Wann ist Literatur gut und wann nicht? Wer entscheidet das? Und wieso wird Literatur, die von vielen gelesen wird oft als Schund betitelt und eher abfällig beäugt? Welchem Anspruch muss Literatur genügen, um in die gute Literatur aufgenommen zu werden?

Ich habe da meine eigenen Kriterien: Was ich gerne lese, was mich packt, mitreisst, was ich lesen will, weil es mir Spass macht, das ist für mich gute Literatur. Literatur ist Kunst und welchem anderen Anspruch sollte diese genügen, als zu gefallen? Natürlich hat Kunst auch immer eine Botschaft, doch was nützt die Botschaft, wenn niemand es auf sich nehmen will, sie zu erfahren, weil das Kunstwerk so daher kommt, dass man es lieber weit von sich weist? Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele denken, Kunst sei dann unglaublich wertvoll, wenn man sie nur mit grosser Mühe (oft schon Not) aufnimmt. Ich erachte das als eher masochistische Kunstsicht. Und ich sehe den Sinn hinter diesem Anspruch nicht. Nöte und Pflichten zeigen sich schon im alltäglichen Leben genug, wieso also sollte ich mich in meiner Freizeit auch noch damit plagen? Wieso sollte ich mich Dingen widmen, die mir keine Freude bringen, die mir nichts sagen, durch die ich mich nur kämpfe, weil sie einem wie auch immer gearteten Anspruch genügen? Und wer hat diesen Anspruch definiert? Und wieso sollte ich mich einem Anspruch beugen, von dem ich nicht mal weiss, woher er kommt und wie er genau aussieht? Oder sollte ich etwas verpasst haben? Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren und würde mich dann gegebenenfalls auch einem neuen Kunstverständnis öffnen.

Bis dahin bleibe ich dabei: Lesen muss Spass machen und es muss mich packen. Tut ein Buch das nicht, landet es zurück im Regal. Nach wenigen Seiten. Ich bin da rigoros und unbarmherzig. Dabei interessiert mich auch nicht, wie gross der Name ist, der auf dem Umschlag prangt. Ab und an gibt es auch Bücher, die mehrere Anläufe brauchen, um wirklich gelesen zu werden. Gewisse Bücher und auch Autoren scheinen ihre Zeit zu haben. Zur richtigen Zeit gelesen, öffnen sie einem neue Welten, Welten, für die man genau zu dem Zeitpunkt bereit ist, die man genau zu dem Zeitpunkt braucht, sucht, während sie zu anderen Zeiten eben nicht passten. Auf diese Weise habe ich mich durch unzählige Bücherregale gelesen, mit Freude, mit Begeisterung, mit Hingabe. Literatur ist etwas grossartiges, das mir manche Erkenntnis brachte, manche Stunde versüsste, Emotionen weckte, besänftigte, mitleben liess, bewegte. Seit ich denken kann.

Schön in diesem Zusammenhang:

Irgendwann
braucht jedermann
ein Buch mit dem er
reden,
lachen,
weinen,
träumen
reisen
kann.

Hartmut Kulick

Oft sieht man im Leben zurück und denkt sich, man hätte doch besser anders entschieden. Oft denkt man im Leben, durch einen Fehlentscheid sei etwas anders gekommen, als man es sich eigentlich wünscht, hofft, haben möchte. Bei mir war es mein Studium. Ich haderte dann und wann mit meinem Philosophie- und Literaturstudium. Dachte, das Studium sei brotlos, sei für nichts, sei in der heutigen Gesellschaft mit ihrer einzig zählenden Geldmacht unnütz.

