bell hooks: Feminismus für alle

Inhalt

«Im Grunde meines Herzens wusste ich, dass es uns nie gelingen würde, eine erfolgreiche feministische Bewegung auf die Beine zu stellen, wenn wir nicht jede und jeden, weiblich wie männlich, Frauen wie Männer, Mädchen wie Jungen, zu ermutigen können, sich dem Feminismus zu nähern.»

Feminismus ist nicht neu – trotzdem wissen wenige, was der Begriff und die dahinterstehende Bewegung wirklich bedeuten. Klischeevorstellungen herrschen in den Köpfen vor und sorgen für Ablehnung. bell hooks möchte damit aufräumen und erklärt in diesem Buch auf leicht verständliche Weise, was Feminismus will und wieso es ihn braucht.

Sie ruft dazu auf, alle ins Boot zu holen, da nachhaltige Veränderungen für alle nur gemeinsam erreicht werden können. Stimmen, die behaupten, Feminismus sei nicht mehr nötig, da alles erreicht wäre, zeigt sie auf, dass es noch immer Gewalt und Ausbeutung an und von Frauen, Sexismus und ungerechte Arbeitsbedingungen gibt. Dem können wir nur mit vereinten Kräften entgegentreten.

Weitere Betrachtungen

«Alles, was wir in unserem Leben tun, hat eine theoretische Grundlage. Ob wir nun bewusst ergründen, warum wir eine bestimmte perspektive haben oder eine bestimmte Handlung ausüben, es gibt immer auch ein zugrundeliegendes System, das unsere Gedanken und Handlungen prägt. »

Es ist wichtig, dass sexistisches Verhalten nicht per se das Verhalten eines einzelnen Menschen, sondern dass er eingebettet in ein System ist. Genauso ist es auch mit anderen Verhaltensweisen und Denkarten. Diesen auf den Grund zu gehen, sie zu analysieren, um sie durchbrechen zu können, ist der erste Schritt zur Besserung.

«Klasse ist viel mehr als Marx’ Definition vom Verhältnis zu den Produktionsmitteln. Klasse umfasst dein Vergalten, deine grundlegenden Einstellungen, welches Verhalten dir beigebracht wird, was du von dir selbst und von anderen erwartest… In der Tat fällt es heute wie früher weitaus mehr Feministinnen leichter, ihre von weisser Vorherrschaft geprägten Ansichten abzulegen als ihren Klassenelitismus.»

In der heutigen Zeit sind die Stimmen, die Rassismus vor den Feminismus stellen, laut. Was aber auch den Vertreterinnen davon meist abgeht, ist der Blick auf die durch Armut benachteiligten Frauen in der Gesellschaft. Gerade die finanziellen Verhältnisse, die soziale Schicht, in der jemand aufwächst, hat einen sehr prägenden Einfluss auf das weitere Leben eines Menschen. Dieses sollte immer im Blick bleiben bei allem, was wir anstreben. Rawls meinte in seiner «Theorie der Gerechtigkeit», dass ein System dann gerechter wird, wenn eine Veränderung auch den am schwächsten Gestellten besser hinstelle.

«Die einzige Hoffnung auf feministische Befreiung liegt in der Vision eines sozialen Wandels, die dem Klassenelitismus den Kampf ansagt.»

Schon Simone de Beauvoir war anfangs der Ansicht, dass die Umsetzung des Sozialismus das Frauenproblem von selber lösen würde. Sie rückte später davon ab. Die Unterdrückung der Frauen fusst auf mehr Kriterien als nur dem Klassenproblem. Trotzdem ist Armut eines der zentralen Frauenprobleme. Das «Handbuch Armut Schweiz», von der Caritas herausgegeben, listet Zahlen auf, nach denen vor allem Frauen (alleinerziehende Mütter, Migrantinnen, alte Frauen) von Armut gefährdet sind. Dieses Problem gilt es anzugehen, nicht statt anderer feministischer Fragen, aber als eine und zwar eine wichtige.

Persönlicher Bezug

«Wir begannen, eine Vision von Schwesterlichkeit zu verbreiten, in der alle unsere Realitäten artikuliert werden konnten.»

Betrachte ich die Geschichte des Feminismus, zeigen sich drei Wellen. Nach jeder fing man von vorne an. Erreichtes der letzten Kämpferinnen ging verloren, vergessen oder wurde mit Füssen getreten. Heute zeigt sich uns ein Bild, in welchem junge Feministinnen die «Altfeministinnen» angreifen, schwarze gegen weisse schiessen, die einen sich mehr als Opfer verstanden haben wollen als andere – Fronten, wohin man schaut, anstatt das man hingeht im Sinn der Sache und gemeinsam den Dialog führt und Wege sucht, miteinander zum Ziel zu kommen.

Immer wieder kommt die Frage auf, wie es sein könne, dass Frauen, die doch die Hälfte der Menschheit ausmachen, von der anderen Hälfte unterdrückt werden: Vermutlich genau drum: Sie treten nicht vereint als Hälfte auf, sondern schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein, so dass am Schluss lauter kleine Grüppchen in die Welt rufen und damit weniger gehört werden, als möglich wäre.

Fazit
Eine leicht lesbare, sehr fundierte, tiefgründige und aufschlussreiche Einführung in den Feminismus, in seine Ziele und was es braucht, diese zu erreichen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
hooks, bellbell hooks, geboren 1952 und gestorben 2021 in Kentucky, war Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin. Schon als junge Studentin schloss sie sich der feministischen Bewegung an und machte sich 1981 gleich mit ihrem ersten Buch „Ain’t I a Woman: Black Women and Feminism“ einen Namen. In den nachfolgenden Jahrzehnten hat sie unzählige Werke veröffentlicht, in denen sie sich mit Rassismus, Sexismus und Klassismus beschäftigt, und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden. Auf Deutsch erschien zuletzt 2020 „Die Bedeutung von Klasse“ im Unrast Verlag.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Unrast; New Edition (5. Oktober 2021)
Taschenbuch: 148 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3897713376

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Emilia Roig: Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung

Inhalt

«Das Patriarchat heisst für Frauen, sich so klein zu machen wie möglich, nicht zu viel Platz einzunehmen, nicht zu viel zu sprechen, nicht zu laut zu lachen, nicht zu klug zu erscheinen, nicht aufzufallen (ausser aufgrund der Schönheit). Klein zu bleiben, damit sich Männer nicht bedroht fühlen.»

Wir alle wünschen uns eine Welt, in der wir trotz unserer Unterschiede als Gleichberechtigte zusammenleben können. Leider sind wir davon noch weit entfernt, denn noch immer sind Unterdrückung und Diskriminierung an der Tagesordnung. Anhand von persönlichen Erfahrungen und sachlichen Erläuterungen beleuchtet Emilia Roig Themen wie Rassismus, Homofeindlichkeit, Antisemitismus, Queerness und Feminismus und erklärt, worauf eine gerechtere Welt achten müsste.

Weitere Betrachtungen

«Die Flexibilisierung der Geschlechternormen, die in der westlichen Welt im letzten Jahrhundert durch die feministische Bewegung in Gang gesetzt wurde, ging bisher vor allem in eine Richtung. Frauen durften allmählich ihre männliche Seite ausdrücken durch Kleidung, Verhalten und gesellschaftliche Rollen, die sich über die häusliche Sphäre hinaus erstrecken. Das Patriarchat überwinden, heisst aber auch, die Männer von den rigiden patriarchalen Erwartungen zu befreien. »

Das Patriarchat wird häufig als eine von Männern gemachte Welt wahrgenommen, die Frauen unterdrückt. Dies ist nicht nur falsch, aber es greift zu wenig weit. Auch Männer werden in Rollen gezwängt, denen sie kaum entkommen können. Um zu einer gerechteren Welt zu gelangen, in welchen alle frei entscheiden können, wie sie leben wollen, gilt es, auch die Männer in den Blick zu nehmen und für alle die Zwänge und Einschränkungen zu eliminieren. Wir werden das Ziel einer gleichberechtigten Welt nicht erreichen, wenn wir Fronten bauen und gegeneinander antreten.

«Auch wenn jede Form von Rassismus ihre spezifischen Eigenschaften hat, verfügt sie immer über zwei wichtige Merkmale: die Konstruktion der Gruppe als unterlegen und ihre Entmenschlichung bis hin zur Vernichtung.»

Rassismus ist ein grosses Thema, noch immer ist die Unterdrückung von Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft sehr präsent in unserer Welt, in vielen Ländern kam es in den vergangenen Jahren zu einem Rechtsrutsch, was das Problem noch vergrössert. Wir sind alle gefordert, nicht wegzuschauen, hinzustehen, einzuschreiten. Es ist wichtig, dass wir rassistische Äusserungen und Handlungen als solche erkennen und nicht tolerieren. Das ist der einzige Weg hin zu einer Welt, in der wir alle als Gleiche und Freie zusammenleben können.

