Ich leide, also bin ich. So könnte man teilweise denken, funktioniert das Leben. Irgendwas lässt uns oft leiden, lässt uns unzufrieden sein mit dem Augenblick, der Situation, in der wir stecken. Wir denken dann, das Leben sei schwierig, wir leiden unter Ängsten, unter Sorgen, Nöten. Wir sind enttäuscht oder sehen unsere Erwartungen nicht erfüllt. Wo kommt dieses Leiden her?
Patanjali nennt in seinen Yoga-Sutras (II,3) fünf leidvolle Zustände: Nichtwissen, Ichgefühl, Begierde, Hass und Lebenstrieb. Diese fünf Zustände teilt er weiter ein in intellektuelle, emotionale und instinktive.

Nichtwissen oder der Mangel an Weisheit (Avidya) gehört zu den intellektuellen Leiden. Dabei handelt sich aber nicht um Buchwissen, welches mangelt, sondern es ist die Erkenntnisfähigkeit an sich, welche nicht da ist, das spirituelle Wissen, welches fehlt. Man wendet sich dabei falschen Göttern zu wie Materiellem, wie Dingen der äusseren Welt, statt sich auf sich und das Sein zu besinnen und der wahren Erkenntnis nachzuforschen.

Ichgefühl oder Egoismus (Asmita) gehört ebenfalls zu den intellektuellen Leiden. Paart sich das mangelnde spirituelle Wissen mit Hochmut, führt das oft zu Selbstüberschätzung und Egoismus. Das Ego bläht sich auf und ignoriert dabei die wahren Werte im Leben, verletzt das mütfühlende Miteinander, sondern sieht sich selbst als Zentrum des Seins, welches nicht das All-Eins ist, sondern ein Sein als agozentrisches Wesen, getrennt von den andern, welche dem eigenen Ego unterlegen scheinen. Das Gefühl für das natürliche Mass geht dabei verloren, das Masslose nimmt überhand.

Raga (Begierde) Und Dvesa (Hass) gehören zu den emotionalen Leiden. Sowohl die masslosen Begierden, welchen man sich ungehemmt hingibt, als auch zügelloser Hass gegen andere lösen Disharmonien zwischen Körper und Geist aus, bringen einen aus dem eigenen Gleichgewicht. Wenn ich jemanden hasse, füge ich also nicht ihm Leid zu, sondern nur mir selber. Ich verletze mich ständig selber durch dieses zerstörerische Gefühl. Auch die bodenlose Gier vermag nichts Gutes, sondern lässt uns nur ständig im Gefühl des Mangels leben. Wir sehen nie genug, streben immer nach mehr, wollen alles haben, was wir sehen und sehen nicht, was wir eigentlich haben. Leid ist die offensichtliche Folge, psychosomatische Störungen sind nicht weit.

Am Schluss der fünf Leidensformen steht die Lebensgier (Abhinivesa). Frei nach dem Motto „Freunde, wollt ihr ewig leben“ fürchten wir uns vor dem Tod, malen ihn in den schwärzesten Farben und wollen nichts mehr, als unser Leben verlängern. Wir klammern uns regelrecht ans Leben, weil wir Angst haben vor dem, was danach kommt. Dieses Klammern läst uns argwöhnisch werden, gegen andere, gegen das Leben selber, die Gefahren, die lauern können. Wir werden selbstsüchtig und ichbezogen, weil wir für uns das Leben gepachtet haben, wir es leben wollen und wir die am Leben haben wollen, die um uns sind und für uns wertvoll. Indem wir uns aber so verbissen an das Leben klammern, verstricken wir uns in Todesängsten, welche dem Leben die lebendigkeit nehmen. Wir sind verbissen, verbohrt und ängstlich. Und wir leiden.

Patanjali rät nun dem Sadhaka (dem Übenden), genau hinzusehen, wenn er leidet: woher kommt mein Leiden? Was ist der wirkliche Ursprung meines Leidens? Oft leiden wir vordergründig an etwas, das sich in Ketten auf ein erstes Glied zurückführen lässt – welches dann einer der fünf genannten Leidensformen entspricht. Und wenn wir diese erkannt haben, können wir sie bewusst angehen und daran arbeiten, sie zu überwinden. Wenn man nach den yogischen Prinzipien der Yamas und Niyamas lebt, die Asanas und Pranayama übt, lassen sich die Leiden im Ansatz unterbinden. Aber am Anfang steht das Bewusstsein und die Selbsterkenntnis. Die stehen jedem offen, der sie sehen will.

Ich muss perfekt sein. Alles, was nicht perfekt ist, ist nicht gut genug und reicht nicht. Und ich will doch genügen, will doch gut genug sein. Also strenge ich mich an. Ich versuche, Fehler zu vermeiden. Weil: wenn ich Fehler mache, bin ich nicht gut genug, werde kritisiert, werde vielleicht abgelehnt.

