Philosophische Praxis

Wer bist du?

Stellt uns jemand diese Frage, kommen die Antworten meist spontan: Ich bin Sandra, bin Mutter, Frau von dem und arbeite das. Die meisten von uns würden wohl staunen, käme dann die Nachfrage:

Und wer bist nun du?

Wir würden denken, das gerade erzählt zu haben. Nur: Wir kratzten an der Oberfläche. Wir zählten unsere verschiedenen Rollen auf, trafen aber nicht den Kern. Was wir beschrieben, war unser Ego, der Teil von uns, der immer „hier“ schreit, wenn es darum geht, zu definieren, welche Rollen wir in der Gesellschaft spielen, was uns gehört, wodurch wir uns nach aussen definieren. Das tief drin ist damit noch nicht mal ansatzweise genannt – meist kennen wir es gar nicht.

In der östlichen Philosophie unterscheidet man zwischen dem Ego und dem Selbst. Das Ego ist all das, was oben genannt wurde, es ist das, was wünscht und sehnt, das ablehnt und vermeidet…

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Philosophische Praxis

Wir alle wollen geliebt werden. Und oft wurde uns vermittelt, dass wir etwas zu leisten hätten, auf eine gewisse Art zu sein hätten, damit man uns liebt. Und so versuchen wir dann, so zu sein, wie wir sein sollen. Manchmal sind wir dann ziemlich weit von dem entfernt, wer wir selber sind oder wären, wir hoffen aber, dadurch liebenswerter zu werden – weil wir ja die Vorgaben erfüllen. Nur: Sehr oft gelingt das nicht, denn solche Scheinidentitäten wirken so, wie sie sind: Aufgesetzt, nicht authentisch.

Bei Lichte betrachtet, ist es auch nicht wirklich liebenswert, aus purem Opportunismus etwas vorzuspielen, was gar nicht stimmt. Das ist in dem Falle aber oft egal, denn: Der Zweck heiligt die Mittel. So belassen es manche dabei und fahren vordergründig gut. Zwar werden sie nicht wirklich geliebt, aber sie haben Erfolg. Das deckt eine Zeit lang die Ur-Sehnsucht nach Liebe, dient quasi als Ersatz. Bleibt…

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Vom Umgang mit den eigenen Wünschen

Philosophische Praxis

Freddie Mercury sang einst:

I want it all,
I want it all,
I want it all,
and I want it now.

Das Prinzip kann man bei Kindern gut beobachten, die sich etwas in den Kopf gesetzt haben und es dann haben wollen, um jeden Preis. Jedes Mittel ist ihnen recht, es zu kriegen: Die Mittel reichen vom flehenden Augenaufschlag über Tränen bis hin zu den Tobsuchtsanfällen gepaart mit Beschimpfungen gegen den, der dem gewollten Glück im Wege steht.

Man muss im Alter allerdings nicht mal so weit zurückgehen, um dieses Phänomen zu sehen: Es ist auch bei Erwachsenen durchaus noch vorhanden. Die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders haben zwar die extremsten Auswüchse der Mittel als nicht einsetzbar qualifiziert (nicht alle befolgen solche Regeln und nicht immer zu hundert Prozent), aber dass man das, was man will, gleich will und komplett, das liegt wohl in der Natur des Wollens. Wieso warten? Wieso…

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Philosophische Praxis

Ein Spruch, den man oft zu hören kriegt, wenn man mit dem Schicksal hadert, etwas passierte, das einen traurig macht, das einen verletzt, wo man vielleicht auch eigene Fehler sieht – oder sich denen anderer ausgesetzt. Das Leben geht weiter. Es will heissen, man solle abhaken, was war und vorwärts gehen. Man könne nicht ändern, was war, nur was ist und sein wird. Alles wahr. Trotzdem war, was war und es wirkt nach. Es hinterlässt Gefühle und es lässt einen mit diesen Gefühlen kämpfen, sie hinterfragen, hinterfragen auch, was war und ob es hätte anders sein können.

Hätte ich mich anders verhalten müssen? Habe ich falsch entschieden? Habe ich etwas übersehen? Wo bog ich falsch ab auf meinem Weg? War ich zu leichtgläubig? Zu stur? Falschen Wünschen hinterher rennend?

Es stimmt, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Was war, war, es wird nicht anders, nur weil ich es mir anders…

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Philosophische Praxis

Wenn Kinder zur Welt kommen, herrscht landläufig Einigkeit darüber, dass diese erzogen werden müssen – schliesslich sollen sie Mitglieder einer Gesellschaft werden und sich darin auch bewegen können. Erziehung geht immer von der menschlichen Natur aus, vom Verständnis davon, wie diese ist, und wird dann verstanden als die Möglichkeit, Menschen in einer bestimmten Art und Weise zu formen, um sie dadurch zu sozialisieren.

