Heute habe ich aus einem Impuls hinaus die „Worte eines Erwachten“ (Zensho W. Kopp) aufgeschlagen, im Denken, dass mir die Stelle, die ich treffe, etwas sagen wird. Ich landete auf Seite 93, Titel: Reine Liebe:

Die reine Liebe ist die Liebe in der Form der allumfassenden Ganzheit. Sie sucht stets die Aufhebung aller Gegensätze, denn sie strebt zum vollkommenen Einssein.
Reine Liebe bleibt nicht am konditionierten Gefühlsimpuls einer dualistischen Unterscheidung hängen. Es ist nicht die Pseudo-Liebe, die ergreifen und besitzen will, sondern ganz im Gegenteil.
Es ist die LIebe, die sich selbst schenkt und hingibt. So wie die Motte, wenn sie das offene Feuer sieht, sich selbst vergessend in das Feuer hineinfliegt und darin verwandelt wird.

Ein schönes Bild der Liebe, eines, das selten so gelebt wird. Oft wollen wir unter dem Deckmantel der Liebe etwas besitzen, etwas einnehmen. Wir sagen, dass wir lieben und nehmen uns das, was wir durch diese Liebe bekommen. Oft wird die Liebe auch instrumentalisiert, um zu kriegen, was man will. Man denkt, wenn der andere sich geliebt fühlt, erhalte ich, was ich für mich brauche. Das ist eine Form von Selbstliebe, von übersteigerter, die aber nie zum wirklichen Glück führen wird, denn auf dem Unglück anderer baut man kein eigenes Glück auf. Zurück wird irgendwann Leere bleiben. Auch die Liebe, die besitzen will, wird nicht zum Glück führen, denn sie ist voller Angst, voller Zwang, voller Einschränkungen. Man sieht das Glück ständig in Gefahr, klammert sich an das Geliebte, will es halten. Und merkt nicht, dass man es genau so in die Ferne treibt. Die eigenen Ängste werden durch alle Poren durchkommen und die Beziehung durchdringen. Die Gefühle werden nicht mehr frei sein, sondern gezwungen, erzwungen und irgendwann bezwungen. Und zurück bleibt Leere, das Gefühl, verloren zu haben, das Gefühl einer erfüllten Erwartung, wobei es sich wohl eher um eine selbsterfüllende Prophezeihung handelte.

Ein anderes Bild der Liebe, das mir immer wieder in den Sinn kommt, findet sich in der Bibel – die wohl schönste Beschreibung davon, was Liebe ist (Korinther 1.13):

Die Liebe ist geduldig und freundlich.
Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht,
sie prahlt nicht und ist nicht überheblich.
Liebe ist weder verletzend
noch auf sich selbst bedacht,
weder reizbar noch nachtragend.
Sie freut sich nicht am Unrecht,
sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt.
Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles,
sie hofft alles und hält allem stand.

[…]
Was bleibt sind:
Glaube, Hoffnung und Liebe.
Die Liebe aber ist das Größte.

Voraus geht dieser Passage folgender Gedanke:

Ohne Liebe bin ich nichts.
Selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt,
ja mit Engelszungen reden könnte,
aber ich hätte keine Liebe,
so wären alle meine Worte hohl und leer,
ohne jeden Klang,
wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag.

Die Liebe ist unsere Basis, sie trägt, sie macht uns lebendig. Sie gibt mehr, als sie nimmt, sie erwartet aber nichts, wenn sie gibt, da sie von sich selbst aus gibt, im Wissen, dass der, welcher gibt, immer mehr hat am Schluss. Das steht auch im Tao te King, Vers 81:

Der Berufene häuft keinen Besitz auf.
Je mehr er für andere tut,
desto mehr besitzt er.
Je mehr er anderen gibt,
desto mehr hat er.

Mit den Worten der Liebe: Sende Liebe aus und du wirst geliebt werden. Hältst du sie zurück, nimmst nur, wirst du irgendwann einsam sein.

Ich habe mich vor Urzeiten selber mal poetisch an der Liebe versucht – dies zum Abschluss für heute. Eigentlich wollte ich heute gar nicht über die Liebe nachdenken, ein Griff zu einem Buch kann manchmal Welten öffnen und die Gedanken weiter treiben. So fing ich bei Zensho an, einem Deutschen mit japanischem Gedankengut (ZEN), ging weiter zur Bibel und deren jahrtausende alten Weisheiten und kam schliesslich nach China. Ein Zeichen dafür, dass es universelle und zeitunabhängige Gedanken gibt, Gedanken, die in uns sind, Gefühle, die uns tragen, die jeder in sich trägt und die er eigentlich nur frei lassen sollte, um zu seinem Glück zu finden.