Was ist ein Fehler? Ist ein Fehler, mich nich so zu verhalten, wie mein Gegenüber es von mir erwartet? Ist ein Fehler, mich nicht so zu verhalten, wie es für imch stimmt? Was, wenn die beiden auseinander driften? Was ist dann richtig? Was falsch? Und wer entscheidet es?

Setzen wir uns nicht tagtäglich unter Druck, Ansprüche zu erfüllen, die wir als erfüllenswert oder gar als Pflicht sehen, sie zu erfüllen? Wer hat die Ansprüche? Wir selber? Unsere Eltern? Die Gesellschaft? Freunde? Familie? Lehrer? Arbeitgeber? Und wie sehen die Ansprüche aus? Und wer sagt, dass wir sie wirklich erfüllen müssen? Was ist ein gerechtferitgter Anspruch? Und hinterfragen wir die Ansprüche überhaupt, bevor wir uns den Druck machen, sie zu erfüllen? Oder nehmen wir sie als quasi gegeben und strampeln uns ab wie ein Hamster im Rad, uns selber verurteilend, wenn wir aus dem Rad purzeln oder aber das Rad von der Stange fällt?

Was ist Druck? Wie fühlt er sich an? Gut? Eher nicht? Er drückt nieder, im wahrsten Sinne des Wortes. Er belastet, macht klein, macht unfrei, setzt Ängste frei. Die Ängste lassen den Druck nochmals wachsen und bringt neue Ansprüche: was wir alles erfüllen müssen, um die Ängste zu entkräften, sie nicht wahr werden zu lassen. Und so sind wir im ständig wachsenden Druck, bis wir erdrückt sind – uns selber erdrückt haben.

Wo liegt der Ausweg? In der Zeit und im Vertrauen. Im Vertrauen darauf, dass das, was für uns gut ist, kommen wird – wenn wir ihm die Zeit geben. Und dazu müssen wir bei uns bleiben und uns den Raum geben. Den Raum, herauszufinden, was wir erfüllen wollen, nicht was wir denken, dass wir es sollen. Wir müssen uns das Vertrauen schenken, dass wir mit dem, was uns entspricht, was wir als unser Sein erkennen, dahin finden werden, wo wir hin wollen. Das Vertauen und die Zeit werden Energien schaffen, die im Aussen Resonanz finden. Und plötzlich eröffnen sich Perspektiven, Türen gehen auf. Ohne Angst, ohne Druck.

Vertauen läst frei werden. Wenn wir uns die Zeit dazu nehmen und sie uns auch geben. Und dann wird auch niemand anders mehr Ansprüche stellen können, weil wir selber unseren Weg gehen und das angehen, was dahin führt, wo wir hin wollen. Dann können wir mit Goethe sagen: Frei ist, wer mag was er muss. Und müssen tun wir nur das, was wir auch wollen, um unsere Ziele zu erreichen. Und dessen müssen wir uns bewusst sein. Es heisst nicht, dass wir frei von jeglichem Tun sind, nur noch Warten auf Godot betreiben. Arbeiten müssen wir – aber für uns und unsere Ziele. Und das setzt uns frei.

Es wäre nun nicht gut, mit aller Macht Ziele zu verfolgen. Sie angespannt und verbissen erreichen zu wollen. Nur die nötige Gelassenheit wird uns dahin führen. Und dann ist gut gut genug, weil gut genau das ist, was es sein soll. Und das, was ist, wird gut sein.

Viele Sprüche besagen die Härte des Lebens, das Leben sei „a bitch“, es sei unfair, es sei grausam und schrecklich gemein. Wieso ist das so? Ist das wirklich wahr? Was macht das Leben hart? Doch der Umstand, dass es nicht so läuft, wie wir uns das selber ausmalen. Wir haben unsere Wünsche und Vorstellungen und möchten das Leben genau so ablaufen sehen. Leider stellt das ab und an die Weichen anders und alles Gegensteuern hilft nichts. Es kommen Schicksalsschläge, Schwierigkeiten, Hindernisse und wir sehen die Träume wie Wolken am Himmel dahinziehen, uns selber aber langsam in eine andere, nicht gewünschte Richtung driften. Und wir versuchen, die Wolke noch zu erhaschen, in dem verzweifelten Versuch verdammen wir die eigene Richtung immer noch mehr und hadern dann mit der Härte des Lebens, das uns zumutet, das zu erleben, was wir erleben.

