Verantwortung für mich und andere

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…“, so klagte Faust. Jeder hat das wohl schon erlebt, dass in ihm verschiedene Stimmen im Konflikt lagen, oft ist es eine Auseinandersetzung zwischen dem, was man will und dem, was man soll (oder zu sollen glaubt). Das ist unproblematisch bei Dingen wie der Entscheidung für oder gegen ein drittes Eis (es schmeckt, ist aber ungesund). Geht es darum, ob man lieber authentisch bleibt und damit vielleicht aneckt, oder aber sich dem Umfeld anpasst auf Kosten des eigenen Seins, wird es schwieriger, zumal dieses eigene Sein ja auch nicht in Stein gemeisselt ist und man auf die Gemeinschaft angewiesen ist.

Wer bin ich? Wie werde ich der, welcher ich sein will? Bin ich schon wer, wenn ich auf die Welt komme oder werde ich erst dazu? Bin ich noch die gleiche wie vor zwanzig Jahren? Der Wunsch, ganz ich zu sein oder zu werden, ist ein tiefer. Mascha Kaleko hat ihn in einem wunderschönen Gedicht „Kurzes Gebet“ geäussert:

„Herr, lass mich werden, der ich bin
In jedem Augenblick.
Und gib, dass ich von Anbeginn
Mich schick in mein Geschick…“

Sartre übergibt das Ich-Sein keinem Gott, er nimmt sich selbst in die Pflicht:

„…der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.“

Wer also will ich sein? Simone de Beauvoir wusste nur soviel: Sie wollte frei sein und sie wollte alles vom Leben. Auf unsere Frage nach dem eigenen Sein angewendet, bedeutet das: Ich-Sein und doch Teil der Gemeinschaft sein als dieses Ich. Dazu bedarf es der Toleranz. Toleranz für andere, für das Anderssein, für einem fremde Lebensentwürfe. Diese Toleranz wünschen wir uns für uns selber, wir möchten die sein können, die wir sind und sein wollen, und wir wünschen uns, dass die anderen uns so sehen und akzeptieren und annehmen.

Wenn wir uns aber eine Welt wünschen, in der wir in unserem Sein Anerkennung erfahren, was bedeutet das für uns selber? Erfüllen wir diesen Anspruch der Anerkennung des Andersseins ebenfalls? Wenn wir jemanden sehen, der unseren Vorstellungen nicht entspricht, der einen uns fernen Lebensentwurf, eine fremdartige Erscheinung, ein keinen gängigen Rollenmustern entsprechendes Auftreten hat – was geht in uns vor? Ist da eine wirkliche Akzeptanz des Andersseins, müssen wir uns diese zuerst zurechtlegen oder spüren wir doch eine Irritation oder schlimmer noch: eine innere Abwehr? Ist unsere Reaktion die, welche wir uns auch für uns wünschen würden?

Oft wissen wir sehr genau, was wir uns wünschen, wir wissen, wie eine Welt aussehen müsste, in welcher wir uns wohl fühlen, und wir können definieren, was es in dieser Welt brauchen würde. Was wir gerne vergessen ist, dass auch wir Pflichten haben, diese Welt zu gestalten, dass unsere Wünsche nicht nur eingleisig in die Welt gestellt, sondern auch selber erfüllt werden sollten. Das meinte wohl auch Gandhi, wenn er sagte:

„Sei die Veränderung, die du in der Welt gerne sehen würdest.“

Wir haben eine Verantwortung uns selber gegenüber, indem wir sind, wie wir sein wollen, was wohl sicher auch heisst, dass wir dem entsprechen wollen, was wir von anderen erwarten. Wir haben aber auch eine Verantwortung anderen Menschen gegenüber, dass wir dazu beitragen, dass auch sie in einer Welt leben können, in der sie auf Resonanz stossen, in welcher sie sich zuhause und anerkannt fühlen können.

Svenja Flasspöhler Sensibel

Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren

Inhalt

„Offenbar sind wir mehr denn je damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren. Doch fährt sich der Diskurs hierüber zunehmend fest: Liberale und Egalitäre, Rechte und Linke, Alte und Junge, Betroffene und Nicht-Betroffene stehen sich unversöhnlich gegenüber.“

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch zunehmende Sensibilisierung um gegenseitige Anerkennung kämpft, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit schützen will und dafür Mittel und Wege findet im Umgang miteinander in verschiedenen Bereichen. Svenja Flasspöhler streicht die Errungenschaften dieser Haltung heraus, beleuchtet aber auch kritisch ihre Gefahren:

Entmündigt eine Gesellschaft, die alles unternimmt, Verletzungen zu vermeiden, nicht auch das Individuum, da es dieses aus der Pflicht der Selbstbehauptung und Selbstermächtigung nimmt und es als hilfloses Opfer äusserer Umstände betrachtet? Müsste im Kampf um Emanzipation und Gleichberechtigung nicht auch das Individuum selber seine Widerstandskraft trainieren?

Entstanden ist ein gut lesbares, informatives, differenziertes Buch über die Möglichkeiten, wie ein Weg in eine gleichberechtigte Gesellschaft gelingen kann, welcher immer ein gemeinsamer sein muss.

Weitere Betrachtungen

„Unbestritten gehört es zu den Errungenschaften der Emanzipation, dass man Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduziert, sondern für das anerkennt, was sie können und machen. Wenn es gelänge, das generische Maskulinum als universale, geschlechtsunabhängige Bezeichnungspraxis zu nehmen, die es rein formal eben ist: Böte es dann nicht ein erstaunliches emanzipatorisches Potenzial – und zwar gerade durch seine umfassende Bezeichnungskraft, die nicht nur einzelne Gruppen meint, sondern alle?“

Neben anderen Themen geht Svenja Flasspöhler in ihrem Buch auch auf die Sprache ein, die in der heutigen Gesellschaft ein Politikum geworden ist. Was darf man noch sagen und wie muss man es sagen, dass alle mit gemeint und keiner verletzt ist? In Bezug auf das generische Maskulinum bedeutet das, zu sehen, dass mit ihm kein Geschlecht gemeint ist, sondern alle unter den Begriff fallenden Einheiten. Lehrer sind damit nicht nur Männer, sondern alle möglichen Ausprägungen des Geschlechts. Da nun neue Begriffe einzuführen, bringt nicht zwingend mehr Gerechtigkeit, sondern meistens auch neue Fronten, da jeder neue Begriff wieder jemand anderen ausschließt, wie sich am Beispiel LGBTQIA+ zeigt, welcher nach und nach um einen weiteren Punkt erweitert werden musste, bis nun mit dem + alle noch nicht genannten mit gemeint sind.

„Sondern gesagt werden soll lediglich, dass – um noch mal auf Saussure und Derrida zurückzukommen – Lautbild und Vorstellung nicht unauflöslich aneinandergekoppelt sind und gerade in der Bedeutungsverschiebung emanzipatorisches Potenzial liegt.“

Sprache und ihre Bedeutung ist nicht in Stein gemeisselt, sondern unterliegt Konventionen. Je nach Zeit und Umfeld und Kontext bedeutet ein Wort etwas anderes und diese Bedeutung ist von all dem abhängig. Insofern bildet Sprache nicht die Wirklichkeit ab, sondern sie ist eine konnotierte Bedeutungszuschreibung. In Anbetracht dessen könnte es sinnvoll sein, statt Wörter auszuwechseln, sie neu zu konnotieren, sie mit einer neuen, positiven Bedeutung zu belegen. Das passierte so zum Beispiel mit dem Wort „queer“, welches seltsam, komisch heisst und damit nicht wirklich positiv wirkt. Durch eine Neubewertung steht das Wort nun für den Widerstand, es hat also quasi seinen Effekt umgekehrt, die ursprüngliche Zielsetzung der Verletzung und Abwertung wurde zum Ausdruck der Selbstermächtigung.

„Wörter haben aus psychoanalytischer Perspektive immerhin sichtbares Heilungspotenzial. Umgekehrt können sie auch, so offenbart sich an konkreten psychosomatischen Leiden, wie ein ‚Schlag ins Gesicht‘ wirken.“

Bei all dem betont Flasspöhler, dass Sprache verletzen kann und ein sensibler Umgang damit deswegen wünschenswert und nötig ist.

Persönlicher Bezug

«…dann kann sich eine funktionsfähige Gesellschaft nicht in der Aufgabe erschöpfen, Verletzungen zu vermeiden. Genauso fundamental muss die gezielte Stärkung von Widerstandskraft sein, die wesentlich ist für die Ausübung von Autonomie.»

Wir leben in einer Welt, die uns mit vielem konfrontiert, Gutem wie Schlechtem. Als Menschen streben wir danach, das Gute zu fördern und das Schlechte zu meiden. Das liegt in der Natur der Sache und unseres Wesens. So lange das eine eigene Strategie ist, schaut jeder für sich, wie er dahin kommt, möglichst viel Leid zu vermeiden. Wenn wir diese Aufgabe Gesellschaft und Staat übereignen, nehmen wir uns aus der Pflicht. Nun ist es durchaus so, dass eine Gesellschaft so gestaltet sein sollte, dass jeder Mensch sich in ihr wohl fühlen kann, keiner um sein Leben oder seine Integrität fürchten muss. Auch dem Staat fällt die Aufgabe zu, die einzelnen Menschen in grösstmöglicher Weise vor Unrecht zu bewahren.

Vergessen werden darf allerdings nicht, dass auch der einzelne Mensch durchaus etwas in der Hand hat und dies auch nützen soll. Selbstverantwortung schliesst auch mit ein, dass man selber dafür sorgt, sich so gut wie möglich aus eigener Kraft in der Welt einzurichten, sich für sich selber einzusetzen, wo man Unrecht erfährt. Es ist wichtig, die eigene Potenz zu entfalten und nicht darauf zu hoffen, dass von aussen alle Steine aus dem Leben geschafft werden. Ich mag Rilkes Sicht aufs Leben deswegen, die hinter seinem Satz „du musst dein Leben ändern“ steht. Er sieht das Leben als Kunstwerk, welches wir selber gestalten und verändern können. Den grossen Rahmen dazu haben wir, die Gesetze in unseren Breitengraden sind grossmehrheitlich so, dass sie eine gleichberechtigte Gesellschaft unterstützen und jedem Menschen seine Würde und Persönlichkeit zusprechen. An der Umsetzung können wir aktiv mitarbeiten.

Fazit
Ein sehr differenziertes Buch über die heutige Gesellschaft, ihre Empfindlichkeiten und Möglichkeiten, als Individuen in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft ein Miteinander zu leben. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des Philosophie Magazin. Die promovierte Philosophin war leitende Redakteurin beim Deutschlandfunk Kultur, wo sie die Sendung »Sein und Streit« verantwortete. Mit Wolfram Eilenberger, Gert Scobel und Jürgen Wiebicke gestaltet sie das Programm der »Phil.cologne«, dem größten Philosophie Festival Deutschlands. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, die Streitschrift »Die potente Frau« wurde ein Beststeller.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Klett-Cotta; 4. Druckaufl., 2021 Edition (20. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3608983357

Das gute Leben

Wenn wir am Abend auf den Tag zurückschauen, bewerten wir diesen oft und denken „das war ein guter Tag“ oder „das war ein schlechter Tag“. Was bestimmt darüber, ob ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Leben gut sind? Was macht das gute Leben aus? Diese Frage beschäftigt nicht nur den einzelnen Menschen, sondern auch die Philosophie seit Jahrhunderten (viele halten ja die Philosophie für dem Leben fern, doch ich würde sie gerne wieder ins Leben holen, denn da gehört sie hin). Schaut man in die Geschichte der Philosophie, gibt es deswegen viele Antworten:

Aristoteles erachtete die Glückseligkeit als höchstes Ziel, das es für die Eudaimonia, das gute Leben, brauche. Diese ist das Ziel allen Handelns des Menschen. Bei Platon findet sich die Idee des tugendhaften Lebens, welches ein gutes sei. Er sieht die Erfüllung des Menschen darin, nach dem Guten und Gerechten zu streben, welches als vollkommen Gutes nur als Idee existiert, an welche sich der Mensch anzunähern versucht. Dieses wirke sich dann wiederum auch auf die Gesellschaft aus. Epikur wich ab vom Gedanken, dass es etwas von aussen zu bestimmendes Gutes gibt, für ihn war das Gute nichts Objektives, sondern etwas, das jeder für sich selber bestimmen müsse. Schon in der Stoa drehte der Wind wieder und das Gute wurde objektiv: Alles steht mit allem harmonisch im Zusammenhang, was nicht passt, ist nicht gut. Der Mensch führt also ein gutes Leben, wenn er sich in diesen harmonischen Zusammenhang eingliedert. Die Skeptiker wiederum verneinten eine Einteilung in gut und schlecht, da man schlicht nicht gesichert wissen könne, was nun wahr sei.

Später äusserten sich dann die Kirchen und Kirchenanhänger zu dem Thema, in der frühen Neuzeit kamen wieder die Philosophen ins Spiel. Es dominierte die Sicht, dass es kein objektiv Gutes gäbe, dieses sei immer subjektiv gesetzt. Spinoza befand in diesem Sinne, es werde nichts angestrebt, weil es gut sei, sondern es sei gut, weil man es erstrebe. Sprich, der Mensch bewertet ein Ding als gut und will es dann haben, das Ding an sich ist nicht objektiv gut. Noch weiter ging Leibnitz, welcher die Welt als eine der besten betrachtete, so das die Wirklichkeit das Gute darstelle, während alle Theorien dahinter zurück blieben. Locke machte das Gute am Glück fest, indem alles gut sei, was Glück bringe.