Liebe ist…

Liebe kennt keine Grenzen,
sie stellt keine Bedingungen.
Liebe macht keine Auflagen,
sie wertet nicht.
Liebe kennt keine Vorurteile,
sie verletzt nicht.
Liebe trägt,
wo niemand sonst es tut;
sie unterstützt,
wo Hilfe nötig.
Liebe steht,
wo alle fallen;
sie hält zu einem,
wenn alle weg sind.
Liebe gibt Kraft,
wo deren Ende erreicht ist;
sie gibt nie auf,
auch wenn alles schon verloren scheint.
Liebe ist,
was sie ist,
ohne Schein und ohne Lüge,
sie ist.

Rilke schrieb ein Gedicht, das ich oft als Motto für das Leben sehe: Ich lebe das Leben in wachsenden Ringen…. den letzten werde ich vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.

Das Leben schreitet immer vorwärts. Wir gehen unseren Weg, haben Träume, Ziele, gehen sie an, fallen zurück, rappeln uns wieder auf, fallen auf die Nase, um wieder hochzukommen und weiter zu gehen. Peter Reber sang mal im Lied „Stürmischi Zyte“ „vo zwe schritt wod hesch vorwärts gmacht, bisch eine fürsi cho u langsam hets dir dämmeret es sig halt im läbe so“… und ja, es scheint oft so: man fällt immer mal wieder auf die Nase. Im Rückblick denkt man oft „Ich hätte es wissen können, ich habe es gar gewusst, aber mir und meinem Wissen nicht getraut. Wieso? Weil wir uns an falsches Wissen hängen. Wir denken, dass das, was wir lernen, was wir logisch folgern, aus dem Hören ableiten, Wissen sei. Aber das ist nur Gelehrsamkeit – im besten Falle. Laotse unterscheidet in seinem Tao te King zwischen Wissen und Gelehrsamkeit – Patanjali tut es in seinen Yogasutras ebenso. Und wir selber denken, zu wissen, wie der Hase läuft. Dabei übergehen wir das wirkliche Wissen ständig. Wir klammern uns an Scheinwissen, ohne zu merken, dass wir eigentlich nichts wissen. Und dieses Klammern ans Wissen erzeugt Leiden, das erst endet, wenn wir an dem Leiden leiden (auch eine Weisheit aus dem Tao te king, die mein Sohn als wenig sinnvoll erachtet – wer kann es ihm verübeln, mutet es doch wie eine doppelte Verneinung an, die schon mathematisch komplex genug ist, sprachlich umso schwieriger).

So oder so, um nicht noch weiter abzuschweifen und am Schluss bei der Quantenphysik zu landen: das Leben gestaltet sich in Rückschritten, die unterm Strich immer Fortschritte mit sich bringen. Und auch wenn wir im ersten Moment enttäuscht sein mögen, es nicht so lief, wie wir es uns erträumten, am Ende schaut was raus. Und wir sind einen Schritt weiter. Selbst wenn wir drei dafür gingen, zwei vorwärts, einen zurück – den einen Schritt nimmt uns niemand mehr. Er mag mit Schmerzen, Leid, Tränen verbunden gewesen sein, aber: er ging nach vorne. Und führte uns auf unserem Weg zum nächsten Ring, den wir versuchen, den wir gehen.

