Wie oft am Tag sagen wir uns: „Ich kann das nicht.“, „Das liegt mir nicht.“, „Ich bin halt so (schlecht).“ und wundern uns dann, wenn wir die Dinge nicht können, uns schlecht fühlen, uns unwert fühlen. Wo wir gehen, stehen, sind, sehen wir Gefahren, weisen uns selber auf unsere Unzulänglichkeiten hin und sehen die Menschen um uns, die Dinge können, die wir auch gerne könnten, uns aber nicht zutrauen oder uns von Anfang an gleich absprechen.

Wieso sind wir so hart mit uns? Wären wir andern gegenüber auch so unnachgibig, so grausam? Wieso wundern wir uns damit, dass wir wirklich unterliegen? Dinge nicht auf die Reihe kriegen? Und: woher kommen diese Stimmen? Denke ich wirklich von mir, dass ich schlecht bin? Nichts tauge? Ist das MEINE Stimme, die da spricht? Höre ich nicht meinen Vater in mir, wenn ich denke, dass ich halt faul bin, wie er mir sagt, dass ich nur zu faul bin, sonst viel mehr erreichen könnte? Höre ich nicht meinen Lehrer in mir, wenn ich denke, nicht auf den Baum klettern zu können, wie er mich auslachte, als ich die Stange nicht hoch kam? Sind es nicht all die Stimmen von aussen, die sich in mich rein geschlichen haben und nun tagtäglich aus mir sprechen? Wie viel Zeit verbringen wir pro Tag damit, uns negative Gedanken vorzusagen und sie noch zu glauben? Wie viel Zeit verwenden wir darauf, uns Dinge nicht zuzugestehen, weil wir denken, wir wären sie gar nicht wert?

Ich habe ein Bedürfnis, schlucke es runter, weil ich denke, es steht mir nicht zu, das zu äussern. Aber wieso sollte es mir nicht zustehen? Wieso sind die Bedürfnisse anderer wichtiger als meine eigenen? Klar ist es schön, für andere dazusein, aber wieso geben wir uns selber dafür auf? Wer sagt uns, dass wir das tun müssen? All die kleinen Stimmen in uns drin, die da laut und leise durcheinander sprechen uns sagen, was wir alles nicht können, wo wir alle nichts taugen, was wir nicht dürfen, was wir müssen – um geliebt zu werden. Aber wir lieben uns so nicht selber. Im Gegenteil, wir verurteilen uns. Liebt man jemanden, dem man nichts gönnt, den man beschimpft, dem man nichts zutraut? Nein, das tut man nicht. Aber wir wollen geliebt werden. Aber wie sollen uns andere lieben, wenn wir das selber nicht schaffen? Wie wollen wir andern sagen: „He, ich bin liebenswert!“, wenn wir uns selber gleichzeitig sagen: „He, du taugst nichts!“

Klar können wir nicht alles. Ich komme wirklich keine Stange hoch. Aber mein Gott, wen kümmert das? Bin ich drum weniger wert? Sicher nicht. Und wenn mich jemand liebt, wird er mir die Stange hochhelfen und nicht unten stehen und mich auslachen. Und alle, die lachen, können wir getrost lachen lassen, denn wir sind nicht auf sie angewiesen. Wir sind nur auf uns selber angewiesen. Darauf, dass wir uns lieben lernen. Sanft mit uns umgehen, uns aufbauen, positiv denken. Wir können Dinge versuchen, statt uns gleich zu sagen, dass wir sie eh nicht können. Und wenn es nicht klappt ist das kein Weltuntergang. Dann haben wir noch einen Versuch. Und sind in unserem Versuchen toll. Weil wir nicht aufgeben. Weil wir an uns und an unseren Fähigkeiten arbeiten. Und auch mal akzeptieren können, dass wir nicht alles können müssen. Aber alles lernen dürfen, wenn wir es wollen. Und schlussendlich ist da immer die eine Botschaft: ich bin gut, genau so, wie ich bin. Ich bin genau so liebenswert. Und die anderen Menschen sind es genau so.

Namaste – finde deinen Weg zu dir selber!