Für Hume war das alles zu viel Vernunft, denn er war der Überzeugung, dass man das Gute nur fühlen könne, der Verstand hätte keinen Einfluss diesbezüglich. Damit kam er dem rationalen Kant gerade recht: Für diesen waren solche Gefühlsduseleien nichts, er sprach das Gute dem Willen zu, welcher gut sei, insofern er aus vernünftigen Beweggründen heraus moralisch handeln wolle. Nicht das Gute bestimmt also die Moral, sondern diese das Gute. Auch das war nicht der Weisheit letzter Schluss: Hegel war das zu abstrakt, er befand, man könne die Wirklichkeit und das Richtige, Natur und Moral, nicht trennen. Das Gute finde man in der Wirklichkeit einer sittlichen Gesellschaft, in die der Einzelne eingebunden sei.

Schopenhauer gähnte ob all dem, befand es als trivial, da gut nach ihm das ist, was dem entspricht, was man will – jeder bastelt sich also sein Gutes selber zusammen. Nietzsche ging noch weiter und befand den guten Menschen im Sinne von Sitten und Moral als dekadent, da diese Haltung lebensverneinend sei. Später kamen noch Vertreter des Glücks und der Freude dazu, welche für ein gutes Leben ausschlaggebend seien – langer Rede, kurzer Sinn: Was denn nun? Was also ist der Sinn des Lebens? Natürlich kann hier keine abschliessende und absolut gültige Antwort auf die Frage gegeben werden. Das Folgende ist der Versuch einer Antwort, die eine Meinung nach aktuell gültigem Stand des persönlichen Nachdenkens darstellt.

Heute hat man oft den Eindruck, dass sich ein gutes Leben über den Konsum bestimmt: Wenn ich alles haben kann, was ich will, ist das Leben gut. Dass dies nur ein flüchtiges Gut ist, blendet man aus, da man den Effekt ja wiederholen kann – und muss. Das alles ist wohl eher ein Ersatz dafür, dass man Wert und Sinn nicht findet oder gar nicht suchen will, da die Frage zu gross und damit zu überfordernd wirkt. Worauf sollte man sich berufen? Nicht mal die alten Philosophen waren sich einig, jeder befand etwas anderes. Was ist wichtig für ein gutes, für ein gelingendes Leben? Es müsste wohl so aussehen, dass wir als Menschen das Gefühl haben: „So ist es gut, so kann es bleiben.“ Es müsste uns also in dem befriedigen, was uns wichtig ist, was für uns stimmig ist, was uns ausfüllt und das Gefühl gibt, als richtiger Mensch am richtigen Ort zu sein. Unser Dasein müsste für uns einen Wert haben, und wir brauchen das Gefühl dass dieser Wert auch anerkannt wird. Nur fühlt es sich sinnvoll an, dieses Leben zu leben. Damit wären wir bei Wert und Sinn angelangt – was bedeuten sie konkret in Bezug auf das gute Leben?

Eine einfache Antwort darauf gibt es wohl nicht, zumindest keine, die man von aussen allgemein äussern könnte. Vielleicht können uns die Existenzialisten weiterhelfen: Sartre erachtete das Leben an sich als sinnlos. Leben sei reine Existenz und die komme vor der Essenz, also vor einer Zuschreibung irgendwelcher Eigenschaften. So gesehen erhält das Leben erst dadurch einen Sinn, dass wir ihm diesen zuschreiben. Das heisst also, wir finden den Sinn in uns selber und versuchen dann, ihn im Leben zu verwirklichen. Er hängt von uns selber ab, davon, wer wir sind oder sein wollen. Dazu Sartre:

„…der Mensch ist nichts anderes als sein Entwurf, er existiert nur in dem Mass, in dem er sich verwirklicht, er ist also nichts anderes als die Gesamtheit seiner Handlungen, nichts anderes als sein Leben.“

Ein Zirkelschluss? Der Mensch bestimm das Leben, welches er zugleich ist? Nein, es stellt eher eine Möglichkeit dar, frei zu sein, weil jeder Mensch sein kann, was und wer er sein will. Wenn er also weiss, was für ein Mensch er sein will, kann er entsprechend handeln und erfüllt so sein Selbstbild, er erschafft sich selber. Auf diese Weise lebt jeder Mensch das, was er für sich als gut und richtig erachtet, er verfolgt die Ziele, welche er für sich als wertvoll festlegt und gibt so seinem Leben Sinn.

Harald Welzer hat die Frage anders formuliert: Wer möchte ich gewesen sein? Dieses Futur II lässt durch den Blick in die Zukunft die Gegenwart gestalten. Indem ich weiss, wie ich mal auf mich zurück blicken möchte, kann ich das Leben gestalten, das dem entspricht. Darin liegt eine grosse Selbstwirksamkeit, das Gefühl, mich und mein Leben nach meinem Sinn gestalten zu können, so dass es ein gutes Leben ist.

Nur: Der Mensch ist keine Insel ist, sondern er lebt immer in einer Gemeinschaft, auf die und deren Anerkennung er angewiesen ist. Aus diesem Grund wird der einzelne Mensch wohl ein Mensch sein wollen, der in seinem sozialen Umfeld eingebettet ist, der sich in diesem entfalten kann und auf gegenseitige Resonanz im Sinne von gelebter Beziehung und einem Miteinander angewiesen ist. Damit er sich selber auf seine Weise gestalten kann, sein Menschsein nach seinen Vorstellungen verwirklichen kann, bedarf es einer Gesellschaft auf Augenhöhe, einer Gesellschaft, in der die Freiheit des Einzelnen gewährleistet ist, weil keiner den anderen beherrscht.

All das berücksichtigt kommen wir zum Schluss, dass das gute Leben das Leben ist, welches für den Einzelnen Sinn ergibt, indem er sich diesen selber gibt durch seine Vorstellung des eigenen Seins, eingebettet in eine Gemeinschaft von ihm Gleichgestellten, die sich gegenseitig die Freiheit lassen, dies zu tun. Sollte die Gesellschaft noch nicht an dem Punkt sein, so können wir diese nicht von heute auf morgen ändern, aber wir können – jeder für sich – bei uns selber anfangen und uns dafür einsetzen, dass dies auch für andere möglich wird.

Daniel Schreiber: Nüchtern

Inhalt

„Das Wissen, dass man zu viel trinkt, ist völlig nutzlos. Man trinkt nicht weniger, weil man weiß, dass man ein Problem hat. Man hört auch nicht damit auf, indem man analysiert, warum man trinkt. Man hört damit auf, indem man aufhört.“

Da Feierabendbier, der Gin mit Freunden, das Glas Rotwein zu Käse und Brot – was für eine Genuss. Was aber, wenn es nicht bei einem Glas bleibt? Was, wenn Alkohol immer mehr zum Leben gehört und sich dieses auch immer mehr um Alkohol dreht? Redet man sich anfangs selber schön, dass man kein Problem hat, weil man ja problemlos Pausen einlegen kann (Tage, Wochen, Monate gar), merkt man irgendwann, dass man dies zwar kann, aber trotzdem eine Schwelle überschritten ist, weil Alkohol vom Genuss zum Thema wurde.

Daniel Schreiber erzählt seine persönliche Geschichte mit dem Alkohol und die Entscheidung, keinen mehr zu trinken. Er liefert zudem Fakten und Zahlen über Alkoholkonsum, gesteigertes Risiko an Krankheiten und gefährliche Auswirkungen auf Zellen und das Gehirn.

Ein wichtiges Buch, das ohne zu moralisieren zum Nachdenken anregt.

Weitere Betrachtungen

„Die Fassaden, die man sich errichtet, sind mächtig. Sie gehören zu einem, man kann selbst gar nicht mehr sagen, wo sie aufhören und wo man selbst beginnt. Sie halten einen aufrecht.“

Die WHO-Aussagen, wie viel Alkohol gesund ist und wo eine Grenze überschritten wird, sind relativ klar und die Menge so klein, dass sie von vielen wohl schnell überschritten ist. Das muss nicht grundsätzlich auf ein Problem hinweisen, aber es kann – ein Problem, das man gerne verdrängt und schon gar nicht gegen aussen preisgibt. Es finden sich viele und gute Argumente, welche die Problematik des eigenen Alkoholkonsums nicht nur verdecken, sondern als nichtig erklären. Das Argument, dass man sofort aufhören könnte, wenn man nur wolle, man auch mal einen Monat ohne Alkohol ohne Probleme schaffe oder wöchentlich alkoholfreie Tage einlege, gehören zum Standardrepertoire. Was aber sagen sie wirklich aus?

„Jede Halbwahrheit, jede Lüge, die man sich selbst und anderen erzählt, geht auf Kosten der inneren Substanz, so lange, bis man irgendwann gar nicht mehr richtig weiß, wer man ist.“

Was man nach aussen vertritt, glaubt man sich auch oft selber. Man hüllt sich in eine (Schein-)Sicherheit und vermeidet, genauer hinter die Fassade des eigens aufgerichteten Lügengebäudes zu schauen. Ein paar alkoholfreie Tage, an welchen man sich schon aufs Wochenende freut und plant, welchen Wein man dann trinken will, mögen zwar weniger Alkohol im Blut bedeuten, nicht aber weniger im Leben. Wenn Anlässe immer automatisch mit Alkohol verbunden sind, dieser sogar einen Teil ausmachen, nimmt dieser einen grossen Raum im Leben ein – einen zu grossen?

„Man versteckt sie nicht bloß vor anderen Menschen, sondern auch und vor allem vor sich selbst. Man kann Scham hinter einer ganzen Reihe von Gefühlen verbergen, ohne dass es einem bewusst ist.“

Zuzugestehen, dass man ein Problem hat, ist mit Scham verbunden. Probleme sind etwas für Schwächlinge, für Verlierer. Gewinner haben Lösungen – oder stehen generell über allem. Sich und anderen einzugestehen, dass vielleicht doch nicht alles so perfekt ist, wie man gerne den Anschein machen möchte, braucht Mut. Das hängt sicher auch mit unserer Gesellschaft zusammen, in welcher Alkohol eine sozial akzeptierte, fast geförderte Droge ist. Trinkt man nichts, wird man gefragt, wieso. Wenn keine Schwangerschaft oder eine Krankheit (Alkoholismus sieht man nicht als solche, sondern als Schwäche) dahinter steckt, weckt das Misstrauen. Eigentlich traurig, dass es einfacher ist, weiterzutrinken, als hinzusehen und etwas zu unternehmen.

Persönlicher Bezug

«Scham wird von der Angst vor dem Verlust von Zuneigung und sozialem Prestige motiviert, von der Angst, aus sozialen Gruppen ausgeschlossen zu werden.»

Das Buch hat mich nachdenklich gemacht. Ich trank sehr lange keinen Alkohol, weil er mir nicht schmeckte, kam dann aber auf den Geschmack von Wein. Ein guter Weisswein zum Apéro, ein schwerer Rotwein zum Essen, ein Cava mit Freunden – ein Genuss. Die Notwendigkeit, aufzuhören, sah ich nicht, zumal all meine Werte vorbildlich sind und ich auch sonst keine gesundheitlichen Probleme habe. Da ich in einem Umfeld lebe, in dem gemeinsame Essen und damit auch immer sehr guter Wein oft vorkommen, war die Vorstellung, nicht zu trinken, schwierig. Die Angst, dann nicht mehr dazu zu gehören, war doch gross und das würde mir wehtun.

Wieso also bin ich trotz fehlendem zwingendem Grund und dieser Angst nachdenklich geworden? Die Selbstverständlichkeit, mit welcher Alkohol, welcher bei Lichte betrachtet keine leichte Droge sondern eigentlich ein Nervengift ist, getrunken wird (auch von mir), gefällt mir nicht. Ich bin zudem durchaus ein Mensch, der nicht ein Glas trinkt. Wenn das Glas da steht, fülle ich gerne nach, in fröhlicher Gesellschaft auch mal mehr. Ich würde trotzdem sagen, dass ich kein Alkoholproblem habe – und doch. Ich habe nach dem Lesen dieses Buches beschlossen, Alkohol mal für eine Weile aus meinem Leben zu streichen. Einfach als persönliches Experiment. Ich bin gespannt, ob sich etwas in meinem Leben, bei mir, verändert, wenn ich keinen mehr trinke.

Ich sage nicht, dass es für immer ist, möglich wäre es. Vielleicht trinke ich nach Ablauf der Frist wieder wie vorher. Vielleicht lasse ich ein paar spezielle Gelegenheiten, an denen ich ein Glas trinke mit Genuss und aus Nostalgie. Vielleicht war das letzte Glas Cava auch das letzte Glas Alkohol überhaupt. Ich bin gespannt. Alles ist möglich. Vielleicht schreibe ich irgendwann über meine Erfahrungen.

Fazit
Ein sehr persönliches, informatives, zum Nachdenken anregendes Buch über ein wichtiges und oft verkanntes Thema: Alkohollismus. Sehr empfehlenswert.

Autor
Daniel Schreiber, geboren 1977, lebt in Berlin. Er arbeitet als freier Autor u. a. für die Zeit, Deutschlandradio Kultur und die taz. 2007 erschien seine Susan-Sontag-Biographie Geist und Glamour.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 6. Edition (11. April 2016)
Taschenbuch: 159 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3518466711

Carolin Wiedemann: Zart und frei

Vom Sturz des Patriarchats

Inhalt

„Am Umgang mit der Frage nach Geschlechtern, nach Identitäten, nach Begehrens- und Beziehungsformen zeigt sich, wie frei unsere Gesellschaft tatsächlich ist und wie gerecht wir sind. An diesen Fragen entscheidet sich, wohin wir steuern.“

Angriffe gegen den Feminismus sind an der Tagesordnung, Themen wie Gendersternchen, Queerness und Transsexualität spalten nicht nur die Gemüter, sie sorgen gar für Spott, Häme und auch Hass. All das sind Auswüchse eines patriarchalen Systems, es sind Zeichen einer nach rechts rutschenden Bevölkerungsschicht, welche mit aller Kraft versucht, das althergebrachte System, das ihnen die Macht sichert, zu erhalten.

