eisele, Goldmann, 284 S. (Erschienen im Bund 09.07.2009 und in der Berner Zeitung)