«Die Schäden, die Rassismus bei einem Menschen hinterlässt, können durch radikale Akzeptanz – durch Selbstliebe – geheilt werden. Dafür muss Rassismus als System der Entmenschlichung aber nicht nur anerkannt, sondern auch dekonstruiert werden.»

Der einzelne Mensch leidet unter Rassismus, was sich tief in seiner Seele festsetzt. Wenn man weiss, dass vom Krieg traumatisierte Menschen dieses Trauma durch ihre Genstruktur an ihre Kinder vererben, kann man davon ausgehen, dass auch das Trauma von rassistischer Gewalt und Unterdrückung nicht spurlos an den Betroffenen (und ihren Nachkommen) vorüber geht. Es wird Zeit, mit vereinten Kräften gegen ein System anzugehen, das Menschen in einer solchen Weise verletzt und im schlimmsten Fall zerstört.

Persönlicher Bezug

«Another world is not only possible, she’s on her way. Maybe many of us won’t be here to greet her, but on a quiet day, if I listen very carefully, I can hear her breathing. (Arundhaty Roy)»

Ein Thema, das mich wohl nie loslässt in meinem Leben. Von klein an war es mir wichtig, dass Dinge gerecht zu und hergehen, im Studium wurde es mein Schwerpunkt, in der Dissertation hatte ich mich im wahrsten Sinne der Gerechtigkeit verschrieben. Der Traum einer gerechten Welt ist alt, sie zu erreichen erscheint oft als Utopie. Ja, wir werden die perfekte gerechte Welt vielleicht wirklich nicht erreichen, zumal die Meinungen, wie diese auszusehen hätte, divergieren. Aber: Wir können uns auf den Weg machen und versuchen, als Menschen mit Menschen zu leben, diese in ihrer Unterschiedlichkeit anzunehmen und doch als Gleichwertige zu sehen. Das wäre ein grosser Schritt in eine gute Richtung. Noch sind wir nicht da – aber wer weiss, vielleicht atmet sie wirklich schon ganz in der Nähe, wie Arundhati Roy schrieb.

Fazit
Eine fundierte, ausführliche, informative und doch lesbare Analyse der heutigen Gesellschaft mit ihren Mechanismen von Diskriminierung und Abwertung im Hinblick darauf, etwas daran zu ändern für eine gerechtere Gesellschaft. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Emilia Zenzile Roig (*1983) ist Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin. Sie promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Science Po Lyon. Emilia Roig lehrte in Deutschland, Frankreich und den USA Intersektionalität, Critical Race Theory und Postkoloniale Studien sowie Völkerrecht und Europarecht. Sie hält europaweit Keynotes und Vorträge zu den Themen Intersektionalität, Feminismus, Rassismus, Diskriminierung, Vielfalt und Inklusion und ist Autorin zahlreicher Publikationen auf Deutsch, Englisch und Französisch. Sie ist Interviewpartnerin in Sibylle Bergs Bestseller „Nerds retten die Welt“ und war Mitglied der Jury des Deutschen Sachbuchpreises 2020.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau Verlag; 3. Edition (15. Februar 2021)
Gebundene Ausgabe: 397 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3351038472

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Eine Wutrede – jeder Impfgegener ein kleiner Diktator

Ich bin ja sehr geduldig (*not) und überaus verständnisvoll (…), ABER: Wenn wichtige OPs verschoben werden, weil sich gewisse die Freiheit nicht nehmen lassen wollen, sich ungeimpft auf Intensivbetten auszustrecken, dann geht mir schlicht die Hutschnur hoch. #hueresiech

Das schrieb ich kürzlich auf Twitter. Ich war wütend. Und traurig. Weil genau das in meinem nächsten Umfeld passiert ist. Und ich hadere mit den Menschen, mit dem Teil der Menschen, die selbstzufrieden dasitzen und finden: Ich lass mir doch meine Freiheit nicht nehmen. Wo kämen wir da hin? Ich entscheide selber und ich impfe mich nicht.

Nun bin ich durchaus ein grosser Verfechter von Freiheit, erachte sie als hohes – wenn nicht höchstes – Gut. Nur: Was bedeutet Freiheit eigentlich? Haben, die, welche da so selbstherrliche Sprüche von sich lassen, die sie dann mit wohlklingenden Argumenten untermalen, wirklich eine Ahnung davon? Es sieht nicht so aus. Im Gegenteil. Wenn man ihre Argumente hört, könnte man noch Schlimmeres vermuten: Nein, wir werden gewisse Dinge nicht einfach wegatmen. Und sie werden sich auch nicht in Luft auflösen, nur weil wir ihnen Liebe senden. Sie sind da und sie müssen bewältigt werden. Da sie alle betreffen, müssen wir das kollektiv angehen. Doch dazu sind diese Freiheitsanbeter nicht bereit. Sie vergessen dabei eines, um mit Kant zu sprechen:

„Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“

Und genau das ist das Problem. Weil einzelne auf stur schalten, sind andere mehr gefährdet. Weil einzelne sich darin gefallen, den kleinen Revoluzzer vom Sofa aus zu geben, werden mehr Leute infiziert. Weil einzelne ihre Kraft in eigene egoistische Prinzipien legen, geht die Solidarität flöten. Man ist nicht mehr bereit, für das Wohl Vieler sich selber zurückzunehmen und mitzuhelfen. Man ist nicht bereit, etwas auf sich zu nehmen, das wahrlich keine grosse Sache ist, um damit Teil einer grossen Aktion zu sein, von der ganz viele profitieren können. Und sogar überleben.

Nun ja, man könnte vielleicht eine Weile Geduld mit ihnen zeigen und die Augen zudrücken, sich sagen:

„Gut, so ein Pieks ist natürlich etwas ganz Schlimmes und Bubi hat Angst davor.“

Wenn die Konsequenz nur wäre, dass ein paar andere dafür einen Schnupfen hätten – so what. Aber: Wir sind in einer Situation, in welcher notwendige Operationen verschoben werden müssen, weil diese Ignoranten die Betten belegen. Die Herzliga schlägt Alarm, die Krebsliga schlägt Alarm, die Spitäler werden nicht müde, zu beteuern, dass sie am Limit und drüber sind. Das kümmert unseren Impfgegner nicht. Im Gegenteil. Er fährt noch ein neues Argument auf:

„Ich lasse mich von diesen diktatorischen Massnahmen nicht vereinnahmen, wir leben schliesslich in einer Demokratie.“

Und spätestens dann hat er mich völlig. Weil: Genau! Demokratie heisst, dass wir in einem Miteinander entscheiden. Jeder hat eine Stimme und die Mehrheit setzt ihre durch. Klar kamen gewisse Entscheide notwendigerweise nicht vom Plenum, aber trotz alledem stand die Mehrheit immer dahinter. Weil die Notwendigkeit offensichtlich und die Entscheide nötig waren. Der Umstand, dass keiner wirklich wissen kann und konnte, wo das alles hinführt, brachte viele Unsicherheiten und Unklarheiten mit sich. Und doch blieb unter dem Strich eine mehrheitliche Zustimmung aus einem Gefühl der Solidarität heraus bestehen. Das lässt mich hoffen. Ich unke oft, dass die Demokratie sich überlebt hat aufgrund der fehlenden Bereitschaft zum Dialog. In der Not scheint vieles noch zu funktionieren.

Doch dann… kommen ein paar Querulanten mit selbstgebastelten Ideologien und stellen sich in den Mittelpunkt. Und sie kriegen täglich die Präsenz in den landläufigen Medien, was sie befeuert und Unsicherheiten vermehrt. Sie plädieren für Freiheit und nehmen den anderen die ihre. Sie sprechen von Demokratie und sind selber die Terrorkrümel darin. Sie berufen sich auf Meinungsäusserungsfreiheit, verbieten aber nicht nur jedem anders Denkenden den Mund, sondern sprechen ihm auch die Fähigkeit, selber zu denken, ab. Nun ja, wenn man ihre Theorien anschaut, könnte man zu ihrer Verteidigung sagen, dass sie gar nicht wissen, was das ist. Zumindest nicht, was es heisst, es bis zum Ende zu tun.

