Kürzlich lief ich mit dem Hund durch die Pampa und liess mich über Kopfhörer willkürlich beschallen. Eine Mischung aus allem lief, es war wunderbar. Ab und an kamen langjährige Lieblinge, dann und wann Dinge, die ich nicht mehr auf dem Radar hatte oder aber gar nicht kannte. Und dann kam das:

Ich dachte, ich höre nicht recht. Ich versuchte bislang, Rap etwas abzugewinnen. Sprachkönnen war da, oft auch Tiefgang. Eine Botschaft. Es war nie mein Gebiet, aber es war eines. Das hier ist aber nur noch destruktiv und abwertend. Und es hat Erfolg. Es ist unsere Jugend, die das hört. Und sie nimmt es sich zum Vorbild.

Wir hatten Jahrhunderte, in denen nur Männer was waren. Frauen gab es natürlich, doch sie waren mehrheitlich untergeben und weniger wert, die unbequemen wurden gar verbrannt. Dann standen ein paar auf und fingen zu kämpfen an. Einige Nachfolgerinnen haben es übertrieben, sie wollten den Spiess umkehren statt für ein Miteinander einzustehen. Ich denke, dem schulden wir das hier unter anderem…

Wann wird der Mensch endlich lernen, dass es nicht geht, wenn einer nur für sich und Seinesgleichen einsteht, alle anderen bekämpft? Es wird nur klappen, wenn wir miteinander in die Welt gehen. Die ist schon schwer genug, wir sollten die Kräfte bündeln.

Was aber machen wir nun mit solchem Schrott? Darf man das verbieten? Ich meine, es ist ein Aufruf, Mütter (das sind alle Frauen, die ein Kind haben) einfach von hinten zu nehmen, egal ob sie wollen. Damit wäre doch der Tatbestand des Aufrufs zu einer Straftat gegeben? Kann oder muss man es einfach laufen lassen? Ich weiss es nicht, aber: Solche Texte sind mehr als grenzwertig.

Kürzlich hat unser Bundesrat entschieden, Vaterschaftsurlaub gebe es nicht. Zu teuer wohl. Die Enttäuschung in vielen Kreisen war gross. Einige meinten dann, man sollte statt dessen Elternzeit gewähren. Auch dagegen kamen gleich Stimmen, da ja doch die Frau das Kind kriege.

Ich persönlich finde die Bezeichnung Elternzeit gut. Schlussendlich werden zwei Menschen Eltern. Klar muss sich die Frau körperlich erholen, aber dann? Soll der da sein dürfen, der es will und kann im individuell gelebten System. Gesichert sollte in meinen Augen vor allem eines sein: Einer der Elternteile ist für das Kind voll da.

Was mich viel mehr erstaunt und befremdet: Man nennt das Vaterschafts- oder Mutterschaftsurlaub. Urlaub? Kinderbetreuung ist Urlaub? Ich bin wahrlich kein Fan der Goldwaage, aber da wird ein Bild zementiert, das schlicht nicht akzeptabel ist.

Ja, wir leben in einer Welt, in der nur Arbeit zählt, die man für Geld ausser Haus erledigt. Wir leben in einer Welt, die ohne Gratis-Arbeit von vielen Frauen in der Betreuung von Familienmitgliedern – die Bandbreite reicht von kinderbetreuenden Müttern über ebensolche Grossmütter hin zur Altenpflege von bedürftigen Anverwandten – nicht auskommen könnte. Aber:

Nicht nur, dass man sie nicht wertet, wenn es darum geht, zu belegen, was man geleistet hat, man benennt es als Urlaub. Wir haben noch viel zu tun. Nicht nur in Sachen Gleichberechtigung, sondern auch darin, Leistung von monetären Gegenleistungen zu trennen und den Wert für die Gesellschaft, den Wert an sich zu sehen. Und anzuerkennen.

In den Sozialen Medien kursiert mal wieder ein neuer #Hashtag.

#metoo

Es geht darum, aufzuzeigen, wie weit verbreitet sexuelle Übergriffe sind auf dieser Welt. Wir geben uns so aufgeklärt, wollen so weit schon sein in Sachen Gleichberechtigung. Und doch gibt es sie. Und das öfter, als man es sich träumen liesse:

Sexuelle Übergriffe

Sie finden statt und sie tun es meist im Verborgenen. Die Gründe, wieso man damit nicht hausieren geht, sind mannigfaltig: Scham, Unterdrückung, mangelnder Selbstwert, Angst und viele mehr.

Ich finde es gut und wichtig, werden diese Themen endlich öffentlich angesprochen. Es ist schwer. Es ist unschön. Es macht Angst. Es geht tief. Und: Man weiss nicht, was nach einer eigenen Äusserung auf einen zu kommt.