Ich wünscht‘, ich wär‘ ein Stein
und könnte ganz gefühllos sein.
Hätte keine Sorgen mehr,
macht‘ mir nicht das Leben schwer.
Ich läge einfach still nur rum,
fühlte mich so gar nicht dumm,
sondern sähe es als Leben so,
hier zu sein, nicht irgendwo.
Niemand könnte treffen mich,
nichts wär mehr gar ärgerlich;
das Leben zög‘ vorbei im Fluss,
ohne jeglichen Verdruss.
Keine Höhen, keine Tiefen,
keine Tränen mehr, die liefen,
Ruhe nur und Stille wäre,
nur die körperliche Steinesschwere.
Keine Schmerzen, keine Wunden,
die kaum mehr,gar nie gesunden.
Niemand trät mit Füssen mich,
und wenn doch, verletzt er sich.
Ich läge da nur, still und stumm,
wie ein Stein liegt, einfach rum.

…weiss, wie ich leide. Was schon Goethe wusste. Um das zu wissen, hätte ich nicht sein Gesamtwerk lesen müssen – und ja, ich habe es getan. Und ich muss gestehen, es war schön. Wenn auch lang. Was hat es mir gebracht? Ich habe Durchhaltewillen gezeigt. Ich habe das umfassende Wissen eines Universalgenies kennen gelernt, habe von Juristerei, Literatur, Farblehre, Naturwissenschaft alles erfahren, was in der Zeit wohl etwa aktuell war – und bis heute teilweise ist. Und bin nun um ein paar Zitate reicher – wobei ich mir die nie merken kann. Aber ich schweife ab.

Sehnsucht – was besagt sie? Eine Sucht, zu sehnen. Etwas fehlt und wir klammern uns wie ein süchtiger daran, denken unentwegt daran, sind zittrig, fahrig, unruhig, weil uns genau das fehlt, was wir gerne hätten. Das Mittel, das Suchtmittel ist nicht da und wir haben nur den einen Gedanken: es ist nicht da, wir brauchen es, wir müssen es haben, dringend. Und oft ist das nicht zu machen. Wir müssen lernen, mit dem Mangel umzugehen – der Mensch, das Mangelwesen. Wir sind das von klein auf gewohnt – irgendwas fehlt immer. Milch, frische Windeln, Zuneigung, Wärme, Abkühlung – perfekt ist es nie. Konnten wir früher einfach drauflos schreien, funktioniert das heute nicht mehr – oder würde zumindest mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Wir sind nun erwachsen. Wir müssen uns dementsprechend verhalten – wir greifen zum Surrogat – Drogen, Alkohol, Essen, Sport, Selbstbetrug. Es geht uns gut. Niemand kann uns was. Wir sind schon gross. Uns fehlt was? Gar nicht wahr. Wir sind stark. Und so lügen wir uns durchs Leben, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, Pokerface lässt grüssen. Wie es in uns aussieht? Interessiert nicht – oft nicht mal uns selber, wir glauben uns unser Schauspiel. Wir sind gut… im Überspielen der eigenen Gefühle. Denken wir. Bis wir merken, in was wir laufen. Dass das Leben kein Leben, sondern nur Spiel ist. Dass wir selber ausgeliefert sind den Überspielmechanismen, die wir ins Leben riefen, um das Leben nicht zu spüren, wenn es schmerzt.

Spätestens dann ist es Zeit, hinzusehen. Bewusst zu realisieren: mir fehlt was. Und das tut weh. Verdammt weh. Und ich will es haben. Und selbst wenn man es nicht haben kann, weil die Situation einfach so ist, dass es nicht erreichbar ist, wird es einem auf lange Sicht mehr bringen, den Schmerz zu ertragen, denn irgendwann muss man durch ihn durch. Alle Surrogate schieben ihn nur raus, aber in einem drin sammelt er sich, kummuliert, wächst, wird gross, übermächtig – und überrollt einen irgendwann.

Der Schmerz gehört zum Leben – wie das Glück auch. Das eine wird es nie geben für den, der das andere nicht leben will. Denn Gefühle haben immer beide Ausprägungen. Und wer die eine verschmäht, wird die andere nie auskosten können. Wer am Glück festgalten will, wird es verlieren, da dieses Festhalten die Angst vor dem Verlust auslösen wird und es damit schon verflossen ist, wenn es noch da wäre, würde man es nicht halten wollen. Es hilft wohl nur, zu akzeptieren, dass man im Leben kaum je alles hat – und alles vergänglich ist. Schön, wenn Dinge bleiben. Man kann sie achten, geniessen, auskosten – aber nie halten.