Ich bin wütend. Und traurig. Und ich klage an. Ich klage die Egoisten an, die sich auf alle Rechte heutiger Gesellschaften und Staaten berufen, dann aber nicht bereit sind, selber etwas dafür zu tun. Ich klage an, dass Menschen sich so sehr in den Mittelpunkt stellen, dass sie das Leid und Leben vieler in Kauf nehmen. Ich klage an, dass wir solchen Menschen nicht von Gesetzes wegen auch Rechte nehmen können. Zum Beispiel das auf ein Spitalbett. Steht eine OP an, muss ein Ungeimpfter raus. Ich höre oft, das ginge nicht, da dann jede ungesunde Lebensweise so behandelt werden könnte. Das stimmt so nicht. Ein Ungeimpfter lebt nicht nur ungesund, er gefährdet aus einem Mangel an Solidarität andere Menschen, unser Gesundheitssystem und er tritt unsere demokratischen Werte mit Füssen. Wieso sollte er sich wünschen, dass ein System, das er selber so gegen die Wand fährt, ihn dann schützt?

Die Schöne und das Biest (aka der alte Weisse Mann)

Als ich begann, mich mit dem Feminismus und den damit zusammenhängenden Themen zu beschäftigen, merkte ich, dass mich das Thema packte, inspirierte und ausfüllte. Ich las, was ich in die Hände kriegte und stiess dabei natürlich auch immer wieder auf Widersprüche – mehr noch: Auf gegenseitige Anfeindungen. Die jungen Feministinnen schimpfen auf die älteren, die schwarzen auf die weissen, die Frauen auf die Männer und diese zurück (zumindest auf die Feministinnen). Einige meinen, man könne nur darüber schreiben, was man selber erfahren hat, andere kritisieren, wenn man ein Thema nicht behandelt (aus mangelnder eigener Erfahrung oder einer anders lautenden Fragestellung). Es kommt so ein bisschen das Gefühl auf: Wenn du nicht alle Weltprobleme mit einem Schlag lösen kannst, lass es ganz bleiben.

Ich frage mich, wie man eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt erreichen will, wenn man selbst das Gegenteil lebt, wenn man selbst statt miteinander nur in Frontenkriegen, Auf- und Abwertungen agiert? Als Pierre Bourdieu das Buch „Die männliche Herrschaft“* schrieb, wurde ihm von Feministinnen vorgeworfen, dass er sich als Mann feministischen Themen zuwandte. Wie konnte es ein „alter weisser Mann“ (gut, den Begriff hatten sie damals wohl nicht, aber heute würde es so klingen) wagen, einen feministischen Blick auf die Welt zu wagen und somit diese zu erklären? Dass sein Blick durchaus gut und tief und schlüssig war, stand nicht zur Diskussion. Dass dieser klare, intelligente Mensch der eigentlichen Sache diente, indem er Aufmerksamkeit darauf lenkte, die Notwendigkeit propagierte, wurde ignoriert. Man wollte sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. So jedenfalls wirkt es, zumal es keine andere sachliche Erklärung gibt.

Einmal mehr frage ich mich: Sollte man nicht, statt gegeneinander zu kämpfen, sich zusammenschliessen und jeder seinen Beitrag zu einem Ganzen leisten? Können wir es uns leisten, auszusieben, wen wir genehm finden in unserem „Kampf“ und wer da keinen Platz hat? Vor allem: Geht es bei all dem wirklich um die Sache oder nicht doch auch um die eigene Profilierung als Experte?

Nachdem Bourdieu die Missstände der gesellschaftlichen Strukturen herausgearbeitet hat, kommt er zum Schluss, dass eine schlagartige Veränderung wohl nicht möglich ist, sondern diese fortwährender Arbeit bedürfe. Man müsse wegkommen von Kälte und Gewalt, hin zur Liebe und ihren Wundern:

„das Wunder der Gewaltlosigkeit, das durch die Herstellung von Beziehungen ermöglicht wird, die auf völliger Reziprozität beruhen und Hingabe und Selbstüberantwortung erlauben; das der gegenseitigen Anerkennung, die es gestattet, sich, wie Sartre sagt, „in seinem Dasein gerechtfertigt“, gerade in seinen kontingentesten oder negativsten Besonderheiten angenommen zu fühlen…“

Wenn wir dahin kommen, dann ist die Welt eine bessere. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin genauso überzeugt, dass es machbar ist und eigentlich der Wunsch von vielen. Natürlich stehen Ängste da. Jeder fürchtet auch um seine Privilegien. Aber viele wären froh um Entlastung von Erwartungen. Männer wie Frauen. Und Rollenmustern, die erfüllt werden müssen. Männer wie Frauen. Und der eigenen Unsicherheit, wie man denn zu sein habe. Männer wie Frauen.

Wenn da ein alter weisser Mann kommt und mithelfen will, sollte man ihn mit lautem „Herzlich willkommen“ begrüssen und mit ihm diskutieren. Ihn auszuschliessen, nur weil er eben grad keine Frau, nicht schwarz, nicht schwul und erst noch heterosexuell ist, fände ich nicht nur höchst bedenklich, sondern schlicht daneben. Schlussendlich wollen wir ja genau das nicht: Menschen ausschliessen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, Religion, Herkunft, sexuellen Ausrichtung. Und ja: Auch ein weisser Mensch kann Rassismus erfahren, sowie ein Mann Opfer von Sexismus sein kann. Es mag nicht die Mehrheit sein, aber jeder einzelne Fall ist einer zuviel.


*Angaben zum Buch:

Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft
Pierre Bourdieu entwickelt das Bild einer Gesellschaft, in welcher die männliche Dominanz in ökonomischer, wirtschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Sicht eine symbolische Herrschaft darstellt. Die dadurch gesteuerte Sicht unterwirft die Frau und zwingt sie in vordefinierte Rollen. Bourdieu plädiert für eine soziale Revolution mit dem Ziel, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzugestalten und der Frau ihre rechtmässige Position als gleichberechtigter Mensch einzuräumen.

Zum Autor:
Pierre Bourdieu, am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées Atlantiques) geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nachdem er die Eliteschule der École Normale Supérieure durchlaufen hatte, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1958 bis 1960 war er Assistent an der Faculté des lettres in Algier, wechselte dann nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales. Es folgten diverse Lehraufträge, Forschungsaufenthalte und Lehrstühle sowie vielzählige Publikationen und Auszeichnungen. Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.

Julia Korbik: Oh, Simone!: Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten

Inhalt

«Auf Vorbilder kann sie… kaum zurückgreifen: Noch haben es nicht viele Töchter aus gutem Hause gewagt, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihr Geburtsmilieu und die damit verbundenen Erwartungen hat Simone hinter sich gelassen – ohne allerdings zu wissen, worauf sie ihr Leben stattdessen aufbauen soll. .»

Simone de Beauvoir war wahrlich eine spannende Frau. Sie strebte nach Freiheit und Unabhängigkeit, sie wollte lesen, lernen, lieben, so, wie sie es wollte. Sie akzeptierte keine Einschränkungen, ging lieber den schwierigeren Weg als klein beizugeben. Und sie analysierte genau, was Frauen im Weg stand, genau dieses freie und unabhängige Leben zu leben. Sie lebte in einem anderen Jahrhundert, in anderen Zeiten und Umständen. Und doch auch wieder nicht.

Wieso sollte sie uns heute noch interessieren? Der Frage geht Julia Korbik in diesem Buch nach und kommt zum Schluss: es gibt viele Gründe dafür!

Weitere Betrachtungen

«Schon mit neunzehn Jahren war ich überzeugt gewesen, dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist.»

Simone de Beauvoir wuchs in sehr kontrollierten Verhältnissen auf, in welchem grossen Wert auf Status und Etikette gelegt wurde. Die Bewegungsgrenzen waren entsprechend eng gesteckt, ausbrechen kam kaum in Frage. Das Schicksal der familiären Finanzkrise sowie ein eigenwilliges Wesen kamen ihr zu Hilfe.

«Es ergibt sich für jeden Einzelnen eine ethische Verpflichtung, an einer Welt mitzuarbeiten, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Entwürfe in eine offene Zukunft hin zu verwirklichen. Eine Aktivität ist dann ‘gut, wenn sie darauf abzielt, für sich und andere […] die Freiheit zu befreien.’ »

Simone de Beauvoir wollte immer schreiben – und sie schrieb. Und sie dachte, frei und wild und tief. Sie hatte ihren Partner im Geiste, Jean Paul Sartre, mit dem sie eine langjährige Beziehung verband. In späteren Jahren begann sie auch zu kämpfen – für mehr Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung. Und immer wieder stand sie ein für andere, half, unterstützte.

«Frei sein wollen bedeutet wollen, dass auch andere frei sind…»

Man ist nie allein, man kann ohne den anderen nicht leben. Simone de Beauvoir war sich dessen bewusst und dieses Wissen war wohl mit Antrieb, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu schauen. Es gibt kein Gut für einen allein, ein wirkliches Gut ist es erst, wenn es ein geteiltes ist.