Ich halte es nicht so mit Versuchen. Ich versuche es mal heisst für mich: ich kann es auch gleich lassen. Ich bin ein Mensch der Tat – ich gehe oder gehe nicht. Und wenn ich gehen will, will ich gleich gehen. Morgen gehen dann die andern, dann will ich schon da sein. Ich weiss, dass ich die Leute um mich damit überfahre. Überfordere. Ich bin bei Schritt eins im Geiste schon bei Schritt 8. Und kenne damit das Ziel, wo ich hin will. Die Geduld, die anderen Schritt 2-7 noch gehen zu lassen, ist schwer auszuhalten. Und doch werde ich es wohl lernen müssen. Noch bin cih weit davon entfernt und denke ab und an wieder, besser den Weg alleine gehen, dann gibt es keine Schritte zurück. Die Schritte 2-7 könnte ich ignorieren, ich wäre gleich bei 8 und alles wäre gut. Doch vermutlich wäre das eine Illusion. Wir kriegen wohl im Leben das immer und immer wieder vorgesetzt, das wir noch lernen müssen. Vor 9,5 Jahre kam meine grösste Geduldsprobe auf die Welt. Ein Kind, das die Ruhe in Person ist. Das sich drehen und wenden und nochmals drehen kann und noch immer nicht vom Fleck kam. Für eine Mutter, die Schritte 2-7 auslässt und bei 8 weiter geht eine echte Herausforderung. Wir meistern sie täglich aufs Neue. Und so kamen wohl noch so ein paar Herausforderungen mehr dazu. Yoga war die, welche hilft, es zu tragen. Hinzuschauen. Zu reflektieren. Manchmal einen Schritt zu spät. Aber immerhin. Doch ich bleib ich und das Temperament bleibt. Da hilft kein YOga und wegatmen lässt es sich auch nicht. Die Schritte 2-7 sind einfach zuuuu lang. Aber ich strenge mich an. Das ist der letzte Ring – ich will ihn schaffen, weil: Der Weg ist das Ziel – neben dem Ziel, das ich will. Und da ich es will, gehe ich den Weg. Beständig. Mal leicht, mal ungeduldig, mal fluchend wie Bligg in „Fahr emal“, mal schimpfend wie Kate Perry „Fuck you“, mal weinend wie Johnny Cash in „Hurt“ oder wie Nazareth in „Love hurts“ – aber immer im Wissen: den letzten werde ich vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.

Wenn du mich siehst,
siehst du mich,
wie ich bin, was ich bin,
was mich ausmacht,
oder nur, was du sehen willst,
weil es dir gefällt?

Wenn du mich hörst,
hörst du mich,
was ich sage,
wie ich es meine,
oder nur,
was du hören willst,
weil du erlebt hast,
was dich prägte?

Wenn du mich fühlst,
fühlst du mich,
wie ich mich anfühle,
wenn ich mich hingebe,
oder fühlst du nur,
was du fühlen möchtest,
weil du dich danach sehnst?

Wenn du mich willst,
willst du mich,
weil ich bin
wie ich bin,
oder willst du nur das,
was du dir ersehnst,
schon lange wünscht?

Wer bin ich für dich,
bin ich ich,
wie ich bin,
weil ich bin, was ich bin,
oder bin ich nur,
was du brauchst,
weil du bist, der du bist?

Wenn in Nachbars Garten die Rosen immer schöner blühen als im eigenen, wenn der mehr Freunde hat als man selber, etwas besser kann als man es selber kann und gerne könnte, dann beginnt ganz tief drin leise Neid zu nagen, wird immer lauter und lauter, bis er schliesslich schreit und tobt. Man fühlt sich schlecht, sieht den Nachbarn mit immer zugeknifferen Augen an, fragt sich, wie der nur das alles verdient hat und wieso nicht man selber. Man hadert mit der Ungerechtigkeit der Welt, und denkt sich: dem zeige ich’s. Man sucht Punkte, wo man ihn treffen kann, findet sicher das eine oder andere, das man ihm andichten kann, schaut, wo man ihm eine Grube gräbt und fühlt sich gleich etwas besser, wenn die Grube steht und der Nachbar fällt. Kurzfristig. Und dann? Die Rosen des Nachbars werden immer noch höher sein. Und wenn nicht die, dann die eines andern Nachbarn. Und so viele Gruben kann man gar nicht graben, dass alle Rosengartenbesitzer reinpassen. Am Schluss bleibt das schlechte Gefühl des Neids, das nagt und nagt und in einem selber Gruben gräbt. Und es bleibt eine Verbitterung. Und ich denke mal, so wirklich glücklich und offen und liebenswürdig wird man in so einem Zustand nicht mehr wirken. Vielleicht finden sich noch ein paar gleichgesinnte Rosengartenbesitzerindiegrubewerfer, so dass man gemeinsam über den Undank der Welt lästern kann. Tief drin wird die Grube tiefer und eine Leere kommt.