Carolin Wiedemann behandelt in ihrem Buch diesen Antifeminismus, zeigt auf seine Herkunft hin und beschreibt neue Möglichkeiten, diesem entgegenzutreten. Sie ruft dazu auf, trennende Konstrukte aufzugeben zugunsten einer pluralistischen Sicht auf den Menschen und auf die Gesellschaft. Sie ruft dazu auf, althergebrachte Lebensmuster und -rollen zu hinterfragen und, wenn nötig, aufzubrechen.

„Die binäre Geschlechtersozialisation spaltet die Menschen weiter in zwei Gruppen und gibt ihnen jeweils Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster vor, an denen die Menschen immer wieder scheitern.“

Weitere Betrachtungen

„Wir sind alle ausgebeutet durch das Patriarchat, unterschiedlich stark, doch wir sind alle betroffen von patriarchaler Gewalt, entweder, weil wir als Frauen, egal ob mit Vagina oder ohne, abgewertet werden oder weil wir gar nich in die binäre Matrix passen und damit gegen die Grundfesten der patriarchalen Ordnung verstossen.“

Sexuelle Gewalt ist nicht nur ein individueller Akt, es ist eine strukturelle Form von Gewalt, welche durch das Patriarchat geschützt ist. Um sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren, braucht es entsprechende Massnahmen, welche die patriarchalische Ordnung in Frage stellen und durchbrechen. Es gilt, eingefahrene Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen und sich für neue Wege zu öffnen.

„Das zentrale Anliegen der Gender Studies ist folglich die Aufklärung der Menschen über Korsette, in die sie das etablierte Verständnis von Geschlecht presst. Laut Judith Butler, der Pionierin der Forschung, soll Gender-Theorie den Menschen in erster Linie ermöglichen, ihre Sexualität und ihre Persönlichkeit ohne Angst vor Diskriminierung in einer gerechteren Welt auszuleben.“

Gender Studies und auch Feminismus handelt nicht davon, Frauen gegen Männer auszuspielen. Es geht auch nicht darum, Machtverhältnisse ins Gegenteil zu verkehren, sondern es geht um Befreiung. Menschen sollen in Freiheit leben können, was und wer sie sind, ohne dabei Angst vor Gewalt und Unterdrückung haben zu müssen.

„Wir müssen und können uns von vielem, was uns gesellschaftlich anerzogen wurde, nicht befreien, wir müssen nicht alle möglichen Vorlieben überwinden… Aber wir sollten all jene Verhaltensweisen und Neigungen darauf befragen, wie tief sie mit Machtverhältnissen verwoben sind, wie sehr patriarchale und auch rassistische Muster in sie eingeschrieben sind, und ob wir sie gegebenenfalls nicht doch ein bisschen herausfordern können.“

Viele der Machtstrukturen sind unbewusst in uns verankert. Wir sind mit Sprüchen, Wörtern, Handlungsmustern aufgewachsen und haben sie als normal kennengelernt. Die gesellschaftlichen Werte sind tief in uns verankert und steuern unsere Wünsche, unser Begehren, unser Sein. Um wirklich etwas gegen das Patriarchat machen zu können, müssen wir uns dieser tief liegenden Prägungen bewusst werden. Wir müssen uns hinterfragen, ob wir wirklich von uns aus wollen, was wir wollen, oder ob diese Wünsche nur einer gesellschaftlichen Wertvorstellung geschuldet ist, welche sich in uns eingebrannt hat. Wir müssen unser Handeln daraufhin analysieren, wo seine Ursprünge sind und was seine Folgen.

„Zart und frei“ ist ein informatives, gut lesbares Buch zu wichtigen Themen unserer Gesellschaft und unseres individuellen Seins. Es regt zum Nachdenken an, lenkt den Blick auf alternative Formen des Zusammenlebens. In diesem Zusammenhang führt Carolin Wiedemann auch in die Polyamourie ein und zeigt die Vorteile einer Abkehr vom traditionellen Familienmodell hin zu Co-Parenting auf. Nun möchte ich diese Lebensformen nicht grundsätzlich in Frage stellen, doch schien mir beim Lesen das Gewicht zu sehr darauf zu liegen. Teilweise schien jeder herkömmlich lebende Mensch als veraltet gesehen zu werden, wer noch nicht polyamourös lebt, hat seine wahren Wünsche noch nicht entdeckt oder traut sich nicht, sie zu leben. Dies mag nicht die Absicht der Autorin gewesen sein, doch ich hätte mir ein grösseres Gleichgewicht der Anerkennung für alle Modelle gewünscht statt neue Präferenzen und Abwertungen zu schaffen.

Persönlicher Bezug

„Die soziale Gleichheit ist das Ziel queerfeministischer Politik: Dafür muss und kann Solidarität zwischen sehr unterschiedlichen Positionen ermöglicht werden. Solidarität bezeichnet damit nicht den Zusammenhang all jener, die ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung oder die gleichen Probleme haben. Solidarität muss überhaupt nicht auf gemeinsamer Erfahrung basieren.“

Ich habe mich immer wieder gefragt, was Menschen dazu bringen könnte, miteinander statt gegeneinander zu sein. Wie können wir Fronten aufbrechen und uns mehr auf Verbindendes als auf Trennendes konzentrieren. Liebe ist sicher eine grosse Macht und Kraft, aber es ist wohl nicht einfach, sie konkret auf alle Menschen auszuweiten. Was in meinen Augen aber durchaus machbar wäre, ist eine Solidarität zu leben, die alle Menschen einschliesst, weil man sich durch dieses Menschsein und was es bedeutet, Mensch zu sein, verbunden fühlt. Menschen wollen überall auf der Welt wohl vor allem eines: Frei von Leiden leben können. Dies als kleinsten gemeinsamen Nenner zu nehmen, wäre ein Anfang. Es wäre ein Anfang, gemeinsam einzustehen, dass möglichst Leid verhindert und ein gutes Leben ermöglicht wird.

Fazit
Ein Buch, das anregt, sich und die Gesellschaft zu hinterfragen, eingefahrene Muster zu durchbrechen und neue Wege anzuerkennen mit dem Ziel einer gerechteren Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Wiedemann, 1983 in München geboren, schreibt u. a. für FAS, analyse & kritik, Spiegel und Missy Magazine über Fragen von Kritik und Emanzipation. In Hamburg und Paris hat sie Journalistik und Soziologie studiert und im Anschluss eine Doktorarbeit zu neuen Formen von Kollektivität und Subversion unter digitalen Bedingungen verfasst, die 2016 mit dem Titel Kritische Kollektivität im Netz erschien


Angaben zum Buch
Herausgeber: Matthes & Seitz Berlin; 2. Edition (28. Januar 2021)
Taschenbuch: 218 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3957579492

Es geht nur gemeinsam

2013 riefen drei Frauen of Color die Bewegung „Black Lives Matter (BLM) ins Leben. Auslöser war der Freispruch eines Wachmanns, nachdem dieser einen 17-jährigen schwarzen Highschoolschüler erschossen hatte. Der Vorfall löste grosse Rassismusdiskussionen aus, nicht nur in den USA. Weitere Todesfälle hielten den Protest gegen Gewalt gegen Schwarze, bzw. People of Color sowie die Diskussionen um die Problematik des Rassismus, welches ein strukturelles ist, am Leben.

Ziel dieser Bewegung und der davon ausgelösten Diskussionen ist es, Rassismus zu bekämpfen, damit People of Colour nicht mehr struktureller Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt sind. Die Bewegung hat rund um den Erdball Aufmerksamkeit erregt und zu Protestaktionen geführt. Die Auswirkungen auf die Politik waren eher klein, an kritischen Stimmen mangelt es nicht. Doch das ist Stoff für einen anderen Artikel. Worum es mir hier geht, ist folgendes:

Seit der Bewegung „Black Lives Matter“ kommt es an amerikanischen Schulen immer wieder zu Aufregungen seitens der Eltern. Schulkommissionssitzungen werden gestürmt, aufgeregte Stimmen stören sich an Covid-Massnahmen, an links-liberalem Gedankengut und: an der „Critical Race Theory“. Sie begehren auf gegen Themen wie unbewusstem Rassismus, weissen Privilegien und einigen mehr. Sie finden es inakzeptabel, dass „solche Ideologien“ die Schule unterwandern. Gleichstellung könne kein Ziel sein, da es immer Verlierer geben müsse. Gleichstellung sei eine Gefahr für das Leistungsprinzip und darauf baue Amerika sein Identitätsbewusstsein: Alles ist möglich (wenn auch nur für einige, aber das zu sagen ist sicher auch inakzeptabel für diese Gemüter – oder aber sie erachten dies als ihr gutes Recht). Amerika ist in Gefahr durch solche Ideologien, so die aufgebrachte Kritik.

Die „Critical Race Theory“ (CRT) entstand in den 70er Jahren in den Vereinigten Staaten, sie wurde unter anderem mitentwickelt von Kimberlé Crenshaw, einer Rechtsprofessorin, welche auch den Begriff der Intersektionalität (Überschneidung mehrer Diskriminierungskriterien in einer Person) massgeblich geprägt hat. Im Zentrum der CRT steht die Fragestellung, wie sich Formen von Minderheitsdiskriminierung über Jahrzehnte/-hunderte halten konnten. Crenshaw sieht in den aktuellen Protesten allerdings eher einen Backlash gegen die BLM-Bewegung denn gegen die CRT. Solche Backlashes sind nicht neu, sie führten in der Geschichte jedes Mal zu einem Erstarken der Diskriminierung von Schwarzen. Auch in anderen Bewegungen sieht man diesen Effekt deutlich, zum Beispiel beim Feminismus, wo jeder Backlash das Erstarken des Patriarchats nach sich zog.

Kritiker des CRT propagieren einen umgekehrten Rassismus durch Massnahmen des CRT, zum Beispiel anti-rassistische Diversity-Seminare. Der Begriff des umgekehrten Rassismus ist nicht unumstritten, gibt es doch Stimmen, die sich dafür stark machen, dass es keine Diskriminierung von Weissen gebe, da diese durch ihre Hautfarbe und ihre Geschichte immer per se die Unterdrücker seien und sich deswegen schuldig fühlen müssten. Das erachte ich nicht nur als unangebracht, sondern schlicht und einfach als falsch. Es ist in meinen Augen zudem schlicht nicht zielführend, da es nur Fronten verhärtet oder gar neue schafft. Jeder Mensch kann unterdrückt werden, jeder Mensch kann diskriminiert werden, so wie auch jeder Mensch zum Unterdrücker werden kann – wenn die Situation entsprechend ist. Dass Diskriminierung in Gesellschaften mit strukturellem Rassismus mehrheitlich so gelagert ist, dass die Weissen die Privilegien haben (und damit die Schwarzen die Benachteiligten), lässt sich aus der Geschichte erklären: Fakt ist, dass in der Vergangenheit mehrheitlich Schwarze unterdrückt wurden und zwar von Weissen.

Fakt ist, dass es auch heute noch Rassismus gegen Schwarze gibt, von Weissen. Fakt ist auch, dass wir alle Menschen sind und uns in diesem Menschsein sehr ähnlich (wenn man bedenkt, wie ähnlich wir genetisch sogar Gorillas sind. Es scheint, hier greift das Tocqueville-Paradox, nach dem bei grösser werdender Ähnlichkeit die noch vorliegenden Unterschiede immer sensibler wahrgenommen werden.). Doch das scheint nicht zu reichen als gefühlte Verbindung, um gegenseitigen Respekt und gegenseitige Sorge aufzubringen, von Solidarität ganz zu schweigen. Wo liegt das Problem?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Individuum das Höchste der Gefühle ist. Das eigene Wohlergehen, die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten stehen im Fokus, sehen wir die gefährdet, kriegen wir Angst und fangen an zu kämpfen – gegen die (vermeintliche) Gefahr. Wir wissen zwar, dass wir ohne andere nicht überlebensfähig wären, aber wir suchen uns eine kleine Gruppe Ähnlicher aus, mit denen wir dann gegen den Rest vorgehen. Nur: Das ist sehr kurzsichtig. Schlussendlich leben wir alle gemeinsam auf dieser Welt, die eine Vielzahl von Problemen aufweist. Und bei jedem sind wieder andere involviert und sollten sich zusammenschliessen, um gemeinsam etwas zu erreichen. Dazu müssten wir aber miteinander reden können, was schwer wird, wenn wir beim letzten Problem die anderen zu Feinden erklärt (und gar mund-tot gemacht )haben. Ob wir uns wirklich wohl fühlen in so einer Welt? Wären wir nicht glücklicher mit mehr Verständnis (und damit Solidarität), auch für fremde Bedürfnisse, die immer von (wenn auch anders denkenden, aussehenden, fühlenden) Menschen kommen, wie auch wir welche sind?

Martin Bubers dialogisches Prinzip könnte dabei helfen, in dem es zu Bewusstsein führt, dass jedes „Ich“ nur existiert durch ein „Du“, mit dem es in Beziehung tritt. Dafür muss das Du selbst Subjekt sein, eine Objektifizierung würde zur Entfremdung zwischen den Individuen sowie in der Welt führen (vgl. dazu auch Jaeggi, Entfremdung). Im Wissen also, dass wir mit anderen in den Dialog treten müssen, dass wir in der Welt nur ein gelingendes Leben führen können, wenn wir das anderen ebenso zugestehen, sollten wir im Zeichen der Solidarität dahin gehen, das uns Verbindende zu nutzen, um noch offene Missstände anzugehen. Immer auch im Wissen, dass auch wir in anderen Fällen dieser Solidarität bedürfen, weil keiner allein die Welt verändert.