Julia Korbik ist ein gut lesbarer Überblick über Simone de Beauvoirs Leben und Schaffen gelungen, der nichts Neues, aber für den, der noch nichts von Simone de Beauvoir kennt, einen guten Einstieg bietet. Man kann zu Julia Korbiks Verteidigung sagen, dass Simone de Beauvoir selber so viel von ihrem eigenen Leben beschrieben hat, dass es wenig Neues gibt für einen Autoren, der über sie schreiben will. Die Analyse müsste sehr tief gehen, wie das einige Biographen durchaus taten. Das wäre eine zu grosse Erwartung an dieses Buch, die nicht erfüllt würde.

Persönlicher Bezug

«Die Philosophie stellt Fragen und vor allem hinterfragt sie vermeintlich natürliche Gegebenheiten… Bei der Philosophie, glaubt Simone, geht es um das Wesentliche: ‘Immer hatte ich alles erkennen wollen: Die Philosophie würde mir möglich machen, dieses mein Verlangen zu erfüllen…’»

Ich habe in diverse Fächer reingeschaut, bis ich meine schlussendliche Kombination hatte. Zwar war Philosophie im Gymnasium eines meiner liebsten Fächer, dies aber nur, weil ich nichts tun musste, es flog mir förmlich zu. Das lag wohl daran, dass mir die Philosophie lag, ich sie nie als Arbeit auffasste. Im Studium stiess ich per Zufall quasi auf die Philosophie – durch ein interdisziplinäres Seminar. Das war der Anfang einer grossen Liebe, weil ich nun wirklich merkte: Das liegt mir, da kann ich eintauchen, da geht es um verstehen, denken, lernen, analysieren –  da kann ich wachsen.

Beim Lesen von Simone de Beauvoirs Biographie habe ich so viele bekannte Gedanken entdeckt, so viele Lebensziele, -wünsche und auch die Zweifel am eigenen Sein und Tun. Sie ist aktuell, sie ist inspirierend, sie ist für mich eine sehr spannende Frau.

Fazit
Eine gute Einführung in das Leben und Schaffen einer spannenden Frau. Als Erstlektüre zu Simone de Beauvoir sehr empfehlenswert.

Autorin
Julia Korbik wurde 1988 im Ruhrgebiet geboren und arbeitet heute als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik und Popkultur aus feministischer Sicht, aber auch europäische und französische Themen – egal, ob politisch, gesellschaftlich oder kulturell. Korbik studierte European Studies, Kommunikationswissenschaften und Journalismus und pendelte dafür im Jahresrhythmus zwischen dem nordfranzösischen Lille und dem westfälischen Münster. Sie ist ehrenamtlich für das sechssprachige Europa-Onlinemagazin cafébabel aktiv, vor allem als Vize-Präsidentin von Babel Deutschland e.V. und als Vorstandsmitglied des Vereins Babel International. 2014 erschien ihr erstes Buch Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene (Rogner & Bernhard). 2016 rief Korbik den Blog Oh, Simone ins Leben, der einzige deutschsprachige Blog, der ganz Simone de Beauvoir gewidmet ist.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Taschenbuch; 5. Edition (15. Dezember 2017)
Taschenbuch: 320 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3499633232

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Hilkje Hänel: Wer hat Angst vorm Feminismus

Warum Frauen, die nichts fordern, auch nichts bekommen

Inhalt

«Wir werden auch feststellen, dass die sozialen Rollen und die Plätze, die wir im Machtgefüge einnehmen können, viel damit zu tun haben, welches Geschlecht wir haben und/oder welches Geschlecht uns andere zuschreiben.»

Feminismus ist ein Reizwort, auch nach so vielen Jahren noch. In vielen Köpfen herrschen mehr Klischeevorstellungen als wirkliche Tatsachen, worum es geht. Damit will Hilkje Hänel aufräumen, indem sie aufzeigt, was Feminismus ist, ob es den EINEN Feminismus überhaupt gibt. Sie erklärt Zusammenhänge von Sexismus und Feminismus, beleuchtet die Hintergründe von strukturellem Sexismus und plädiert für einen Feminismus, der alle angeht, weil alle davon profitieren, weil das Ziel ist, eine gerechtere Gesellschaft ohne vorgefertigte Rollenmodelle und Rollenzwänge zu schaffen.

Weitere Betrachtungen

«Sexismus ist strukturell…Sexismus hängt an uns dran.»

Sexismus ist nicht einfach eine singuläre, individuelle Erfahrung, sie steckt tief drin in unserer Gesellschaft, im kollektiven Denken und Handeln. Durch die lange Zeit seiner Präsenz in unserer Gesellschaft sind wir ihn so gewohnt, dass er oft nicht mehr auffällt – oder aber damit abgetan wird, dass das doch immer so war.

«Sexuelle, sexualisierte und häusliche Gewalt sind soziale Praktiken, die in vielen Fällen mehr oder weniger akzeptiert sind. Je mehr die spezifische Gewalthandlung von dem abweicht, was – fälschlicherweise – als paradigmatische Vergewaltigung gilt (nämlich dem körperlich gewalttätigen Überfall durch einen Fremden), desto weniger löst diese Handlung Entsetzen in uns aus. Je weniger Empörung die Tat auslöst, desto weniger müssen die Täter rechtliche und soziale Konsequenzen fürchten. »

Sexuelle Gewalt ist an der Tagesordnung, vor allem in Familien und innerhalb der häuslichen Wänden kommt er oft vor, wird dabei aber (zu) selten belangt, weil häusliche Gewalt nicht dem entspricht, was man allgemein davon annimmt: Der böse Fremde hinter dem Baum, der wehrlose Frauen überfällt. Viel zu oft sind es die engsten Vertrauten, von denen diese Gewalt ausgeht. Wir dürfen nicht wegschauen, es darf nicht weiter passieren, dass diese Täter mehrheitlich straffrei davonkommen.

«Aussagen über sexuelle Gewalt nicht zu glauben bedeutet nicht einfach nur, nicht zu reagieren oder sich abzukehren. Es ist vielmehr die zweite erniedrigende Verletzung des Opfers.»

Sexuelle Gewalt ist belastend für die Opfer, die Tat selber und auch das Leben danach. Sie lässt sich nicht einfach abschütteln, sie hinterlässt einen Menschen, der hilflos und ausgeliefert war und dadurch in seiner Würde und Integrität verletzt wurde. Dies muss ernst genommen werden, das Opfer muss in seiner Verletzung wahr- und ernstgenommen werden. Dies nicht zu tun, hinterlässt den Menschen ein zweites Mal in einer Hilflosigkeit und macht ihn so zum zweiten Mal zu einem Opfer.

Womit ich wirklich Mühe hatte, war die Sprache des Buches. War es auf der einen Seite wirklich sachlich, stellte es sich auf der anderen zu gewollt cool dar mit Begriffen wie «sexistischer Kackscheisse». Überhaupt wurde das Wort «Kackscheisse» oft verwendet und das wäre schlicht nicht nötig gewesen. Es mag sein, dass gewisse Menschen so sprechen, lesen möchte ich das nicht zwingend.

Persönlicher Bezug

«Formen der Ungerechtigkeit und Ungleichheit können also nicht im Vakuum beobachtet oder einzeln bekämpft werden, sondern vielmehr in ihrem Zusammenspiel. Wir können nicht erst Sexismus, dann Rassismus und am Schluss noch Kapitalismus bekämpfen. Um wirkungsvoll zu sein, müssen wir die ismen in Interaktion wahrnehmen und angehen.»

Es gibt viel zu tun, packen wir es an – so oder ähnlich könnte man alles zusammenfassen. Zwar blickt die Frauenbewegung auf eine lange Zeit zurück, doch noch immer sind wir weit davon entfernt, eine Gesellschaft ohne Unterdrückung zu haben. Frausein ist dabei nicht das einzige Kriterium für Unterdrückung, auch die Hautfarbe, Religion, sexuelle Ausrichtung und vieles mehr tragen dazu bei, diskriminiert zu werden – in Kombination der nicht als Norm gesetzten Varianten exponentiell.

Gerechtigkeit war mir immer ein Anliegen, es gab Zeiten, in denen ich lieber schwieg, weil ich die Konfrontation fürchtete oder aber zu wenig Kraft dazu hatte. Das soll wieder ändern, denn ich bin des Zusehens müde. Als schreibender Mensch ist meine Tat der Wahl immer das geschriebene Wort. Wenn jeder seine Fähigkeiten einsetzen würde, könnte gemeinsam viel erreicht werden. Das wünsche ich mir. Dafür sind solche Bücher wichtig, denn sie helfen, zu verstehen, worum es geht.