Nur wer die Sehnsucht kennt – weiss, wie ich leide. Auf dass das Leid ein Ende habe, dem Glück weiche. Einem Glück, das man nie festhalten kann, aber pflegen, kosten, geniessen – und loslassen.

„Du bist zu gut für mich, darum lasse ich dich gehen“, sagte der Prinz und zog von dannen. Zurück blieb Schneewittchen und wollte sich grad von ihren Zwergen trösten lassen, als sie – ja, als sie das Hirn einschaltete. Nun kommen in Märchen relativ wenig Hirnschaltungen vor, sie nehmen wohl der Geschichte den niedlichen Märchencharakter. Aus diesem Grunde verlassen wir die Märchenwelt an diesem Punkt und kommen jäh zurück in die Realität, fragen uns hier: „Was für ein Schmus ist das denn?“ Sind Menschen zu gut oder zu schlecht für einander? Und: kann der andere entscheiden, ob man nun zu gut ist für ihn? Ist er grosser Ritter und Held, der auf das Gute verzichtet, weil er sich selber für zu schlecht befindet? Würde man dahin gehen, allen ernstes und sagen: Ich bin so schlecht, ich habe die Frau, den Mann, den Job nicht verdient, ich gebe ihn jemandem, der ihn besser verdient?

Ich meine, Selbstlosigkeit ist eine Tugend, ab einem gewissen Grad dann wohl doch nur noch Doofheit. Wäre es denn wirkliche Selbstlosogkeit und nicht eine andere Eigenschaft als Wolf im Schafpspelz „Selbstlosigkeit“ verpackt. Die erste Frage, die sich stellt:

Ist ein Mensch zu gut für den anderen? Oder der andere zu schlecht für einen? Wer stellt diesen Massstab auf? Mit welchem Recht? Nach welchen Kriterien? Grösse des Einkommens? Stand der Ausbildung? Herzensbildung? Wie ist die messbar? Und ist Herz in Skalen einteilbar? Herznummer 1-5 passt nicht zu Herznummer 6-10? Würde sich jemand selber Herz absprechen? Ist ein Handwerker ein schlechterer Mensch als ein Akademiker? Irgendwie abstrus…

Wenn ich jemanden liebe, der mich auch liebt, gebe ich ihn dann frei, weil ich so selbstlos denke, der findet bestimmt noch was Besseres als mich? Und vor allem, mit welchem Recht bestimme ich das für ihn? Vielleicht will der ja just mich? MIt allen Ecken und Kanten und Schlechtigkeiten 🙂 Vielleicht findet der mich ja toll so? Und wenn nicht mit allem, dann doch so toll, dass er mich will? Gehe ich dann dahin und sage: sieh’s ein, ich bin gar nicht so gut, ich lass dich gehen – gerade WEIL ich dich so liebe. Abstrus… und vor allem: Kompetenzüberschreitung. Damit stellt man sich über den anderen, spricht dem ab, selber zu entscheiden, was er will, kann, soll und sagt ihm, was er nicht soll – nämlich eben mit einem zusammen zu sein. Keine Tugend, Grenzverletzung. Und vor allem spricht es eine gegenteilige Sprache zum „Ich bin zu schlecht“; es sagt nämlich: ich bin so gut, dass ich weiss, was gut für dich ist. Und ich habe die Macht, es durchzusetzen.

Da sitzt man dann, man guter Mensch, man zu guter Mensch und fragt sich: „Welcher Film läuft hier ab?“ Und: „wie kam der ins Kino?“

Man kann aber auch einfach aus dem ganzen ziehen: „Der hat recht! Ich bin gut! Sehr gut! Und verdiene nur das Beste!“ Und dann glaubt man dran, dass das Beste für einen (das nicht gut, besser, am besten, sondern einfach für einen gut, für einen das beste, weil das für einen Passende) zu einem findet. Und dieses Gute wird genau so gut sein, dass es sich als gut genug für einen, einen für gut genug für sich und alles für ach so gut und passend sieht, dass es sich nicht in leere Floskeln von Wert und Unwert stürzen muss, sondern leben kann, was lebbar ist.

