Heute las ich irgendwo einen Artikel einer Frau, die sich selbstbewusst gab und fand, Frau (Mann wohl auch, irgendwie war das kein Thema) könne alles tragen, egal wie alt sie ist und welche Konfektionsgrösse sie trage.

Natürlich darf sich jeder kleiden, wie er will. Sogar bis zur absoluten Blamage. Wenn er sich wohl fühlt? Oft hat das „Ich trage, was ich will“ einfach was extrem Trotziges und Trotz ist irgendwie ein wenig Pubertär.

Nicht jedes Kleidungsstück schmeichelt jedem. Manches möchte man schlicht nicht sehen, manches liefert den Tragenden nur dem Spott der anderen aus. Wenn jemand etwas unbedingt tragen will: Fein, soll er machen. Wenn er aber insgeheim leidet, sollte er auf gute Freunde vertrauen können, die ihm sagen, was passend (zu ihm, nicht zu irgendwelchen Werten), was eher blossstellend ist. Das hat wenig mit „hirnrissigen Regeln“ zu tun, sondern mehr mit gesundem Menschenverstand. Wenn ich als 154 cm grosse eher runde Frau einen weiten Wallemantel trage, wirke ich schlicht wie eine Kugel. Wenn ich mich als 190 cm grosse dünne Frau auf 15 cm High Heels stelle, dazu alles kurz und knapp bemesse, wirke ich wie eine Bohnenstange, die drauf wartet, dass die Bohnen gepflanzt werden.

Ich weiss auch nicht, ob ich Orangenhaut am Po einer wie auch immer gealterten Frau sehen möchte, die ihren Rock noch über dem Slip enden lässt. Ebenso finde ich den Bierwanst des Mannes nicht wirklich attraktiv, wenn er ihn unterm zu kurzen und taillierten Lacost-Leibchen rausblitzen lässt. Nur: Interessanterweise war der Herr gar kein Thema in dem Artikel. Man schrieb nur für (eigentlich mehr und gegen) die Frau. Und die soll können. Und dürfen. So alles. Weil sie es kann. Und darf. Sie ist ja frei. Und jeder, der einschränkt, ist hirnrissig. Wie ist das denn mit den weissen Socken in Sandalen der Herren? Den Bierbäuchen, die raushängen? Wie ist es mit Unterhemden oder gar nackten Oberkörpern bei Nicht-Adonissen? Dann müssten die alle auch können. Können sie?

Keiner kann alles tragen. An Flachbusigen-Unrundigen sehen dekoltierte und enganliegende Kleider schlicht schrecklich aus. Ebenso ist bauchfrau bei Grösse 54 nicht wirklich schön (bei der Bohnenstange übrigens nicht schöner). Und dazwischen gibt es ganz viel. Schlussendlich entscheidet jeder für sich. Aber: Er muss wissen, was er aussagen will, was er ertragen kann und vor allem: Wieso er es macht. Nur aus Trotz? Das fände ich schlicht (Spät-)Pubertär. Weil es ihm gefällt? Was genau dran?

Hier der Artikel, der mich anregte: LINK

Gerade sah ich ein Werbevideo. Ein Coach (mir gewogene Leser kennen meine Gefühle gegenüber dieser Gattung) warb für sich und seine Idee. Natürlich tat er das nicht plump, er sagte nicht:

Kommt alle her, ich bin der Beste und durch mich werdet ihr auch die Besten!

Er erzählte eine Geschichte. So ganz harmlos. Erzählte, dass er Läufer sei, erzählte, dass es dabei gewisse Dinge brauche. Hatte nette Bildchen auf Karten, die er zu Stichworten aufs Pult warf. Es war nett, harmlos. Die Stimme plätscherte beruhigend dahin. Man sass so da, sah zu und nickte ein wenig.