Fazit
Ein informatives, sachliches Buch über Feminismus, was er bedeutet, was er will und wieso er wichtig ist. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Hilkje Charlotte Hänel, geboren 1987, hat ihr Psychologiestudium nach nur 14 Tagen abgebrochen und stattdessen begonnen, Texte fürs Theater zu schreiben. Später hat sie Englische Literatur und Philosophie in Göttingen, Berlin, Sheffield und Boston studiert. Heute lebt sie als feministische Philosophin und Schriftstellerin in Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (18. März 2021)
Taschenbuch: 192 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3406741814

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Ich und die Anderen

Kürzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mal in Spanien war und tat, was ich immer tue: Lesen und Schreiben. Ich sass in meinem Zimmer, meine Bücher um mich, tauchte ein und fühlte mich wohl in der Welt. Ich stiess damit auf grosses Unverständnis: Wie kann man nur in Spanien sein und nicht an der Sonne liegen, baden, einfach nichts tun? Ich ertappte mich dabei, wie ich mich schlecht fühlte, unverstanden, anders, nicht passend – nicht in Ordnung. Es machte mich traurig. ich versuchte mich zu rechtfertigen, versuchte Gründe zu finden, die anerkannt und schlüssig klingen, Gründe, die in der normalen Welt, aus welcher ich mich durch diese Bemerkung geworfen fühlte, verstanden werden könnten. Und irgendwie machte mich das noch trauriger, weil ich mich dadurch so klein fühlte, dass ich mich verteidigen zu müssen glaubte. 

Ich und die Anderen. Ein Konstrukt, über das ich in letzter Zeit oft nachdenke. Im Singular ist es einfach: Der Andere ist der Andere, weil er nicht ich ist. Sobald es aber mehrere sind auf beiden Seiten, kommt ein neues Element dazu: Um als Gruppe zu bestehen und sich von anderen Gruppen zu unterscheiden, reicht nicht mehr nur die individuelle Existenz, sondern es gibt verbindende Elemente, die eine Gruppe ausmachen. Daraus entsteht in der Folge ein Wir-Gefühl, das die eigene Gruppe von der anderen abgrenzt. Man setzt diese Gruppen bestimmenden Eigenschaften in Kontrast zu denen der anderen Gruppe, meist in einer Form der Hierarchie: Wir sind besser als ihr. An diesem Punkt wird aus dem «Anders» ein «Schlechteres», weil die Anderen der eigenen Norm nicht entsprechen, ihr unterlegen sind. 

Jeder Mensch lebt in einer Welt mit anderen und bildet mit diesen Gemeinschaften. Kein Mensch kann sich völlig aus der sozialen Umgebung herausnehmen. Würde man versuchen, durch totale Einkehr und unter Ausschluss der Welt, sich selber finden zu wollen, wäre das eigentlich ein Gang ins Leere, da wir als Menschen immer Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft sind, die uns prägt und die wir wieder prägen. Daraus folgt, dass wir die Anderen brauchen, um Ich zu sein. Es folgt weiter, dass die Anderen nur in unseren Augen die Anderen sind, in Ihren sind sie ihr eigenes Ich und wir die Anderen. Daraus, dass jedes Ich immer auch ein Anderer ist, stellt sich die Frage der Macht des Einen über den Anderen. Eine Vormachtstellung kann es nur geben, wenn sich einer diese zuspricht. Mit welchem Recht?

Nun passieren diese Dinge natürlich meist unbewusst, sie sind unter anderem auch Resultat der Gesellschaft und deren prägenden Werte und Normen. Indem wir in dieser Gesellschaft leben, nehmen wir diese Werte und Normen in uns auf, stellen uns dazu und verhalten uns entsprechend. Gibt es nun in einer Gesellschaft höher bewertete Eigenschaften und Merkmale, so sind die Menschen, welche diese aufweisen, in einer machtvolleren Stellung als andere, denen diese fehlen. An der Stelle fängt die Abwertung des anderen an, worauf Diskriminierung folgt. Aufgrund von vordefinierten Massstäben kommt es also zum Ausschluss derer, die über weniger Privilegien aufgrund von (sachlich gesehen willkürlich) festgelegten Eigenschaften verfügen.  

Wollen wir Diskriminierung jedwelcher Form den Kampf ansagen, gilt es, das Ich als gleichwertig zu sehen wie den Anderen, im Wissen, dass er genauso ein Ich ist wie ich, ich genauso ein Anderer wie er. Die Einsicht, dass die Andersartigkeit nur eine Vielfalt von Möglichkeiten aber keine Hierarchie darstellt, hilft, (strukturelle und individuelle) Abwertungen zu vermeiden, da sie als willkürliche Handlungsweisen, die keinem realen und sachlich gültigen Massstab entsprechen, enttarnt wurden. Das Bewusstsein all dessen ist der erste Schritt. Der zweite ist, die gesellschaftlichen Strukturen daraufhin zu analysieren, wo sie diese Hierarchien befeuern und zu sehen, was wir aktiv dagegen tun können – als Einzelne und als Gemeinschaft.

Svenja Gräfen: Radikale Selbstfürsorge Jetzt!

Eine feministische Perspektive

Inhalt

«Anhaltende Unterdrückung und Diskriminierung wirken sich direkt auf die mentale wie psychische Gesundheit aus – weshalb es bereits eine Form von Widerstand darstellt, sich um genau diese zu kümmern.»

Einfach mal innehalten, durchatmen, zu sich schauen – ist das egoistisch? Müsste man, statt sich Ruhe zu gönnen, nicht besser an forderster Front kämpfen oder zumindest die anstehenden Aufgaben des alltäglichen Seins erfüllen? Svenja Gräfe dachte lange so, kommt nun aber in dem Buch zu dem Schluss: Nein! Gerade in anstrengenden Zeiten ist es wichtig, gut zu sich zu schauen, das eigene Wohlbefinden und die eigene Gesundheit wichtig zu nehmen.

Sie geht sogar noch weiter: Es ist sogar ein feministischer Akt, Selbstfürsorge zu praktizieren, denn man distanziert sich damit von all den Erwartungshaltungen und Rollenzuschreibungen des ständig genügen Müssens, des immer im Einsatz sein Sollens.

Weitere Betrachtungen

«Für Menschen, die von Diskriminierung und struktureller Gewalt betroffen sind, geht es also darum, die eigene Widerstandsfähigkeit zu bewahren und zu stärken»

Kämpfen ist anstrengend, vor allem, wenn man denkt, an allen Fronten kämpfen zu müssen. Genau das passiert Menschen, die unterdrückt werden, wenn sie sich das nicht einfach gefallen lassen wollen und können, sondern aufstehen und aufbegehren. Dass diese Anstrengungen Kraft kosten, liegt auf der Hand. Umso wichtiger ist es, zu den eigenen Kräften zu schauen, damit sie ausreichen für den Kampf und dieser nicht auf Kosten der Gesundheit ausgefochten wird.

«Denn ironischerweise funktionieren wir in unserer Gesellschaft genau dann ‘absolut richtig’, wenn wir uns an diesen Apell halten. und uns bemühen, uns auch ja nichts anmerken zu lassen von unseren Gefühlen und einfach so weiterzumachen, als wäre nichts.»

Oft denkt man, man sei schwach, wenn man Ruhe braucht, mal nicht funktioniert, wie andere es erwarten. Und Schwäche ist das letzte, das man zeigen will, man müsste sich schämen. Genau darauf bauen viele Systeme, die Menschen ausnutzen: Sie rechnen damit, dass sie Menschen bis ans Limit und darüber bringen, sie förmlich ausquetschen können. Sich das nicht gefallen zu lassen, ist eine Form des Widerstands. Er zeugt von Stärke, nicht von Schwäche.

«Aber wir funktionieren eben innerhalb eines Systems, das uns ausbeutet, in dem Kapital und Profit einen höheren Stellenwert haben als das Wohlergehen der Menschen und das deswegen auch zutiefst ableistisch ist. Der Wert der Person wird an ihrer körperlichen und intellektuellen Leistungsfähigkeit festgemacht, an ihrer psychischen Immunität.»

Es gilt also, die systemischen Mechanismen zu durchbrechen, ein realistischeres Menschenbild zu schaffen, eines, das davon lebt, dass Menschen nicht Rädchen im System und Objekte des Marktes sind, sondern Wesen mit Rechten und Bedürfnissen.

Leider fehlen dann doch wirkliche Strategien oder Tipps, das Ganze kommt in ziemlich bekannten Lebensweisheiten und einer oft sehr flapsigen, für mich etwas zu schnoddrigen Sprache daher. Trotz alledem ist das Thema wichtig, dass das Bewusstsein darauf gelenkt wird, nötig.

