Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

6.11.1902, Paris

Der Panther ist wohl eines der bekanntesten Dinggedichte Rilkes. Bei Dingggedichten werden leblose oder lebendige Objekte zum Sujet des Gedichts, sie tragen die Botschaft. Rilke gilt als Schöpfer der Dinggedichte, sie sind bei ihm vor allem in den Neuen Gedichten (1907/08) zu finden.

Der Panther hat drei Strophen mit je vier Versen, die als Reimschema jeweils den Kreuzreim aufweisen. Auffällig ist auch der Binnenreim in der dritten Zeile, des Weiteren die Häufung des Umlauts ä, welche dem Gedicht einen eigenen Klang geben. Der Rhythmus mit dem stets gleich bleibenden jambischen Metrum nimmt den Inhalt auf, er wirkt träge. Indem man das Gedicht laut liest, spürt man die Bewegung des Panthers förmlich. Man sieht und hört, wie er hinter Stäben hin und her geht, wie er ganz auf sich zurückgeworfen ist, weil da ausser tausend Stäben keine Welt mehr zu sein scheint.

Indem Rilke den Panther von aussen beschreibt, in der ersten Strophe den Blick, dann den Gang, schliesslich das Auge, von wo er im Herzen landet, legt er gleichzeitig die Innensicht des Panthers offen. Wie der Blick scheint auch der Panther müde, er läuft nur in dem ewig gleichen Rhythmus hin und her. Zwar sieht man noch die Kraft, die in ihm steckte, allein sie ist betäubt – wie es auch sein Wille ist.

Und doch gibt es Momente, da wird er wach, da sieht er ein Stück Welt, die ihm ins Herz dringt, wo alles wieder endet. Danach könnte das Gedicht wieder von vorne beginnen.

Der Erfolg des Gedichts kommt wohl unter anderem daher, dass man sich selbst erkennt in diesem Panther. Auch als Mensch ist man oft müde von all den Alltäglichkeiten des Seins, von (von aussen und innen gebildeten) Gefängnissen und Einschränkungen. Man folgt ewig gleichen Pfaden über Tage Wochen, Jahre, glaubt kaum mehr, dass es irgendwann anders sein könnte – ausser vielleicht dann, wenn ein kleiner Hoffnungsschimmer ins Herz sticht, ausgelöst durch ein Bild, ein Wort, einen Gedanken.

Danach nimmt das Leben wieder seinen Lauf. Und man geht ihn mit, Schritt für Schritt in all den Schranken, die um einen sind.

Such nicht immer, was dir fehle,
Demut fülle deine Seele,
Danke erfülle dein Gemüt.
Alle Blumen, alle Blümchen,
und darunter selbst ein Rühmchen,
haben auch für dich geblüht.

Das Gedicht besteht mehrheitlich aus 4-hebigen Trochäen, dieser Rhythmus wird nur in der dritten und in der letzten Zeile durchbrochen. So entsteht ein fliessender Rhthmus, der beim Gemüt stoppt, dann weiter geht. Dadurch kommt dem Gemüt eine herausragende Bedeutung zu, auf ihm liegt die Aufmerksamkeit. Der Reim unterstützt das zusätzlich, indem auf einen Paarreim ein umschliessender Reim folgt, der die dritte und die letzte Zeile noch näher zusammenrückt, in Beziehung bringt. (aabccb).

Am Anfang steht eine Aufforderung: „Such nicht immer“. Fontane fordert den Empfänger dieses Gedichts auf, nicht immer nach dem zu suchen, was ihm fehlt. Hinter dieser Suche liegt ein Anspruch, welcher zu gross ist und nie zu Zufriedenheit führt, da immer etwas fehlt im Leben. Statt dieser Anspruchshaltung soll der Leser lieber demütig sein. Und hier kommt das Gemüt. Dank soll es erfüllen (dafür, was ist).

Das Gemüt beinhaltet alle vom Seelischen und vom Gefühl ausgehenden Kräfte und Empfindungen eines Menschen. Dass diese mit Dankbarkeit gefüllt sein sollen, ist die zentrale Aussage, die er daraufhin begründet. Er tut dies wieder in fliessendem Rhythmus, verweist auf alle Blumen und Blüten, die auch für den hier Angesprochenen geblüht haben. Hier endet das Gedicht, eng bezogen durch Takt und Reim aufs Gemüt.

