„Je leiser ich geworden bin, desto mehr konnte ich hören.“ (Ram Dass)

Zu Hause läuft das Radio, unterwegs sind Kopfhörer auf den Ohren. Wir sind dauernd in Bewegung, stehen unter Dauerberieslung und kommen kaum zur Ruhe – lassen Ruhe auch kaum je zu.

Wann hast du das letzte Mal bewusst dem Vogelgezwitscher zugehört? Das Rascheln des Windes in den Blättern eines Baums und das Rauschen eines Baches wahrgenommen? Wann bist du mit deiner Umwelt verschmolzen durch all die Geräusche, die in dich fliessen?

Wie wäre es damit:
Einfach mal sitzen. Nichts tun. Nichts sagen, nichts wollen. Einfach mal still sein und hören, was ist. Die Geräusche kommen lassen, gehen lassen, beobachten, gewahr sein. Einfach mal zur Ruhe kommen. Einfach mal sein.

„Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ (Hermann Hesse)

Wir Menschen streben nach Liebe. Von klein an sind wir auf Liebe angewiesen, ungeliebte Kinder verkümmern – und ebenso tun es Erwachsene. Oft schränken wir Liebe zu sehr ein, denken nur an eine Partnerschaft, wenn wir an Liebe denken und sehen uns als leidend, weil wir keine Liebe erfahrung durch den fehlenden Partner.

Liebe geht viel weiter. Liebe ist nicht auf ein Objekt beschränkt, sondern eine Grundhaltung, die aus einem offenen und mitfühlenden Herzen entspringt und auf das Leben und die lebenden Wesen bezieht – eingeschlossen uns selber.

Stell dir am Ende eines Tages mal die Frage: Bin ich heute lieb mit mir umgegangen? Und lasse den Tag Revue passieren. Wie oft warst du unzufrieden mit dir? Wie oft hast du dich innerlich kritisiert, hast geschimpft und gehadert? Oft schon wegen Kleinigkeiten.

Wir können keinen Partner herbeizaubern, aber wir können uns selber liebevoll behandeln. Und wenn uns das gelingt, können wir aus diesem liebenden Herz heraus unsere Liebe auf andere Wesen ausdehnen. Und wenn dieses ganze Herz von Liebe erfüllt ist, wird sich das Glück einstellen. Wie von selber.

Ich habe heute gebildet. Weiter gebildet. So stand es im Programm. Thema war: Philosophieren mit Kindern. Am Morgen waren zwei Vorträge… ich muss gestehen, ich habe sie ausgelassen. Den einen kenne ich gut -logischerweise, da ich mit dem ihn Haltenden zusammenarbeite -, den anderen erachtete ich für mich nicht als relevant, da es um ein Leben nach der Arbeit ging und ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mit meinem Tun irgendwann aufhöre – es ist schlicht ein grosser Teil meines Ichs und muss da sein.

Ich ging zum Mittagessen hin und war geschockt. Zwar konnte ich nichts essen, aber das, was ich sah und von essenden Kreisen erfuhr, war, was ich aus jahrelanger Erfahrung an der Uni Zürich kenne: Das Essen nicht geniessbar zu nennen, wäre eine Schmeichelei…Meine Güte… da sitzen Menschen, die sich anstrengen, die studieren. Gönnt denen doch endlich mal Essen, das mehr als nur Überlebensmassnahme ist – ein wenig Genuss tut dem Denken keinen Abbruch.

Dann ging ich zum Ort meines Workshops. Klar, Philosophieren kann man überall, nur: Die Kinder sitzen in dem Raum Tag für Tag. Und wohlfühlen? Das ist da nicht möglich. Und nein, eine Gelddiskussion müssen wir nicht starten. Für wenig kann man was machen. Da waren lieblos quasi ausrangierte Tische und Stühle in liebloser Frontalsituation aufgestellt. Alles alt, nichts schön, nichts persönlich.