Ich war aber grad eher nicht nickend gepolt. Ich sah plötzlich dies und das und machte mir diese und jene Gedanken. Das kommt ab und an über mich. So sage ich nun auch nicht, dass ihr nun ganz gut aufpassen sollt und ich am Schluss recht habe, ich erzähle einfach eine Geschichte:

Ich sah ein Video eines Coaches. Alles, was er sagte, klang nett und gut. Dann fiel mein Blick auf seine Hände. Von da war der Weg nicht weit zu seinen Hemdsärmeln. Die ragten aus den Sakkoärmeln hervor. Ich habe mal gelesen, so getragen und zur Schau gestellt signalisiere das Publikumsnähe. Als Redner sage man:

Ich bin einer von euch.

Vor den Hemdsärmeln prangte eine sehr – wirklich sehr – grosse Uhr. Das Sakko war nicht schwarz, sondern in einem glänzenden Anthrazit gehalten. Das Hemd nicht reinweiss, sondern mir Punkten. Die Botschaft:

Ich kann mir was leisten, ich kauf nicht von der Stange und ich weiss, was gerade modern ist.

Im Hintergrund stand ein Flipboard mit einer Zeichnung. Das Flipboard war nie in Gebrauch, es stand quasi nur so rum. Die Zeichnung drauf in einfachen, energischen Strichen gehalten und durchaus passend – das aber nicht zu offensichtlich.

Und so sass ich da und fand es irgendwie schade. Um sich gegen immer mehr Werbeangebote schützen zu können, muss man drauf trainiert werden, Signale zu deuten, damit man ihnen nicht wehrlos erliegt. Alles wird zur Botschaft, alles kann eingesetzt sein. Was ist echt? Rutscht das Sakko einfach mal nach hinten? Mag man einfach Punkte? Ist alles eingesetzt oder blosser Zufall?

Klar, das könnte man nun die Evolution des modernen Menschen bezeichnen. Erkenne die Gefahren und wappne dich dagegen. Und doch beklage ich, dass die immer grösser werdende Deutungswut in Bezug auf alle nur erdenklichen Ebenen menschlichen Daseins dazu beiträgt, dass keiner mehr einfach so sein und tun kann. Jeder fragt sich:

Was heisst das denn nun? Was sagt es über mich aus?

Und auch:

Was meint der denn nun?

Aber natürlich war das immer schon so. Das ist übrigens das beliebteste Argument derer, die eigentlich nichts zu sagen haben, aber doch was sagen wollen. Man kann das deuten.

Wie immer bei Facebook – das Leben ist aktuell, Meinungen werden geteilt.

Meine Timeline grad so:
A: Bitte seid für erneuerbare Energien, bitte stimmt für Energie 2050, damit unsere Tiere und wir weiter leben können

In Opposition:

B: Bitte stimmt dagegen, sonst sterben Vögel und andere in den und durch die Windräder(n)…

Der einfachste Weg wäre, zu sagen: Tot sind sie eh… Aber: Schön wäre, Argumente zu kriegen, die ehrlich sind und nicht nur der eigenen Sache dienen. Aber das ist wohl zuviel verlangt. Drum funktioniert heute eine Demokratie nicht mehr. Die gefärbten Infos überfluten, wirklich ehrliche Argumentation muss man sich mühsam suchen. Wer tut das schon? Man kriegt den Rest ja frei Haus. Das ist nicht neu. So läuft es. Das wissen die, welche plakativ streuen. Darin liegt die Gefahr. Nicht nur bei der Energie. Da wohl fast am wenigsten. Obwohl es um Lebensgrundlagen geht…

Ein Besuch bei IKEA ist meist zielgerichtet: Man braucht was. Man fährt also guten Mutes los, will das traute Heim bestücken mit dem, was grad fehlt. Mit im Gepäck der feste Vorsatz:

Ich kaufe nur das, weswegen ich herkam!!

So läuft man schon von Anfang an ziemlich gestresst durch all die Gänge, schliesslich weiss man, was man will, muss nur die restlichen Bereiche durchschreiten, denn: Bei IKEA kann man nicht einfach dahin, wo man hinwill, NEIN(!!!), man muss durch alles hindurch. Und da sieht man viel. Darauf legt es IKEA an und man weiss das. Und man wappnet sich dagegen mit Kampfsprüchen wie:

Ich kaufe nur das, weswegen ich herkam!!