Was bringt Neid? Und wieso fühlt man ihn? Wieso gönnt man dem anderen seinen Erfolg nicht und sieht mit Stolz auf sein eigenes Leben, im Wissen, dass man nicht alles haben und können kann, aber selber auch gut ist? Und: wieso treibt einen der Neid so weit, andere verletzen zu wollen? Wieso fühlt man ein Hochgefühl, wenn der andere leidet? Und ja, es tut weh, wenn man aus heiterem Himmel getroffen wird vom Neid eines anderen, von der Intrige eines anderen. Die Frage ist natürlich auch: wieso trifft es? Man weiss ja, dass der andere eigentlich selber leidet. Und drum schiesst. Man weiss, dass der andere eigentlich Mitgefühl bräuchte, statt dass ich mich über ihn ärgere. Denn der Ärger nagt an mir und hilft niemandem. Und doch: ja, es tut weh. Es ist unfair. Und es ist vom Herzen her gesehen unverständlich.

Ich habe dieses Wochenende gelernt, dass die Welt voller Güte ist, alles gut ist (as tantrisch-yogisch philosophischer Sicht). Nun kann man sagen, nein, das stimmt nicht, es gibt viel Leid auf der Welt, ich habe davon auch einiges erlebt. Aber oft erwächst aus Schlechtem Gutes. Seien es Einsichten, Erfahrungen, Denkanstösse, Wegänderungen, die zu etwas anderem, Guten führen. Oder man sieht klarer, auf wen man zählen kann, auf wen besser nicht. Man kriegt Zuspruch und vielleicht auch Hilfe, wenn man in Not ist. Und all das rückt die Welt wieder in die richtige Position, Freude kommt auf und die Sonne steigt wieder im Herzen. Und so wird aus etwas, das zuerst Leiden brachte, plötzlich etwas Glück bringendes. Das ist der Kreislauf des Lebens: halten kann man nichts, alles hat Kehrseiten, alles geht zu Ende, aber es entsteht Neues. Nach einer Trennung kann eine neue Liebe folgen, die so ist, wie man sie sich wünschte. Nach einer Enttäuschung ist der Schleier weg, man ist wirklich ent – täuscht und sieht klar und kann das Leben mit dieser Klarheit angehen. Und in der Not kommt plötzlich Hilfe, oft aus unerwarteter Ecke. Und man steht irgendwann da und denkt sich: es ist gut, wie es ist. Und dann steigt Dankbarkeit auf. Auch für die nicht so schönen Dinge im Leben.

Robert Betz nannte die Hürden schaffenden Menschen im Leben Arschengel. Das sind die Engel im Leben, die einem das Leben schwer machen, aber in dieser Rolle etwas bewegen – hin zum Guten. Ich danke an dieser Stelle allen Arschengeln in nahen und fernen Zeiten – von Herzen. 🙂 Und ich danke all den guten und lieben Engeln in meinem Leben!

Kürzlich in einem Elternforum kam es zur Frage, wie oft und wie lange kleine Kinder anderer Mütter fernsähen. Die Antworten kamen wie aus einem Munde: Kaum bis nie. Wenn, dann höchstens kurz und das auch nur alle Schaltjahre mal. Ich frage mich, wieso es ein so ausgedehntes Kleinkinderprogramm im Fernsehen gibt, wenn niemand das schaut. Oder schauen die Eltern heimlich Teletubbies, während die Kinderchen sich mit Holzklötzchen und Holzpuppen die Zeit vertreiben? Ich fragte mich dann, wo in der Realität all diese Vorzeigemütter versteckt sind, denn in der freien Wildbahn sind mir diese ach so pädagogisch wertvollen Mütter nie untergekommen.

Ich habe ja den starken Verdacht, dass diese Mütter die Frauen der Männer sind, die nie Blick lesen und auch noch nie einen Playboy in der Hand hatten. Die beiden Medien werden ja auch nie gekauft, haben aber reissenden Umsatz. Die Welt ist verrückt. Ich frage mich, wie die Konzerne das machen, dass die nicht reihenweise Konkurs anmelden müssen mit all ihren nicht berücksichtigten Produkten.