Leider sieht man es immer wieder in Bewegungen, dass sie sich nach einer Zeit spalten, einzelne Gruppen für ein eigenes Unterthema kämpfen und sich für diesen Kampf gegen die ehemalige Gemeinschaft stellen. Sehr deutlich konnte man das beim Feminismus sehen. Kämpften anfänglich alle gemeinsam für die Rechte der Frau, fühlten sich schwarze Frauen (zu recht) in ihren Belangen untervertreten und zu wenig unterstützt. Es folgte eine Spaltung und damit nicht nur eine Front innerhalb der Gruppe, sondern natürlich auch eine Schwächung derselben nach aussen durch die kleinere Grösse sowie den Energieverlust durch die eigenen Grabenkämpfe. Andere Grabenkämpfe kamen dazu, die jungen Feministinnen bekämpfen die alten, die schwarzen die weissen, die homosexuellen die heterosexuellen und umgekehrt. Kimberlé Crenshaws Ansatz der Intersektionalität könnte da Abhilfe schaffen. Wichtig ist dabei allerdings, nicht innerhalb der Diskriminierungskriterien Hierarchien zu schaffen, sondern Diskriminierung als ein grosses Thema (mit Unterthemen) zu betrachten, das uns alle angeht und das wir alle gemeinsam angehen müssen. Wobei wir wieder zurück beim Dialog wären. Halten wir es doch mit Gottfried Benn:

„Komm, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot.“

Und: er ist nicht nur nicht tot, er wird beim Zusammen-Reden (statt einfach nur auf den Anderen einreden) gehört. Dieses gegenseitige Gehörtwerden schafft eine neue Lebendigkeit und Kraft, für die gemeinsame Sache einzustehen.

Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung

Inhalt

„Vergewaltigung ist eine Form von sozialer Performance: Sie ist hochritualisiert. Sie variiert von Land zu Land und zwischen unterschiedlichen Zeiten. An Vergewaltigung ist nichts Zeitloses oder Zufälliges. Ganz im Gegenteil sind Vergewaltigung und sexuelle Gewalt tief in konkreten politischen, ökonomischen und kulturellen Umständen verwurzelt.“ (Joanna Bourke, Historikerin)

Über Vergewaltigung zu sprechen, ist nicht leicht für die Betroffenen, zu tief sitzen Scham- und Schuldgefühle. Vergewaltigung ist ein gewaltsamer Eingriff in die persönliche (körperliche und psychische) Integrität eines Menschen (mehrheitlich einer Frau) und es ist wichtig, dass wir einen Umgang damit finden, der Opfern eine Sprache gibt.

Mithu M. Sanyal analyisert in diesem Buch die historischen Umstände, die zu einer Kultur führten, in welcher Vergewaltigungen stattfinden. Sie zeigt auf, wie über Jahrhunderte Frauen abgewertet und damit zum Objekt für den Mann gemacht wurden. Sie erläutert, inwiefern eine Vergewaltigung nicht einfach ein einzelner gewaltsamer Akt ist, sondern ein strukturelles Problem. Zudem entwickelt sie Perspektiven, wie man dieses Problem auf individueller und struktureller Ebene verhindern kann.

Weitere Betrachtungen

„Ereignisse mögen objektiv sein, ihre Verarbeitung und Bewertung ist abhängig von einer ganzen Reihe persönlicher Faktoren (wie Ressourcen und Resilienz) und sozialer Bedingungen (Umfeld, Kultur, gesellschaftliche Wertvorstellungen etc.).“

Je nach sozialem Umfeld, nach dem eigenen Stand in der Gesellschaft und im Leben, trifft eine Vergewaltigung das Opfer anders und fällt die Auseinandersetzung damit schwerer. Studien zeigen, dass je nach Status in der Gesellschaft Opfer mehr oder weniger Misstrauen entgegenschlägt, dass auch die Art einer Vergewaltigung und inwiefern sie dem kulturellen Bild einer solchen entspricht, die Glaubwürdigkeit beeinflusst. Des Weiteren spielt auch die persönliche Veranlagung eine grosse Rolle im Umgang mit sexueller Gewalt.

„Sprache spielt nicht nur eine zentrale Rolle dabei, wie wir Vergewaltigung be- und verurteilen, sondern auch dabei, wie wir sie verarbeiten. Wir brauchen Narrative, um uns die Dinge, die uns geschehen, zu erklären, um sie erinnern zu können, und um unsere Innenwelt für die Aussenwelt sichtbar zu machen.“

Sexualität ist per se ein Tabu in unserer Gesellschaft, die weibliche sowieso, wird sie doch verneint, verteufelt oder aber verschwiegen. Das führt dazu, dass uns die Sprache fehlt, über solche Dinge zu sprechen. Sie fehlt umso mehr, wenn es darum geht, von Gewalt in dem Bereich zu sprechen, da Schuld und Scham Schweigen befördern. Es kann nicht gesagt werden, wofür man keine Worte hat, es kann auch nicht gesagt werden, wovon man fürchtet, dass es nicht gehört werden will oder gar verurteilt werden wird. Sanyal weist auf Susan Brownmillers Satzung hin,

„…, dass Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun habe, sondern alles mit Gewalt. Das war wichtig, weil sie damit klarstellte, dass Vergewaltigung nicht eine Spielart von Sexualität ist, sondern ein Verbrechen.“

Sexualität findet dann statt, wenn ein Konsens besteht, dass alle beteiligten Parteien das gleiche wollen. Ist dem nicht so, ist es keine Sexualität mehr, sondern Gewalt. Diese Unterscheidung ist wichtig, um eine Vergewaltigung als das zu sehen, was sie ist: Ein gewaltsamer Akt gegen einen Menschen. Daraus resultiert auch, dass der so zum Opfer gewordene Mensch keine Schuld trägt, weder durch seine Kleidung, sein Aussehen, sein Verhalten oder andere Eigenschaften. Jemand, der ein Nein nicht als Nein akzeptiert, verstösst gegen die Integrität eines anderen Menschen, verletzt seine Würde, zerstört ihn in seinem Wunsch auf Heil-Sein.

Persönlicher Bezug

„[bell] hooks erklärt […], dass die Fähigkeit, sich selbst und andere zu lieben und zu wertschätzen, ein elementarer Schritt zur Dekolonialisierung unserer Körper und Psychen ist. Schliesslich ist ein zentraler Aspekt von struktureller Unterdrückung, Menschen zu vermitteln, dass sie nicht denselben Wer haben – und damit nicht derselben Form der Liebe wert sind – wie weniger marginalisierte Gruppen.“

Es fängt vieles schon bei uns selber an. Wenn wir uns selber hassen, stufen wir uns automatisch tiefer ein als andere und der Umstand, dass die Anderen dann über uns stehen, gibt ihnen quasi mehr Wert und damit mehr Rechte – zu Unrecht. Kein anderer hat das Recht auf unsere Psyche oder unseren Körper. Was so offensichtlich klingt, ist im Alltag vieler nicht so einfach. Wir leben in Systemen, welche Wertverteilungen und Marginalisierungen in sich tragen und die in diesen Systemen Lebenden bis tief ins Unbewusste prägen. So sind wir uns der eigenen Abwertung oft nicht bewusst. Und genauso unbewusst fallen Abwertungen anderer aus – wir verhalten uns in einer kulturell geprägten Art und unterstützen damit immer weiter die strukturelle Gewalt.

So gesehen sind wir nicht einfach Opfer einer Kultur, wir haben einiges selber in der Hand. Aber wir leben in ebendieser Kultur und müssen ihre zugrundeliegenden Muster und Prägungen aufdecken und durchbrechen, um zu einer Veränderung zu kommen.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über den Begriff der Vergewaltigung, deren Hintergründe und Bedingungen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Dr. Mithu Melanie Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin sowie Referentin für Genderfragen und Dozentin an verschiedenen Universitäten. Sie schreibt für WDR, SWR, Deutschlandfunk, Der Spiegel, The Guardian, taz, Missy Magazine, Vice etc. Ihre Bücher »Vulva« (2009) und »Vergewaltigung« (2016) wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die englische Ausgabe »Rape« wurde 2017 mit dem Preis Geisteswissenschaften International ausgezeichnet. 2021 erschien ihr Roman »Identitti« (Hanser). Im selben Jahr erhielt Mithu Sanyal den Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Edition Nautilus GmbH; 3. Edition (23. November 2020)
Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3960542452

Keine Demokratie ohne Dialog

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das hört man in der heutigen Zeit häufig und meistens werden als Grund dafür Corona und die deswegen vom Staat verhängten Massnahmen ins Feld geführt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses die Gründe für die Spaltung sind oder aber sie dieselbe, schon dagewesene, deutlich machten. Neu, davon bin ich überzeugt, ist diese Spaltung nicht, denn Spaltungen gab es immer, sowohl strukturell (arm-reich, das Patriarchat mit der Unterdrückung der Frau, etc.) wie auch in den Gesinnungen der Mitglieder der Gesellschaft. Sie teilen diese immer in zwei Lager: Dafür und dagegen.

Ich bin schon lange der Meinung, dass unser Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist, dass wir mit unserer Art des Zusammenlebens die Demokratie gefährden und ad absurdum führen. Wenn man sich anschaut, was Demokratie bedeutet, ergibt sich folgende kurze Definition:

„Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (…) vom Volk durch die Wahl von Vertretern (Repräsentanten) und Vertreterkörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (…) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind. […] Demokratisch nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen (analog zur demokratischen Staats- und Gemeindeverfassung) alle Mitglieder chancengleich Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können.“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Nun gibt es verschiedene Formen der Demokratie, welche ich hier nicht weiter behandeln möchte. Relevant für mein Thema hier ist nur noch, dass in einer Demokratie freie Menschen frei wählen können und bei solchen Wahlen das sogenannte Mehrheitsprinzip zum tragen kommt. Das heisst: Bei demokratischen Entscheidungen gilt, was von der Mehrheit der Wählenden (verfassungskonform) bestimmt wird. Dass dies nicht immer befriedigend ist für die Minderheit, die den Entscheid mittragen muss, liegt auf der Hand. Was aber wäre die Alternative? In meinen Augen keine, welche die Vorzüge einer Demokratie behält und etwaige Problematiken beseitigen könnte.

Zentral für eine funktionierende Demokratie ist in meinen Augen ein funktionierender Austausch zwischen denen, welche die Entscheidungsgewalt haben. Nur so kann es gelingen, eine Lösung für Probleme zu erhalten, welche für die grösstmögliche Mehrheit stimmt und für die kleinstmögliche Minderheit trotz allem tragbar ist. Allen Menschen recht getan, ist auch hier nicht möglich. Aber schon hier sehe ich das grosse Problem in der heutigen Zeit, weswegen ich die Demokratie als gefährdet erachte:

Wenn ich mir Diskussionen anhöre, merke ich immer wieder, wie verhärtet Fronten sind. Es scheint, als ob Menschen nicht mehr an einem Diskurs interessiert sind, als ob Dialektik ein vergessenes Gut und stures Beharren auf der je eigenen Sicht das einzige Interesse ist. Andere Meinungen werden nicht mehr gehört, sie werden mit eigenen Argumenten in Grund und Boden gestampft. Nützt das nichts, wird der Anders-Denkende als Idiot bezeichnet und bevorzugt zum Schweigen gebracht – in den Sozialen Medien dadurch, dass man ihn ignoriert oder blockiert.

Ausgehend von meiner Hypothese, dass ohne Austausch keine (gelebte und gelingende) Demokratie möglich ist, bedeutet dies den Tod derselben. Wir müssen aber nicht mal in die Politik gehen, obwohl die Staatsform natürlich eine Sicherung der persönlichen Interessen einer Gesellschaft ausdrücken soll (im Idealfall) und damit natürlich relevant ist für den einzelnen Menschen. Schon die Gesellschaft ist eine grosse Gruppe, die oft zu abstrakt klingt. Wir leben darin, aber was ist sie konkret? Schauen wir uns also das Problem im kleineren Rahmen an: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders denken? Hören wir uns an, was sie zu sagen haben, wie sie zu ihrer Meinung kommen? Können wir ihre Meinung auch einmal stehen lassen und akzeptieren, dass wir in gewissen Punkten nicht einer Meinung sind? Oder stimmt für uns ein Miteinander nur, wenn einer den anderen überzeugt hat (bevorzugt wir den Anderen)? Die Vehemenz, mit welcher heute Diskussionen ausgefochten (die Kriegsmetaphorik ist bewusst gewählt) werden, besorgt mich.

Was mich ebenso besorgt, ist, dass in solchen Diskussionen nicht nur nicht genau hingehört wird, sondern die Gegenargumente oft auch aus dem Zusammenhang gerissen, falsch wiedergegeben werden und der sie Äussernde durch solche Fehlzuschreibungen verunglimpft wird. Das ist mir in letzter Zeit zum Beispiel mehrfach bei Interviews mit Svenja Flasspöhler aufgefallen. Die Philosophin hat es in verschiedenen Themen (#metoo, Coronamassnahmen, etc.) gewagt, nicht einfach die landläufig akzeptierten Aussagen der breiten Mehrheit der populären meinungsmachenden Stimmen zu wiederholen, sondern einen skeptischen Blick auf die Materie zu werfen, welcher diese von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Das allerdings reichte, um immer wieder Angriffe nicht nur gegen ihre Argumente, sondern gegen ihre Person auszulösen. Es wurde gar die Philosophie bedauert, weil jemand wie Flasspöhler (promovierte Philosophin, Chefredaktorin des Philosophiemagazins und Organisatorin der phil.cologne) sie sich auf die Fahnen schreibe. Um dahin zu kommen, wurden ihre differenzierten Ansichten auseinandergenommen, Erklärungen ignoriert oder verdreht, und die so aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen als Anklagepunkt verwendet. Bei jedem folgenden Interview war Flasspöhler fast genötigt, noch mehr Disclaimer, was sie alles nie gesagt oder gemeint hätte, anzufügen, bevor sie zur Beantwortung einer Frage gehen konnte. Es gäbe noch viele weitere Beispiele mit anderen Personen, die mir jüngst aufgefallen sind, das eine möge exemplarisch für alle stehen.