Aber ist damit das Leben wirklich hart? Ist es wirklich unfair? Oder sind wir nicht selber die, die es mit unseren Gedanken dazu machen? Lehren wir nicht unsere Kinder, dass man nicht alles haben kann im Leben, dass man auch ab und an unangenehme Dinge bewältigen muss, Frustration aushalten sollte? KLar wäre es schöner, täglich Schokolade zu essen, statt Spinat, klar möchte man lieber draussen spielen, als ständig Hausaufgaben machen zu müssen. Und logischerweise macht Zimmer aufräumen keinen Spass. Wenn das Kind dann aber motzt und tobt und hadert und zürnt, sind wir sehr überzeugt von der Meinung, dass gewisse Dinge eben unabänderlich sind und man sie nun mal hinnehmen muss. Wo bleibt diese Überzeugung, wenn es uns nicht läuft, wie wir gerne möchten? Wo bleibt die Gelassenheit, das anzunehmen und sich drein zu schicken?

Theorie und Praxis sind oft zwei Paar Schuhe. Was man selber erlebt ist meist drückender als das, was man bei andern sieht und theoretisch bewerten kann. Die eigenen Gefühle zum Geschehen sind doch prägender als die Philosophie dahinter. Ab und an hilft es, sich daran zu erinnern, wenn man gerade wieder dabei ist, mit dem Schicksal zu hadern, zu schimpfen und zu zaudern. Das lässt den Frust nicht verschwinden, das lässt auch die Wünsche nicht kleiner werden. Auch muss die Trauer über deren Nichterfüllung nicht schwinden, aber es hilft vielleicht, ein wenig von der Kraft der Enttäuschung wegzunehmen und sie dann dafür zu nutzen, die aktuelle Situation anzunehmen und daraus was Gutes zu machen. Manchmal nicht gleich, aber vielleicht mit der Zeit.

Shit happens – aber es ist immer noch besser als Verstopfung. 🙂

Das bin ich. Gewisse Philosophien sagen, ich sei es nicht, es sei nur meine äussere Hülle. Gewisse gehen so weit zu sagen, ich irre, wenn ich mich identifiziere mit dem Körper. Also bin ich das nicht. Wer, wenn nicht ich, ist es dann aber? Und ist das Äussere, das Sichtbare nicht doch auch irgendwie verbunden mit dem Inneren, Unsichtbaren? Die Augen seien das Tor zur Seele. Also wären ja die Augen zumindest eine Ahnung dessen, was ich bin. Und der Rest? Blosses Instrument, dass wir überhaupt auf der Erde wandeln können? Aber wenn eigentlich alles nur Seele wäre, der Körper blosse Materie, eigentlich fast schon tote Materie, da nur beseelt, nach dem körperlichen Tod unbeseelt, auf dass die Seele neue Körperlichkeit annehme: wieso überhaupt braucht es diesen Körper? Und wenn es heisst, dass eine gesunde Seele nur in einem gesunden Körper existieren kann, wieso bedarf die Seele des Körpers, der ja gar nichts mit dem Ich zu tun hat, sondern nur… Körper ist?

Der Körperkult gewisser Menschen ist sicher zuviel des Guten, trotzdem ist der Körper, unsere äussere, materielle Schicht etwas wunderbares. Wir merken das viel zu selten, da er meist einwandfrei funktioniert. Tut er das mal nicht, fällt es umso mehr auf und wir beklagen uns. Tut er es doch, fällt es uns kaum je ein, uns zu bedanken. Danke Beine, habt ihr mich den ganzen Tag getragen. Danke Hals, hast du den Kopf den ganzen Tag gestützt. Tun sie das? Ich nicht. Zumindest viel zu selten. Ab und an überkommt mich eine Dankbarkeit. Die Dankbarkeit, dass mein Körper mich an den Punkt brachte, wo ich bin, dass er alles mitmachte, auch wenn ich mal Raubbau betrieb. Er zürnte zwar, schmerzte, knackste, aber er war weiter da und trug mich durch das Leben.

Er hätte wahrlich mehr verdient als dieses stiefmütterliche Dasein. Gebe ich ihm die Ruhe, die er braucht? Die Nährstoffe, die er verdient? Die Pflege, die ihm guttut? Die Achtung, die ihm gebührt? So oder so gelobe ich Besserung. Ich möchte versuchen, das Bewusstsein zu pflegen, wie es meinem Körper geht und was er braucht. Und danach zu handeln. Bewusst. Mit mir. Denn das ist MEIN Körper. Er ist Teil von mir. Nicht ich, aber doch das, was mich zum Teil ausmacht – neben vielem anderen. Neben allem Sein.

Wie oft am Tag sagen wir uns: „Ich kann das nicht.“, „Das liegt mir nicht.“, „Ich bin halt so (schlecht).“ und wundern uns dann, wenn wir die Dinge nicht können, uns schlecht fühlen, uns unwert fühlen. Wo wir gehen, stehen, sind, sehen wir Gefahren, weisen uns selber auf unsere Unzulänglichkeiten hin und sehen die Menschen um uns, die Dinge können, die wir auch gerne könnten, uns aber nicht zutrauen oder uns von Anfang an gleich absprechen.