Da sitzen kleine Menschen drin. Tag für Tag. Die müssen was lernen. Und das selten auf eine ihnen angepasste Art. Wohl fühlen in dem Raum? Quasi unmöglich. Da sitzen Lehrer. Tag für Tag. Vor Schülern in immer schwierigeren Konstellationen durch immer mehr Durchmischung (die auch Chance sein kann, aber dazu mehr in einem anderen Artikel). Wohlfühlen? Können sie sich da sicher nicht. Sie sind in einem grässlichen Raum, auf sich allein gestellt, mit klaren Vorgaben eines Lehrplans, der alles andere als kindgerecht und zukunftsorientiert ist. Wie bitte sollen Lehrer das gesund überstehen?

Ging doch immer. Haben wir auch so gehabt und gut überstanden? Wer so argumentiert, hatte Glück. Und ja, die gibt es und ich mag es allen gönnen. Aber es gibt auch die anderen. Und wenn man liest, dass immer mehr Kinder leiden, sich immer mehr Kinder gar umbringen. Wenn man liest, dass immer mehr Lehrer abgehen oder krank werden… müsste man mal hinschauen. Wie gehen wir mit Menschen um in dem Bereich? Und ein grosser Teil davon kann nicht selber wählen… die Kinder müssen in diese Schulen. Ein Teil ist schon geprägt, wenn er aus einer rauskommt. Und das für lange. Können wir uns das wirklich leisten?

Sogar, wenn es nicht um das Kindswohl geht, ist die Antwort klar: NEIN. Mit ein wenig mehr MItgefühl schon ohne die finanziellen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Leider werden zu wenig Stimmen laut. Das System ist träge, es befeuert aktuell am liebsten die eigenen Mühlen: Erhalten, was wir haben, erhalten, was uns dient.

Ich weiss von Lehrern, die gerne was bewegen würden. Und oft verzweifeln daran, dass sie zurückgebunden sind. Es sind Lehrer, die gute Leistungen und Ergebnisse erzielen. Trotz System. Auf einer Gratwanderung, die sie fordert und oft auch überfordert, auslaugt. Es gibt Studien, die eine klare Sprache sprechen, nämlich: Das aktuelle System ist nicht zukunftstauglich und schon gar nicht menschengerecht. Wann also setzen wir das alles um? Wann sind uns die Kinder und deren Zukunft so viel Wert, die eigenen Befindlichkeiten in den Hintergrund zu stellen und ein Schulsystem zu schaffen, dass der heranwachsenden Generation hilft, in einer sich immer schneller entwickelnden Zeit sich zurecht zu finden? Wann bilden wir endlich selber denkende Menschen aus und füllen nicht Fässchen ab mit Wissen, das keiner mehr je brauchen wird, es aber aufnehmen muss, um die Schule zu überstehen?

Ich frage mich schlicht: Wann wird der Mensch endlich als Mensch wahrgenommen und als solcher behandelt – damit er sein Menschsein leben kann, es geachtet sieht, sich am richtigen Ort fühlt? Heute und morgen?

„Es gibt keine Normen. Alle Menschen sind Ausnahmen einer Regel, die es nicht gibt.“ (Fernando Pessoa)

Wer bestimmt, wie wir zu sein haben? Wonach müssen wir uns ausrichten? Wer setzt den Massstab und mit welchem Recht? Ich erinnere mich gut an meine Kindheit, als mein Vater oft zu mir sagte: „Sei mal normal, sei mal wie die anderen, verhalte dich so.“ Und ja, es liess mich ein wenig hilflos und auch traurig zurück, denn so, wie ich war, schien ich nicht richtig zu sein. Und vor allem nicht normal.

Wer oder was ist normal? Wenn es eine solche Norm gäbe, wären dann alle gleich? Eine Welt voller gleich geschalteter Menschen, die das gleiche denken, tun, sagen? Wäre das nicht fürchterlich langweilig?

Kurz bevor mein Vater starb, hatten wir ein schönes Gespräch. Da sagte er mir: „Du warst schon immer anders als andere, hast schon immer dein Ding gemacht und darauf bin ich sehr stolz.“ Wie gut hätte mir das als Kind getan? Aus ihm sprach damals aber wohl die Sorge, wie die Gesellschaft mit mir und ich in der Gesellschaft klar käme. Landläufig haben es Menschen, die sich anpassen, einfacher. Nur: Was ist der Preis? Und bin ich bereit, ihn zu zahlen? Das muss jeder für sich selber entscheiden. Und dann ist jeder Entscheid gut und richtig, denn es war ein eigener.