Heute fragte mich mein Sohn: „Wenn du nochmals studieren könntest, was würdest du studieren wollen?“ Die Antwort? Ich würde nochmals genau das studieren, was ich studiert habe. Denn es war einfach nur gut. Es gibt nichts Schöneres als genau das, was ich studiert habe – für mich. Und ich hatte das Glück, es zu können. Hatte die Möglichkeit, es zu tun. Und ich tat es mit Freude. Und liebe es noch. Ich bin, wie ich bin, weil ich denke, wie ich denke. Ich studierte, was ich tat, weil ich in die Tiefe wollte. Weil denken mein Leben ist, ich ohne denken nicht mehr bin – Descarte hatte recht: Ich denke, also bin ich. Denken ist nicht immer angenehm. Es schmerzt ab und an. Es zermürbt. Es lässt Achterbahn fahren. Es macht kompliziert – einen selber und das Leben. Aber es ist genial. Weil so weit führend. Von einem zum andern. Das Denken der Gedanken. Ich bin. Ich denke. Drum bin ich. Und ich denke weiter. Mal prägnant. Mal poetisch. Mal verworren. Mal klar. Immer auf den Punkt.

Es ist gut, wie es ist. Ich mache weiter. Danke!

All I have is a voice
To undo the folded lie,
The romantic lie in the brain
Of the sensual man-in-the-street
And the lie of Authority
Whose buildings grope the sky:
There is no such thing as the State
And no one exists alone;
Hunger allows no choice
To the citizen or the police;
We must love one another or die.
(W.H.Auden)

Auf dieses Gedicht stiess ich durch ein Buch und einen Film: Thursdays with Morrie. Ein schwer kranker Soziologieprofessor, der dem Tod ins Auge sieht, lehrt seinen Studenten von früher, Mitch Albom, zu leben. Zusammen reden sie über die wichtigen Dinge im Leben, die, welche das Leben lebenswert machen. Und gerade die Dinge sind es, die uns oft Angst machen.

Über allem steht die Liebe. Was wäre ein Leben ohne Liebe – sagt auch Morrie – ich bin also nicht alleine damit. Und obwohl er – wie es aussieht – ein Mensch war, der die Liebe lebte, Liebe gab, Liebe hochhielt (wohl, weil er als Kind zu wenig davon kriegte), so sah er auch das Risiko in der Liebe – die Angst, genau das zu verlieren, was man liebt. Da erscheint einem – Mitch tut das im ersten Teil seines Lebens erfolgreich – die Flucht vor der Liebe der sicherere Weg – der schmerzfreiere. Und doch sagt Morrie im Angesicht des Todes: Was wäre dieses Leben wert, wäre da keine Liebe? Wie könnte er durchstehen, was er durchsteht, wären da nicht die Menschen, die ihn lieben, die für ihn da sind, allen voran auch seine Frau, seine Kinder? Und wo wären die, hätte er nicht sein Leben lang Freundschaften gepflegt, Liebe gelebt?

Oft rasen wir durchs Leben, denken, dies und das erledigen zu müssen, vernachlässigen dabei die, welche uns am nächsten wären, die uns wichtig wären, weil wir alles über sie stellen, all die kleinen und grossen Pflichten des Alltags, all die Aufgaben, die wir noch erledigen wollen, die Ziele, die wir glauben, erreichen zu müssen. Und sehen dabei nicht, dass wir damit auch am Leben vorbeirasen. Und dann, wenn das Leben eine Wende nimmt, es vielleicht auch schwerer wird, sind wir alleine, auf uns zurück geworfen, und suchen einen Halt, wünschen uns all die herbei, die wir vorher in sunserem Schnelldurchgang auf der Strecke liessen.

Es wäre falsch, Liebe nur zu leben, um dann, wenn man sie braucht, nicht alleine zu sein. Es ist aber gut, sich dann, wenn man denkt, der Schnellzug wäre spannender als der Umgang mit Menschen, vor Augen zu führen, was man wäre, wären da die Menschen nicht, die einen umgebenen. Der Mensch ist nicht geschaffen, alleine zu sein. Er kommt hilflos zur Welt, wird im Alter wieder hilflos – und mittendrin ist er alleine genau so hilflos – weil ihm das Wesentliche fehlt.

Das Buch hat mir die Augen iin vielerlei Hinsicht geöffnet, es hat mich nachdenklich gemacht, hat mich innehalten lassen, hat mich Entscheidungen treffen lassen. Und Zuversicht fassen. Der Film stand dem Buch in nichts nach. Wirklich sehr empfehlenswert. Auf der ganzen Linie.

