Wir sind vernetzt. Wir sehen das Leid der ganzen Welt. Sehen Elefantenbabies sterben bei der Geburt, sehen Menschen, die geköpft werden am anderen Ende der Welt. Wir hören von Menschen, die irgendwo sterben, an einem Ort, von dem wir noch nie gehört haben, den wir erst auf dem Globus suchen müssen. Und wir sind betroffen. Weinen. Wir möchten das nicht sehen, hören aber, wir dürfen nicht wegschauen. Wer wegschaut, ist feige. Der verschliesst seine Augen vor dem Leid der Welt. Ist ignorant. Fast schon arrogant.

So lesen wir Zeitungen, stöbern im Internet, schauen auf Facebook das Leid der Menschen an, wünschen uns eigentlich unbekannten Leuten alles Gute zum Geburtstag und kondolieren ebensolchen beim Tod ihrer Katze.

Wie heisst eigentlich die Katze der Nachbarin? Oder hat sie einen Hund? Oder einen Vogel? Im Käfig? Keine Ahnung. Dafür reicht die Zeit nicht. Vom Interesse ganz zu schweigen. Wir müssen uns mit dem Leid der ganzen Welt beschäftigen. Man muss schliesslich Anteil nehmen. Darf nicht ignorant sein und schon gar nicht arrogant scheinen.

„Gestern war ich mit Klaus aus. Klaus studiert Jus und arbeitet schon in der Kanzlei seines Vaters mit. Klaus holte mich mit seinem Porsche ab. Leider war der Abend ziemlich öde. [Gequälter Seufzer] Ich wusste gar nicht, was reden mit Klaus. Er hatte auch nicht viele Themen und mehr als Paragraphen scheint ihn auch nicht zu interessieren. Aber ich gebe ihm nochmals eine Chance. Bald ist der Polyball und er fragte, ob wir gemeinsam hingehen. Ich meine, der Porsche war schon schön und jeder hat ja eine zweite Chance verdient.“

Eigentlich wollte ich lesen. Ich lese immer im Tram auf dem Heimweg von der Arbeit. Diesmal wollte es mir nicht gelingen. Die junge Frau neben mir war soeben eingestiegen, laut telefonierend, sie hatte heute offensichtlich mehr zu erzählen als bei Klaus. Vermutlich hätte der auch keine Freude gehabt an dem, was ich gerade hörte, an dem, was folgen sollte, noch weniger. Weiter ging es:

„Ich hatte eh nur eine Stunde Zeit gestern, danach traf ich noch Harald. Der arbeitet irgendetwas Soziales, keine Ahnung mehr was. Eher so der Ökotyp. Fährt nur Bus und Bahn, Autos findet er unnötig in der Stadt. Hat ja schon was, aber irgendwie…ich weiss nicht, ob mir das gefallen würde. [Der Redeschwall ist unterbrochen, das Gegenüber scheint etwas zu sagen] Was meinst du? Der Abend? Der war toll. Der hatte ja so viel zu erzählen. Plötzlich waren drei Stunden um und ich musste mich beeilen, dass ich das letzte Tram noch erreichte. Ich weiss nicht, ob ich ihn nochmals wiedersehe. Er hat mir seine Nummer gegeben. Mal schauen. Nächste Woche treffe ich noch Jochen, der ist Wirtschaftsprüfer, und Karl, der ist Marketingleiter. Mal sehen, wie das wird.“

Ich weiss gar nicht, ob ich froh sein soll, dass sie aussteigt, weil ich nun endlich meinen Krimi weiterlesen kann, oder ob ich es bedaure, nicht mehr weiter zuhören zu dürfen.

Macht man nicht, einfach anderen beim Telefonieren zuzuhören? Mag sein. Ich hätte die Musik durch meine Kopfhörer rieseln lassen können, die noch in meinen Ohren steckten, nur kann ich mit Musik nicht lesen, drum schalte ich die im Tram immer aus….

Heute gelesen:

Ich bereue nicht meine Vergangenheit, sondern die Zeit, die ich für falsche Menschen geopfert habe.