Es ist gut und wichtig, eine Meinung zu haben, und eine Meinung muss auch vertreten werden, schliesslich steckt eine Überzeugung dahinter. Was ich aber vermisse, ist die Einsicht, dass wohl keiner allein in jedem Fall immer die ganze Wahrheit sieht oder alles wissen kann. Wer glaubt, Wahrheit erkenne man nur von einem (dem eigenen) Standpunkt heraus, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – oder hat er die Krümmung gesehen von da, wo er steht? Hinzuhören, wie man etwas auch noch anders sehen kann, oder wie es von einer anderen Warte aus gesehen wird, kann helfen, den eigenen Blick zu weiten. Das kann dazu führen, dass man merkt, dass die eigene Sicht richtig war, weil man im Gedanken des Anderen einen Denkfehler findet, es kann dazu führen, die eigene Sicht zu revidieren oder anzupassen, weil man merkt, dass man etwas nicht bedacht hat, oder es kann zu einer gemeinsamen neuen Meinung führen, welche mehr ist als nur die Summe ihrer Teile, sondern ein ganzheitlicherer Blick auf eine Welt, die so komplex ist, dass einer allein sie kaum je wird erfassen können.

Wenn wir das nun auf die Demokratie anwenden und darauf, wie Menschen, die diese gestalten sollen, agieren müssten, komme ich zu dem Schluss: Es wird uns nur gemeinsam gelingen, die Welt so zu schaffen, dass sie für all die, welche sie bewohnen müssen, eine gute Welt ist, in welcher jeder sich nach seinen Fähigkeiten als Gleichberechtigter entwickeln kann und die Chance hat, zu partizipieren. Dazu bedarf es eines offenen Dialogs unter als gleichwertig Anerkannten, die man als mit sich verbunden sieht, weil sie wie man selber auch, in eine Welt geworfen wurden, die sie sich nicht ausgesucht haben, in welcher sie nun aber ein gelingendes Leben leben möchten.

Kate Manne: Down Girl

Die Logik der Misogynie

Inhalt

„Konstitutiv betrachtet, umfasst Misogynie in einem gesellschaftlichen Milieu die feindseligen Kräfte, a) mit denen eine (grössere oder kleinere) Gruppe von Frauen und Mädchen konfrontiert ist, eben weil sie Frauen und Mädchen…sind; undb) die zur Kontrolle und Durchsetzung einer patriarchalischen Ordnung dienen und sich in Verbindung mit anderen, sich überschneidenden Herrschafts- und Benachteiligungssystemen äussern…“

Kate Manne legt mit analytischer Klarheit und anhand von vielen Beispielen eine Studie über Misogynie, ihre Ursprünge, ihre Ausprägungen und ihre Auswirkungen vor. Sie zeigt deren Verankerung in Gesellschaft und Politik, beschreibt das ihr zugrundeliegende Frauenbild und die Mittel, mit welchen Misogynie betrieben wird. Neben einer klaren Begriffsanalyse, in welcher auch die Abgrenzung zum Sexismus definiert wird, behandelt die Philosophin verschiedene Probleme beim Umgang mit der Misogynie, sie schreibt von der Bedrohung von Frauen, von der Verharmlosung und Ignoranz gegenüber Taten und Tätern, vom Misstrauen gegenüber Opfern und damit einhergehenden weiteren Herabsetzungen derselben.

Weitere Betrachtungen

„Somit dient Misogynie dazu, vor dem Hintergrund anderer sich überschneidender Systeme von Unterdrückung, Verwundbarkeit, Dominanz und Benachteiligung sowie unterschiedlicher materieller Ressourcen, fördernder beziehungsweise hemmender Gesellschaftsstrukturen, Institutionen, bürokratischer Mechanismen usw. die Unterwerfung der Frauen durchzusetzen und zu überwachen und männliche Herrschaft aufrecht zu erhalten.“

Misogynie ist nicht einfach ein jeweils einzelner Fall von Herabsetzung oder Beleidigung, sie ist ein strukturelles Mittel, eine Eigenschaft gesellschaftlicher Verhältnisse, um Frauen in patriarchischen Gesellschaften zu unterdrücken.

„Ich beschreibe Misogynie als System feindlicher Kräfte, das im Grossen und Ganzen aus Sicht der patriarchalischen Ideologie insofern sinnvoll ist, als es die patriarchalische Ordnung wirkungsvoll durchsetzt und kontrolliert.“

Die Problematik liegt also dabei darin, dass das System, welches die Misogynie hervorbringt und pflegt, auch das System ist, vor welchem man Fälle davon behandeln würde. Es sind Polizisten und Richter aus ebendem System, welche darüber entscheiden, ob ein Fall von Misogynie geahndet werden muss. Dass dabei die Entscheidung oft negativ ausfällt, scheint auf der Hand zu liegen, auf alle Fälle sprechen die entsprechenden Fälle eine dementsprechende Sprache.

„Wenn unsere Loyalität dem Vergewaltiger gilt, fügen wir den Verletzungen, die er seinen Opfern beigebracht hat, noch eine tiefgreifende moralische Kränkung hinzu.“

Viele Vergewaltigungen kommen nicht zur Anzeige aus Angst des Opfers vor dem, was es dabei durchmachen müsste. Doch auch viele zur Anzeige gebrachten Fälle gehen straffrei aus, wobei die angeführten Gründe dafür vielfältig sind und im Schlimmsten Fall sogar dem Opfer zugeschrieben werden (zu kurzer Rock, zu anzügliches Verhalten, etc.). Dass dabei nicht nur ein Verbrechen ungesühnt bleibt, sondern auch ein Opfer zum zweiten Mal zum Opfer gemacht wird, wird ignoriert.

Opfer von Misogynie nicht ernst zu nehmen, sie als Lügner abzustempeln oder ihnen mangelnde Widerstandsfähigkeit vorzuwerfen, stellt nicht nur eine weitere Abqualifizierung einer schon zum Opfer gemachten Frau dar, dieses Verhalten dient der Verstärkung der Misogynie und entspringt denselben Mechanismen, denen auch diese selber entspringt: Einem patriarchalischen Weltbild, einer Ideologie, welche sich durch solche Verhaltensweisen ausdrückt und selber am Leben lässt. Es gilt, diese Strukturen und Verhaltensweisen aufzudecken, anzuprangern und auszurotten. Es darf nicht sein, dass sich ein so frauenverachtendes und diese herabsetzendes Verhalten immer weiter in die DNA unserer Gesellschaft einfrisst und diese auf eine Weise prägt, welche gefährlich ist für die, welche unterdrückt werden, weil es deren körperliche und seelische Integrität bedroht.

Kate Manne hat sich in diesem Buch einem wichtigen und aktuellen Thema angenommen, das bislang in der Literatur zu kurz kam. Sie hat – wohl um einer besseren Anschaulichkeit willen, diverse (teilweise willkürlich gewählt wirkende) Beispiele angefügt, welche sie in einer seitenlangen Ausführlichkeit darlegt und auf die sie im Laufe des Buches auch immer wieder zurück kommt. Dieses Vorgehen stört den Lesefluss dessen, dem es um eine reine konzise Beschreibung des Begriffes geht, es macht das Lesen anstrengend und dehnt es unnötig aus. Das Buch weist einen wissenschaftlichen Duktus auf, hält diesen Schein dann aber formal nicht wirklich ein. Zudem stellt Kate Manne viele Fragen und Vermutungen in den Raum, bleibt aber oft die Antworten schuldig. Trotz allem ist das Buch empfehlenswert, wenn auch nicht frei von Mängeln.

Persönlicher Bezug

„Daraus folgt, dass wir Grund haben, kritisch zu sein und an unseren Instinkten zu zweifeln, wenn wir den Eindruck haben, eine Frau „spiele das Opfer“, ziehe die Gender-Karte oder sei allzu dramatisch… Ihr Verhalten mag nicht deshalb herausstechen, weil wir es nicht gewöhnt sind, dass Frauen in diesen Zusammenhängen das ihnen Zustehende einfordern.“

Misogynie kann auch im Kleinen gefunden werden, in so genannt witzigen, eigentlich aber abwertenden Bemerkungen. Frauen werden oft dazu erzogen, still zu sein, Dinge hinzunehmen, nicht zu laut aufzubegehren. Werden sie dann beleidigt und klagen das lautstark an, werden sie schnell belächelt und gar verspottet, man hört Aussagen wie „nun hab’ dich doch nicht so!“, „das war doch nur witzig gemeint“ und dergleichen mehr. Und ja, man fühlt sich als Frau dann humorlos und fragt sich, ob man wirklich übertreibt.

Witze, die Menschen herabsetzen, sind nicht lustig. Sie sind beleidigend und unnötig. Humor ist eine Tugend und das Leben ist schöner damit, dies gilt aber nur, wenn die Witze nicht dazu dienen, Hierarchien zu schaffen, den einen über den anderen zu stellen. Witze sollten nie verletzen, sie sollten nie herabsetzen. Tun sie das, sind es keine Witze und das muss gesagt werden dürfen. Wer das nicht begreift, hat nicht nur ein Humor-Problem, sondern auch eines im respektvollen Umgang mit Menschen. Dies dem Frieden zu liebe zu ignorieren, mag eine lange eingeübte Verhaltensweise sein, aber keine, welche auf lange Frist jemandem dient. Schon gar nicht dem Herabgesetzten.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, sehr (zu?) umfangreiches Buch über den Begriff der Misogynie, deren Ursprünge und Auswüchse. Empfehlenswert.

Autorin
Kate Manne ist Assistant Professor of Philosophy an der Cornell University, außerdem schreibt sie für die New York Times, Times Literary Supplement, Newsweek und The Huffington Post. Für ihre Forschung wurde sie u.a. mit dem General Sir John Monash Award ausgezeichnet, der herausragende australische Wissenschaftler*innen fördert. Ihr Buch Down Girl wurde von Times Higher Education und der Washington Post zu einem der besten Bücher des Jahres 2017 gekürt.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 1. Edition (20. Juli 2020)
Taschenbuch: 512 SeitenISBN-Nr.: 978-3518299197

Sophie Passmann: Alte weisse Männer

Ein Schlichtungsversuch

Inhalt

„Männer, die einigermassen wachen Auges durch die Welt schreiten, werden anerkennen, dass ihr bisher schier uneingeschränkter Zugang zu Teilhabe und Mitsprache in Gremien, Parlamenten, Institutionen und Ämtern nie wirklich zweifelsfrei zustand. Die anderen scheinen den Feminismus in ihren Bestrebungen für etwas Lächerliches zu halten, sie betrachten den Wandel nicht als logische Konsequenz einer aktuellen Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, sondern als lästige Option, über die man sich nur lang genug lustig machen müsse, damit sie verschwindet.“

Wer ist das, dieser alte weisse Mann? Ist er wirklich an allem schuld? Wie wird einer ein alter weisser Mann und kann er auch wieder ein anderer werden? Gar Feminist? Sophie Passmann trifft Männer, die in die Kategorie des alten weissen passen könnten und unterhält sich mit ihnen über Feminismus, über Rollenbilder, über Klischees. Entstanden ist ein kurzweiliges, gut lesbares, unterhaltsames Buch, das mit einigen Vorurteilen aufräumen kann, zeigt, dass Feminismus auch dort gelebt werden kann, wo er nicht vermutet oder als solcher deklariert wird, und Hoffnung macht, dass Veränderungen zum Guten im Gange sind.

Weitere Betrachtungen

„Ich denke, man meint damit eine Kultur, die von sich selbst annimmt, dass sie dominant ist, sowohl ökonomisch wie in der Geschlechterpolitik, wie global gesehen. Und deswegen ist der Kontrollverlust des alten weissen Mannes gleichbedeutend mit dem Niedergang des Westens, der westlichen Dominanz der Industriegesellschaft.“ (Robert Habeck)

Robert Habeck bringt den Begriff „Alter weisser Mann“ gleich am Anfang auf den Tisch und zeigt, dass es sich dabei eher um ein patriarchalisches Konstrukt als um einen konkreten Mann handelt. Es ist wichtig, die fehlende Gleichberechtigung nicht bei einzelnen Individuen anzuklagen, sondern sie im grossen Zusammenhang zu sehen. Die Gesellschaft mit ihren Strukturen und Institutionen ist über Jahrzehnte gewachsen, das Patriarchat hat sich gefestigt und für eine Gruppe von Menschen so bewährt, dass die Gefahr des Verlusts nicht einfach so hingenommen werden will.

„Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, bis heute. Unsere kulturelle Prägung beruht auf der Übermacht des Mannes, diese Übermacht durchzieht ausnahmslos jeden gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Bereich unseres Lebens.“ (Robert Habeck)

Was so lange währt, hinterlässt tiefe Spuren, die sich nicht von heute auf morgen tilgen lassen. Verhaltensmuster sind – bei Männern und Frauen – tief eingeprägt, die eigenen Privilegien durch das System jeweils bekannt, die Angst, daran etwas zu ändern und den eigenen Status zu verlieren, gross. Es ist nötig, sich diesen oft unbewussten Prozessen bewusst zu werden, sie zu analysieren und Wege zu finden, sie zu durchbrechen.