Wir müssen lieben oder sterben. Und auch wenn wir lieben, müssen wir irgendwann sterben, lieben wir aber nicht, sind wir längst tot.

Wir zaudern oft bei Entscheidungen, weil wir uns fürchten, die falsche zu treffen und dann etwas für immer verloren zu haben, was vielleicht besser gewesen wäre als das, wofür wir uns dann im Endeffekt entscheiden. Bei kleinen Dingen mag das nicht so tragisch sein, ob meine Schuhe nun braun oder schwarz sind führt zu keinen Weltuntergang, höchstens zu einem kleinen gefühlten, wenn sie am Tag des Tragenwollens nicht zum Rest passen. Bei den grossen Entscheidungen wird es schon schwerer, da sie in unseren Köpfen eine grössere Tragweite für unser Leben haben und ein Fehlentscheid schlimmere Folgen hätte.

Wenn wir uns denn entscheiden und wirklich nicht alls so läuft, wie wir das gerne hätten, ertappen wir uns oft dabei, zurück zu schauen und uns für den damals getroffenen Entscheid zu tadeln, uns zu hintersinnen, zu denken: Hätte ich doch… Nur: wer sagt, dass es dann besser gekommen wäre? Vielleicht anders, vielleicht nicht mal. Vielleicht noch schlechter? Wir haben im Rückblick nur das im Blick, was wir uns damals als mögliche Wirkungen des damals verworfenen Entscheides vorstellten, nie aber, was wirklich daraus resultiert wäre. Der Rückblick in einer unliebsamen momentanen Situation führt noch dazu meist zu einer Verklärung der ausgemalten Wirkungen, selten zu einer wirklich rationalen Analyse. Und selbst die wäre, wie gesagt, reine Vorstellung, nie Realität.

Nun gibt es zwar Theorien, die die gesamte Welt als reines Produkt menschlicher Vorstellung darstellen. Das hat sogar was für sich in einer gewissen Weise, denn alles, was man heute auf der Welt sieht, zumindest das, was nicht unberührte Natur ist, entsprang irgendwann mal menschlicher Vorstellung. Jemand dachte, ein Haus zu bauen, heute sehen wir das Haus. Was wir heute sehen, entstand irgendwann einmal einem menschlichen Geist. Und so haben auch wir das Potential, in unserem Geist die Zukunft zu erschaffen.

Aber zurück zur Entscheidung: Selbst wenn wir einmal einen Weg eingeschlagen haben, der vielleicht nicht zu dem Ziel führte, das wir uns erhofft, erträumt haben, so hat uns der Weg doch zu neuen Erkenntnissen gebracht, er hat uns was gezeigt, er hat uns fortbewegt. An einen neuen Standpunkt. Und erst von dem Standpunkt aus können wir sehen, dass das Ziel, das wir nun erreicht haben, eben nicht das ist, welches wir haben wollen. Beim Ausgangspunkt konnten wir das so nicht wirklich wissen. Deswegen war der damalige Entscheid nicht falsch. Falsch wäre gewesen, stehen zu bleiben, denn dann wären wir nicht weiter gekommen, würden uns noch im Hin und Her unserer Entscheidungsfindung drehen und an Ort treten.

Nicht mal das Ziel ist falsch, es ist nur nicht so, wie gewünscht. Wir haben aber die Möglichkeit, eine neue Entscheidung zu treffen und einen neuen Weg auf uns zu nehmen. Einen, der von dem Standpunkt, den wir heute innehaben, weiter geht. Mit allen neuen gesammelten Erkenntnissen im Rucksack.

Manchmal entscheiden wir uns im Leben gegen etwas, das wir im Nachhinein bereuen, weil wir erst dann, wenn es weg ist, sehen, wie wichtig es in unserem Leben war. Vielleicht sind wir durch Ängste, Enttäuschungen, Probleme blind, das im Moment zu sehen und suchen einen anderen Weg. Wenn dann die Ängste schwinden, die Enttäuschungen wegfallen, die Probleme gelöst sind, öffnet sich der Blick auf das, was nun fehlt. Und wir bereuen, das aufgegeben zu haben. Selbst dann war das wohl der richtige Weg, denn die Ängste haben uns am Leben gehindert, haben den Blick verstellt. Und wenn es wirklich zu uns gehörte, in unserem Leben einen Platz haben soll, dann gibt es vielleicht irgendwann eine neue Chance.

