„Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen!“
„Au ja, wann?“
„Mir egal, ich bin immer hier.“
„Ich bin auch hier.“
„Nein, du bist dort, hier bin ich.“
„Nicht wahr, ich bin hier, zudem bin ich  ich, du bist du.“
„Das stimmt doch einfach nicht. Ich bin ich und du bist du. Und ich bin hier, du nicht, ich seh dich nicht.“
„Weil du nicht hier bist, sondern dort.“
„Ich bin ich. Ich bin hier. Beweis erbracht.“
„Welcher Beweis?“
„Dass ich hier bin.“
„Sag ich doch, ich bin hier, du bist dort.“
„Nein, ich bin hier, und ich bin ich. Du bist du und du bist dort.“
„Du nervst!“
„Finde ich auch.“
„Wo sehen wir uns denn nun?“
„Na hier, bei mir.“
„Gut, also hier bei mir.“
 „Also, dann komm her.“
„Nein eben nicht, du musst kommen.“
„Wieso, ich bin ja schon hier.“
„Nein, du bist dort.“
„Ich komme nicht mehr draus.“
„Stimmt doch gar nicht, ich komme sehr wohl draus, du kommst nicht draus.“
„Du auch nicht?“
„Nein,du sagtest, ich komme nicht draus, aber ich komme draus.“
„Du bist doof.“
„Finde ich auch.“
„Endlich sind wir uns mal einig.“

Was passiert,wenn Bäche wachsen,
zu Flüssen werden,
Strömen gleich?
Wenn alles flieht
alles stürzt,
mit sich reisst?
Was passiert, wenn Mauern stürzen,
Dächer fallen,
Böden aufgehn?
Wenn alles drückt,
und alles drängt,
mich erschlägt?
Was passiert, wenn Fässer bersten,
alles strudelt,
mich ertränkt.
Wenn Fluten drohen
und Luft wegbleibt,
ich ersticke?
Was passiert, wenn nichts mehr ist,
nur Leere schreit,
ein grosses Nichts?
Wenn alles weg,
ich ganz allein
und haltlos bin?
Was passiert, wenn es nicht endet,
ohn‘ Erbarmen,
ohne Gnade,
Ich nur sehne,
nach dem Ende,
nach dem Aus.

Ein Wort ist ein Wort. Das war einmal, wie mir scheint. Floskeln nehmen überhand. Dass man fragt, wie es einem geht, ohne es eigentlich wissen zu wollen, ist schon lange nichts mehr Neues. Im Englischen wird es schon synonym für „Hallo“ verwendet, im Deutschen sind wir nahe dran. Der Trend scheint weiter zu gehen und in allen Bereichen des alltäglichen Miteinanders Fuss zu fassen.

„Wir müssen uns bald mal wieder treffen!“ heisst bei Weitem nicht, dass man den anderen bald mal sehen wird, geschweige denn was von ihm hören wird. Es klingt nett, es ist vielleicht sogar so gemeint in dem Moment, ein bisschen zumindest, aber schliesslich und endlich doch eher nur so daher gesagt. Wozu eigentlich? Wieso erzählt man jemanden, ihn treffen zu wollen, wenn man das gar nicht wirklich vor hat? Denkt man, dem anderen damit einen Gefallen zu tun? Denkt man, so eine gute Tat für den Moment zu tun, egal, dass diese bei Nichteinhaltung zerstört wird? Denkt man, der andere hätte eine so dahergesagte Floskel so dringend nötig? Das wäre schon fast überheblich. Aber vermutlich ist es pure Gedankenlosigkeit. Nachdenken? Überholt. Sprache wird nicht mehr bewusst verwendet, sondern gewohnheitsmässig dahergeplappert. Oft hört man selber nicht mal mehr, was man wirklich genau sagt. Alles Automatismus.