„Es hilft gerade in unserer Zeit, die ja eigentlich nur noch geprägt ist von Lagerbildung, wenn man zumindest mal die Bereitschaft hat, die andere Seite anzusehen… Aufgelöst können die [Lager] mit Augenzwinkern und Selbstironie und vor allem Leichtigkeit. Es kann auch nie schaden, die eigene Fehlbarkeit vielleicht mal wieder ein bisschen mehr in den Fokus der eigenen Betrachtung zu rücken.“ (Micky Beisenherz)

Gerade wenn es darum geht, Unterdrückung aus der Welt zu schaffen, ist es widersinnig, neue Fronten zu bilden. Fronten sind immer dazu da, Hierarchien zu schaffen und damit neuen Formen von Abwertungen Platz zu schaffen. Anders denkende Menschen denken haben oft Gründe für ihr Anders-Denken. Um eine gemeinsame Basis zu finden, ist es wichtig, den Dialog zu suchen, um diese zu verstehen. Dies gelingt oft besser mit etwas Leichtigkeit statt nur mit Verbissenheit.

„Du musst Leute haben, die den Mumm haben, zu stören, diese heile Welt, die es ja gar nicht gibt, wie soll es anders gehen?“ (Claus von Wagner)

Natürlich wünschen wir uns eine harmonische Welt, eine friedliche Welt, Konflikte zu vermeiden ist oft einfacher als sie auszufechten. Trotzdem werden wir nichts ändern, wenn wir Dinge unter den Teppich kehren, wenn wir die Augen verschliessen vor Missständen, wenn wir um des lieben Friedens Willen einfach schweigen. Wenn ein Missstand da ist, muss er angesprochen werden. Wenn er aus der Welt geschafft werden soll, braucht das Einsatz – auch wenn dieser nicht immer angenehm, bequem und nett ist.

„Wer Frauen erst gleich behandelt, weil ein Gesetz ihn dazu zwingt, behandelt Frauen in allerletzter Konsequenz nicht gleich. Das kann man als humanistische Romantik abtun, eigentlich sollte es aber zum Selbstverständnis jedes aufgeklärten Mannes gehören.“ (Kevin Kühnert)

Brauchen wir eine Quote oder ist sie nicht auch eine Form der Nicht-Anerkennung der Leistung? Wenn jemand eine Stelle nur kriegt, weil eine Quote besteht, kann er auf diese Stelle stolz sein? Doch was, wenn sich ohne Quote nichts ändert, weil die Mechanismen zu tief gefestigt und die ungerechte Verteilung damit zu festgefahren ist? Wäre Bewusstseinsbildung nicht wichtiger als Quoten? Eine Thematik, die in dem Buch angesprochen wird und zum weiteren Nachdenken anregen soll.

Persönlicher Bezug

«Jede Frau, die Feminismus ernsthaft betreibt, muss sich von der Idee verabschieden, sich damit bei einem Grossteil der Männer beliebt zu machen. Feminismus ist, wenn er radikal im eigentlichsten Sinne des Wortes betrieben wird, unbequem, anstrengend, omnipräsent und lästig.»

Feminismus ist nichts für brave Mädchen, die gefallen wollen. Beschäftigt man sich mit der Thematik, muss man sich darauf einstellen, dass einem im besten Fall dumme Sprüche und anzügliche Bemerkungen begegnen, im schlimmsten Fall wird man zur Persona non grata, zum Feindbild. Dass dem so ist, hängt sicher zum grossen Teil damit zusammen, dass in vielen Köpfen zu viele Klischees vorhanden sind, wie Feministinnen sind und was Feminismus will. In der Abwertung von beidem liegt sicher viel Unsicherheit und auch Angst, Angst darüber, was die Konsequenz sein könnte, wo man steht, wenn plötzlich an den hergebrachten Strukturen gerüttelt wird. Ich bin überzeugt, dass Feminismus – so wie ich ihn verstehe – schlussendlich allen zu Gute kommt, weil er damit aufräumen will, Menschen in vorgefertigte Rollen zu packen, die diese dann ausfüllen müssen. Unsere vorgefertigten Rollenmodell unterdrücken nicht nur Frauen und berauben sie der gleichberechtigten Teilhabe in unserem Gesellschaftssystem, es setzt auch Männer unter einen – oft kaum zu bewältigenden – Leistungs- und Erwartungsdruck.

„Theoretisch können alle mit allen ins Gespräch kommen, die eigenen Standpunkte vergleichen und meinetwegen am Ende weiterhin darauf beharren. Die Welt wird dadurch nicht zwangsweise einfacher, aber aus jeder Chiffre wird dann plötzlich ein Mensch.“

Wichtig für eine gelingende Sache ist – ich werde wohl nie müde, das zu sagen – dass wir zu einem Miteinander kommen, dass wir uns nicht hinter den Fronten der eigenen Argumente verschliessen und alles andere abprallen lassen. Nur wenn wir als pluralistische Gesellschaft miteinander in einen Dialog treten, können wir auch erwarten, dass wir als pluralistische Gesellschaft gleichberechtigt leben können.

Zum Thema des alten weissen Mannes und mehr habe ich kürzlich den Artikel geschrieben: Die Schöne und das Biest

Fazit
Ein gut lesbares, unterhaltsames und doch auch informatives Buch zum Begriff des alten weissen Mannes, zum Feminismus sowie ein Versuch, Verbindendes zu finden oder Brücken zu schlagen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Sophie Passmann, 1994 geboren, ist Satirikerin, Autorin und Moderatorin. Ihr Buch „Alte weiße Männer“ stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, sie schreibt eine monatliche Kolumne im ZEIT Magazin und war Ensemble-Mitglied beim Neo Magazin Royale. Sie twittert mehrmals täglich, ohne, dass sie jemand darum bittet. 

Angaben zum Buch
Herausgeber: KiWi-Taschenbuch; 12. Edition (7. März 2019)Taschenbuch: 288 SeitenISBN-Nr.: 978-3462052466

Susan Arendt: Sexismus

Geschichte einer Unterdrückung

Inhalt

«Dem Buch geht es darum, Sexismus als etwas Systemisches zu verstehen und entsprechend zu fragen, was ihn im Kern zusammenhält. Im Zentrum steht dabei die These, dass Sexismus an Macht gebunden ist, die auf dem Postulat der binären Zweigeschlechtlichkeit aufgebaut und dadurch patriarchalische Herrschaft ermöglicht.»

Die gesellschaftlich verteilte Macht an die heterosexuellen Männer führt zur Unterdrückung von Frauen, homo-, intersexuellen und transgeschlechtlichen Menschen. Susan Arndt versucht die dahinter liegenden Mechanismen zu analysieren, indem sie auf die biologische Erklärung der Zweigeschlechtlichkeit eingeht, die daraus resultierenden sozialen Deutungen herausarbeitet und die darauf fussenden Moral- und Rechtsvorstellungen beschreibt. In der Folge werden Massnahmen aufgezeigt, die helfen, das System zu durchbrechen, dies auf gesetzlicher, sozialer und individueller Ebene.

Weitere Betrachtungen
Anhand von persönlichen Erlebnissen und sachlichen Referenzen zeigt Susan Arendt, wie präsent Sexismus in der heutigen Gesellschaft ist. Es sind nicht nur die offensichtlichen (oft gewaltsamen) körperlichen Übergriffe, es fängt schon viel früher an.

«Sexuelle Belästigung umfasst also ein breites Spektrum von Handlungen. Physische Übergriffe und diskriminierende Vokabeln sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auch verbale Übergriffe wie Witze, Kommentare, Erzählungen über Sexualität oder (vermeintliche) Komplimente gehören zum Gesamtbild.»

Wie oft hört man als Frau, wenn man sich wehrt, man sei empfindlich, das sei nur ein Witz? Auch die Aussage, man dürfe bald keine Komplimente mehr machen, wenn man nicht inhaftiert werden wolle, ist eine gern geäusserte. Aber: Will Mann wirklich sagen, dass er so dumm ist, so wenig Feingefühl hat, um nicht zu merken, wo etwas angebracht, gar gewünscht ist, und wo nicht? Ich traue Männern mehr zu. Leider lassen sich viele Frauen von solchen Aussagen einschüchtern oder fühlen sich gar schuldig, schämen sich. Ein Teufelskreis. Bücher wie das von Susan Arendt können da helfen, ein grösseres Bewusstsein zu schaffen dafür, dass es Grenzen gibt und diese eingehalten werden müssen.

«Bis in die letzten Zipfel der weissen deutschen Männer*gesellschaft hinein wissen die meisten offensichtlich sehr wohl, dass es sich nicht gehört, Frauen* anzugrapschen oder verbal übergriffig zu werden. Dennoch tun dies viel zu viele im Windschatten der sexistischen Sozialisation und der sie tragenden Institutionen und Strukturen, Wissensparadigmen und Grundsätze. »

Das grösste Problem bei all dem ist wohl, dass hinter jedem einzelnen Mann, der sich übergriffig verhält, ein System steht, welches ihn schützt. Dieses System ist über Jahre gewachsen und hat kein Interesse daran, gestürzt zu werden. Dass zum Selbstschutz also oft mit harten Bandagen, subtilen Mitteln und machtvollen Argumenten gekämpft wird, liegt auf der Hand.

«In konsequenter Fortführung des Anspruchs darauf, Diskriminierung in gegebenen Komplexitäten zu diskutieren, adressiert Intersektionalität in seiner aktuellen Dimension aber nicht nur die Verschränkung von Rassismus und Sexismus, sondern alle Facetten der Mehrfachdiskriminierung: Sexismus, rassistische Verortungen, Religion, soziale Schichten, Nation, Gesundheit, Dis*ability, Körpernormen, Ethnizität, Alter wirken ineinander, ohne auseinanderdividiert werden zu können.»

Nie aus den Augen verlieren dürfen wir aber, dass Frausein nicht der einzige Grund für Unterdrückung ist. Alles, was nicht der landläufigen Norm entspricht, läuft Gefahr, Diskriminierung zu erleben. Meistens kumuliert sich dies noch, wenn verschiedene Punkte in einem Menschen vereint sind.

Susan Arndt ist ein tiefgründiges, sachliches und fundiert recherchiertes Buch gelungen, das auf die Auswüchse des Sexismus in der heutigen Gesellschaft aufmerksam macht und diese durchleuchtet. Dass all dies nicht auf Kosten der Lesbarkeit geht, zeichnet das Buch zusätzlich aus aus.

Persönlicher Bezug

«Sexismus ist eine Machtstruktur mit System, in das alle strukturell und diskursiv eingebunden sind, ganz egal, ob das nun jemand will oder nicht. Alle durchlaufen in gemeinsam geteilten Räumen konkreter historischer Zeiten ähnliche Sozialisierungsmuster; alle werden unterschiedlich stark davon geprägt und gebrochen. Alle stecken ein und alle teilen aus… Es geht also nicht um Schuldzuschreibungen, aber es geht um MitVerantwortung.»

Ich war in meinem Leben oft Sexismus ausgesetzt. Vom übergriffigen Chefredaktor einer grossen Schweizer Zeitung über eine Professorin, welche fand, als Frau und Mutter könne ich keine Dissertation schreiben, bis hin zu Bemerkungen, ich hätte meine Prüfungen wohl nur aufgrund eines kurzen Rockes geschafft, war alles dabei (und noch so vieles mehr). Trotzdem denke ich, ist es zu kurz gegriffen, die alleinige Schuld dem Mann in die Schuhe zu schieben und ihn zum Summum Malum zu erklären.

Wir alle sind Kinder einer Zeit und einer Gesellschaft. Das Einzige, was wir tun können, ist hinschauen, bewusst wahrnehmen, was läuft und die Missstände angehen. Gemeinsam und nicht gegeneinander.

Fazit
Ein informatives, ausführliches, gut recherchiertes, sachliches Buch über Sexismus, was er bedeutet, wie er entstanden ist und was wir als Gesellschaft brauchen, die ihn befördernden Strukturen aufzubrechen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Susan Arndt ist Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft und anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ C.H.Beck; 1. Edition (17. September 2020)
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3406757976

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Carolin Emcke: Ja heisst ja und…

Ein Monolog

Inhalt

«Ich schreibe, als ob ich murmeln würde: leise, mehr vor mich hin als schon an andere gerichtet. Es ist eher ein Nachdenken mit der Tastatur. Schreibend denkt es sich genauer.»

Die #MeToo-Debatte hat ein Thema zum Gespräch gemacht, das vorher totgeschwiegen wurde: Sexuelle Gewalt. Wie werden Machtstellungen missbraucht, um Menschen auszunutzen? Wo kommt diese Gewalt her und wie können wir die zugrundeliegenden Strukturen entlarven und aufbrechen? Wie können wir unsere Welt zu einer sichereren für alle machen, zu einer, in welcher wir gleichberechtigt miteinander leben?

Carolin Emcke nimmt sich diesen Fragen an, obwohl sie schon am Anfang weiss, dass es schwer sein wird, abschliessende Antworten zu finden. Anhand von persönlichen Erlebnissen und Analysen der Gesellschaft, versucht sie die komplexen Verhältnisse von Macht, Gewalt, Sexualität und Lust zu durchdringen. Entstanden ist ein Monolog, der zum Dialog mit dem Leser aufruft.

Weitere Betrachtungen

«Um etwas kritisieren zu können, muss man es sich vorstellen können und wollen. Um sich etwas vorstellen zu können, muss man es benennen können. Wenn Gewalt abstrakt bleibt, wenn es für sie keine konkreten Begriffe und Beschreibungen gibt, bleibt sie
unvorstellbar,
unwahrscheinlich,
unantastbar.»

