Tagesgedanken: Scheinkämpfe

Ich bin müde. So viele Missstände in der Welt, es gäbe viel zu tun. Und immer höre ich: Ach, das ändert sich nie. Ach, deine Gedanken sind doch Utopien. Gerechtigkeit? Abschaffung von Armut? Träum weiter. Und ja, ich wünsche mir, dass aus den Träumen Realität wird. Für alle. Und höre die Stimme: «Bist du eine Philosophin…»

Ich bin müde. Bei Diskussionen um den Feminismus höre ich oft, den brauche es nicht, Männer seien auch Arme, alle Fragen beträfen nicht nur Frauen. Das ist wohl wahr und ich bin überzeugt, dass die feministischen Ziele allen dienen würde. Ich solle es Humanismus nennen, wenn es alle beträfe. Aber das würde die jahrzehntelange Unterdrückung von Frauen ausblenden, die es anzugehen gilt. Es würde ausblenden, dass Frauen mehrheitlich betroffen sind bei Ungleichheiten. Das Ziel des Feminismus ist es, diese zu beseitigen, damit alle in einer Welt leben können, in welcher sie als die, welche sie sind, gleiche Chancen, Möglichkeiten und Rechte haben, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Sexualität, etc. 

Das Argument, dass im Begriff «Feminismus» die Frau drinstecke, kommt oft gleich hinterher als Erklärung, wieso dieser nicht taugt. Und oft kommt er von denselben, welche die gendergerechte Sprache belächeln, finden, bei der männlichen Form sei die Frau mitgedacht, das müsse reichen. Wieso ist es dann ein Unding, beim Feminismus den Mann mitzudenken?

Ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe nicht, wieso man gegen Begriffe kämpft, wieso man Unterdrückung schönreden will. Ich verstehe nicht, wieso man so viel Energie in Scheinkämpfe legen, wieso man sich für Träume rechtfertigen muss. Und manchmal denke ich: Ach, lass es doch sein, Sandra, vielleicht haben sie alle recht und du bist schlicht eine idealistische, verblendete Philosophin, die sich in überflüssigen Gebieten bewegt. Und dann schaue ich auf die Welt und denke: Nein!

Vielleicht hatte Rilke recht, als er sagte:

„Du musst das Leben nicht verstehen, 
dann wird es werden wie ein Fest.“

14 Kommentare zu „Tagesgedanken: Scheinkämpfe

      1. Dein Text spricht mich sehr an, liebe Sandra, weil er viele Themen anspricht, die diskussionswürdig im besten Sinne sind. Mit besten Sinne möchte ich „Veränderung, Entwicklung zu einem verbesserten Zustand“ verstanden wissen. Persönlich berührt hat mich deine Frage, warum Träume gerechtfertigt werden müssen.
        Kurz: Danke für diesen Text!
        LG, Christine

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  1. Ich finde, der Feminismus hat schon einiges erreicht und bin mir sicher, dass er noch mehr erreichen wird. Deine Müdigkeit verstehe ich, diese merkwürdigen Scheindiskussionen gibt es auch in anderen Themenbereichen. Mich schlaucht das auch. Liebe Grüße, Lyrix

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  2. Nach meiner Erfahrung kommt es zu diesen Ermüdungserscheinungen insbesondere dann, wenn man denen, denen nichts besseres einfällt als ein „träum weiter“, den Gefallen tut, sich auf solche Scheinkämpfe einzulassen. Wer die Welt für schlecht hält, und sich dann nur zurücklehnt, und meint, man könne ja eh nichts dagegen tun, müsste sich vielleicht eher für DIESE Haltung rechtfertigen. Denn wie soll eine bessere Welt entstehen, wenn Menschen sich eine solche nicht einmal vorstellen können?! Vielleicht sind deine Gesprächspartner phantasielos. Oder einfach nur sehr borniert. Zumindest rauben Diskussionen mit Menschen, die nicht an einer Diskussion im Sinne einer Kommunikation interessiert sind, sondern an einem „platt machen“ der Ansicht des Gegenübers, unnötig Kraft. Das Komische ist ja auch, dass diese Leute meinen, sich für IHRE Ansicht niemals rechtfertigen zu müssen. Von Personen mit gegenteiliger Ansicht aber permanente Rechtfertigung erzwingen wollen. Letztendlich sind das rhetorische Spielchen, die durchschaubar sind. Und die im Grunde armselig sind. Zeigen sie doch, dass es mit echten Argumenten nicht so weit her ist, wenn man meint, stattdessen zu solchen Machtspielchen greifen zu müssen… .