Vielleicht ist das ein Zeichen der Zeit. Eine Zeit, die selber immer schneller und haltloser wird. Was früher fürs Leben gedacht war, reicht heute höchstens für Abschnitte davon. Was früher verbindlich war, ist höchstens noch Wahrscheinlichkeit. Der einzelne Mensch fühlt sich selber haltlos und kann aus dieser Haltlosigkeit heraus keine eigenen Verbindlichkeiten mehr aufbauen. Er versucht, innerlich frei zu bleiben, um so jeder Eventualität gewachsen zu sein. Er sieht das Leben mit den vielen Änderungen und sorgt vor. Jedes eigene Festlegen wäre dabei eine Statik, die man nicht zu tragen wagt. Weil man sich selber offenbaren würde dabei in einem grossen Nebel von Ungewissheit. Weil man damit eine Stellung beziehen würde, die man nicht sicher halten kann. Und nie weiss, wie lange sie überhaupt haltbar ist. Lieber auf der sicheren Seite bleiben. Alles offen lassen. Sich nicht festlegen. Mal sehen, was kommt. Notfalls kann man noch einlenken. Und so wird aus dem „Wir sehen uns mal!“ ein „Alles ist möglich!“ Leider verliert so das Wort auch die Bedeutung. Und damit endet Kommunikation irgendwann im Sumpf der Inhaltslosigkeit. Zurück bleiben blosse Buchstabenhülsen, deren Meinung so weit ist, dass sie nicht mehr fassbar ist.

Was in dem Ganzen auch mehr und mehr abnimmt sind Werte wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit – und allen voran Anstand und Respekt dem anderen gegenüber. Da die Welt oft Spiegel ist, darf man sich dann aber auch nicht wundern, wenn man in dem Ganzen immer haltloser wird, da andere genauso handeln, sich den eigenen Gepflogenheiten anpassen. Und so gehen immer mehr Menschen als Individualisten ohne echte Bindungen durchs Leben, halten diesen Wandel als grösstmögliche Freiheit hoch und sehen nicht, wie viel Leere sie damit in und um sich aufbauen. Schliesslich und endlich ist und bleibt der Mensch ein soziales Wesen. Nicht nur  Säuglinge überleben nicht, wenn ihnen keine Liebe und Zuneigung entgegengebracht wird, das zieht sich bis ins Erwachsenenalter hinein. Jeder Mensch verkümmert langsam, wenn er einsam durchs Leben geht. Nicht einsam ist man nicht in grosser Gesellschaft, sondern in wahrer. Verschliesst man sich dieser, bleibt Einsamkeit – selbst im grössten Getümmel.

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen? Wenn eine Frau einen Mann nicht kriegt, weil er eine andere will, beschuldigt sie die Frau, ihr was weggenommen zu haben und versucht fortan, sie schlecht zu machen. Kriegt ein Mann eine Frau nicht, geht er mit seinen Freunden eins trinken und denkt sich, was der andere kann, kann ich auch: das war noch nicht die Richtige.

Grimms Märchen heute, Schneewittchen aktuell. Die Thematik wird wohl nie aussterben, sie ist ewig aktuell. Woher rührt sie? Die Königin im Märchen war schön, unbestritten, der Spiegel sagte sogar, sie sei die Schönste, einfach mit einer Ausnahme. Statt sich nun zu freuen, dass man wirklich schön ist, geht man dahin und konzentriert alles auf die eine, welche noch schöner ist. Die muss weg. Es darf nicht sein, dass man selber nicht die schönste Frau ist. Und fortan dreht alles Denken nur um die Ungerechtigkeit der Welt, um die Ungerechtigkeit des Lebens und wie man diese beheben könnte. Und wenn man diesen Mechanismus genauer betrachtet, sieht man, dass man selber drauf und dran ist, sich das Leben zu vergiften. Mit Neid. Mit Missgunst. Mit negativen Gedanken. Und diese Gedanken vergiften auch einen selber. Liest man das Märchen, sieht man die Königin förmlich vor sich mit eisernem Gesicht, zusammengekniffenen Augen. Dass dies nicht wirklich Schönheit fördernd ist, liegt auf der Hand.