Und selbst wenn nicht, hat es uns eines gelehrt: versuche immer zu sehen, was du hast, selbst wenn die Ängste gross sind, du mal enttäuscht wirst, auch mal Probleme da sind. Versuche den Blick für das Gute nie zu verlieren, denn genau das wird dir fehlen, wenn es nicht mehr ist. Oft neigen wir dazu, dem Unliebsamen viel mehr Gewicht zu geben, viel mehr Raum zu geben. Eigentlich schade. Es ist unsere Entscheidung, in jedem Moment, was wir wie gewichten wollen, worauf wir den Schwerpunkt in unserem Leben legen wollen. Am besten fangen wir gleich damit an.

Günter Grass dichtete. Zu aktuellen Themen, hochaktuell, breit gestreut, prominent publiziert:

http://www.focus.de/kultur/buecher/was-gesagt-werden-muss-das-umstrittene-gedicht-von-guenter-grass-im-wortlaut_aid_732817.html

Im Wortlaut:

„Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.“

„Was gesagt werden muss“: Das umstrittene Gedicht von Grass im Wortlaut – weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/kultur/buecher/was-gesagt-werden-muss-das-umstrittene-gedicht-von-guenter-grass-im-wortlaut_aid_732817.html

Der Begriff Gedicht ist ja in heutigen Tagen sehr weit gefasst. Trotz aller zugesprochenen Weite und Breite fehlt mir in dem Schreiben der Gedichtscharakter, ich sehe das Dichterische nicht. Für mich wirkt es wie ein in etwas gehobenere Sprache verfrachtete Stammtischpolemik. Soviel zur Form, der Inhalt ist im letzten Satz angespreochen und wird es in der Folge noch mehr.

Was bewegt Herrn Grass zu diesem Schreiben? Was will er bezwecken? Geht es ihm wirklich um die ach so angespannte politische Lage, um den Weltenfrieden, um drohende Gefahren desselben? Ich kann es kaum glauben. Wäre dem so, hätte er verständlicher geschrieben und das geschriebene besser untermauert. Er schreibt von der Gefahr Israels, unterschlägt dabei aber, dass es Irans Machthaber war, der allen, die ihm nicht lieb und nett waren, die Ausrottung androhte, welcher Reden hielt, welche an seiner geistigen Gesundheit mehr als zweifeln liessen.

Man kann Israel seine Haltung Palästina gegenüber vorwerfen und ja, was da abgeht, ist mehr als unschön, ist eine Schande, ist gerade vor dem Hintergrund der Israelischen Juden unverständlich. Würde man doch denken, gerade mit der Vergangenheit wäre ein wenig mehr Sensibilität der Menschlichkeit gegenüber angebracht. Aus diesem Unrecht aber nun die allegmeine Gefahr für die ganze Welt abzuleiten, finde ich etwas weit gegriffen. Dass diese Gefahr von einem Ehemaligen der Waffen-SS ausgesprochen wird, welcher über lange Jahre über die eigene Vergangenheit schwieg, aber nicht still war, gegen andere zu schiessen, macht es wohl nicht besser.

Ich sage nicht, Israel sei ein Unschuldslamm, das über jeden Zweifel erhaben sei. Welches Land ist das schon. Im Zusammenhang mit dem Iran aber Israel als die vorherrschende Gefahr zu sehen, finde ich undurchdacht, unabgestützt und überhöht. Die ganzen von Herrn Grass propagierten eigenen Kenntnisse über die atomare Lage in Israel und im Iran lässt die Frage offen, was ihn zu diesen Aussagen bringt, da sie weder von ihm selber abgestützt sind noch wirklich erwiesen, nur erahnt. Selbstüberhöhung? Geltungsdünkel?