Go for it, it is the best you can get because you are the best you can be!

Wenn ich etwas will, muss ich das sagen, denn sonst besteht die Gefahr, dass ich es nicht kriege – und die besteht zu Recht, denn wie soll der andere wissen, was ich will, wenn ich es für mich behalte? Einfache Logik, einfach umzusetzen: Rede folgt Wunsch, Wunsch geht (vielleicht) in Erfüllung. Somit wäre das Problem gelöst, der Blog könnte hier zu Ende sein. Wenn – ja wenn – es wirklich so einfach wäre. Oft halten wir nämlich genau damit hinterm Berg, was wir wirklich wollen. Wir fühlen uns falsch behandelt, sind mit Situationen nicht glücklich. Statt dem andern zu sagen, dass es so nicht stimmt, schweigen wir und versuchen durch die Blume durchblicken zu lassen, dass wir es gerne anders hätten. Bringt der andere dann einigermassen gute Argumente oder tritt nur schon bestimmt genug auf, schweigen wir wieder und schicken uns in unser Schicksal, nicht glücklich, aber zum Schweigen gebracht. Wieso? Wieso stehen wir nicht hin, mit derselben Kraft, und sagen: So nicht mit mir! Wieso stehen wir nicht ein für uns selber und trauen uns zu, genau so viel Wert zu sein, eine genau so grosse Plattform zu verdienen wie der andere sich für sich herausnimmt? Aus Angst, ihn zu verletzen? Ihn zu verlieren? Aber damit verletzen wir uns selber und verlieren uns auch selber. Und es wird nie eine ausgeglichene Beziehung sein, da der andere so immer am längeren Hebel ist, wir nur machen können, was er zulässt. Und das Schlimme daran ist: wir geben ihm diese Macht selber. Wäre es so schlimm, wenn jemand aus unserem Leben ginge, der uns eigentlich gar nicht wahrnimmt? Der unsere Bedürfnisse seinen ständig hinten anstellt, unsere Argumente nie den seinen adäquat erachtet? Wären wir nicht auf lange Sicht besser dran, wenn er denn wirklich ginge mit all seiner Kraft und Macht und Dominanz und wir wieder Herr unserer selbst wären? Ist das wirklich lebenswert, sich selber aufgeben zu müssen, hintenanstellen zu müssen, um den andern zu behalten?

Dasselbe passiert, wenn wir etwas wollen von jemandem, ihm Gefühle offenbaren wollen, Wünsche anbringen wollen. Wir trauen uns nicht, sie loszuwerden, weil wir denken, das Gesicht zu verlieren, dumm dazustehen. Was, wenn ich ihm sage, dass ich ihn liebe und er verlegen wegguckt und nach Worten ringt? Was, wenn ich ihm sage, dass ich gerne den Abend mit ihm verbringen möchte, er das gar nicht will? Was, wenn ich mich offenbare und nicht auf offene Türen stosse? Lieber halten wir uns bedeckt und abwartend, schauen, was da kommt und können dann entsprechend reagieren – oder auch nicht, wenn gar nichts kommt. Nur: was gewinnen wir damit? Gesicht gewahrt, Chance verpast? Vielleicht. Zumindest nehmen wir uns die Möglichkeit, selber zu unseren Gefühlen zu stehen. Wir erachten die eigenen Gefühle und Wünsche als minderwertig, lachhaft, den andern, der sie so sehen könnte, ist in dieser Sicht über uns, denn wir fürchten uns vor seiner Reaktion. Wir wollen keine Blösse zeigen und machen uns eigentlich genau damit schwach. Aus Angst. Aus Scham. Aus Unsicherheit. Wie schön wäre es, hinaus zu gehen, zu sich zu stehen, zu sagen, was man denkt und will und fühlt – und die Ablehung, die klar kommen könnte, als genau das zu sehen, was sie ist: nicht der Beweis des eigenen Unwerts, sondern nur das Zeichen, dass das eben nicht für uns bestimmt war. Unabhängig von unserem eigenen Wert.