„Schlussendlich zählen nur drei Dinge: Wie gut wir gelebt haben. Wie gut wir geliebt haben. Wir gut wir gelernt haben, loszulassen.“ (Jack Kornfield)

Was ist ein gutes Leben? Wann können wir auf unser Leben schauen und sagen: Ja, es ist gut, wie es ist? Was brauchen wir dazu? Geld?

Wenn wir unsere Tage anschauen, sind die oft mehrheitlich mit Dingen gefüllt, die dazu dienen, etwas zu erreichen. Wir arbeiten, um Geld zu verdienen, gehen ins Fitnessstudio, um abzunehmen, gehen shoppen, um mehr Kleider zu haben und besser auszusehen, kaufen ein neues Auto, um mit dem Nachbarn mithalten zu können. Dafür schieben wir anderes auf die Seite: Wir besuchen den alten Onkel nicht, den wir immer so liebten, weil schlicht die Zeit fehlt, wir geniessen nicht den Sonnentag, weil wir uns auf dem Stepper abstrampeln müssen, wir spielen nicht mit den Kindern, weil wir Überzeit machen, die gut bezahlt wird.

Und dann ist der Onkel tot, die Kinder sind gross, draussen ist Nebelwetter und den Job verlieren wir wegen Reorganisation. Und nun? Sitzen wir nun da und denken: Aber wenigstens haben wir ein neues Auto und eine Traumfigur? Nein, sehr wahrscheinlich wird in uns Bedauern laut. Wir merken, was wir verpasst haben und klagen uns an. Leider hilft das wenig, im Gegenteil: Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Es gilt also, loszulassen, was war und nach vorne zu schauen. Wir haben einige Chancen verpasst, aber neue warten auf uns. Die sehen wir nur, wenn wir nicht an den verpassten hängen, sondern mit offenem Blick nach vorne schauen, mit dem Lehrstück aus der Vergangenheit im Hinterkopf. Und dann machen wir es besser. Wir haben jeden Tag die Chance, neu anzufangen. Wir haben jeden Tag die Möglichkeit zu sagen:

Heute beginnt der Rest meines Lebens. Ich will leben und lieben. Und irgendwann lasse ich los im Wissen, dass ich gut gelebt und von Herzen geliebt habe.

„The meaning of life is just to be alive. It is so plain and so obvious and so simple. And yet, everybody rushes around in a great panic as if it were necessary to achieve something beyond themselves.“ (Alan Watts)*

Wie oft sind wir einfach getrieben? Wie oft denken wir, etwas erreichen zu müssen oder zu wollen, rennen Wünschen und Erwartungen hinterher, ohne zu merken, dass wir immer mehr zu Sklaven ebendieser Wünsche und Erwartungen werden?

Wir reden uns ein, wir wären glücklich, wenn wir nur dies oder jenes erreichten oder hätten. Wir suchen nach dem Sinn des Lebens und versuchen, diesen durch Leistungen zu erreichen. Und dabei vergessen wir oft das, was eigentlich der Sinn des Lebens wäre: Wirklich zu leben.

Auf dem Sterbebett befragt, was man sich im Leben noch gewünscht hätte, antworten die wenigsten, dass sie gerne noch mehr gearbeitet, noch eine Karrierestufe höher gestiegen oder noch einen grösseren Fernseher, ein teureres Auto gehabt hätten. Sie hätten gerne mehr geliebt, mehr gelacht, mehr gelebt.

Wir haben dieses eine Leben: Leben wir es.

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*Der Sinn des Lebens besteht schlicht darin, am Leben zu sein. Es ist so klar, so offensichtlich und so einfach. Und doch hetzt jeder in einer grossen Panik durchs Leben, als ob es nötig wäre, etwas ausserhalb einem selber zu erreichen. (Übersetzung S.M.)