Grass stellt sich in seinem sogenannten Gedicht dar als Menschen mit Gewissen, der es nicht mehr erträgt, zu schweigen vor all dem Unrecht in der von ihm dargestellten Welt. Zu lange hätte er geschwiegen, aus Angst vor den Reaktionen, vor allem der, des Antisemitismus bezichtigt zu werden. Damit nimmt er natürlich ein sehr berechnend gewähltes Argument in den Mund. Er macht quasi alle gegenteiligen Meinungen mundtod. Es ist ein häufig erwähntes Argument, man könne nichts gegen Isreal sagen, ohne des Antisemitismus angeklagt zu werden. Das mag in gewissen Punkten stimmen, die Sensibilität in diesem Bereich ist immer noch sehr gross, die Vorsicht auch. Teilweise zu recht, teilweise einfach als eingeprägtes Muster, welches Zeit braucht, sich zu normalisieren. Dass dem bei Lichte betrachtet aber nicht so ist, liegt auf der Hand. Israel ist genau so zu Unrecht fähig wie andere Staaten und diese dürfen auch erwähnt werden. Und sie werden es auch in den Nachrichten, wenn es um Vorstösse gegen Palästina geht, welche in den letzten Monaten doch sehr abgenommen haben, kaum mehr in den Medien vorherrschen.

Grass wird nicht möde, die Deutsche Vergangenheit noch mehr ins Zentrum zu rücken, in einem Nebensatz, bevor er auf die U-Boot-Lieferungen eingeht. Ist das nötig? Dient das der Sache? Eigentlicht nicht. Es hat mit dem momentanen Geschehen nichts zu tun. Insofern kann man es nur noch der Wirkung zusprechen, die die Weltkriege noch heute haben. Wenn das Thema zu wenig Pfeffer hat, zu wenig auffällt, erwähnen wir die Nazizeit und wumms, das Interesse ist da. Alles, was allein zu schwach ist, wird mit dieser Geschichte spannender gemacht, eindrücklicher gemacht. Ist das gerechtferitgt? Wertet man damit diese Zeit nicht mehr und mehr ab, indem man sie der eigenen Propagandawut unterordnet und sie dazu instrumentalisiert? Bereichert man sich damit nicht insgeheim und indirekt am Leid der damaligen Opfer, indem man ihr Leid wieder und wieder zur eigenen Stimmungsmache benutzt. Selbst wenn man es als Negativbeispiel benutzt, wird das Ereignis immer mehr abgestumpft, weil es zum allgemeinen Argument verkommt, das bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufgerufen wird.

Herr Grass ist der Heuchelei überdrüssig. Hört hört. Alle andern heucheln, nur er nicht. Er schreibt nun Gedichte dagegen. Und er dichtet gegen Staatsfeind Nummer 1, Israel, ein wenig gegen den Iran, und setzt den ganzen Rest, Palästina und uns, den beiden gegenüber. Eine eigenartige Polarisierung. Iran und Israel gegen den Rest der Welt. Wo genau liegen Syrien, Lybien, Afghanistan, Irak, die afrikanischen Unruhestaaten in diesem Bild? Wenn wir schon bei Atomwaffen sind: Iran und Israel als einzige Besitzer von solchen, der Westen soll kontrollieren? Ist Herr Grass sich sooo sicher, dass kein westliches Land Atomwaffen hat? Ich würde dafür nicht die Hand ins Feuer legen. Wer also will nun kontrollieren? Und wer heuchelt nun wirklich? Wirklich alle andern oder vielleicht doch Herr Grass? Um den es doch eher ruhig wurde in letzter Zeit?!