Wieso sind wir so hart mit uns? Wären wir andern gegenüber auch so unnachgibig, so grausam? Wieso wundern wir uns damit, dass wir wirklich unterliegen? Dinge nicht auf die Reihe kriegen? Und: woher kommen diese Stimmen? Denke ich wirklich von mir, dass ich schlecht bin? Nichts tauge? Ist das MEINE Stimme, die da spricht? Höre ich nicht meinen Vater in mir, wenn ich denke, dass ich halt faul bin, wie er mir sagt, dass ich nur zu faul bin, sonst viel mehr erreichen könnte? Höre ich nicht meinen Lehrer in mir, wenn ich denke, nicht auf den Baum klettern zu können, wie er mich auslachte, als ich die Stange nicht hoch kam? Sind es nicht all die Stimmen von aussen, die sich in mich rein geschlichen haben und nun tagtäglich aus mir sprechen? Wie viel Zeit verbringen wir pro Tag damit, uns negative Gedanken vorzusagen und sie noch zu glauben? Wie viel Zeit verwenden wir darauf, uns Dinge nicht zuzugestehen, weil wir denken, wir wären sie gar nicht wert?

Ich habe ein Bedürfnis, schlucke es runter, weil ich denke, es steht mir nicht zu, das zu äussern. Aber wieso sollte es mir nicht zustehen? Wieso sind die Bedürfnisse anderer wichtiger als meine eigenen? Klar ist es schön, für andere dazusein, aber wieso geben wir uns selber dafür auf? Wer sagt uns, dass wir das tun müssen? All die kleinen Stimmen in uns drin, die da laut und leise durcheinander sprechen uns sagen, was wir alles nicht können, wo wir alle nichts taugen, was wir nicht dürfen, was wir müssen – um geliebt zu werden. Aber wir lieben uns so nicht selber. Im Gegenteil, wir verurteilen uns. Liebt man jemanden, dem man nichts gönnt, den man beschimpft, dem man nichts zutraut? Nein, das tut man nicht. Aber wir wollen geliebt werden. Aber wie sollen uns andere lieben, wenn wir das selber nicht schaffen? Wie wollen wir andern sagen: „He, ich bin liebenswert!“, wenn wir uns selber gleichzeitig sagen: „He, du taugst nichts!“

Klar können wir nicht alles. Ich komme wirklich keine Stange hoch. Aber mein Gott, wen kümmert das? Bin ich drum weniger wert? Sicher nicht. Und wenn mich jemand liebt, wird er mir die Stange hochhelfen und nicht unten stehen und mich auslachen. Und alle, die lachen, können wir getrost lachen lassen, denn wir sind nicht auf sie angewiesen. Wir sind nur auf uns selber angewiesen. Darauf, dass wir uns lieben lernen. Sanft mit uns umgehen, uns aufbauen, positiv denken. Wir können Dinge versuchen, statt uns gleich zu sagen, dass wir sie eh nicht können. Und wenn es nicht klappt ist das kein Weltuntergang. Dann haben wir noch einen Versuch. Und sind in unserem Versuchen toll. Weil wir nicht aufgeben. Weil wir an uns und an unseren Fähigkeiten arbeiten. Und auch mal akzeptieren können, dass wir nicht alles können müssen. Aber alles lernen dürfen, wenn wir es wollen. Und schlussendlich ist da immer die eine Botschaft: ich bin gut, genau so, wie ich bin. Ich bin genau so liebenswert. Und die anderen Menschen sind es genau so.

Namaste – finde deinen Weg zu dir selber!

Ich wünscht‘, ich wär‘ ein Stein
und könnte ganz gefühllos sein.
Hätte keine Sorgen mehr,
macht‘ mir nicht das Leben schwer.
Ich läge einfach still nur rum,
fühlte mich so gar nicht dumm,
sondern sähe es als Leben so,
hier zu sein, nicht irgendwo.
Niemand könnte treffen mich,
nichts wär mehr gar ärgerlich;
das Leben zög‘ vorbei im Fluss,
ohne jeglichen Verdruss.
Keine Höhen, keine Tiefen,
keine Tränen mehr, die liefen,
Ruhe nur und Stille wäre,
nur die körperliche Steinesschwere.
Keine Schmerzen, keine Wunden,
die kaum mehr,gar nie gesunden.
Niemand trät mit Füssen mich,
und wenn doch, verletzt er sich.
Ich läge da nur, still und stumm,
wie ein Stein liegt, einfach rum.