Viele Themen werden todgeschwiegen, als denke man, sie existieren nicht, wenn man nicht darüber spricht. Dazu kommt, dass Themen wie Sexualität und sexueller Missbrauch mit Scham und oft auch Schuld behaftet wird. Das ist bei der einvernehmlich gelebten Sexualität schon schade, aber bei sexueller Gewalt ist es verheerend. Wenn Opfer von Missbrauchserfahrungen zum Schweigen verdammt sind, weil sie nicht wissen, wie und mit wem sie über ihre Erfahrung reden können, wenn sie keine Worte dafür haben, was passiert ist, keine Sprache, die Tat und Leid abbilden, bleiben sie damit allein, ungesehen, verletzt.

«Ist ahnungslos, wer erwartet, nicht gedemütigt zu werden?
Ist selbst schuld, wer erwartet, nicht belästigt zu werden?»

Zur Sprachlosigkeit kommt die Angst: Wenn Opfer von sexueller Gewalt befürchten müssen, dass ihnen nicht geglaubt wird, man sie selber oft zum (Mit-)Schuldigen macht, werden sie es sich zweimal überlegen, ob sie das tun sollen, da sie dadurch quasi einen zweiten Missbrauch erleben würden. Sexuelle Gewalt ist nie die Schuld des Opfers, egal, ob dieses einen kurzen Rock trug, sich in düsteren Etablissements aufhielt (zumal der häufigste Missbrauch im Freundes- und Familienkreis vorkommt) oder dergleichen. Sexueller Missbrauch ist ein Unrecht, ist eine begangene Tat von einem Täter, welcher allein die Schuld daran trägt. Solange dieses nicht endlich in allen Köpfen angekommen ist, werden Opfer sich zusätzlich zur Tat auch noch mit Schuld- und Schamgefühlen quälen.

«Ohne die Fähigkeit und Möglichkeit des Nachdenkens jenseits der eigenen Bedürfnisse, jenseits der eigenen Gruppe, Klasse, Lebensform, ohne das Entwickeln von Begriffen und Vergleichen zwischen unterschiedlichen Erfahrungen kann keine Gerechtigkeit, keine Anerkennung, keine Freiheit gedacht werden.»

Bei verschiedenen Diskriminierungsformen, sei es Sexismus, Rassismus oder die Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts, gibt es immer wieder Stimme, die finden, dass Ihnen nie etwas passiert sei. Das ist toll, nur hilft es denen, denen es passierte, nicht. Auch Vorschläge, man solle weniger empfindlich sein, sich halt wehren, alles nicht so eng sehen, gehen am Ziel vorbei, da ein strukturelles Unrecht ein Unrecht bleibt und nicht durch ein dickes Fell im Einzelfall zu beheben ist. Ob es wünschenswert ist, immer auf der Hut und im Abwehrmodus zu sein, weil es normal scheint, angegriffen zu werden, stellt sich als weitere Frage – ich denke nein. Wollen wir wirklich eine Welt, in der Gerechtigkeit und Freiheit Werte sind, die gelebt werden, brauchen wir den Blick aufs Grosse Ganze, über den eigenen Tellerrand hinaus. Wir brauchen die Empathie, uns in das Leid der Opfer von Diskriminierung hineinzufühlen und die Bereitschaft, Missstände verstehen zu wollen.

Persönlicher Bezug

«Ob wir nachhaltig etwas verändern, wird nicht zuletzt davon abhängig, ob Männer auch als Verbündete wahrgenommen und angesprochen werden…ob wir nachhaltig etwas verändern, wird auch davon abhängen, ob wir das Wir… immer wieder erweitern, damit sich mehr Menschen mit den unterschiedlichen Erfahrungen angesprochen fühlen.»

Ich mag keine Fronten, keine Grenzen – und doch sieht man sie, erlebt man sie immer wieder im Leben. Sobald du anders bist, sprich, von anderen als anders definiert wirst, womit sie sich implizit als Norm setzen, bist du auf der Gegenseite. Unser Weltbild ist so aufgebaut, das geht bis zu den weisen Griechen zurück und zieht sich durch die ganze (Philosophie)Geschichte. Zu denken, dass wir da einfach mal ausbrechen können, ist wohl eine Illusion. Und doch denke ich oft, es wäre der einzige Weg hin zu einem Miteinander, bei welchem ich immer denke: «Gemeinsam sind wir stark.» Wenn wir die Welt verändern wollen, die eine gemeinsame Welt sein soll (manchmal kommt es mir so vor, als ob jeder denkt, einer anderen Welt anzugehören, weswegen er sich locker abgrenzen kann), sollten wir unsere Kräfte bündeln.

Ich sehr heute oft das Gegenteil: Gruppierungen, die sich hohe Ziele wie Gerechtigkeit, Antirassismus, Antiklassismus, Antisemitismus, Sexismus, und mehr auf die Fahnen schreiben, schiessen locker gegen andere, obwohl eigentlich klar ist, dass alles zusammenhängt, dass all die Formen des Unrechts gegen Menschen ähnlichen Ursachen geschuldet sind und Menschen auch oft kumuliert treffen.

In der östlichen Philosophie herrscht das Bild, dass wir alle eins sind, dass alles miteinander verbunden ist, vor. Ein Bild ist, dass wir die Welt durch den Atem in uns aufnehmen und uns an die Welt abgeben. Ich mag dieses Bild. Nun ist es nicht so, dass alle Asiaten durch diese Philosophie friedliche Menschen wären, aber es kümmert sich ja auch nicht jeder um Philosophie im Alltag. Manchmal wäre es wünschenswert.

Fazit
Ein mitreissender, tiefgründiger, intelligenter Monolog über Gewalt und Missbrauch sowie unseren Umgang damit. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff »kollektiver Identitäten«.
Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie als Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University.
Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen, u.a. die Thementage »Krieg erzählen« am Haus der Kulturen der Welt. Seit über zehn Jahren organisiert und moderiert Carolin Emcke die monatliche Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei S. Fischer erschienen ›Von den Kriegen. Briefe an Freunde‹, ›Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF‹, ›Wie wir begehren‹, ›Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit‹ sowie ›Gegen den Hass‹.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ ‎ S. FISCHER; 3. Edition (22. Mai 2019)
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3103974621

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Mann oder Frau oder was?

Es gab mal eine Zeit, da war die Welt noch in Ordnung. Männer hatten das Sagen und Frauen das Nachsehen. Während die grossen Männer in der grossen weiten Welt Geschäfte trieben und ihre Macht genossen, pflegten die Frauen zu Hause, was es zu pflegen gab, haushalteten, waren brav und unauffällig, fragten nett um Erlaubnis, wenn sie was wollten (was ihnen nicht zustand eigentlich, aber sie konnten es ja versuchen), und liessen den guten Mann Chef sein. Plötzlich begehrten einige auf. Sie fanden, das sei so nicht rechtens, sie wären auch Menschen und hätten auch das Recht, als solche mit Freiheiten und Möglichkeiten zu leben. Frauenbewegungen kämpften dafür, ungern gesehen von den Männern (und patriarchats-treuen Frauen), die auch gleich auf dem Platz standen und die kämpfenden Frauen verunglimpften. Mannsweiber seien sie. Hässlich. Primitive Phantasien, was man mit ihnen machen könnte oder müsste, um sie wieder zur Vernunft zu bringen, kursierten.

Nun denn, sie wurden nicht zur Vernunft gebracht, sondern setzten sich für ihre Rechte ein, von welchen sie auch einige umsetzten. In drei Wellen überfluteten sie die Welt mit ihren Forderungen, in drei Wellen kämpften sie immer wieder neu um Rechte wie den Zugang zu Bildung, das Wahlrecht, das Recht am eigenen Körper, Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und vieles mehr. Sie kämpften erfolgreich, aber sicher noch nicht zu Ende.

Irgendwie war die Welt immer noch in Ordnung. Es gab Frauen und Männer und ein paar, die aus der Reihe tanzten – aber mein Gott, Spinner gibt es ja immer. Doch dann kamen die daher und befanden, dass sie nicht mehr die Spinner sein wollten, dass sie eine Berechtigung hätten, so zu sein, wie sie waren und damit als vollwertige Menschen anerkannt werden wollten. Mein Gott, wenn jeder will, wie er grad lustig ist, wo kämen wir da hin? Wie konnten die es wagen, an einem so sakrosankten Weltbild zu rütteln, das doch jedem einigermassen vernünftigen Mensch einleuchten müsste?

Müsste es wirklich? Simone de Beauvoir schrieb in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ den berühmt gewordenen Satz:

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht.“

Sie meint damit, dass man zwar mit einem biologischen Geschlecht auf die Welt kommt, danach aber durch die Sozialisation mit Erwartungen und Zuschreibungen bedacht wird, welche aus einem das machen, was in der Gesellschaft als Frau bezeichnet wird. Damit einher gehen Rollenbilder, Verhaltensweisen und Möglichkeiten. Eigenschaften werden als weiblich definiert, andere als männlich, es ist gefordert, dass die jeweiligen Kinder die passenden an den Tag legen. Tun sie das nicht, stören sie das System und das wird ungern gesehen und teilweise auch mit harten Mitteln bestraft.

Erich Fromm schrieb in seinem Klassiker „Die Kunst des Liebens“, ein Mensch sei nur dann in sich ganz, wenn er sowohl die männliche wie die weibliche Polarität in sich lebe. Jeder Mensch, so Fromm, trägt also alles in sich selber und kann dem auch Ausdruck geben. Ganz sind wir erst, wenn wir nicht alles auf einer Seite suchen, sondern uns auf der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten ausleben. So gesehen wäre jeder Mensch eine Ansammlung von Eigenschaften, die sich zwischen diesen Polen bewegen. Damit ergäbe sich kein duales Menschenbild, sondern ein pluralistisches. Und dem sollten wir, wie ich finde, Rechnung tragen.

Nun ist aber die Gesellschaft dahin gegangen und hat gefordert, dass eine Hälfte Mensch nur noch den einen Pol beackere, die andere den anderen. Und die Gesellschaft hat auch noch bestimmt, welcher Pol höher zu bewerten und damit zu stellen sei: Der männliche. Zurück blieben halbe Wesen, die sich gegenüberstanden und in obere und untere eingeteilt waren. Ein gelingendes Leben ist so schon schwierig, ein gelingendes Miteinander als Freie unmöglich. Unterdrückung musste sein, sonst wäre das Konstrukt auseinander gebrochen. Und so leben wir in einer Gesellschaft, die diese über Jahrzehnte eingerichtet und behauptet hat, die so tief in unseren Köpfen verankert ist, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie wie natürlich gegeben abläuft.

Frauen wollten sich das nicht gefallen lassen, sie gingen auf die Barrikaden, fingen zu kämpfen an. Sie kämpften für Zugang zu Schule und Studium, das Recht, arbeiten zu gehen, zu wählen und über ihren Körper selber entscheiden zu dürfen. Sie setzten sich ein für gerechtere Arbeitsbedingungen und gleichberechtigte Möglichkeiten und Bezahlungen. Sie erreichten viel, aber es ist auch noch viel zu tun. Während in einigen Köpfen noch die Wahnvorstellung herumgeistert, das sei ein Kampf von Frauen gegen Männer, ist vielen klar, dass es ein gemeinsamer Kampf gegen ein ungerechtes System sein soll, das beide in Rollenmuster presst, welche ihnen nicht wirklich entsprechen.

Leider klingen viele Mittel, mit denen man Ungleichheiten beseitigen will, in der Tat mehr nach einem Kampf als nach einer gemeinsamen Strategie. Die Einführung einer Quote zum Beispiel vermittelt vielen, dass hier (männliche) Köpfe rollen müssen, um neuen Platz zu schaffen, oder aber dass Männer fortan weniger Chancen haben als Frauen, die bevorzugt behandelt würden. Die Zahlen in Firmen sprechen nach wie vor eine deutlich andere Sprache. Und doch bleibt die Frage, ob die Quote die richtige Massnahme ist, zumal sie einfach eine neue Grenze eröffnet, über die sich dann streiten lässt. Denken wir zurück an den Anfang, haben wir ja nun mindestens drei Geschlechter, die es zu berücksichtigen gilt. Dazu kommt, wie es mit Menschen mit Behinderung oder solchen mit Migrationshintergrund ist? Was ist mit Hautfarbe und sexueller Orientierung? Vielleicht wären auch Veganer und Fleischfresser noch zu berücksichtigen? Was sind also aussagekräftige Argumente für die Besetzung einer Stelle und wie wollen wir fortan unsere Firmen (und andere Formen der in irgendeiner Form gemeinschaftlichen Teilhabe) zusammenstellen?

In meinen Augen gibt es nur eine Lösung: Es gilt, endlich zu dem Bewusstsein zu kommen, dass das Verbindende von allen das Menschsein ist. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch Anteile von allem hat, dass er aus verschiedenen Eigenschaften zusammengesetzt ist, die sich auf einer Bandbreite zwischen zwei Polen bewegen, die aktuell gesellschaftlich konnotiert sind, eigentlich aber nur als gegensätzlich und ohne Bewertung festzustellen sind, würde all das irrelevant. Das gilt auch für Hautfarben, von denen es unzählige Schattierungen und Farbausprägungen gibt, sowie weiteren Kriterien. So kämen wir zu einem Menschenbild, das alle umfasst, zu einer Gesellschaft, in welcher jeder frei mit Goethe denken könnte:

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Das einzige Problem, das ich nun noch sehe, ist das der eigenen Identifikation. Was bin ich denn nun? Frau? Mann? Beides? Nichts von alledem? Reicht „Ich“?

Judith Sevinç Basad: Schäm dich!

Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

Inhalt

«Es scheint also nicht nur eine Sehnsucht danach zu geben, Weisssein per se zu verteufeln und abzuwerten. Bizarr ist auch, wie man sich auf die Suche nach einer Person macht, die ein noch grösseres Opfer ist als man selbst.»