Und so läuft man durch die Gänge, legt in den Korb, packt wieder aus, wird wieder schwach, legt zurück. Und ab und an findet man, weswegen man kam, ab und an auch nicht, nur: Was man immer heimbringt?

KERZEN

Weil: Kerzen kann man immer brauchen. Kerzen gehen immer. Kerzen sind so das, was man nie irgendwo günstiger und besser fände. Drum packt man ein, was grad so passt und ausgehen könnte. Und selbst wenn man noch ein paar hätte, denkt man, sie könnten ausgehen und man weiss nicht, wann man wiederkommt. Schliesslich ist IKEA gefährlich und man will sich dieser Gefahr nicht zu häufig ausetzen. Und man packt ein. Kleine Kerzen, grosse Kerzen, bei all den Kerzen auch noch Behälter, sie reinzustellen.

Und irgendwann geht der Stauraum aus für all die ach so günstigen Kerzen, die man nie schnell genug abbrennen konnte, man müsste umziehen oder anbauen. Doch dann fehlt was. Und man denkt:

Ich geh mal schnell zu IKEA

Und wenn man mal da ist, sieht man sie und findet

Kerzen gehen immer

Es ist ein Kreuz!

Sandra war einkaufen, kehrte zurück – zum wiederholten Mal – und hatte eines vergessen: Abfallsäcke. Die noch vorhandenen waren nicht nur an einer Hand, sogar an einem Finger abzählbar, es wurde eng. So zog Sandra nochmals los. Abfallsäcke kaufen. Eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss.

Als Ort des Geschehens wählte sie ein Einkaufszentrum, das noch so dies und das hat. Wenn man schon ein zweites Mal loszieht, kann man ja auch ein wenig durchs Angebot streifen. Nur so zum Schauen.

Die erste Station war die Papeterie. Noch nie hatte Sandra einen so schönen, rosaroten Minenbleistift gesehen. Den musste sie haben. Und da man eh nie genug Bleistifte haben kann, gleich noch ein Vorteilspack althergebrachter eingepackt. Da man die spitzen muss, müssen auch noch zwei Spitzer mit – man kann nie genug davon haben, auch für unterwegs oder sonst wo. Dass es auch eine grosse Auswahl an Notizbüchern gibt, ist wunderbar, denn auch von denen kann man nie genug haben, zumal eines so schnell voll ist.

Sandra wollte schon weiter, da sah sie sie: Die kleine Eule, ein Plüschmagnet. Sie hatte einen Namen, den hatte sie vergessen. Was sie nicht vergessen hat, war, die kleine Eule in den Einkaufskorb zu legen. Als Eulensammlerin (schon ihre Oma sammelte Eulen, Eulen sind toll) konnte sie sie nicht einfach in diesem grausam grellen Einkaufszentrum darben lassen. Weil sie so klein war, fragte sie bei Mitarbeitenden, ob es aus der gleichen Reihe noch grössere gäbe. Die meinten, dass dem nicht so sei, es aber vielleicht bei den Plüschtieren (ganz oben, in der obersten Etage) mehr Eulen gäbe.

Sandra stieg in die Kinderabteilung hoch, hatte das eine oder andere in der Hand – Beissringe, Einschlafmusikdosen, Rasseln. Aber: Sie war stark, sie nahm nichts davon mit, auch wenn alles süss war. Stattdessen stieg sie wieder hinunter. Und noch weiter hinunter als vorher. Quasi in den Untergrund, wo die wahren Dekoverführungen lauerten.

Schon lange wollte sie das Bad umgestalten. So in ihrem Sinne. Als sie dann die wunderbar rosanen Badetücher sah, war es um sie geschehen. Da es draussen so trüb war, musste auch gleich ein passend-fröhlicher Badevorhang her.