Bin ich normal? Was ist normal? Wer legt fest, was normal ist, wie man normal sein soll, wie nicht? Und wenn es eine solche Norm gäbe, muss man sie befolgen? Wozu? Wem würde das helfen? Ich bin, wie ich bin. Manchmal schräg, manchmal grad, manchmal eigenbrötlerisch, manchmal gesellschaftsfähig, ab und an grummlig, oft fröhlich, manchmal nachdenklich, manchmal drauflos plaudernd. Ich bin gerne allein, ab und an einsam, ich bin gern unter Menschen, ab und an überflutet von ihnen. Ich mag Ordnung, räum nicht gern auf, mag es sauber, hasse zu putzen, ab und an packt mich aber die Aufräum- und Putzwut. Ich bin kreativ und spielerisch, dabei aber gerne organisiert. Ich mag keine festen Termine, weiss aber gerne, was mich erwartet. Ich bin spontan, aber mag selten Änderungen. Ich bin – einfach ich. Und ich darf so sein. Das ist die Erkenntnis von heute. Keine bahnbrechende, keine grosse, eigentlich eine banale. Aber ich finde sie wichtig.

Wie oft denken wir:
– Das kann ich so nicht machen.
– Ich kann das nun so nicht sagen, das ist falsch.
– Ich muss mich nun zusammenreissen, das gehört sich so.
– Wieso habe ich mich bloss verhalten, wie ich es tat, ich bin einfach komisch.
– Das war mal wieder typisch – alle machen, nur ich nicht.
– ….

Und so verstricken wir uns in unser Gedankenkino, schimpfen mit uns, trauen uns oft nicht, zu unseren Bedürfnissen zu stehen, weil wir denken, den/dem anderen quasi zu schulden, dass wir uns so verhalten, wie er das von uns erartet oder wie wir auch bloss denken, dass er es erwartet. Und wir geben dabei immer ein Stück von uns selber auf, weil wir uns nicht ernst nehmen, uns selber nicht den Wert zugestehen, zu uns zu stehen. Doch wer soll es tun, wenn wir es selber nicht tun? Können wir erwarten, dass die anderen immer zu uns schauen und dafür sorgen, dass wir nicht zu kurz kommen, nicht untergehen?

Ich propagiere keinen Egoismus auf Gedeih und Verderb. Egoismus hat in meinen AUgen die Komponente drin, dass man etwas aus eigennützigen Motiven heraus will, die meist mit einem eigenen Profit zu tun haben, die den anderen weniger wertschätzen, als er es verdient hat, weil wir ihn aus leiter Eigensucht gar nicht wirklich wahrnehmen. Es geht mir mehr darum, dass man sich auch selber ernst nehmen soll, wie man den anderen auch ernst nimmt. Und gerade in Beziehungen, seien es Freundschaften, Liebesbeziehungen, aber auch Geschäftsbeziehungen sollte man versuchen, sich selber treu zu bleiben. Wenn man das nicht kann, muss man die Beziehung hinterfragen und hinschauen, wieso es nicht geht.

Wenn ich nicht zu mir und meinen Bedürfnissen stehe, dann ordne ich diese ja quasi dem anderen unter. Wieso? Ist das DU mehr Wert als das ICH? Woher kommt diese Sicht? Wäre nicht ein Miteinander anzustreben, bei dem beide denselben Stellenwert haben und beide für sich einstehen dürfen, weil sie wissen, genau so getragen zu sein, geliebt zu sein? Klar gehören auch mal Zugeständnisse dazu, aber diese dürfen eine gewisse Grenze nie überschreiten, die, bei der es wirklich ans eigene geht, die Grenze, bei der man für sich sagen muss: Das ist meine persönliche Grenze, die kann nicht überschritten werden, weil es für mich sonst nicht stimmt. Und wenn ich dieses Gefühl für mich ernst nehme und dazu stehe, dann nimmt der andere das auch nicht als Abfuhr gegen sich wahr, sondern sieht es als meine Grenze und kann damit umgehen. Alles andere wäre nicht ehrlich. Und wer möchte schon eine unehrliche Beziehung führen? Die würde für beide nicht stimmen.

Und drum: Ich darf das. Ich darf genau so sein, wie ich bin. Und wenn ich selber bei mir Dinge sehe, Muster, die für mich nicht stimmen, dann darf ich die auch angehen und damit arbeiten. Kann meine Grenzen erweitern. Für mich. Weil ich es will, weil es für mich stimmt. Und weil es mich auch weiter bringt auf meinem Weg. Und doch bin ich dann immer noch ich, wie ich bin. Schön eigentlich.