Das Gedicht ist überschrieben mit „Zuspruch“. Es soll also jemandem, der klagt, Trost bringen, ihm gut zureden und ihm zeigen, dass alles nicht so schlimm ist, wie er es aktuell beklagt. Den Grund zur Klage sieht Fontane in der Suche nach Fehlern, die Lösung des Problems in einer Veränderung der Perspektive: Statt die Konzentration auf den Mangel zu legen, soll man besser schauen, was ist, sich daran freuen und dafür dankbar sein.

Wer mit ein wenig mehr Achtsamkeit durch die Welt geht, sieht die Blumen am Wegesrand. Und selbst wenn der Weg ab und an holprig und mit Hindernissen bestückt ist, so blühen sie trotzdem und erfreuen den, welcher sie sieht.

Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,
die nicht ist auf seiner dunkeln Stelle,
wie ein dunkler Sprung durch eine helle
Tasse geht. Und wie auf einem Blatt

ist auf ihm der Widerschein der Dinge
aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.
Nur sein Fühlen rührt sich, so als finge
es die Welt in kleinen Wellen ein:

eine Stille, einen Widerstand -,
und dann scheint er wartend wen zu wählen:
hingegeben hebt er seine Hand,
festlich fast, wie um sich zu vermählen.

Das Gedicht entstand 1907 in Paris. Es steht in einer Reihe von Gedichten, die sich mit den menschlichen Sinnen, dem menschlichen Sehen oder auch unmenschlichem Wegsehen befassen. Das Sehen selber wird Gegenstand, der Gegenstand, auf den der Blick fallen könnte, rückt in die zweite Reihe.

Das Gedicht fängt mit einem Apell an: Sieh! Der Leser soll hinsehen, wo es nichts zu sehen gibt, weil alles im Dunkel liegt. Er soll das tun, was dem Blinden verwehrt ist, der mit seiner Blindheit alles in die Dunkelheit führt. Damit entstehen Fronten: Einer soll hinsehen, einer sieht nichts. Hellsicht und Blindheit stehen nebeneinander.

Rilke fordert den Sehenden auf, das zu sehen, was er wohl im Alltag selber nicht sieht. Er zeigt ihm, wie der Blinde durch die Welt geht und wie er sie wahrnimmt. Weil alles um ihn Dunkelheit ist, muss er die Stadt auf eine andere Weise erleben. Er muss sie fühlen, muss die anderen Sinne aktivieren. So wirken denn Wellen auf ihn, sie kommen als Stille und auch als Widerstand daher. Er nimmt seine Hand und tastet. Damit verbindet er sich mit der Stadt, geht mit ihr eine innige Beziehung ein.

So gesehen ist der Blinde tiefer in der Stadt als es ein Sehender meist ist. Während dieser quasi blind durchs Leben eilt, verweilt der Blinde und fühlt. Er wird eins mit der Stadt, vermählt sich mit ihr. Oft denken wir, der Blinde könne etwas, das wir können, nicht. Wir nennen ihn in seiner Wahrnehmung behindert durch diese Einschränkung. In Tat und Wahrheit nimmt er viel mehr wahr, als wir es tun, die wir sehen können. Geblendet von all den oberflächlichen Eindrücken gehen wir nicht mehr in die Tiefe. Wir vermählen uns nicht mit den Dingen, wir fühlen sie nicht, sondern sehen sie aus der Distanz von uns getrennt.

Erst, wenn wir lernen, mit allen Sinnen an einem Ort zu sein, werden wir ihn auch wirklich wahrnehmen und erleben. Dann leben wir an diesem Ort, dann sind wir ganz da. Dahin zielt der Appell am Anfang: Sieh! Und zwar wirklich – auch das, was für die Augen nicht sichtbar ist, im Dunkel liegt.

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.

Hermann Hesse schrieb dieses Gedicht im April 1918. Im Herbst 1917 hatte er in nur drei Wochen den Roman Demian geschrieben, die Zeit davor war hart gewesen durch den Tod seines Vaters, eine schwere Erkrankung seines Sohnes und die bröckelnde Ehe mit Maria Bernoulli. Zudem war der einstige Kriegsenthusiast zum Kriegsgegner geworden und überlegte gar, mit allem zu brechen, was sein aktuelles Leben ausmachte, und in die Schweiz zu ziehen. Vor diesem Hintergrund entstand das Gedicht, das so wie eine Erkenntnis aus der Not gelesen werden kann, aber auch für sich stehend eine Wahrheit und Lebensweisheit verkündet.