Das war’s. Ok – sie gestand es ein, sie hatte noch so ein Häng-Teil in rosa, Würfelform, auf dem stand „Tussi on the road“, das man ins Auto hängen kann, eingesteckt. Sie fand es so… abartig… sie musste es haben. Um es reinzuhängen. Denn: Mit dem am Spiegel konnte man sich alles erlauben. Wenn jemand motzte? Einfach mit unschuldigem Lächeln winken und auf die Würfel zeigen… ☺

Sie ging also zur Kasse, bezahlte (huff) und rannte schnell raus, wartete mit wippenden Zehen und tippenden Fingern auf den Bus (soll bloss kommen, bevor noch eine Verführung lockt) und fuhr heim. Da merkte Sandra: Sie hatte die Abfallsäcke vergessen……

Ich stand heute um 7 auf, putzte, kochte, wusch, putzte wieder, goss im Garten, führte den Hund aus, räumte das Katzenklo, kochte wieder, redete aufs Kind ein, putzte wieder. Dann las ich auf Twitter dieses:

Wie schändlich, dass alle frei haben und keiner weiss, wieso, wo die biblischen Ursprünge sind.

Die Bibel ist eines der grössten literarischen Werke (für mich nicht mehr, aber das bestimmt). Nur: Wie muss ich als Frau das verstehen, wenn man meint, ich hätte heute frei? Die Schreibende ist sonst sehr emanzipiert unterwegs. So selbst-deklarativ. Auf meine Anmerkung, dass es der Rolle der Frau durchaus dienlich wäre, man würde die Arbeit zu Hause auch mal als solche anerkennen, kam: Jaja, so war das ja nicht gemeint.

Genau da schwächelt das Ganze aber ja: Wer kümmert sich immer noch mehrheitlich um Kinder? Um kranke Eltern? Um bedürftige Angehörige? Wer steckt zurück – mehrheitlich? Es sind Frauen. Einige machen es gern und freiwillig, andere haben keine andere Wahl. So oder so wäre vor allem der Frau, aber auch der Gesellschaft gedient, wenn Arbeit endlich als solche anerkannt würde. Wenn die Arbeit zu Hause nicht als Nebenher gesehen würde und die sie Ausübenden nicht als minderwertig gegenüber ihren so genannt arbeitstätigen Geschlechtsgenossinnen.

Wer mich kennt, weiss: Ich bin alles andere als Gender-Fan. Ich mag keine Quoten, mag keine Frauen-an-die-Macht-Posts. Ich möchte nur, dass Arbeit anerkannt wird. Egal, was sie privatwirtschaftlich einbringt. Wenn sich aber selbst Frauen gegenseitig gering schätzen, wie wollen sie dann Männer angehen, die das tun?

Ernährung ist die neue Religion. Die einen schiessen gegen die anderen. Diese sind die Ignoranten. Veganer argumentieren mit armen Tieren, Augenrollen und ethischen Motiven, Fleischfresser mit Biologie, Ironie und Tradition. Meine Meinung?

Jeder, der sich vegetarisch oder vegan ernähren will, soll das tun. Ich würde ihn nie verurteilen (wie könnte ich, ich lebte selber insgesamt 16 Jahre vegetarisch, teilweise wohl fast vegan, ohne den Ausdruck damals zu kennen) – so lange er nicht andere damit missionieren will. Er darf seine Welt zeigen, andere teilhaben lassen, aber: Entscheiden soll jeder selber können. Wer nun einwenden will, Kühe können auch nicht entscheiden, ob sie gemolken oder geschlachtet werden wollen, dem sei gesagt: Tomaten können das auch nicht. Wo setzen wir die Grenze? Man weiss (!) heute, dass auch Pflanzen Gefühle haben. Nur können sich das die meisten weniger vorstellen als bei Tieren. Kühe schauen einen aus tiefbraunen Augen an und man hat den Jö-Effekt – der fehlt bei der Tomate. Vielleicht blüht die auch lieber unter freiem Himmel als im Treibhaus? Vielleicht möchte sie auch nicht in Tonnen Gleicher quer über den Erdball geflogen werden?