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    1. Es ist halt schon auch so, dass wenn die Haltung „da kann man eh nichts machen“ da ist, diese Nichts-machen-Können sich erfüllt, sie quasi bestätitgt. Das ist eine Art Macht, da gebe ich dir recht, die so bestimmt daher kommt, dass Widerspruch fast zwecklos scheint – und es wohl auch ist.

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      1. Klar, wenn eine große Anzahl von Menschen meint, „da könne man eh nichts machen“. Und die Menschen, die Überlegungen anstellen, wie man vielleicht doch etwas ändern könnte, auslacht – statt sie zu unterstützen. Dann werden durch dieses Verhalten Veränderungen nun einmal gehemmt und erschwert. Natürlich ist auch nicht jede Veränderung per se gut. Und eine längere Überlegungszeit mit Abwägen aller Für und Wider schadet den wenigsten Projekten. Allerdings ist es dafür zwingend, dass inhaltliche Argumente sachlich abgewogen werden. Wenn stattdessen eine Seite mit der „ich habe recht, weil ich nun mal recht habe / in der Mehrheit bin / physisch stärker bin / wir das schon immer so gemacht haben / etc.“-Keule kommt, dann liegt die Intention wohl nur darin, Veränderungen im eigenen Denken um jeden Preis vermeiden zu wollen.

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  3. Für mich ist es die ewig gleiche Frage: Was mache ich mit mir, wenn der Andere nicht so ist, wie ich ihn gerne hätte. Lasse ich mich müde machen? Lasse ich es zu, dass jemand meine Träume stört? Mich mit „Ach, Utopien“ mürbe macht? Jeder hat das Recht, mich einen Utopisten, einen Träumer, einen weiss ich was zu nennen. Mir hilft in solchen Umgebungen die Zuversicht, dass ich all das darf oder sogar muss. Nur eines steht mir nicht zu: den Anderen verändern zu wollen.

    Ein zweiter Gedanke in diesem Zusammenhang geht auf Goethe zurück:

    Mit Worten läßt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten, an Worte läßt sich trefflich glauben, von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

    Und an anderer Stelle lässt Goethe Faust mit beissender Ironie spotten über die Bedeutung, die dem Wort in der biblischen Überlieferung zukommt. Das Wort ist ihm offenbar zu wenig. Zu wenig greifbar, vielleicht
    auch zu wenig handfest.
    „Geschrieben steht: ‚Im Anfang war das Wort!’“,
    „Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
    Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
    ich muss es anders übersetzen,
    wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
    Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
    Bedenke wohl die erste Zeile,
    dass deine Feder sich nicht übereile!
    Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
    Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
    Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
    schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
    Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
    und schreib’ getrost: Im Anfang war die Tat!“

    Und doch war Faust auch ein Träumer und Utopist. Mir scheint, Du seist in guter Gesellschaft!

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  4. Sandra: „Bei Diskussionen … höre ich oft … Männer seien auch Arme“

    Weder die Frauen, noch die Männer sind „Arme“.
    Wer fähig ist zu lieben… und zu feiern, ist reich.

    Geld, Macht, Besitz… machen nicht reich.

    Wer nicht lieben kann, wer sich nicht grundlos
    freuen kann, wer nicht vertrauen kann ist arm
    – ganz gleich, was ihm die Konto-Pixel zeigen.

    🌼

    Sandra: „Das Ziel des Feminismus ist es, diese [Ungleichheiten] zu beseitigen, damit alle in einer Welt leben können“

    Mal angenommen, du hast das Ziel erreicht: Glaubst du, du wärest eine Nuance seliger als jetzt? Falls nicht…, macht es Sinn, jetzt sofort mit dem Feiern anzufangen und nicht erst auf den Grund dafür zu warten. 😎

    🌼

    Sandra: „Vielleicht hatte Rilke recht, als er sagte…“

    Natürlich hat er recht.

    Es genügt…, das Leben zu feiern.
    Verstehen können wir´s eh nicht.

    Feiern oder kämpfen – wir haben die Wahl.

    „Du musst das Leben nicht verstehen,
    dann wird es werden wie ein Fest.“

    Das Fest ist bereits in vollem Gange. ―
    Es liegt an uns, ob wir uns einstimmen.

    🌿

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  5. Soeben entdeckt:

    „Du bist allein geboren. Du stirbst alleine.
    Der Wert des Raums dazwischen
    ist Vertrauen und Liebe.“

    — Luise Bourgeois

    🌿

    Kampf… steuert letztlich nur die Zerstörung an.

    Die selbe Energie kann auch konstruktiv genutzt
    werden. Dann macht Freude… die Begleitmusik.

    Freude… ist eine Begleiterscheinung der Liebe.

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