Das wusste man schon nicht, als es passierte. man war ausgeliefert. Einer Handlung, die über einen kam, ohne dass man es wollte und oft ohne, dass man sich dagegen hätte wehren können. Und: Wenn man sich wehrte, stiess man auf Fronten. Widerstände.

Bei #metoo geht es nur drum, aufzuzeigen, dass es viele sind, denen es passierte. Es geht um die Demonstration des Ausmasses. Damit soll ein Bewusstsein geweckt werden, wo wir stehen in unserer Welt. Nur: Das verstehen viele nicht. Einige belächeln es, andere wollen es für sich benützen. So finden die einen, dass es nichts brächte, die anderen fordern, man solle ihnen doch bitte einen Artikel liefern, Namen nennen – ganz vertrauensvoll.

Nur haben weder die einen noch die anderen sich die Mühe gemacht, hinzusehen, worum es überhaupt geht. Es sind verdammt viele Menschen in dieser grossen Welt, die sexuell angegangen wurden. Schlicht, weil jemand dachte, in einer Position zu sein, in der er sich das leisten konnte. Er hatte die Macht und jemand brauchte oder wollte etwas.

Was ich hier ganz oft höre:

Wieso hat man sich nicht gleich gemeldet?

Es liegt auf der Hand. Eine Schauspielerin, die den Produzenten angeht nach einem Film, wäre gleich abgestempelt. Sie machte die Beine breit für die Rolle. Alles, was sie beruflich geschaffen hätte, stünde unter einem Hochschlafverdacht. Sie als Mensch wäre käuflich und damit minderwertig. Kaum einer ginge den Produzenten an, der darauf setzte. Wieso? Weil die meisten Menschen in der Rolle der Suchenden und nicht der Gebenden sind. Dass jemand was schaffte, muss Abgründen geschuldet sein, ansonsten müssten wir uns selber hinterfragen. So können wir auf unsere ethischen Werte setzen bei der Begründung eigenen Misserfolges.

Böse? Ja, wohl schon. Aber auch menschlich. Wir versuchen, unser Leben vor uns und nach aussen zu rechtfertigen. Wir greifen dabei auf Muster zurück. Muster sind – liegt in der Natur der Sache – immer von Gestern. Und genauso haften gewisse Verhaltensmaximen in den Köpfen. Drum gehen solche Dinge heute noch.

Wer also meint, solche #hashtag-Aktionen taugen nix: Sie bilden Boden. Auf diesem können Werte wachsen. Werte, die im neuen Boden neu gesät werden. Das passiert nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit. So fing aber alles an. Eine ging studieren. Und eine bewarb sich um ein Amt. Und eine…

Man muss nicht immer Namen nennen. Ab und an reicht es, hinzustehen und zu zeigen, was ist. Damit wächst ein Bewusstsein. Und dann kommt ein Umdenken. Mit der Zeit.

Ganz traurig sind im Ganzen aber Journalisten, die finden, das brächte nix, man würde besser Namen nennen, ihnen persönlich berichten, was war. Dazu sage ich nur soviel: Traurig, dass jemand, der sich Journalist nennt, nicht vorerst recherchiert, worum es in einer Aktion überhaupt geht, sondern nur den eigenen Profit wittert und gerne im Mittelpunkt stünde….sie reihen sich in all die ein, welche verunmöglichen, dass konkrete Fälle geahndet werden: Jeder schaut auf seinen Profit. Da verlieren Opfer meistens.

Gestern schaute ich eine Dok über einen ehemals gefeierten Pädagogen, der nun als pädophiler Vergewaltiger am öffentlichen Pranger steht. Der gute Mann kam irgendwann mal daher, redete, obwohl er im eloquent vertretenen Gebiet keine Abschlüsse oder sonstigen nachweisbaren Kenntnisse hatte, klug daher und wurde ernst genommen. Er trällerte öffentlich ein paar schlecht gereimte und lagerfeuerromantisch geklimperten Liedchen und spielte sich als grossen Pädagogen mit Durchblick und Herz für die Kinder auf, während er im Hintergrund denselben in die Hose griff. Da alles gut klappte, schrieb er ein paar Bücher, die zu Kassenschlagern wurden – Grundpfeiler der Pädagogik. Klappte ja so gut…

Eines seiner Opfer schrieb ein Buch. Der Fall flog auf, plötzlich war der Musterknabe ein Buhmann. Ein Grossteil seiner Opfer konnte mit dem Erlebten nicht umgehen, sie verfielen dem Alkohol und stärkeren Drogen. Ein paar Unbelehrbare finden, man könne ja immer noch selber entscheiden, was Erlebnisse mit einem machen, die Mehrzahl erklärt den einst hochgejubelten Pädagogen zum schwarzen Schaf der Nation (ich möchte nicht wissen, wie viele seiner ach so bahnbrechenden Erkenntnisse im heutigen Schulsystem federführend sind).