Damit will ich nicht den Tierschutz lächerlich machen, im Gegenteil. Ich wünsche mir einen bewussten Umgang mit allem. Kein Verdammen. Ich wünsche mir einen Weg zurück zur Natur. Für alle. Klar können wir Menschen denken. Und abstrahieren. Bei den anderen wissen wir es nicht. Vor kurzem dachten wir, Gemüse fühlt nicht. Davor dachte man, Tiere fühlen nicht. Beides ist widerlegt. Wir wissen nicht, was kommt. Drum wäre es für mich an der Zeit, der Natur entsprechend zu handeln. Da sind wir Menschen Allesfresser. Aber: Wir müssen dazu keine anderen Lebewesen ausnutzen. Wir könnten ihnen ein gutes Leben angedeihen lassen. Weil wir es können.

Der Löwe kann die Antilope nicht aufziehen. Er jagt sie, erlegt sie, frisst sie. Das nennen wir natürlichen Gang. Die meisten Kühe würden kaum leben, würden sie nicht gehalten. Aber: In diesem Leben sollen sie gut leben. Sie sollen sich am Leben freuen können.

Und ja, irgendwann sterben sie. Wie die Antilope. Wie der Grashalm. Wie wir selber. Das ist für mich der Kreislauf des Lebens. Und daran glaube ich. Danach versuche ich, zu leben. Ich esse keine Erdbeeren im Winter, ich importiere keine Avocados. Ich esse keine chemisch produzierten Fleischersatzteile. Ich esse wenig Fleisch, aber wenn, dann aus einer als tiergerecht deklarierten Haltung.

Absolute und missionierende Haltungen waren nie förderlich. Keinem. Es gilt ein machbares, für möglichst viele lebbares Miteinander zu finden.

Wie schön war FB, als die Leute noch schrieben, was sie dachten. Heute machen sie Livevideos. Früher hiess es also:

„Hallo liebe Leute, ich habe die ultimative Geschäftsidee für euch. Klickt auf den Link und schon seid ihr dabei.“

Heute hört sich das dann so an:

„Hallooooo, ihr Lieben – hallo Ulli, hallo Bianca – ach, der Björn ist auch da, schön, dich zu sehen…. Also hallooooo zusammen. Ich habe ja heute gerade auf FB – hallo Erika – eine Unterhaltung gesehen,“

*naseputzt,

„da ging es um die liebe Arbeit“

*Augenbrauehochziehundernstguck

„Ein schwiiiiiieriges Thema. Und: So wichtig. Nuuuun. Ich habe da – hallo Klaus, hast du es auch noch geschafft? Toll – Ich mag ja diese Livevideos, man ist so nah dran und es ist eine direkte Weise, Menschen zu erreichen. Also. Arbeit. Wir alle haben sie“

*naserümpf

„und lieben sie wohl eher selten. Aber – hier kommt die gute Nachricht“

*indiekamerastrahl

„Ich kann euch helfen. – Hallo Laura. Das Wetter hier ist übrigens toll, seht ihr das?“

*schwenkteinmalumdieeigeneachse

Zu dem Zeitpunkt bin ich eingeschlafen, sorry, ich kann euch nicht sagen, wie es mit dem tollen Video weiterging.

Bob Dylan erhielt den Nobelpreis für Literatur. Das könnte eine einfache Nachricht sein, doch es war mehr. Nicht nur regte sich der Literaturzirkus auf, dass ein Musiker reüssierte, er holte den Preis nicht ab. Und man wurde nicht müde, zu schimpfen. Gegen die Wahl, gegen sein Verhalten. (Hier der Artikel, dass er ihn doch abholt: LINK)

Wenn man das Auswahlverfahren für den Nobelpreis mal aussen vor lässt (es wäre bei Murakamis neustem Buch schön nachzulesen), bleibt die Frage: Was ist Literatur? Im Schimpfen gegen diese Wahl wurden viele Literaten genannt, die den Preis so lange verdient, aber nie bekommen haben. Wenn es denn schon ein Musiker sein sollte, man zeigte sich quasi kompromissbereit, wieso er? Wären nicht auch andere wählenswert gewesen?