Oder – ich trau es mich fast nicht zu sagen: sollte das vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit sein und die Kinder sitzen doch vor dem TV? Und sollten vielleicht all die NZZ-Leser unter dem Deckmantel der NZZ-Frontseite etwa den Blick versteckt haben? Und wo hält sich wohl der Playboy versteckt? Im Schutzumschlag von „Schöner Wohnen“? Oder „Leichte Küche frisch gekocht“? Sollte es wirklich sein, dass Menschen sich so darstellen, wie sie sich gerne sähen? Arte schauend, über Quantenphysik und Epikuräer diskutierend statt über das Wetter und die nächste WM? Und: was bringt das den Menschen, die das (hypothetischer Weise, das ist ja alles blosse Theorie und nie nie nie nie nie nie Realität) so täten? Sind sie mehr Wert? Für wen? Die andern? Sich selber? Sich selber ja kaum, denn sie wissen ja (sorry, wüssten) um die Lüge. Sie wüssten, dass alles nur eine Vertuschung von Tatsachen ist.

Nehmen wir an, sie lügen sich ein in ihren Augen ehrwürdigeres Ich zusammen: Wieso schämen sie sich für ihr eigenes? Was lässt sie denken, nicht geliebt, nicht geachtet zu werden, wenn sie zu sich stünden? Eigentlich traurig, wenn man sich selber als nicht Wert genug achtet, sich nicht so geben kann und zu geben traut, wie man wirklich ist, mit all seinen Seiten, Facetten, Schwächen und Stärken. Sie sind es doch, die den Menschen ausmachen, ihn zu dem machen, was er ist, wie er ist. Und die erst offen legen, mit wem man es zu tun hat. Wen soll man lieben, wenn nicht den wirklichen Menschen? Ein Bild? Und was, wenn die Farbe abblättert?

Drum stehe ich dazu, ich höre nie nie nie Schlager, nie nie nie Schnulzen, ich höre Rammstein, Wagner und Stan Getz. Immer. Lese nur Goethe und habe noch nie den Blick Online gelesen. Nein, Pfui. Ich schaue nur hochstehende B-Movies und lache eigentlich selten, es gibt keine philosophisch hochstehenden Witze und alles drunter geht gar nicht. Und nun liebt mich. Nun müsst ihr mich lieben, denn ich bin doch nun gut.

Vielleicht ist ja alles auch ganz anders und ich liebe alles, was das Herz zum Schmelzen bringt, seien es rührende Komödien, dazu passende Musiktitel, die – ich lernte es vor Kurzen – alle gleich anfangen, lese täglich meinen Blick und fühle mich pudelwohl. Also ich liebe mich so.

Als ich noch relativ frisch auf meinem Yogaweg war, musste ich feststellen, dass ich trotz einer sehr grossen Beweglichkeit Dinge nicht so hinkriegte, wie ich sie gerne gehabt hätte. Mein Rücken war das grösste Sorgenkind, durch eine leicht verschobene Wirbelsäule und heraustretende Lendenwirbel entsprach er nicht dem Rücken, den ich in den Stellungen gerne gehabt hätte. Während ich schon damals in der Theorie lernte, die Grenzen des Körpers zu achten, sich nicht gewaltsam in Stellungen zu quälen, den Körper zu schonen und gesund zu halten, habe ich in der Praxis alles ignoriert und gedrückt und gepresst, um ja diesen Rücken grad zu kriegen. Das ging auf Kosten des Muskelansatzes des Hinteren Oberschenkelmuskels (Hamstring), der sich entzündete – und nie mehr ganz heilte. Mein Bein ist seit da meine Erinnerung an eine schmerzhafte und nachhaltige Lehre – im Körperbereich. Ich erlebe diesen Ehrgeiz leider oft im Yogaraum, versuche dagegen anzureden. Der Leistungsdruck ist allerdings tief in den Köpfen verankert, es braucht Zeit, durch diese dichten Wolken durchzudringen und ich hoffe stets inständig, dass niemand die schmerzhafte Lehre mitnimmt nach Hause, die ich selber auf mich nehmen musste, um es zu erkennen. (Und erkannt zu haben hilft nicht immer, immun zu sein)

Grenzen gibt es aber nicht nur im Körper, sie sind auch im übrigen Leben allgegenwärtig: man stösst an die Grnezen der Kraft, wenn man sich zu viel auflädt, nicht auch mal nein sagen kann, man stösst an die Grenzen der Nerven, wenn kleine Kinder nie gehorchen wollen, nur herausfordern (tut meiner natürlich nie) und auch sonst igrnoriert man die eigenen Grenzen gerne mal, geht darüber hinweg und kriegt meist auf irgend einer Ebene die Rechnung dafür.