Der Mensch ist auf der ständigen Suche nach dem Glück. Was er denn zum Glücke brauche, darüber erhofft er Auskunft von aussen, unter anderem aus Büchern. Doch er kann noch so viel lesen, das Glück ist nicht in den Büchern zu finden. Es gibt keine Anleitung, was man tun muss, um glücklich zu sein. Die Bücher werfen einen insgeheim nur immer wieder auf einen selber zurück.

Alles, was man zum zum glücklich Sein braucht, ist schon da, es liegt in einem. Auf sich selber zurückgeworfen, wenn man hinsieht, wird man das erkennen. Wir tragen das ganze Universum in uns, Sonne, Sterne und den Mond. Wir tragen damit das Licht in uns, wenn wir es erkannt haben und leuchten lassen, das man in östlichen Philosophien Erleuchtung nennt. Man kann – mit dem Wissen in sich, mit dem Universum in sich – das erhellen, was man verdeckt und verborgen glaubte, man muss nur den Zugang finden.

Und so schliesst denn Hesse damit, dass die Weisheit und das Glück, die man lange in den Büchern suchte, aber nicht fand, plötzlich aus jedem Blatt, von jeder Seite leuchte, weil sie, hat man mal das innere Licht entdeckt, schon immer da waren und nun beleuchtet werden – von innen heraus.

Leben heißt – dunkler Gewalten
Spuk bekämpfen in sich.
Dichten – Gerichtstag halten
Über sein eignes Ich.

Ibsen schrieb dieses Gedicht 1871, diese Übersetzung stammt von Christian Morgenstern. Henrik Ibsen, Dramatiker und Lyriker, schreibt in seinen Werken immer gegen die Moral der Zeit an. Mit klarem Blick sieht er auf die Lebenslügen seiner Zeitgenossen, zeigt auch, dass diese ihre Lügen gar nicht durchschauen wollen, sondern es sich gemütlich in ihnen einrichten. Man denke nur an Die Wildente, wo Gregers Werle durch das Aufdecken der Lebenslügen seines alten Freundes nicht nur dessen Leben, sondern auch das von dessen Frau zerstört. Die Menschen, so die Moral der Geschichte, sind der Wahrheit nicht gewachsen, darum verschliessen sie lieber den Blick vor ihr.

Das vorliegende Gedicht ist kurz – und trotzdem steckt eine grosse Botschaft drin. Ibsen will uns erklären, worin „Leben“ überhaupt besteht, was es heisst, wirklich zu leben – in seinem Sinne eines lebenswerten Lebens. Vier Verse nur, alle dreihebig und im Kreuzreim. Durch die beiden Enjambements verlängern sich die Verse und werden quasi zu zweien. Was also heisst Leben?

Man soll in sich den Spuk der dunklen Gewalten bekämpfen. Ruhmessuch, Machtwillen, Begehren, Hass – all das sind die dunklen Gewalten, die in uns herrschen, die uns und unsere Mitmenschen ins Unglück stürzen. Ibsen sieht in der Dichtung die Lösung, da man beim Dichten Gerichtstag hält über sein Ich. Man schaut hin und urteilt. Und – wenn das Urteil negativ ausfällt, bietet es sich an, etwas zu ändern. Dann hat man die dunklen Gewalten entlarvt und soll sie bekämpfen.

Ibsen sagt selber:

„Alles, was ich gedichtet habe, hängt aufs engste zusammen mit dem, was ich durchlebt habe.“

Damit offenbart er sich als den Richter über sein Leben, der beim Schreiben immer auch mit sich selber ins Gericht geht, nicht nur mit der Gesellschaft um sich. Indem man Gerichtstag hält, nimmt man die Verantwortung für das eigene Leben wahr. Man schaut hin, erkennt die Abgründe und überwindet sie. Man befreit die Seele vom Spuk der dunklen Gewalten. Der Leser von seinen Gedichten und Dramen kann das Wahrgenommene durch ihn erkennen. So kann die Dichtung auch denen helfen, Herr über den Spuk der dunklen Gewalten zu werden, die nicht selber dichten, sich aber damit auseinandersetzen und dann in sich gehen.

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen!

Eduard Mörike schrieb dieses Gedicht 1829, es ist Teil des Werks Maler Nolten. Novelle in zwei Theilen (ein romantischer Künstlerroman). Mit diesem Gedicht ist Mörike eines der bekanntesten Frühlingsgedichte überhaupt gelungen, das seither in zahlreichen Anthologien erschienen ist.