Zur ersten Frage: Was anderes soll Literatur sein, als ein künstlerischer Text? Ob der gesungen, laut oder leise gelesen wird, kann wohl kaum das Kriterium sein – zumal: Brecht hat viele seiner Texte zu Musik geschrieben, Hölderlin und Zeitgenossen wurden oft vertont. hier nun zu motzen, das sei quasi der Preis vor die Säue geworfen, ist etwas gar neidbesessen.

Nun wird also Bob Dylan auserkoren. In einem alles andere als neutralen Verfahren (ich verweise erneut auf besagtes Buch, schlicht, weil ich alles andere suchen müsste, das hier grad greifbar habe und das Beschriebene für richtig empfand). Muss er nun springen? Und jubilieren? Alles fallen lassen? Wieso sind solche Auszeichnungen so wichtig? Vor allem für die, welche es eh schon geschafft haben? Sehnen sich nicht viel mehr die danach, die eben nicht dort sind? Und erachten dann das Verhalten desjenigen, der es für sich geschafft hat, als Affront, weil sie nie da sein würden?

In der ganzen Debatte um diesen Nobelpreis fällt mir nur immer ein Wort ein: Neidkultur. Es gibt KEIN Kriterium gegen die Wahl. Literarischer Text ist Literatur. Wenn er gut ist, sogar grosse. Ob da dann noch Noten unterlegt werden oder nicht, macht aus dem Text nicht weniger Literatur. Sonst müsste man das Heideröslein – das ich als gesangliches Nichttalent unter Qualen singen musste – zur Nicht-Literatur erklären. Man sollte Herrn Goethe ausbuddeln und schauen, was er dazu sagte.

„Sorry Wolfgang, nachdem nun Töne zum Text kamen, können wir dein Gedicht nicht mehr als Literatur anerkennen.“

Herr Goethe würde wohl laut lachen und sagen:

„Who cares?“

Weil er es konnte. Er tauschte sich ja auch mit Herrn Schiller aus, kritisierte dessen Werk und liess diesen mit seinem ebenso umgehen. Man lebte ein Miteinander und wuchs gegenseitig. Heute gönnt man sich nichts, es könnte ein anderer mehr vom Kuchen bekommen. Mit dieser Haltung verlieren alle. Am meisten man selber.

An dieser Stelle nochmals herzliche Gratulation an Bob Dylan. Der Preis war – ungeachtet der Umstände der Sprechung – mehr als verdient. Und wer das nicht glaubt, soll sich mal an die Analyse der Texte machen. Dann sprechen wir weiter.

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Als ich kürzlich heimkam, hing am Anschlagbrett im Eingang unseres Hauses ein Zettel. Ein benutztes Kondom läge auf der Garagenmauer, welche den Garten von Nachbars säumt. Der Besitzer desselben solle doch bitte so gut sein, es zu entfernen. Des Weiteren beschwerte sich Nachbar über die Unverschämtheit, nach dem freudigen Nümmerchen den Freudenergussauffänger einfach aus dem Fenster zu werfen.

Mein durch viele Krimis detektivisch geschultes Hirn lief gleich auf Hochtouren. Zuerst lief ich raus und überzeugte mich selber von der Wahrheit des hier dargestellten Tatbestands. Und wirklich: Das Corpus Delicti lag gut sichtbar da. Ich blickte am Haus entlang nach oben und erstellte eine Liste der infrage kommenden Parteien – viele waren es ja nicht.