Persönlicher Bezug

«Dich mit deinen Bedürfnissen zu befassen. Dich um dich selbst zu kümmern. Das bedeutet nämlich in erster Linie, dass du dir selbst Raum zugestehst, der dir von der Gesellschaft nicht unbedingt auf dem Silbertablett serviert wird. Schon ihn dir einfach zu nehmen, kann eine Form von Protest sein. Kann feministische Praxis sein.»

Jede alleinerziehende Mutter kennt es wohl, dass man einfach funktionieren muss. Da ist keiner, der dir etwas abnimmt, es hilft nichts, wenn du krank bist, es muss alles weiterlaufen wie immer. Ich habe das perfektioniert, ich war nie krank und wenn, zeigte ich es nicht. Ich funktionierte wie das sprichwörtliche Rädchen im System mit Kind, mehreren Jobs und Studium. Dass das nicht gesund war, ist keine Frage.

Ich bin schon früh damit aufgewachsen, dass man Erwartungen erfüllen muss, um nicht unterzugehen. Ich hörte immer, dass ich keine Schwäche zeigen dürfe, das wolle keiner sehen, das interessiere «im wirklichen Leben» nicht – also galt das schon als Kind, schliesslich musste ich ja vorbereitet werden. Ich hörte auch oft, was sich für ein Mädchen gehört und was nicht, wo ich nicht ins normale Rollenbild passte und dergleichen mehr. Selbstfürsorge befand sich nicht in meinem Wortschatz und damit auch nicht im Handlungsrepertoire. Der Preis ist zu hoch.

Wenn wir etwas an diesen Strukturen und Rollenbildern ändern wollen, müssen wir darauf aufmerksam machen. Nur wenn die Missstände im Bewusstsein sind, man Worte dafür hat, was falsch läuft, und Strategien, wie man all das durchbrechen kann, wird etwas ändern.

Fazit
Ein wichtiges Thema für all die, welche sich in den alltäglichen Kämpfen des Alltags zu schnell selber vergessen und über ihre Grenzen gehen. Locker und leicht lesbar geschrieben, allerdings ohne wirkliche Hinweise auf konkrete Veränderungsmöglichkeiten. Empfehlenswert.

Autorin
Svenja Gräfen, geboren 1990, lebt in Leipzig und ist Autorin für Prosa, Essays und Drehbücher. Sie veröffentlichte bisher zwei Romane, »Das Rauschen in unseren Köpfen« und »Freiraum«, sowie Texte in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften. Für ihr Schreiben hat sie bereits zahlreiche Stipendien erhalten. 2018 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs eingeladen und war Alfred-Döblin-Stipendiatin der Akademie der Künste Berlin. 2019 war sie Stipendiatin des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Sie leitet außerdem Schreibkurse und arbeitet als freiberufliche Redakteurin, Lektorin und Kreativberaterin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Eden Books – ein Verlag der Edel Verlagsgruppe; 1. Edition (8. April 2021)
Taschenbuch: 200 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3959103329

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Anne Ameri-Siemens: Die Frauen meines Lebens

Frauen erzählen von ihren Heldinnen, Vorbildern und Wegbereiterinnen

Inhalt

«[Der Prozess der Gleichberechtigung] muss vorangetrieben werden. Zum Beispiel, indem man über Vorbilder und Wegbereiterinnen spricht, über die Freiheit, die Frauen haben sollten, wenn sie ihren Weg gehen.»

Wie wird man, wer man ist? Neben Veranlagungen und kulturellem Umfeld gibt es oft auch Menschen, die einen beeinflussen, weil sie ihr Leben auf eine Weise meistern, die beeindruckt. Davon handelt dieses Buch: Von Frauen, die auf ihrem Lebensweg von Frauen beeindruckt wurden, Frauen, die andere Frauen als Wegweiser und auch Mutmacher hatten und die nun über diese weiblichen Wegbereiterinnen und Wegbegleiterinnen sprechen.

Anne Ameri-Siemens hat in diesem Buch Lebenserzählungen von Frauen wie Senta Berger, Jutta Allmendinger, Nina Ruge, Katharina Schulze und weiteren zusammengetragen. Entstanden ist ein inspirierendes Buch mit spannenden Lebensgeschichten.

Weitere Betrachtungen

«…dass Gleichberechtigung nur erreicht werden könne, wenn sie auch Männersache sei – und als gemeinsames Ziel von Männern und Frauen verstanden werde. (Jutta Allmendinger)»

Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau, dauert schon lange, und noch immer sind wir nicht am Ziel. Noch immer sind Frauen in vielen Bereichen untervertreten und benachteiligt. Damit das nicht so bleibt, gilt es, nicht aufzuhören mit dem Einsatz, sondern weiter zu kämpfen. Dies wird aber nur Erfolg haben, wenn Frauen nicht allein und schon gar nicht gegen Männer kämpfen, sondern wenn dieser Kampf zu einer gemeinsamen Sache wird.

«Unsere Realitäten werden sich aber nur ändern, wenn Frauen aktiv gegen die genannten Zuschreibungen angehen – und gegen das frühe Antrainieren von Rollenbildern.» (Stephanie Caspar)

Damit ein System sich verändert, das über so viele Jahrzehnte gewachsen ist, braucht es neben den Forderungen für gerechtere Bedingungen auch einen Befreiungsschlag. Wir müssen uns lösen von tradierten Rollenbildern. Wir müssen diese Rollenbilder erkennen und bewusst darauf achten, dass wir sie nicht übernehmen oder gar in der Erziehung an die nachfolgende Generation weitergeben.

Die Geschichten dieser spannenden Frauen, die in dem Buch zu Wort kommen und über ihre Prägungen sprechen, zeigen, dass man als Frau erfolgreich seinen Weg gehen kann, dass man dabei auch auf Vorbilder schauen kann und das Rad nicht neu erfinden muss.

«Das Bedauern, es nicht versucht zu haben, ist später sicher schwerer auszualten , als wenn man auch mal scheitert oder nicht mit allem Erfolg hat. (Gisa Pauly) »

Vieles erscheint schwierig und kaum erreichbar, die fehlende Chancengleichheit kann als abschreckende Hürde wirken, der Umstand, dass man als Frau oft auch sonst benachteiligt ist und gegen Klischeevorstellungen ankämpfen muss, kann demotivieren. Und doch: Wenn man nicht wagt, aufzustehen, auszubrechen aus eingefahrenen Pfaden und Neues anzugehen, wenn man es nicht wagt, die eigenen Ziele und Wünsche zu erfüllen, wird man es wohl irgendwann bereuen.  

Persönlicher Bezug

«Aus Zurückhaltung entsteht nichts Neues, kann nichts Gutes erwachsen.» (Jutta Allmendinger)

Als Mädchen wächst man oft mit der Forderung auf, möglichst gehorsam zu sein, nicht aufzufallen, sich zu fügen in das, was Mädchen zusteht. Eltern, Schule, das weitere Umfeld – oft sind sich alle einig darin und das prägt, prägt mit der Zeit so sehr, dass man viel aus dem Blick verliert: die eigenen Wünsche und auch sich selber. Unser patriarchalisches System ist darauf angelegt, es erhält sich so selber am Leben. Und wenn wir uns nicht wehren, geht es so weiter.

Ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht, habe die prägenden Abwertungen meiner Vergangenheit gesehen, aber auch gemerkt, dass ich für mich doch oft Wege fand, aus solchen Mustern auszubrechen, mir meine eigenen Wege zu suchen – es ging nicht ohne Gegenwehr und Verletzungen, teilweise schmerzhaften.  Ich würde mir wünschen, dass wir weiter gehen, dass wir diese alten Muster durchbrechen können, dass nachfolgende Generationen es leichter haben werden. Dazu müssen wir nicht ständig von vorne beginnen, wir können an das anknüpfen, was Frauen vor uns schon erkämpft haben. Es gibt in der Vergangenheit spannende, mutige, kämpferische, tolle Frauen, die den Weg zu ebnen begannen. Machen wir weiter.

Fazit
Ein inspirierendes Buch von Frauen über Frauen, davon, dass man als Frau seinen Weg mit Erfolg gehen kann und dabei Wegbereiterinnen hat, die einen prägen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Anne Ameri-Siemens, geboren 1974 in Frankfurt am Main, arbeitet als Journalistin für das Feuilleton der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» und die «Frankfurter Allgemeine Quarterly». Für ihren «Spiegel»-Bestseller «Für die RAF war er das System, für mich der Vater» wurde sie 2007 u. a. mit dem Internationalen Buchpreis Corine ausgezeichnet. Mit der Verfilmung des Buchs, der Dokumentation «Wer gab euch das Recht zu morden?», war sie 2008 für den Grimme-Preis nominiert. Zuletzt erschien «Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer» (2017).