Mein Vorsatz fürs neue Jahr, das bald kommt.

Oft sehen wir uns in Zwängen. Das Leben, in dem wir stecken, ist nicht das Leben, das wir leben wollen oder das wir uns als unser Leben vorstellten. Wir sehen Menschen, von denen wir nicht loskommen, Jobs, in denen wir feststecken, Gefängnisse, wo wir hinsehen. Rousseau sprach von Ketten, in denen der Mensch liegt. Er sah den Staat als Anketter des vormals frei geborenen Menschen. Der Staat besteht aus Menschen und ist menschgemacht. Gemacht von Menschen, die gewisse Regeln, gewisse Normen, gewisse Ansprüche verwirklicht haben wollen, um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Dabei gehen oft persönliche Bedrüfnisse unter zu Gunsten eines Gemeinwohls. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, das ist rational angebracht. Es wäre verhehrend, wenn um des Wohles einzelner Willen die Mehrheit litte. Wohin das führt, ist in vielen schwarzen Beispielen der Geschichte dokumentiert. Trotzdem ist es nicht glücksbringend, wenn man die eigenen Bedürfnisse ständig übergeht. Vor allem dann nicht, wenn dieses Übergehen nicht mal einem Gemeinwohl dient, eigentlich unterm Strich niemandem dient als eigenen zurechtgelegten Begründungen und Ansprüchen.

Oft auferlegen wir uns unsere Ketten selber, indem wir denken, auf eine gewisse Weise handeln zu müssen, um Ansprüchen zu genügen, die oft nicht von uns selber stammen, sondern in uns hineingeimpft wurden. Sie sitzen als übergeordnete Stimmen in uns und weisen den Weg mit drohender Stimme: „Du kannst das nicht tun, das gehört sich nicht!“ Oder es sind Ängste, die uns in Ketten werfen: „Wenn du das tust, passiert etwas ganz Schlimmes!“

Leider sind wir nachher nicht glücklich, wenn wir diesen Stimmen folgen, im Gegenteil, in uns nagt eine Unzufriedenheit, ein Fluchtgedanke kommt auf, der sagt: das halte ich nicht aus, ich muss hier raus. Man denkt, dass irgendwo da draussen etwas auf einen wartet, das viel lebenswerter ist als das, was wir leben. Und indem wir am Alten festhalten, das Neue suchen, machen wir das Leben nicht wirklich lebenswerter. Wir begeben uns in eine Doppelwelt, in der wir uns zerreissen zwischen zwei Polen und bei keinem mehr zu Hause sind. Was dabei vergessen wird ist, dass man nie an den Punkt kommt, an den man will, wenn man mit einem Bein auf einem andern Punkt steht. Man steht nur mit beiden Füssen gut auf dem Boden, alles andere ist instabil. Der Gedanke, den zweiten Fuss nachziehen zu können, wenn der erste mal abgstellt ist, ist ein Irrgedanke. Das Fundament ist wacklig gebaut auf diese Weise.

Um einen richtigen Stand zu haben, muss das Fundament stimmen. Ist das, was man lebt, nicht das, was man leben will, gibt es nur den Weg, das zu ändern. Entweder ändert man es im Bestehenden oder aber man sieht, dass das nicht mehr stimmt und verlässt das. Erst dann ist man frei genug, Neues zu bauen. Alles andere wird nur im Chaos enden – für sich und für alle andern. Die Menschen im neuen Leben werden sich nicht wirklich gewollt fühlen, die im alten wähnen sich in einer Scheinsicherheit, die irgendwann jäh zusammenstürzt. Und man selber verliert sich selber im Hin und Her.

Der alte Spruch: das eine tun, das andere nicht lassen greift in diesem Falle selten. Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus rein emotionalen. Gesetzt den Fall, man sucht keine Beliebigkeit, sondern Einmaligkeit – die eben trägt und verbindet. Und so lange wir uns nicht darauf einlassen, fühlen wir uns als Opfer unseres Lebens, das uns verunmöglicht, was wir eigentlich wollen, ohne zu merken, dass wir es selber sind, die wir uns im Wege stehen.