Ich stellte mir vor, was passiert sein musste, bevor das gute Teil da gelandet war, spulte allerdings ganz schnell vor zum Moment des Abschusses (also des Kondoms aus dem Fenster), da ich die Bilder im Kopf sonst nie mehr losgeworden wäre. Dann stellte ich mir vor, wie der noch nicht gefundene Sünder pflichtbewusst zur Garagenmauer lief, das gute Teil entfernte und dabei Gefahr lief, nun ertappt zu werden. Das erschien mir nicht wirklich realistisch.

Als ich heute heimkam, hing der Zettel nicht mehr. Wohl ein weiterer ungelöster Fall. Und: Vermutlich werde ich meine Nachbarn künftig mit ganz anderen Augen ansehen und im Kopf die Frage haben: Who’s done it?

Ich bin ja bei Facebook. Ab und an frage ich mich selber, wieso. Aber nun denn. Jüngst lese ich fast nur noch Stimmen gegen Trump. Ach was, es sind keine Stimmen, es sind ganze Chöre. Es sind Jammergesänge. Man könnte Nabucco neu vertonen. Es wäre gewaltig. Die Chöre entspringen dem Frust. Die Singenden kriegten nicht, was sie wollten. Nun jammern sie. Wozu? Hilft das was?

Kaum! Es sind schlicht Parolen, die nun plakativ ins Auditorium geworfen werden. Was soll das helfen? Und wem? Wo ist da IRGENDETWAS Konstruktives? Es ist schlichtes Jammern aufgrund gemachter Aussagen des Herrn Trump, die zwar dumm und doof und unter aller Sau waren, aber damit nur ein Spiegel des Wahlkampfes, der hier geführt wurde. Den hat er nicht alleine geführt. Und schon wieder wird man mich als Trump-Befürworter lesen. Meine erste Reaktion nach seiner Wahl war „holy shit“ – und ich bleibe dabei. Ihre [Clintons – Anmerkung der Redaktion] Wahl wäre aber nicht viel gewinnbringender gewesen. Ich sah ihn immer plastisch als Kandidaten (die Medien sahen das wohl anders und hatten nur Spott und Häme sowie vorgedruckte Siegesartikel für Clinton in der Hand). Der Mechanismus hat ihm in die Hände gespielt. Vielleicht sollte man sich mal echt hinterfragen, was man überhaupt tut?! Einfach einen Kandidaten als Nonsens abzutun, weil er so unter allem ist (aber genau die Ängste und Sorgen derer anspricht, die offensichtlich zur Urne gehen. Der Rest polemisiert ja offensichtlich lieber mit grossen Worten auf FB oder hinterher auf der Strasse), führt offensichtlich in die Irre. Wir können was draus lernen und vor allem begreifen, was Demokratie wirklich wäre: Einen Diskurs zu führen, der alle zu Wort kommen lässt und nicht von oben herab diktieren will, was nun gut und schlecht ist – oder wir werden noch ganz oft solchen Wahlen gegenüber stehen.

Es ist verdammt einfach, nun Trump den Schwarzen Peter zuzuschieben (und ich sage es nochmals: Ich mag ihn nicht, er ist nicht mein Wunschpräsident). Das führt uns einfach schlicht nirgends hin.

Aktuell ist die Demokratie mehr als gefährdet. Daran sind weder Trump noch die AfD schuld. Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir das, was eine Demokratie ausmacht, verlernt haben: den offenen Diskurs. Früher ging man hin, sprach miteinander, zoffte auch. Man traf sich auf dem Markt, im Wirtshaus, man setzte sich auseinander. Heute sitzt jeder zuhause, liest sich in den sozialen Medien und bei Gratiszeitungen was an, schart die um sich, die gleicher Meinung sind, degradiert die anderen. Man ruft übers Netz zum Aufstand auf und es treffen sich Menschen, die sich nicht kennen, aber virtuell befeuern.

So fahren wir alle unsere Welt an die Wand. Dazu brauchen wir keinen Donald.

Es ist noch nicht lange her, da ging durch die Schweiz ein Aufschrei. Frauen äusserten sich, wie sie diskriminiert, wie ihre Leistungen degradiert, wie sie für Männer geopfert wurden.