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Berlin; 1. Edition (19. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3737101271

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Gisèle Halimi: Seid unbeugsam!

Inhalt

«Es ist und bleibt ein Fluch, auf jeden Fall in den meisten Ländern der Erde, als Mädchen geboren zu werden. Zumindest bedeutet es weniger Chancen […] Überall auf der Welt lehnen sich unterdrückte Völker gegen ihre Unterdrücker auf, und Versklavte befreien sich. Also – warm mobilisierte die Frauenfrage nicht mehr Menschen? Worauf warten die Frauen, um sich zu erheben und laut zu sagen: ‘Es reicht!’?» .»

Schon von klein an erlebt Gisèle Halimi, dass es ein Fluch ist, als Mädchen geboren zu werden, dass man nicht die gleichen Rechte hat wie Jungen. Das will sie sich nicht gefallen lassen, weil sie es unfair findet und auch, weil sie Träume im Leben hat. Sie studiert Jura und setzt sich für die Belange von Frauen ein, aus der Überzeugung heraus, dass wir eine gerechtere Welt brauchen, eine, in welcher Frauen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben wie Männer.

«Ich war fest entschlossen, meinen Weg zu gehen, egal, ob das gut ankam oder nicht. Mein Weg führte zunächst über diesen masslosen Wissensdurst. Und über Bücher […] Damals begriff ich, dass Bücher mir Vertrauen und Kraft gaben. Vertrauen in meine Zukunft. Kraft, um die erdrückende Last zu tragen, die es mit sich brachte, als Frau geboren zu sein. Als Mensch zweiter Klasse.»

In einem Gespräch mit Annick Cojean erzählt Gisèle Halimi von ihrem Leben. Sie erzählt, wie sich ihr (tunesischer) Vater schämte, dass sie als Mädchen auf die Welt kam, wie sie sich als Kind weigerte, ihre Brüder bedienen zu müssen, sich einer Zwangsheirat widersetzte, nach Paris zum Jurastudium ging und als eine der ersten Frauen vor Gericht stand. Sie erzählt auch von den Schwierigkeiten, die sie auf diesem Weg hatte, immer aus einem Grund: Weil sie eine Frau war.

Entstanden ist ein bewegender Blick auf ein bewegtes Leben, ein Leben, das im Dienst einer gerechteren Welt steht, das Leben einer Frau, die etwas verändern will und sich dafür einsetzt. Unermüdlich.

Weitere Betrachtungen

«Mein Geschlecht sollte auf keinen Fall meiner Sache schaden! Ich tat also alles, was ich konnte, damit man vergass, dass ich eine Frau war. Damit sie mir zuhörten. Damit sie mich ernst nahmen. Damit ich eine Chance hatte, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, allein durch die Kraft meiner Worte und meiner Argumentation.»

Halimi beschloss, sich nicht von ihrem Frausein beirren oder gar behindern lassen zu wollen. Mit grossem Wissensdurst durchlief sie die Schule und setzte sich ein. Sie wusste, dass sie mehr leisten musste als die anderen, um bestehen zu können – und sie tat es. Sie fand Halt und Mut in Lehrern, in Büchern, und immer wieder auch in sich selber. Und sie wusste vor allem eines schon früh:

«dass ich etwas verteidigen, für etwas eintreten wollte. Gegen Ungerechtigkeit kämpfen und die Welt verändern wollte, die ich als so schlecht empfand.»

Ihr Leben war zu einem grossen Teil dem Feminismus gewidmet, dem Einsatz für einen besseren Stand der Frau in einer von Männern dominierten Welt. Dabei war sie aber nie eine Männerfeindin, eng an ihrer Seite war immer ihr Mann, der sie in ihrem Tun begleitete und unterstützte. Und viele andere Menschen, da man die Welt nie alleine verändern kann, man braucht Gleichgesinnte, man kann es nur gemeinsam schaffen. Darum auch ihr Aufruf:

«Habt keine Angst, euch Feministinnen zu nennen. Das ist ein wunderbares Wort. Der Feminismus ist ein entschlossener Kampf ohne Blutvergiessen. Eine Philosophie, die die Beziehung zwischen Männern und Frauen neu erfindet und sie endlich auf Freiheit gründet. Ein Ideal, das eine friedliche Welt in Aussicht stellt, in der das Schicksal der einzelnen Menschen nicht von ihrem Geschlecht bestimmt wird und in der die Befreiung der Frauen bedeutet, dass auch die Männer befreit werden – vom Diktat der Männlichkeit. Denn auf ihren Schultern lastet die grosse Bürde.»

Persönlicher Bezug
Diese Frau fasziniert mich in ihrer Leidenschaft für eine Sache und ihrem unbeugsamen Willen, einzustehen für ihre Werte, für ihre Überzeugung. Gerechtigkeit ist ein Antrieb, den auch ich kenne. Schon als kleines Kind war es mir eines der wichtigstes Gut, der Satz «Das ist ungerecht» fiel oft bei uns zu Hause. Im Studium konnte ich dieses Thema vertiefen, ich forschte in der Philosophie danach, was Gerechtigkeit überhaupt sein könnte, ob es sie überhaupt gibt. Das Thema liess mich nicht los. Ich hatte das Glück, für meine Dissertation ein Stipendium im Bereich «Historische Wahrheit, historische Gerechtigkeit zu erhalten». Das Thema ist leider ein wenig in den Hintergrund geraten. Nicht dass es nicht auch heute noch einer meiner wichtigsten Werte ist, aber ich setze mich (zu) wenig dafür ein. Das möchte ich auch wieder ändern. Dieses Buch hat mir Mut gemacht.

Fazit
Ein inspirierendes und packendes Buch einer grossartigen Frau, die ihr Leben unermüdlich in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt hat und mit grossem Einsatz dafür einsteht. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Mitwirkende
Gisèle Halimi, 1927 in Tunesien geboren und 2020 in Paris gestorben, gilt als Ikone der Frauenbewegung. Als Rechtsanwältin setzte sie sich u.a. für die Legalierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Frankreich ein. Ihr Einsatz für die algerische Freiheitskämpferin Djamila Boupacha an der Seite von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre machte sie weltberühmt. Sie kämpfte ihr Leben lang für die Freiheit und die Rechte der Frauen.

Annick Cojean arbeitet als internationale Korrespondentin für die französische Tageszeitung Le Monde und ist eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. Sie hat bereits mehrere preisgekrönte Bücher veröffentlicht, zuletzt den Porträtband „Was uns stark macht“ (2019) über inspirierende Frauen wie Patti Smith, Virginie Despentes, Joan Baez, Aslı Erdoğan, Vanessa Redgrave u.a.

Kirsten Gleinig hat Germanistik, Kunstgeschichte und Romanistik in Göttingen und Aix-en-Provence studiert. Seit 2002 ist sie freiberuflich als Lektorin tätig sowie als Übersetzerin und Autorin mit den Schwerpunkten Belletristik, Biografien, Kunst, Frankreich und Reise.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau; 1. Edition (15. November 2021)
Gebundene Ausgabe: 140
ISBN-Nr.: ‎ 978-3351038953

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Sprache und Haltung

In einer Woche ist Weihnachten und ich kann es irgendwie noch gar nicht ganz fassen, dass das so sein wird. Ich bin kein Weihnachtsfan, vielleicht, weil Weihnachten für mich mit wenig Geschichten, wenig Erinnerungen, wenig positiven Gefühlen verbunden ist. Ich erinnere mich nicht an die Feste, weiss nicht mehr, wie wir zusammensassen, ob und wie ich mich freute über etwas. Ich erinnere mich an nichts und somit verbinde ich nichts mit Weihnachten. Die Gründe dafür können vielfältig sein, vermutlich ist es eher ein Verdrängen als ein Vergessen, schlussendlich ist es irrelevant – es ist, wie es ist. Heute kommt noch etwas dazu bei Weihnachten: Es ist irgendwie ein „Von-allem-Zuviel“: Zu viele Geschenke, zu viele Termine, zu viel Hektik… und zu wenig Ruhe, Musse, wirkliche Besinnlichkeit, die man der Zeit doch immer auf die Fahnen schreiben will. 

Eigentlich komisch, dass ich dann kürzlich sagte, das sei wie Weihnachten, als mir was wirklich Gutes widerfuhr. Ich hatte Zeit und Musse, wirklich lange in einer Buchhandlung zu sein, mich durch Regale und Bücher zu bewegen, zu stöbern, zu versinken. Am Schluss lief ich mit einer wunderbar gefüllten Tasche und ganz viel Vorfreude auf das Leseerlebnis hinaus. Ich kann mich nicht daran erinnern, an Weihnachten früher so ein Gefühl gehabt zu haben. Vielleicht ist es das Gefühl, das ich gerne gehabt hätte. Aber noch eher ist es einfach eine spontane Sprachwendung ohne tiefere Wort-Bedeutung.