Nun könnte man sagen: Alles gut, man hat es aufgedeckt. Klar, die Opfer sind nun gefallen, rettet man wohl kaum mehr, aber immerhin kam es ans Licht. Was er tat, ist verjährt. Die Leben derer, die er zerstörte, sind im Eimer. Man wird das nicht mehr ändern können. Das ist traurig und sollte die Dringlichkeit zeigen, wieso Vergewaltigung keine Verjährung haben darf. Klar kann der Täter sagen, er hätte dazugelernt und sei nun an einem anderen Ort. Das Opfer hatte die Chance nicht immer. Und nein, es hat es nicht immer in der Hand, wie es mit dem Geschehenen umgeht. Gewisse Dinge übermannen, nehmen einem die Zügel aus der Hand. Wir sind nicht so willensbestimmt, wie wir gerne glauben würden. Würde diesbezüglich was geändert in der Gesetzgebung, hätte alles immerhin etwas Gutes gehabt – wenigstens für künftige Opfer.

Mich hat aber ein anderer Punkt verstört: Da waren Menschen rundherum. Und irgendwie schauten alle weg damals. Kann man machen, man verurteilt ja nicht gerne so schnell und ein etwas flaues Bauchgefühl ist noch kein Beweis. ABER: Sie rechtfertigten das Wegschauen noch heute. Versuchten es mit platten Sprüchen zu überspielen und verniedlichten ihre Rolle und was passierte. Amtsinhaber wollten plötzlich keine Amtspflichten mehr gehabt haben, gute Freunde redeten lieber über gemeinsame Fress- und Saufgelage als darüber, was der tolle Freund geleistet hat. Das eigene Wegschauen wird mit Handbewegungen weggewischt und mit hohlen Worten kleingeredet.

Für mich ist DAS eine Fortführung der Vergewaltigung. Klar verliert niemand gerne das Gesicht. Niemand steht gerne öffentlich hin und sagt: Ja, ich habe einen Fehler gemacht, ja, ich habe nicht hingeschaut, oder aber: Ja, ich WOLLTE es wohl nicht sehen. ABER: Wenn man es nun kleinredet, macht man das Opfer zum zweiten Mal zum Opfer. Man erkennt ihm seinen Opferstatus ab, indem man sagt: War alles nicht so schlimm, konnte ja keiner wissen. Und: Was keiner wusste, war quasi nicht da.

Es war da und man ahnte es. Man sah Unstimmigkeiten und hinterfragte im Stillen, liess aber alles laufen, weil alles andere a) Umtriebe gebracht hätte, und b) hätte unbequem werden können. Lieber ging man nett essen und trinken und jubelte auf den selbsternannten Superpädagogen.

Ich bin erschüttert. Unschuldige Kinder, die schon so Probleme mit der Welt hatten, wurden dem Löwen zum Frass vorgeworfen. Weil er so schön und überzeugend brüllte. Und man sah weg, wenn er sie verspeiste, tut es eigentlich noch heute. Um den eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen.

Ich wage es nun mal: Ich sah grad Frau Merkel unter Kindern. So menschlich, so echt. Ich mag sie. Geb ich zu. Könnte ich wählen…. Ja, ihre Partei wäre nicht meine. Aber sie als Mensch schon.

Seien wir mal ehrlich: Wenn ich zählen müsste, was über Angela Merkel geschrieben wird, zieht man mehrheitlich über ihre Handgeste her. Das Zweite sind die Haare, dann kommen die Kleider. Was macht sie konkret falsch? Ja, die Lage ist heikel. Sie ist aber nie überstürzt. Und nein, sie schweigt sich nicht aus, sie schiesst nur nicht rein. Und dann steht sie hin und gibt ihre Haltung preis. Das tut sie klar, das tut sie menschlich. Sie ist damit ihrer Partei oft nicht ganz genehm. Aber sie ist human.

Ich bin kein politischer Mensch. Und ich kann in Deutschland nicht wählen. Aber könnte ich, wäre es für mich klar. Wenn ich die leeren Worthülsen eines Herrn Schulz höre, verspricht das keine wirkliche Alternative zu sein.

Und für alle Rundumnörgler: Wie war das noch? Ein so grosses Land wie USA hat nur die zwei Figuren zur Auswahl? Die Wahl war alles andere als positiv. Ich sage nicht, dass Schulz so schlimm wäre wie Trump (schlimmer geht immer), aber so uninspiriert, so unfundiert… das geht ja wirklich echt nicht.

Ich habe das nun einmal getan, ich tue es nie mehr. Aber es kam grad so über mich.