Doch auch im wirklichen Leben trifft man auf solche Mechanismen. Frau will einen Mann, der ist nicht interessiert. Es muss eine andere Schuld sein. Und statt zu sehen, dass da draussen noch viele, passendere Männer wären, als der, welcher schlicht nie interessiert war, stürzt man sich mit Geheul auf die andere Frau, die am eigenen Übel schuld sein muss. Frau will ihr heimzahlen, was ihr selber vermeintlich Ungerechtes wiederfuhr. Dabei werden die Fakten grossräumig umfahren, der eigene Groll, die eigenen verletzten Gefühle, der eigene Neid steuern fortan das Schiff. Ich nannte es nun nicht Schlachtschiff, das klänge etwas gar pathetisch – aber irgendwie doch passend. Meistens überleben die Sündenböcke. Sie kriegen einfach das ganze Arsenal an weiblicher Hinterlist und Subtilität zu spüren. Wäre ja gelacht, wenn man der als Persona non grata definierten Rivalin nicht das Leben etwas schwer machen könnte. Ob man sich dabei besser fühlt? Ich denke nicht. Tief drin bleibt der Stachel, den man sich selber zementiert hat. Das einfache Annehmen des Umstandes, dass man auf ein Pferd gesetzt hatte, das nicht durchs eigene Tor lief, mag schmerzhaft sein, doch die ganze Geschichte, die man darum aufbaute, haben diesen Schmerz zementiert, hat das Messer mehrmals umdrehen lassen. Hat alles anwachsen lassen. Das Pferd kam nicht nur nicht durchs eigene Tor, die eigenen Pferde galoppierten im Sauseschritt davon.

Es befreit wohl, zu denken, der andere wollte einen nicht, weil jemand Drittes so böse war und einem im Weg stand, statt zu sehen, dass man selber nicht gewollt war. Das hilft, das Selbstbild zu kitten. Dass man damit Dritten Unrecht tut, scheint das kleinere Übel. Ein Übel, das unter dem Deckmantel des vemeintlich eigenen Unrechts rechtfertigt.

Klein wie er ist, erkundet er seit heute Mittag sein neues Zuhause, immer beobachtet vom neuen grossen Onkel. Mein kleiner Panter folgt dem Graubärchen auf Schritt und Tritt, schaut, was dieser alles zu erforschen hat. Vermutlich ganz nach dem Motto „Durch die Augen eines Kindes sieht man die Welt nochmals neu“. Auf alle Fälle hörte ich kaum je Fauchen oder sonstige Kampf- und Unlaute, Näschen berührte Näschen, einer hoppelte, einer lauerte, gespielt haben sie gar zusammen mit einem Faden. Schön, wieder Leben in der Bude zu haben. Linus zeigt sich von seiner besten Seite, lässt dem Kleinen alles durch, ohne böse zu werden, ohne ihn zurechtzuweisen, geduldig, väterlich, gutmütig. Mein Kater, wie ich ihn kenne. Vielleicht erinnert er sich noch an Pascha, der ihn genauso aufgenommen hat vor fast 4 Jahren. Nun ist es an ihm, das weiter zu geben.

Willkommen bei uns, kleiner Kater!