Grenzen sind wichtig. Sie sind Zeichen unseres Körpers und unseres Geistes: Bis hier hin und nicht weiter. Diese Grenzen sind variabel. Was heute geht, kann morgen nicht gehen. Und so wie ich mich heute über die erweiterten Grenzen freuen kann, sollte ich morgen die engeren Grenzen respektieren und mich danach verhalten. Der Mensch ist keine Maschine, die immer höher, schneller, besser sein muss, ungeachtet der Tagesform. Er ist kein Roboter, der auf eine spezielle Leistung gepolt ist, die er dann immer erreichen muss und kann. Komischerweise gelingt es uns leichter, zu akzeptieren, wenn wir mal weitere Grenzen haben als wenn sie enger sind. Wir fühlen uns in unserem Selbstwert besser, wenn wir mehr leisten, als wir schon einmal leisteten. Leistungserhalt ist immerhin noch gut, Abnahme wird bekämpft und nagt am Selbstwert.

Bin ICH wirklich weniger wert, nur weil ich heute eine Stellung schaffe, morgen nicht? Bin ich wirklich mehr wert, wenn ich die Agenda voll habe, verplant bin, mehr schaffe, als eigentlich rein geht? Und wieso habe ich das Gefühl? Wieso identifiziere ich mich so sehr mit dem, was ich erreiche, statt zu sehen, wer ich bin? „Wer“ will das erreichen? Wirklich ich? Und wo mangelt es einem, wenn man diese Bestätigung sucht im aussen, sie braucht, um an den eigenen Wert zu glauben? Ich sage damit nicht, dass man keine Ziele haben soll, nicht an seine Grenzen gehen wollen soll. Im Gegenteil: man soll seine Grenzen suchen, ausloten, hinhören, wo sie sind. Man kann mit diesen Grenzen spielen, schauen, was geht, was möglich ist, aber auch eingestehen, wo es nicht möglich ist, wo die Grenze gesetzt ist und so stehen bleiben muss. Weil man heute an der Stelle steht, wo man ist. Und morgen ist ein anderer Tag, wer weiss, vielleicht geht es besser. Dabei ist nie wichtig, wo der Nachbar seine Grenze hat, wie tief er in eine Stellung kommt, wie viel er unternimmt, macht, kann. Wichtig sind wir selber und unsere eigenen Grenzen. Es ist nicht der Nachbar, der nachher leidet, wenn die eigenen Grenzen überschritten sind, das sind wir selber.

Indem wir selber auf uns und unsere Grenzen achten, zeigen wir uns selber, dass wir es wert sind, achtsam behandelt zu werden. Wenn wir ständig unachtsam mit uns umgehen, sprechen wir uns unseren Wert ab. Wie wollen wir von anderen dann erwarten, dass sie uns als wertvoll sehen und behandeln? Unser Wert kommt von uns selber. Nur wir können ihn uns selber zugestehen. Und indem wir uns als liebenswert erachten und liebevoll mit uns umgehen, werden auch die anderen Menschen uns so sehen und behandeln. Sei es dir wert!

In der letzten Zeit bin ich oft dem Satz „Man kann alles erreichen, wenn man es will“ begegnet. Ich habe – noch immer – meine Zweifel, selbst wenn ich auch der Meinung bin, dass man mehr erreichen kann, als man sich oft zutraut. Zwischen alles und mehr liegt aber in meinen Augen ein grosser Unterschied und der Faktor Zeit spielt auch noch eine Rolle: Vieles ist möglich, aber nicht zu jeder Zeit. Und oft möchte man etwas jetzt, was jetzt eben gerade nicht möglich ist.

Gehen wir aber davon aus, dass alles – wirklich alles – möglich ist, dann müsste jeder den Spagat können. Zack – runter… Jetzt ist das wohl wenigen möglich. Aber lassen wir die Zeit im Spiel, man darf sich dahin üben. Klar kann man nun sagen, nicht jeder will den Spagat können, legitim, wozu auch. Nur: Grundsätzlich müsste es ja – wenn alle alles erreichen können – möglich sein, ihn zu schaffen.

Ich kann ihn – offensichtlich. Was ich nicht kann und gerne könnte, ist der Handstand… ich werde mit üben beginnen, wenn ich jeden, der mir weismachen will, dass ALLES möglich ist, im Spagat sehe 🙂 Wobei ich beim Handstand glaube, dass ich ihn hinkriegen kann… irgendwie. Beim Spagat sehe ich da grössere Schwierigkeiten, aber ich bin ja eh der Zweifler bei „alles ist möglich“.