Heute wurde Donald Trump zum nächsten Präsidenten der USA gewählt. Dieselben Frauen, die vorher aufschrien, gehen nun dahin und spotten über die neue First Lady. Sie betiteln sie als geldgeile Prostituierte, stellen Bikinibilder mit hämischen Sprüchen ins Netz. Melanie Trump wird zum Bauernopfer. Mehrheitlich Frauen benutzen sie, um ihrem Frust über den Wahlausgang Luft zu verschaffen.

Ich bin wahrlich nicht glücklich über den Wahlausgang. Leider stand mein Wunschkandidat nicht mal zur Wahl, es galt, das kleinere Übel zu wählen. Wer das global und auch national sein würde, konnte man nur ahnen, die Geschichte – das wusste schon Kierkegaard – erklärt sich erst hinterher. Trotzdem hätte ich Hilary gewählt. Nur: Das steht hier nicht zur Debatte, darum geht es mir nicht. Worum es mir geht?

Wie kann man auf der einen Seite für die Rechte der Frau einstehen, sich stark machen dafür, dass Frauen nicht mehr als blosse Anhängsel, Instrumente, Objekte gesehen werden sollen, um dann im nächsten Atemzug auf einer Frau genau auf diese Weise rumzuhacken? Oder: Gilt Feminismus nur, wenn er einem selber dient?

Wer nun meint, sagen zu müssen, Melanie Trump hätte es ja aber drauf angelegt, sie hätte sich zum Objekt gemacht, indem sie Fotos von sich veröffentlicht, indem sie diesen Mann geheiratet hätte, indem sie eben tat und war, was sie tat und war… dem sei die Frage gestellt: Standest du noch nie vor dem Spiegel und fragtest dich, wie der Rock wirkt? Wie der Lippenstift? Wie gross der Ausschnitt sein soll, darf, kann? Wir alle spielen mit dem, was wir haben. Situativ. Und trotzdem sind wir Menschen mit einer Würde, die es zu schützen gilt. Wir können nicht einstehen für Werte, um sie dann im nächsten Augenblick selber mit Füssen zu treten.

Mir geht es hier nicht um Melanie Trump. Ich kenne sie nicht. Ich behaupte auch nicht, dass sie über jeden Zweifel erhaben ist. Es bestehen doch (wohl berechtigte) Zweifel über Punkte in ihrer Biografie. Diese anzusprechen ist legitim. Das wären sachliche Argumente. Auf der sexistischen Schiene zu agieren oder aber sie als Blitzableiter zu benutzen entbehrt jeglicher sachlichen Begründung – von der humanen ganz zu schweigen.

Sie sagt was. Er erwidert. Sie legt nach. Er ebenso. So ergibt ein Wort das andere. Sie werden härter. Die Worte. Die Positionen. Sie. Er.

Sie sagt was. Er sagt*:

„Du aber auch.“

Damit ist es gegessen. Vielleicht war es schon vorher. Nur: Das Argument findet keine Erwiderung. Keine sachliche. Es selber ist es schon nicht. Etwas zu tun, damit zu rechtfertigen, dass ein Anderer Gleiches tat, ist nie ein Argument. Es fänden sich Beispiele in Hülle und Fülle. Nur: Es gibt kein Argument dagegen. Wie will man auf ein Nicht-Argument reagieren?

„Du aber auch“ ist der Tod jeder Diskussion und das Ende jeden erwachsenen Austauschs. Und doch bemüht man genau das so oft. Wieso? Weil man sich ertappt fühlt? Weil man keine Argumente habt? Weil man selber weiss, wie dumm man agierte, es aber nicht zugeben kann?

Es hat was von

„Er hat angefangen!“

im Kindergarten, ist aber im Erwachsenenalter so präsent. Und ich denke nicht, dass das damit gemeint ist, wenn es darum geht, das Kind in sich zu bewahren…

*Die Rollen sind auch andersrum denkbar