Judith Sevinç Basad spricht von Meinungsmache, welche totalitären Charakter angenommen habe, wenn sie Themen wie #MeToo, die Stigmatisierung Weisser zu Rassisten, der Verurteilung alter weisser Männer, Cancel Culture und weitere behandelt. Die Social-Justice-Warriors verbreiten eine Ideologie, welche keinen Widerspruch duldet, weil diese die einzig mögliche Wahrheit darstellt. Wer trotzdem anderer Meinung ist, wird schändlicher Motive bezichtigt und er soll sich schämen – zusätzlich zur falschen Meinung auch für seine weisse Hautfarbe, denn die offenbart ihn schon als Rassisten, egal, was er tut oder sagt.

Weitere Betrachtungen
Judith Sevinç Basad hat mit diesem Buch einen Gegenentwurf entworfen zu der aktuellen Debatte um Feminismus und Rassismus. Sie kritisiert linke Kriegerinnen, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen schreiben und die eigene Meinung als richtige definieren, welche keinen Widerspruch duldet. Sie werden damit dem vergleichbar, was Hannah Arendt als Methoden totalitärer Systeme bezeichnet: Man führe die verschiedenen Mitglieder einer definierten Gruppe auf einen typischen Vertreter derselben zusammen und teile dann das System in gut (die Eigenen) und schlecht (der definierte andere Gruppenmensch) zusammen. Eine so gleichgeschaltete Gruppe lässt sich in der Folge besser manipulieren.

Basad beschreibt auf eine unaufgeregte, sachliche und gut abgestützte und mit Beispielen belegte Art die heutigen Zustände an der Front der Social Justice Warroirs und ihren treuen Folgern. Sie weist auf die so entstehenden Gefahren und Missstände hin und sensibilisiert für einen bewussteren Blick auf Forderungen und Anschuldigungen der beschriebenen Kriegerinnen, welche zwar im Ansatz teilweise durchaus legitim erscheinen, in dieser Vehemenz und Verallgemeinerung aber zu einer Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen führt. Es sollen hier nur einige Beispiele angeführt werden:

In den letzten Jahren wurden Geschlechterzuschreibungen immer mehr hinterfragt und geöffnet. Die Überzeugung, dass es jedes Menschen Recht sein soll, seine eigene Geschlechtsidentität definieren zu können, setzte sich durch, was ein Durchbruch war und Menschen aus der Stigmatisierung (früher gar Kriminalisierung) befreien sollte. Aktuell scheint das extreme Züge anzunehmen:

«Zugespitzt heisst das: Die weisse heterosexuelle ‘Normalität’ muss zerstört werden, weil sie rassistisch und sexistisch ist.»

Alles, was man als frühere Norm definiert, wird nun verteufelt. Nach den weissen Männern kamen die Weissen überhaupt, nun sind die Heterosexuellen an der Reihe. Dass man dabei eigentlich mit umgekehrten Vorzeichen fortführt, was man bekämpfen wollte, nämlich die Diskriminierung von Menschen aufgrund einer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit, wird vehement zurückgewiesen, da all die, welche zur Norm gehörten eben darum gar nicht diskriminiert werden könnten.

«Die gendergerechte Sprache dagegen hat nichts mit natürlichem Sprachwandel zu tun. Denn beim Gendern handelt es sich nicht um harmlose Ausdrücke, die neu auftreten, sondern um eine politische Agenda, die – wenn möglich – von oben durchgesetzt werden soll, um moralisch zu erziehen.»

Einen weiteren Angriff startet Basad auf die geforderten Sprachanpassungen. Das Argument, Sprache sei immer im Wandel, lässt sich dabei nicht gelten, sondern führt Studien an, welche widerlegen, dass sich Frauen früher nicht angesprochen fühlten bei der Nennung eines generischen Maskulinums. Sie führt (korrekt) an, dass dieses mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht nichts zu tun hat, sondern eine grammatische Eigenschaft ist.

«Alle Weissen sind rassistisch. Ihre Gesten sind rassistisch. Ihr Verstand ist rassistisch. Ihre Emotionen sind rassistisch. Ihre Handlungen sind rassistisch. Alles an ihnen ist rassistisch, weil sie eine weisse Hautfarbe haben.»

Dieses Fazit zu den vorherrschenden Meinungen zieht Basad am Schluss. Sie bezieht sich dabei auf Aussagen, die behaupten, Weisse seien per se rassistisch und könnten keinen Rassismus erfahren, sondern sollten sich eher schämen dafür, weiss zu sein. Es gibt Schulprogramme, die weisse Kinder in eine «Identitätskrise» stürzen sollen, um sie von der Neurose des Konsens zu heilen, Rassismus sei zu verurteilen, da sie, als Weisse, nicht nicht rassistisch sein könnten. Man muss nicht sehr weit in der Geschichte zurückzugehen, um ähnliche Zuschreibungen und Verurteilungen zu finden – die grausamen Auswüchse damals sind sicher noch in vielen Köpfen präsent.

Persönlicher Bezug

«Weisse, so heisst es da, würden sich nur deswegen gegen den Rassismus-Vorwurf wehren, weil ihre ‘weisse Psyche’ an einer ‘weissen Neurose’ leide. ‘Weisse Emotionen’ seien krankhafter ‘emo-kognitiver Zustand’, der zu ‘weisser Angst’, ‘weisser Furcht’, ‘weisser Wut’, ‘weisser Traurigkeit’, ‘weisser Hilflosigkeit’, ‘weisser Schuld’ und ‘weisser Scham’ führe. Diese ‘weissen Emotionen’ seien ein ‘Motor von Rassismus’.»

Ich habe in letzter Zeit viele Bücher junger Frauen zum Thema Rassismus gelesen. Ich war erschüttert, betroffen, der tiefen Überzeugung, dass das nicht immer so weiter gehen darf, dass etwas getan werden muss, um Rassismus von Generation zu Generation weiterzugeben. Dass aber gerade diese Betroffenheit eine eigene Neurose sei, die mich zu einer psychisch Kranken herabsetzt, lässt meinen Mund doch offenstehen. Dass ich aufgrund meiner Hautfarbe per se ein Rassist sein soll, macht mich sprachlos, da eine solche Zuschreibung ohne Kenntnis meiner Person und meiner Einstellung als Unrecht erscheint, das ich nicht gewillt bin, hinzunehmen.

Ich bin überzeugt, dass Rassismus wie Sexismus (auch) ein strukturelles Problem ist, das wir mit vereinten Kräften angehen sollten. Ich sehe wenig Sinn darin, uns immer wieder in neue Gruppen zu teilen und die anderen zu bekämpfen. Ich sehe wenig Erfolg für die Sache, wenn unsachliche Behauptungen und individuelle Befindlichkeiten zu allgemeingültigen Wahrheiten verklärt und mit Vehemenz und blindem Eifer durchgesetzt werden sollen. Bücher wie dieses können helfen, den Blick wieder zu schärfen, in der Hoffnung, dass wir endlich aufhören, Fronten zu schaffen.

Fazit
Ein sachlicher, fundierter, intelligenter Gegenentwurf zu aktuellen, teilweise radikalen Positionen in Bezug auf Rassismus, Sexismus und Feminismus.

Autorin
Judith Sevinç Basad studierte Germanistik und Philosophie und schloss ihren Master mit einer Arbeit über totalitäre Tendenzen in der queerfeministischen Bewegung ab. Sie arbeitete für die Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die einen geschlechtergerechten und liberalen Islam praktiziert und publizierte u.a. für WELT, FAZ, NZZ und den Autoren-Blog „Salonkolumnisten“. Im Jahr 2019 absolvierte Basad ein Zeitungsvolontariat im Feuilleton der NZZ. Seit 2020 erscheint ihre Online-Kolumne „Triggerwarnung“ im Cicero. Sie lebt als freie Autorin in Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Westend; 1. Edition (29. März 2021)
Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3897713376

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bell hooks: Feminismus für alle

Inhalt

«Im Grunde meines Herzens wusste ich, dass es uns nie gelingen würde, eine erfolgreiche feministische Bewegung auf die Beine zu stellen, wenn wir nicht jede und jeden, weiblich wie männlich, Frauen wie Männer, Mädchen wie Jungen, zu ermutigen können, sich dem Feminismus zu nähern.»

Feminismus ist nicht neu – trotzdem wissen wenige, was der Begriff und die dahinterstehende Bewegung wirklich bedeuten. Klischeevorstellungen herrschen in den Köpfen vor und sorgen für Ablehnung. bell hooks möchte damit aufräumen und erklärt in diesem Buch auf leicht verständliche Weise, was Feminismus will und wieso es ihn braucht.

Sie ruft dazu auf, alle ins Boot zu holen, da nachhaltige Veränderungen für alle nur gemeinsam erreicht werden können. Stimmen, die behaupten, Feminismus sei nicht mehr nötig, da alles erreicht wäre, zeigt sie auf, dass es noch immer Gewalt und Ausbeutung an und von Frauen, Sexismus und ungerechte Arbeitsbedingungen gibt. Dem können wir nur mit vereinten Kräften entgegentreten.

Weitere Betrachtungen

«Alles, was wir in unserem Leben tun, hat eine theoretische Grundlage. Ob wir nun bewusst ergründen, warum wir eine bestimmte perspektive haben oder eine bestimmte Handlung ausüben, es gibt immer auch ein zugrundeliegendes System, das unsere Gedanken und Handlungen prägt. »

Es ist wichtig, dass sexistisches Verhalten nicht per se das Verhalten eines einzelnen Menschen, sondern dass er eingebettet in ein System ist. Genauso ist es auch mit anderen Verhaltensweisen und Denkarten. Diesen auf den Grund zu gehen, sie zu analysieren, um sie durchbrechen zu können, ist der erste Schritt zur Besserung.

«Klasse ist viel mehr als Marx’ Definition vom Verhältnis zu den Produktionsmitteln. Klasse umfasst dein Vergalten, deine grundlegenden Einstellungen, welches Verhalten dir beigebracht wird, was du von dir selbst und von anderen erwartest… In der Tat fällt es heute wie früher weitaus mehr Feministinnen leichter, ihre von weisser Vorherrschaft geprägten Ansichten abzulegen als ihren Klassenelitismus.»

In der heutigen Zeit sind die Stimmen, die Rassismus vor den Feminismus stellen, laut. Was aber auch den Vertreterinnen davon meist abgeht, ist der Blick auf die durch Armut benachteiligten Frauen in der Gesellschaft. Gerade die finanziellen Verhältnisse, die soziale Schicht, in der jemand aufwächst, hat einen sehr prägenden Einfluss auf das weitere Leben eines Menschen. Dieses sollte immer im Blick bleiben bei allem, was wir anstreben. Rawls meinte in seiner «Theorie der Gerechtigkeit», dass ein System dann gerechter wird, wenn eine Veränderung auch den am schwächsten Gestellten besser hinstelle.

«Die einzige Hoffnung auf feministische Befreiung liegt in der Vision eines sozialen Wandels, die dem Klassenelitismus den Kampf ansagt.»

Schon Simone de Beauvoir war anfangs der Ansicht, dass die Umsetzung des Sozialismus das Frauenproblem von selber lösen würde. Sie rückte später davon ab. Die Unterdrückung der Frauen fusst auf mehr Kriterien als nur dem Klassenproblem. Trotzdem ist Armut eines der zentralen Frauenprobleme. Das «Handbuch Armut Schweiz», von der Caritas herausgegeben, listet Zahlen auf, nach denen vor allem Frauen (alleinerziehende Mütter, Migrantinnen, alte Frauen) von Armut gefährdet sind. Dieses Problem gilt es anzugehen, nicht statt anderer feministischer Fragen, aber als eine und zwar eine wichtige.

Persönlicher Bezug

«Wir begannen, eine Vision von Schwesterlichkeit zu verbreiten, in der alle unsere Realitäten artikuliert werden konnten.»

Betrachte ich die Geschichte des Feminismus, zeigen sich drei Wellen. Nach jeder fing man von vorne an. Erreichtes der letzten Kämpferinnen ging verloren, vergessen oder wurde mit Füssen getreten. Heute zeigt sich uns ein Bild, in welchem junge Feministinnen die «Altfeministinnen» angreifen, schwarze gegen weisse schiessen, die einen sich mehr als Opfer verstanden haben wollen als andere – Fronten, wohin man schaut, anstatt das man hingeht im Sinn der Sache und gemeinsam den Dialog führt und Wege sucht, miteinander zum Ziel zu kommen.

Immer wieder kommt die Frage auf, wie es sein könne, dass Frauen, die doch die Hälfte der Menschheit ausmachen, von der anderen Hälfte unterdrückt werden: Vermutlich genau drum: Sie treten nicht vereint als Hälfte auf, sondern schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein, so dass am Schluss lauter kleine Grüppchen in die Welt rufen und damit weniger gehört werden, als möglich wäre.

Fazit
Eine leicht lesbare, sehr fundierte, tiefgründige und aufschlussreiche Einführung in den Feminismus, in seine Ziele und was es braucht, diese zu erreichen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
hooks, bellbell hooks, geboren 1952 und gestorben 2021 in Kentucky, war Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin. Schon als junge Studentin schloss sie sich der feministischen Bewegung an und machte sich 1981 gleich mit ihrem ersten Buch „Ain’t I a Woman: Black Women and Feminism“ einen Namen. In den nachfolgenden Jahrzehnten hat sie unzählige Werke veröffentlicht, in denen sie sich mit Rassismus, Sexismus und Klassismus beschäftigt, und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. Auf Deutsch erschien zuletzt 2020 „Die Bedeutung von Klasse“ im Unrast Verlag.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Unrast; New Edition (5. Oktober 2021)
Taschenbuch: 148 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3897713376

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