Wenn das Leben Neues bringt, stehen Veränderungen an, welche oft auch mit Abschied verbunden sind. Man muss von Altem Abschied nehmen, das Neue hat seinen Preis.

Meistens hat man sich aktiv für etwas Neues entschieden, sah darin positive Aspekte, die zu diesem Entscheid führten. Und doch merkt man oft, dass das Loslassen des Alten nicht immer leicht fällt. Man sieht, was daran schön war, man erinnert sich an schöne Momente, an Situationen, die einen mit dem Alten verbanden. Und je mehr man sich auf diese Gedanken einlässt, desto mehr nimmt die Trauer über das nahende Ende überhand. Die Sicht auf das Positive schwindet, weil man sich des Preises, den man dafür zahlt, immer bewusster wird.

Und doch: Manche Entscheide müssen wohl gefällt werden, das Verhaftetsein muss irgendwann ein Ende nehmen, weil das, was lockt, eben doch das ist, wofür man sich entschied – aus guten Gründen, wie man hofft. Und oft wünscht man sich, man könnte sich zweiteilen, um nicht diese Zerrissenheit spüren zu müssen. Oder man wünscht sich zumindest einen Blick in die Zukunft, um zu sehen, ob das Neue den Preis wert ist, den man zahlen muss.

Wenn man sich zu sehr auf gewisse Dinge versteift, sein Denken nur noch darum kreisen lässt, schafft man sich sein eigenes Gefängnis. Man ist gefangen in Gedanken, die sich immer mehr verselbständigen, die nur noch um eines drehen und einen nicht mehr loslassen. Den Gang der Dinge wird man dadurch nicht positiv beeinflussen, im Gegenteil, die Gefahr ist gross, dass man immer mehr zum Schluss kommt, dass alles steht, nichts mehr geht. Diese negative Sichtweise entspricht aber nicht der Realität, sondern spiegelt unser Empfinden wieder, welches gelenkt wird durch unsere Versteifung auf den einen Gegenstand.

Lässt man die Dinge los, schafft es, ihnen gegenüber gelassen zu bleiben und das Leben seinen Lauf nehmen, wird man feststellen, dass alles im Fluss ist. Und irgendwie erscheint es, dass diese Gelassenheit oft von Erfolg gekrönt ist, indem sich alles zum Guten wendet, wenn man nur daran glaubt und in positiver Ruhe abwartet. Innere Ruhe ist das Zauberwort, welches unser Leben in einen wohlgesinnten Fluss verwandelt. Gelassenheit bringt uns dazu, in Vertrauen auf einen guten Gang des Lebens zu vertrauen.

Das sind die zwei Spiralen des Lebens: die negative, sich selber in ihrer Negativität erfüllende und die positive, welche durch Gelassenheit ins Licht führt.

Halt ist wichtig, Halt gibt (innere Stärke). Ab und an denkt man, man hätte jeglichen Halt im Leben verloren, man fühlt sich aufgeschmissen, haltlos, ziellos, allein. Dann wünscht man sich etwas, woran man sich halten, wonach man sich richten könnte. Man wünscht sich, nicht alleine zu sein im Leben, auf seinem Weg durch selbiges. Und man wünscht sich eine Stimme, die einem sagt, was richtig und was falsch ist.

Oft braucht es auch Durchhaltewillen im Leben. Muss an etwas dran bleiben , auch wenn alles grad steil und unwegsam erscheint. Dann heisst es, nicht die Haftung verlieren. Sei es Bodenhaftung, welche einem hilft, nicht einfach ziel- und haltlos umherzuschwirren, sei es die Haftung in sich selber, um sich nicht zu verlieren.

Und irgendwann merkt man, dass das Leben immer weiter geht und man gut dran tut, mit ihm zu gehen. Langsam, stetig. voran preschen bringt nichts, die nächste Bremse kommt bestimmt. Stehen bleiben bringt auch nichts, irgendwann findet man sonst den Anschluss nicht mehr. Einfach Schritt für Schritt, Zug um Zug, beständig. Das ist wohl der sicherste und einzige Weg, Ziele zu erreichen. Indem man im Vertrauen auf sich und auf das Leben seinen Weg geht.

Oft streben wir nach Extremen. Die heutige Zeit ist geprägt vom Wettkampf, alles muss besser, höher, schneller werden, weniger als das Maximum erscheint als Versagen schon, als nicht mehr erstrebenswert. Diese Haltung durchdringt sämtliche Bereiche unseres Lebens. Beruflich werden Höchstleistungen erwartet, im Privatleben greift es auch schon um sich.

Aristoteles plädierte für das Mittelmass. Wahre Glückseligkeit sah er im Mittelweg zwischen zwei Extremen. Ich denke, er hat das gut erkannt, denn Extreme bringen immer einen hohen Preis mit sich, sie blenden ganz viel links und rechts aus, um eben als Extrem stehen zu bleiben. Grautöne werden eliminiert, Farben gibt es nicht mehr, schwarz oder weiss, gut oder schlecht.

Doch das ist nicht das Leben und im ständigen Streben nach den Extremen werden wir das Leben verpassen. Wir werden gefangen sein in der Suche nach den Extremen, die wir aber doch nie erreichen – zumindest nie dauerhaft und vor allem nicht in allen Bereichen. Dieses Nichterreichen wird uns als Versagen gewertet und wir streben noch mehr, dieses Versagen zu überwinden. Eine Spirale von Unzufriedenheit, die immer grösser wird, immer tiefer geht, wird die Folge sein.

Das Streben nach Perfektion ist eigentlich ein Ausdruck der Verweigerung. Indem ich Perfektion anstrebe, verweigere ich mich dem Leben, verweigere ich mich dem, was das Leben ausmacht. Suche ich nach der perfekten Beziehung, werde ich sie nie finden, denn immer wird sich ein Mangel zeigen, immer wird etwas fehlen. Wenn nur das gut genug ist, was perfekt ist, wird nie etwas genug sein, denn niemand ist perfekt, nicht ich, nicht die anderen. Was wäre zudem perfekt? Ja auch nur ein von Menschen individuell zugeschnittener Massstab, der oft sogar noch momentanen Befindlichkeiten unterliegt.

Vielleicht sollten wir es mit Aristoteles halten und das Mittelmass suchen? Uns zufrieden geben mit dem, was erreichbar ist, uns zufrieden geben mit dem, was uns gut tut, ohne in allen Belangen Höchstleistungen suchen zu müssen, an denen wir nur scheitern werden?