Es liegt auf der Hand, dass man, um den Menschen in einer ihm in seinen Anlagen entsprechenden Weise zu erziehen, von einer Frage ausgehen muss, die zugleich die wohl zentralste in der Philosophie ist:

Was ist der Mensch?

Nun driften schon die Ansichten darüber, was der Mensch von seiner Natur her sei, auseinander. Die Bandbreite reicht vom in seinen Anlagen bösen Wesen (Homo homini lupus est) über die neutrale Sicht (tabula rasa) bis hin zum in den Grundzügen guten Menschen. Nimmt man nun noch die kulturell unterschiedlichen…

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Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
Masche Kaleko*

Als mein Vater dieses Jahr starb, war mir dieses Gedicht wie aus dem Herzen geschrieben. Ein Weiterleben erschien fast undenkbar, meine Welt war dunkel und voller Schmerz. Wer könnte meinen Schmerz verstehen? Wer könnte wissen, was ich bis hier hin durchgemacht habe, wer nachvollziehen, wo ich nun stand? Ich fühlte mich trotz vieler gut gemeinter Worte allein – im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Zum Glück bin ich es nicht. Und doch hat mich der Weg geprägt, hat mir diese Erfahrung einiges mit auf meinen weiteren Weg gegeben.

Der Tod entreisst. Er trennt, was mal zusammen war. Er nimmt den einen mit und lässt den anderen ohne diesen zurück. Nun wissen wir alle nicht, was der Tod wirklich ist, was danach kommt – wir haben unsere Vorstellungen, Ideen, schöpfen auch Halt daraus. Was wir aber wissen – heute erinnern wir uns daran – ist, wie es für uns (für jeden einzeln von uns) ist, zurück zu bleiben, wenn einer geht.

Wo mal etwas (oder gar ganz viel) war, ist nichts mehr. Und doch auf eine andere Weise auch ganz viel. Wo grad noch jemand stand, steht keiner mehr – und doch ist er noch da. Irgendwie. Und oft ganz heftig gefühlt, fast schon überwältigend. Dann wieder still und leise – und… auch ab und an freudvoll. Was wäre da, wäre all das, was mal war, nicht gewesen? Wie dankbar kann man sein für das, was war, wenn es noch nachhallt? Und doch ist da auch der Schmerz, weil es gut war, und man das Gute gerne bewahren würde. Genau so, wie es gut war.

Menschen treten in unser Leben. Manche gehen gleich wieder, andere bleiben eine Weile, gehen dann, weitere bleiben lange. Weil es passt. Umso schwerer fällt der Abschied. Und doch bleibt die Dankbarkeit, dass sie da waren.

„Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“

Die Frage ist anfangs drängend, oft wohl auch überwältigend. Sie weicht mit der Zeit zurück, steigt nur ab und an am eigenen Firmament wieder auf im Sinne eines „ich vermisse dich“. Was bleibt ist die Erinnerung. Und damit der, der nicht mehr ist. Schön, wenn man sie lebendig halten kann, schön, wenn sie weiter Teil des Lebens ist. Und wunderbar, wenn sie zu einer friedvollen und freudvollen wird im Sinne einer Dankbarkeit dafür, dass war, was war, und noch sein darf, was ist. So leben Menschen weiter. Vielleicht ein bisschen ewig.

Rilke dichtete einst – das Gedicht ist übrigens mein Lebensmotto:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Und wer weiss: Vielleicht ist der letzte Ring auch der Ring, den andere für uns weiter ziehen. Durch ihre Erinnerung. Und wir gestalten diese Erinnerung durch unsere Gegenwart. Der, der ging, hat das durch sein Sein getan. Er lebt dadurch in jedem, der sich an ihn erinnert, auf seine Weise weiter.

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Gedanken anlässlich einer Lichterfeier
*zitiert nach Mascha Kaleko, Verse für Zeitgenossen

Sich aus ganzem Herzen einer Sache verschreiben…

Philosophische Praxis

Wer kennt es wohl nicht? Man träumt davon, etwas zu tun, findet aber ganz viele Argumente, die dagegen sprechen, vertagt es im besten Fall auf später, im schlimmsten verwirft man den Traum. Nun gibt es zwar so schöne Sprüche wie „Lebe deinen Traum!“ oder „Wenn du davon träumen kannst, kannst du es auch tun!“ – nur: Die Realität ist doch anders, oder? Wir stecken fest in Zwängen und Verpflichtungen. Wir müssen dies und jenes, drum können wir nicht unsere Träume leben. Zudem: Auf dem Weg zu diesen Träumen gibt es ganz viel, was im Weg steht: Es fehlt an diesem und jenem, erst müsste was passieren, bevor wir wirklich tun könnten, was wir wollen. Wie auch immer: Es gibt gute Gründe, wieso wir die Träume nicht leben.

In der heutigen Zeit hört man immer, dass alles möglich sei, wenn man es nur genug wolle. Man könne alles immer haben, nur…

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