Theodor Storm (1817 – 1888)

Im Volkston

1
Als ich dich kaum gesehn,
Musst es mein Herz gestehn,
Ich könnt’ dir nimmermehr
Vorübergehn.

Fällt nun der Sternenschein
Nachts in mein Kämmerlein,
Lieg’ ich und schlafe nicht
Und denke dein.

Ist doch die Seele mein
So ganz geworden dein,
Zittert in deiner Hand,
Tu’ ihr kein Leid!

2
Einen Brief soll ich schreiben
Meinem Schatz in der Fern’;
Sie hat mich gebeten,
Sie hätt’s gar zu gern.

Da lauf’ ich zum Krämer,
Kauf Tint’ und Papier
Und schneid’ mir ein’ Feder,
Und sitz’ nun dahier.

Als wir noch mitsammen
Uns lustig gemacht,
Da haben wir nimmer
An’s Schreiben gedacht.

Was hilft mir nun Feder
Und Tint’ und Papier!
Und weißt, die Gedanken
Sind allzeit bei dir.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder sich sehnt

Erich Fried (1921 – 1988)

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst

Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Nähe des Geliebten
(1827)

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wanderer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne:
O wärst du da!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder Sehnsucht hat

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Klärchens Lied
(1788)

Freudvoll
Und leidvoll,
gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.

(aus Egmont, 3. Aufzug, 2. Szene)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Frühling*

Es fahren leise junge Wolken durchs Blaue,
Kinder singen und Blumen lachen im Gras;
Meine müden Augen, wohin ich schaue,
Wollen vergessen, was ich in Büchern las.

Wahrlich alles Schwere, das ich gelesen,
Stäubt hinweg und war nur ein Winterwahn,
Meine Augen schauen erfrischt und genesen
Eine neue, erquellende Schöpfung an.

Aber was mir im eigenen Herz geschrieben
Von der Vergänglichkeit aller Schöne steht,
Ist von Frühling zu Frühling stehen geblieben,
Wird von keinem Winde mehr weggeweht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht für den Frühling und wenn etwas zu Ende ging, man darüber traurig ist

Frühling steht für Neuanfang, steht dafür, dass es wieder heller wird, leichter auch. Wo Licht ist, hebt sich auch das Herz. Neuer Mut kommt auf, das Schöne belebt das Gemüt und man möchte das Schwere des Winters vergessen, hinter sich lassen.

Tief drin weiss man, dass das Schöne vergehen wird, aber man weiss ebenso, dass der nächste Frühling kommt, dass auf jedes Dunkel Licht folgt. Mit diesem Wissen lässt es sich den Augenblick geniessen, als würde der Frühling beim Abschied sagen: „Heute ist nicht aller Tage, ich komm‘ wieder, keine Frage.“

*zit. nach Hermann Hesse: Sämtliche Gedichte, Suhrkamp Verlag 2013.

Ich kann die Sprache der Sterne,
Die Sprache der Rosen verstehn,
Ich habe mein Täubchen so gerne,
Ich weiss nicht, wie mir geschehn?
Was mir aus jedem Wölkchen lacht,
Zu schön, als dass ichs beschriebe –
Was mich so froh, so selig macht,
Sie sagen: es wäre die Liebe!

Ein einfaches kleines Gedicht, das die Dinge aus dem inneren Gefühl, das es beschreibt, heraus verklärt. Die Sterne sprechen, die Rose ebenfalls und man versteht sie.

Die Taube ist bekannt als Symbol für den heiligen Geist, steht aber auch für Liebe, Treue, Unschuld – hier ist damit wohl die Geliebte gemeint. Er liebt sie so sehr, dass er nicht mehr weiss, wo ihm der Kopf steht, wie ihm geschieht – er ist quasi von Sinnen.

Wolken, die sonst eher Unheil und Dunkles bedeuten, werden zu Wölkchen und es lacht aus ihnen – so schön gar, dass er keine Worte findet dafür. Er ist es denn auch nicht selber, der weiss, was das alles zu bedeuten hat, die anderen müssen es ihm sagen.

Sie sagen: es wäre die Liebe!

Allerdings kann er das wohl nicht ganz glauben, denn er benutzt den Konjunktiv II. Wäre er überzeugt, stünde „es ist“; „es sei“ wäre aufgrund indirekter Rede noch möglich, aber Konjunktiv II bringt ein Element des Unglaubens, des nicht Fassbaren mit sich. Es scheint also, der hier Sprechende versteht die Sprache von allem um sich, alles ist schön und wunderbar, nur ihm selber hat es die Sprache verschlagen. So konnte das Gedicht natürlich nicht länger werden.

Auch wenn es vielleicht nicht das tiefgründigste Gedicht ist, so erinnert es doch an schöne Gefühle. Wer kennt es nicht: Frisch verliebt erscheint die Welt heller, man ist den Dingen und Menschen zugetan, liebt alles und jeden und fühlt sich ebenso geliebt. Man lacht in die Welt und sie lacht zurück, was noch zuträgt zum Glück.

Wieso nicht einfach so mal in die Welt lachen, die Dinge annehmen, wie sie sind, sich an ihnen freuen? Man stelle sich bloss den Bus zur Arbeit am Morgen vor, wenn alle fröhlich lächelnd ins Gespräch vertieft wären? Käme da nicht ein gutes Gefühl auf? Und ja, vielleicht würde man sich neu verlieben: ins Leben.