Vor nicht langer Zeit kam es zu Diskussionen, weil ein süsses schokoladeüberzogenes Schaumgebäck seinen Namen ändern sollte. Nachdem das N-Wort schon lange nicht mehr adäquat war, sollte es nun auch dem M-Wort an den Kragen gehen. Die Begründung dafür war einfach: Das Wort verletzt die Gefühle von Menschen mit schwarzer Hautfarbe, sie fühlen sich dadurch herabgesetzt und beleidigt. Man könnte meinen, dass so eine Begriffsänderung eine Bagatelle sei, dass es nicht wirklich wichtig wäre, wie das Ding heisst, solange es schmeckt. Weit gefehlt. Das habe man immer so genannt. Das habe nichts mit den sich verletzt fühlenden Menschen zu tun. Die sollen sich mal nicht so anstellen, zumal man ja nichts gegen sie habe, dies nur ein Wort sei. Aber das wollte man sich nicht nehmen lassen. Schliesslich, so die Argumentation, denke man sich ja nichts dabei. Und vermutlich ist gerade das das Problem.

Wir verwenden Sprache oft auf eine unbewusste Weise. Wir hängen an alltagssprachlichen Gewohnheiten, ohne wirklich hinzuschauen. Dass es da nicht ausbleibt, dass Begriffe unbedacht verwendet werden, liegt auf der Hand. Das hat bei einer Redewendung wie eingangs erwähnt wenig Konsequenzen, kann aber in anderen Fällen schwerwiegendere Folgen haben: Dann nämlich, wenn man Menschen durch verletzende Ausdrücke und Zuschreibungen abwertet und diskriminiert. Das sind Menschen, die sich ihre Identität(en) nicht ausgesucht haben, die damit geboren wurden und nun damit leben. Sie wünschen sich in ihrem So-Sein genauso angenommen zu sein wie alle anderen. Sie möchten als gleichwertige Menschen unter Menschen leben können, ohne Angst zu laufen, in ihrer Würde und ihrem Sein angegriffen zu werden.

Wird das alles zum Thema, hört man die immer gleichen Argumente: Es ist nicht böse gemeint, das sagte man immer so, man wolle sich den Mund nicht verbieten lassen. Mir stellen sich dabei zwei Fragen:

  1. Ist ein offensichtlich unangebrachtes Wort so viel Wert und so wichtig, dass es egal ist, wenn damit ein Mensch (eine ganze Gruppe von Menschen) verletzt, abgewertet und sogar entwürdigt wird?
  2. Ist Sprache nicht auch etwas Prägendes? Was ich sage, prägt mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln.

Wenn ich davon ausgehe, dass Sprache nicht nur einen Einfluss auf das Befinden des anderen hat, sondern auch auf mich als Sprechenden eine Wirkung ausübt, ist es umso wichtiger, mir dessen bewusst zu sein, was ich sage. Die Wahl der Worte, der bewusste Einsatz derselben kann mein Denken ändern und damit auch meine Haltung. Selbst wenn ich vordergründig wirklich nichts gegen Menschen habe, die ich mit einer unbedachten Sprache abwerte, würde in der Weigerung, diese zu ändern, sobald ich auf die Verletzung dieser Menschen durch mein Sprechen erfahre, ein latenter Angriff und eine Herabsetzung ihres Seins und Fühlens stecken. Und dann wäre es umso wichtiger, wirklich hinzusehen und etwas zu ändern. Die angemessene Sprache ist ein erster Schritt dahin.

Christa Wolf: Sämtliche Essays und Reden

Inhalt

«Ist es überhaupt noch möglich, Bücher zu schreiben, die hüben wie drüben in gleicher Weise wirken? […] Wir haben nur noch nicht genügend verstanden, dass es nicht irgendeine, sondern die Forderung an einen deutschen Schriftsteller unserer Zeit ist, Nationalbewusstsein schaffen zu helfen.»

Diese Zeilen schrieb Christa Wolf 1961 in ihrem Diskussionsbeitrag ‘Probleme junger Autoren’ zur Vorbereitung des V. Deutschen Schriftstellerkongresses. Christa Wolf hat sich in ihrem langen Leben immer wieder mit dem Schreiben, Lesen, der gesellschaftlichen und politischen Situation Deutschlands sowie vielem mehr beschäftigt und dazu tiefgründige und zum Nachdenken anregende Essays geschrieben und Reden gehalten. Diese sind nun von Sonja Hilzinger für die vorliegende Publikation zusammengetragen worden.

Weitere Betrachtungen

Christa Wolf selber machte keinen Unterschied zwischen ihrer literarischen Prosa und der Essayistik. Beides, so Wolf, entspringe ihrer Erfahrung, der Erfahrung sowohl mit sich selber wie auch der Welt um sie herum. In ihrer Essayistik behandelt sie denn auch die ganze Bandbreite ihrer Interessen und Lebensinhalte: Das Schreiben, das Lesen, die Politik sowie die gesellschaftlichen Umstände. Durch die hier gesammelten Essays und Reden erhält man so einen sehr interessanten (und natürlich auch persönlich-subjektiven) Einblick in das kulturelle und sozialpolitische Geschehen der Jahre von Christa Wolfs Leben und Schaffen.

Der Umfang der Texte erforderte eine dreibändige Ausgabe:

  • Band 1: Lesen und Schreiben 1961 – 1980
  • Band 2: Wider den Schlaf der Vernunft 1981 – 1990
  • Band 3: Nachdenken über den blinden Fleck 1991 – 2010

Sie zeigt darin auf, wie der Einzelne auf das Ganze der Welt wirkt:

«Unsere blinden Flecke, davon bin ich überzeugt, sind direkt verantwortlich für die wüsten Flecken auf unserem Planeten.»

Worin das Talent von Künstlern liegt:

«Ein grosses Talent zeichnet sich nicht dadurch aus, dass ihm zufällt, was anderen Mühe macht. Viel eher kennzeichnet es die Fähigkeit, sich aller Mittel zu seiner Verwirklichung, die seine Zeit ihm in die Hand gibt, auf ertragreichste Weise zu bedienen.»

Reflexionen zum eigenen Schreiben:

«Ich schreibe, um herauszufinden, warum ich schreiben muss. – Tatsächlich wird Schreiben für mich immer mehr der Schlüssel zu dem Tor, hinter dem die unerschöpflichen Bereiche meines Unbewussten verwahrt sind; der Weg zu dem Depot des Verbotenen, von früh an Ausgesonderten, nicht Zugelassenen und Verdrängten; zu den Quellen des Traums, der Imagination und der Subjektivität.»

Und vieles mehr. Wer mehr von und über Christa Wolf erfahren will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt, es ist eine wunderbare Wundertüte voller weiser Gedanken zu einer grossen Bandbreite von Themen.

In ausführlichen und informativen Kommentaren erfährt der Leser den Zeitpunkt der Entstehung, der Publikation sowie den Anlass oder das Medium derselben. Dies ist gerade bei den politischen Texten sehr wertvoll, hilft es doch, die Texte noch besser ins Zeitgeschehen einzuordnen.

Persönlicher Bezug
Ich mag literarische Texte, liebe die Literatur, was ich aber ebenso und manchmal noch mehr liebe, sind Essays, gerade die von Literaten. Sie versprechen oft einen klaren Blick auf ein bestimmtes Thema und präsentieren diesen in einer literarischen, schön zu lesenden Sprache. In Essays zeigt sich noch viel mehr als in der Literatur der Scharfbllick des denkenden Menschen, offenbaren sich die Gedankengänge der jeweiligen Person, öffnen sich Einblicke in die Meinungen und Ansichten eines schreibenden Menschen. Christa Wolfs Essays und Reden sind ein grossartiges Beispiel dafür.

Fazit
Ein wunderbar umfassender Blick auf Christa Wolfs Denken und Schaffen. Kompetent und aufschlussreich zusammengetragen und präsentiert. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Herausgeberin
Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas Mann Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb 2011 in Berlin.

Sonja Hilzinger, Privatdozentin für Neuere deutsche Literatur, lebt in Berlin und arbeitet als freie Autorin, Lektorin und Wissenschaftsberaterin. Zum Werk Christa Wolfs veröffentlicht sie seit 25 Jahren und hat u.a. die zwölfbändige Werkausgabe ediert.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Suhrkamp Verlag; Originalausgabe Edition (16. August 2021)
Taschenbuch: 1800 Seiten (Drei Bände im Schuber)
ISBN-Nr.: ‎ 978-3518471609

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