Schon inhaltlich könnte man 1000 Fragen stellen. Indem ich die Zeit geopfert habe, gehört das zur Vergangenheit. Insofern bereut man ja immerhin einen Teil der Vergangenheit. So gelesen, fehlte ein „nur“ im Nebensatz. Lassen wir den Inhalt der Sprache mal beiseite und betrachten den Kontext.

Weisse Schrift vor einem unscharfen Bild, welches eine (halbe – man sieht sie nur bis unter die Schultern) Frau auf dem (Ping-Pong?-)Tisch sitzend von hinten zeigt. Wie dieses Bild zum Inhalt der Sprache passt, liesse sich nun fragen. Vielleicht insofern, als man nur den Rücken sieht, die Vergangenheit also als dahinter liegend bildlich erfasst worden ist? Auch das lassen wir offen.

Aber dann: Wer  kommt auf die Idee, das so typographisch umzusetzen? Welchen Sinn ergibt das nicht zusammenpassende Sammelsurium von Schriften? Was sollen die Schriften in den Teilbereichen aussagen? Und: Wieso hat man die Zeilen so gesetzt, dass die Zeilenumbrüche in keinem Verhältnis zu irgendeinem Teilsinn des Ganzen stehen?

Vermutlich denke ich wieder einmal zuviel. Darauf kommt es nicht an. Worauf aber sonst?

 

Das Wochenende ist vorbei, der Montag übernimmt. Herr Müller geht ins Büro. Kaum da angekommen, wird er zum Chef gerufen.

„Müller, wir müssen Ihnen kündigen.“

Müller fällt aus allen Wolken. „Waren Sie nicht zufrieden mit mir?“

„Doch, Müller, klar! Aber wir müssen nun ans Geschäft denken. Unser Umsatz, sie wissen….“

„Aber der hat sich doch verdoppelt?“

„Klar, Müller, aber die Lage ist schwierig, wir müssen nun vorsorgen – das müssen Sie verstehen! Sie sind ja nicht alleine, mit Ihnen gehen noch ganz viele. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Sie kennen das, Müller, nicht?“

„Wer macht denn nun unsere Arbeit? Ich meine, wir waren über Jahre XX Stunden die Woche, XXX Stunden im Monat für dieses Unternehmen im Einsatz.“

„Jetzt verstehen wir uns – sie sehen unsere Herausforderungen für das kommende Jahr.“

Werbung ist in der Schweiz ganz einfach: Man nehme das Schätzeli der Nation und setze es überall da ein, wo man etwas an den Mann bringen will. Seien es Kaffeemaschinen, Uhren, Hypotheken, Turnschuhe oder ein Natel-Abo: Unser Mann lächelt dafür in die Kamera.

Dass dadurch das Produkt nicht mehr mit dem – ich gebe es zu – sehr sympathischen und nett lächelnden Modell identifiziert oder von diesem auf das Produkt geschlossen werden kann, nimmt man in Kauf. Man hofft, dass dessen Erfolg im Sport ohne grosse kreative Anstrengung auf die Verkaufszahlen abfärbt. Und der Kunde soll sich ein wenig anstrengen und lesen, worum es geht bei der Werbung, damit er dann auch weiss, was er kaufen muss.

Noch viel besser wird das Ganze, wenn auf dem Werbeplakat der einen Firma das Symbol der anderen beworbenen Firma ins Auge springt. Vielleicht könnte man in Zukunft gleich Kaufpakete anbieten: Dein Haus, deine Versicherung, deine Uhr, deine Turnschuhe und das Handy gratis obendrauf. Dein Erfolgspaket mit Roger Federer.

Es kracht, scheppert, bollert, tönt aus dem Kinderzimmer (des nicht mehr Kind sein Wollenden).

Mutter:

„Kind, was machst du?“

Kind:

„Nichts!“

Mutter:

„Dann hör auf damit!“

Ruhe ward’s….

Moral von der Geschicht? Damit sich’s reimt, etwas mit nicht.