Heute kam der Spross von Cosima nicht wie sonst fröhlich heim, statt des beschwingten „Hallo“ klang ein wenigerliches Brummeln von der Tür. Besorgt stürmte ich ihm entgegen, dachte schon, was alles Arges mit dem armen Kind passiert ist, sah ihn schon im Geiste mit blauen Augen, verprügelt von grobschlächtigen, bösen Halbstarken vor mir stehen. Er war unversehrt. Auf die Frage, was denn los sei, kriegte ich mit tränenerstickter Stimme zu hören, er hätte eine schlechte Note gekriegt. Nun gut, ich malte mir 2er und 1er aus, tröstete das Kind, das könne mal passieren, davon gehe die Welt nicht unter, um zu sehen, dass es soooo schlecht gar nicht war, einfach keine Superleistung. Wieso also die Tränen? Andere wären besser gewesen, meinte das traurige Kind. Während ich froh war, dass er in einem Fach, in welchem er bis vor kurzem Mühe hatte, eine gute, nicht bahnbrechende, aber gute Note schaffte, war er traurig, weil er im Vergleich mit anderen unterlag. Das machte mich traurig.

Wie oft machen wir uns das Leben schwer, weil wir uns nach aussen vergleichen. Der sicherste Weg ins Unglück ist gerade dieser Vergleich. Klar kann es anspornen, zu sehen, dass andere besser sind, klar kann es motivieren, dem nachzueifern. Wenn der Vergleich aber dazu führt, das selber Erreichte nicht mehr wertzuschätzen, sich schlecht und klein zu fühlen, dann ist der Vergleich nicht gut. Ich erklärte dem Filius, dass jeder Mensch Möglichkeiten hat. Einer mehr, der andere weniger. Wichtig ist es, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Wenn ich das tue, was in meinen Möglichkeiten liegt, und die Leistung erbringe, die mir möglich ist, dann ist das gut. Und ich kann zufrieden sein. Ein anderer hat vielleicht andere Möglichkeiten. Super. Meine Möglichkeiten werden aber nicht mehr, nur weil der andere mehr davon hat. Sie genügen nur mir selber nicht mehr.

Ich kenne Selbstzweifel auch – wer nicht. Kenne vor allem auch das Gefühl, nicht zu genügen, nicht schön/klug/sportlich/beliebt genug zu sein.  Und durch das ständige Hochhalten des Gefühls übersah ich oft, was ich eigentlich alles hatte. Und was gut war. Und toll war. Und worüber ich hätte dankbar sein können. Ich übersah, dass ich gar nicht perfekt sein muss und doch genüge. Dass ich gar nicht alles können muss und doch genug kann. Das zu realisieren war ein sehr befreiendes Gefühl, weil es Ruhe brachte.

Auch bei Erwachsenen ist das ständige Schielen zum andern und was dieser hat weit verbreitet. Es könnte ja sein, dass der andere irgendwo übervorteilt ist. Es könnte ja sein, dass man selber zu kurz kommt. Dass der andere mehr hat, was einen schliessen läst, dass man selber zu wenig haben muss.  Frauen können das zur Perfektion treiben. Mit einem prüfenden Blick von oben nach unten und von unten nach oben. Was hat sie, was ich nicht habe. Und hat sie was, greift man in die Trickkiste. Und hat sie nichts, lächelt man triumphierend. Schade nur, dass der Triumph tief innen nichts zählt. Weil man sich in diesem Vergleich immer minderwertig fühlen wird. Weil man nie die andere abwertet damit, sondern sich selber. Wäre man mit sich zufrieden, hätte man es nicht nötig. Dann könnte man dem anderen Menschen lassen, was ihm ist und selber  mit dem eigenen zufrieden sein. Man würde sich nicht mehr schlecht fühlen im Vergleich, sondern sich miteinander freuen. Ohne Neid. Man würde nicht mehr nach aussen demonstrieren wollen, wie toll man doch ist, nur um nicht die eigenen Zweifel zu laut werden zu lassen. Ohne zu merken, dass sie gerade so immer lauter werden und es nur diejenigen da draussen schert, die genauso verzweifelt versuchen, ihre eigenen Zweifel klein zu halten. Aber vielleicht lernt das mancher nie, reicht ein Leben nicht aus. Mein Filius hat noch gute Chancen, er ist noch Hänschen, noch nicht Hans. Ich wünsch‘ es ihm!