Es ist ein kurzes Gedicht, umfasst nur neun Verszeilen, alle in einer Strophe. Sein Reimschema ist eher komplex (abbacdcxd), spiegelt aber den Inhalt in seiner Form auf. Die ersten vier Zeilen sind ein umarmender Reim, das Band und das Land nehmen die Lüfte und die Düfte in ihre Mitte. Danach wird es unruhiger. Ein Kreuzreim wird durch eine Waise unterbrochen. Während die ersten vier Zeilen eher Beobachtungen waren, wird es nun aktiv: Veilchen träumen, sie wollen sogar kommen. Dann ein Appell: Horch! Und nun wird der Frühling, um den es hier geht, direkt angesprochen. Er ist mit keinem anderen Vers durch einen Reim verbunden – er ist die Waise. Damit sticht er heraus aus all seinen Boten und steht dem lyrischen Ich personifiziert gegenüber.

Mörike erfasst den Frühling mit allen Sinnen. Er sieht die Farben, fühlt die Lüfte, die das Band flattern lassen. Er riecht süsse Düfte, hört die Harfen. Es fällt auf, dass der Frühling am Anfang personifiziert wird. Es ist ein erwarteter Freund, der endlich vor der Tür steht. Auch die Veilchen sind personifiziert, sie träumen von den Dingen, von denen wohl auch das lyrische Ich träumt. Dieses tritt erst in der letzten Zeile selber in Aktion, indem sich als den ausgibt, der all das, was die Frühlingsboten von sich gaben, vernommen hat.

Man fühlt den Frühling förmlich beim Lesen dieses Gedichts. Man sieht, wie das Blau des Bandes Farbe in die Welt bringt, die im Winter grau war. Während der Winter eher starr und kalt war, erwacht nun neues Leben. Es wird geträumt, Süsse liegt in der Luft, Blumen machen bald wieder die Welt bunt, bringen neues Leben. Und all das wird von einem leisen Harfenton begleitet.

Für einmal sind es nicht Vögel, die zwitschern, es ist eine Harfe, die klingt. In der Psychologie deutet man die Harfe als Instrument des Traumes, sie schafft Harmonie im Leben. Das würde zu den träumenden Veilchen passen. Spirituell führt die Harfe als Leiter in die kommende Welt. Das passt zum kommenden Frühling. Und so ruft denn auch das lyrische Ich nach dem Hören der Harfe aus:

Frühling, ja du bist’s!

Nun ist das Ich sicher, dass es alles richtig gedeutet hat.

Er ist’s ist ein hoffnungsvolles, optimistisches Gedicht. Es wiederspiegelt den Glauben an das Gute, das kommt. Der Frühling steht für Neuanfang, für neues Leben. Im Frühling erwachen die Dinge, die vorher schliefen. Frühling steht für den Auftrieb in der Welt. Das lyrische Ich freut sich auf den Frühling, es kann ihn kaum erwarten und man spürt wie Erleichterung, wenn es am Ende ausruft

Frühling, ja du bist’s!

Das Warten hat ein Ende, Freude herrscht..

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel „Lied aus dem Spanischen“, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht auch nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt: Kurz zuvor war seine Frau gestorben, der kleine Sohn wurde kaum einen Tag alt. Das deutet darauf hin, dass er mit dem Nachsatz von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Kaum einer litt nicht an der Liebe, und doch: Wir sehnen uns immer wieder danach. Wir nehmen das Leiden in Kauf, nehmen sehr viel in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Das lyrische Ich (Lessing?) spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Ob die Liebe gegenseitig war, ist kein Thema im Gedicht. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen.

Das Gedicht spiegelt die Innensicht eines einst Liebenden wieder, der diese Liebe verloren hat, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Das Fühlen hat aufgehört, es ist nur noch Erinnerung, nun denkt er daran zurück. Das Ich ist das Bleibende, alles andere verändert sich. Während die Welt im Wandel ist, erlebt das Ich diese Welt, bleibt aber bestehen als (wenn auch sich veränderndes, aber trotzdem im Kern bleibendes) Ich. Es setzt dem Ausgeliefertsein an den Wandel ein „dennoch“ entgegen, das auf dem Verstand gründet. Hier drückt klar die Aufklärung der Zeit des Verfassers durch.

Selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl – das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte. Damit sagt der hier Sprechende, dass das Fühlen der Liebe das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Weil:

Ohne Liebe ist alles nichts.