Tagesgedanken: Wünsche ans Leben

Von Kant stammen die vier grundlegenden Fragen der Philosophie:

Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?

Es sind Fragen, die jede für sich ganze Bücher füllen könnten, obwohl sie so harmlos aussehen und auch eine schnelle Antwort als möglich erscheinen lassen: Was kann ich wissen? Je mehr man weiss, desto weniger offensichtlich aufs Ganze gesehen, da sich immer wieder Irrtümer auftun von vormals geglaubtem Wissen und man mit ein wenig Neugier immer wieder in neue Gebiete vorstösst, die es zu ergründen gälte, reichte die Zeit für alles. 

Beim Tun wird es schwieriger. Wonach soll man sich richten, woran sich halten? Folgt man Gesetzen? Den eigenen Grundsätzen? Einer Moral? Und wie soll die aussehen? Gibt es davon nicht mehrere, für jede Zeit und Kultur, manchmal auch für kleinere Gemeinschaften je eine eigene? Welche davon ist die richtige? Wer kann das entscheiden? Ich glaube, ausser wenigen Grundsätzen kann man keine allgemein verbindlichen Grundsätze formulieren, Kants Imperativ, so zu handeln, dass es auch für alle andern eine Handlungsmaxime sein könnte, leuchtet mir am ehesten ein, da sich darin eine Gegenseitigkeit zeigt, welche für ein friedliches Miteinander wichtig ist.

Was ist der Mensch? Die Krone der Schöpfung? Ein Tier unter anderen, das, wenn man es lässt, zum grausamsten von allen werden kann? Doch ein Wesen der Vernunft, auf die er sich so gerne beruft und diese dann doch oft nicht anwendet? Ist Menschlichkeit noch ein positiver Wert oder in Anbetracht von allem, was je passiert ist, nicht eher ein Begriff des Übels? Wichtig ist vielleicht nur, dass wir es in der Hand hätten, Menschlichkeit mit den Inhalten (im Denken und Handeln) zu füllen, die wir dem Begriff eigentlich zuschreiben. Das gibt Hoffnung.

Was kann ich also hoffen? Rahel Varnhagen schrieb dazu:

„Wünsche doch, und gib Dich zufrieden; mehr ist das Leben nicht.“

Es liegt darin eine Genügsamkeit, ein Hinnehmen dessen, was das Leben bietet. Zwar steht es frei, Wünsche zu haben, doch deren Erfüllung kann man nicht erzwingen, sich höchstens freuen, wenn dem so ist. Ich denke, das Leben so gelebt, wäre ein gelasseneres, auch ein friedlicheres, da es uns davor bewahren würde, immer mehr zu wollen. Es wäre ein Ausstieg aus dem Getriebensein zum ewigen Wachstum, welcher für viel Leid verantwortlich ist auf dieser Welt. 

13 Kommentare zu „Tagesgedanken: Wünsche ans Leben

  1. Dein letzter Satz löst bei mir sehr viel aus. Denn es geht um ein Thema, das mich gerade zurzeit sehr beschäftigt. Dieses „Getriebensein zum ewigen Wachstum“. Ich nehme an, du beziehst das (zumindest auch) auf „wirtschaftliches Wachstum“. Da ist es natürlich ganz klar schädlich. Aber wohnt uns Menschen nicht auch so etwas inne, wie ein „Getriebensein zum seelischen Wachstum“? Und wenn ja, braucht es dafür Leid? Ich neige dazu, es abzulehnen, dass es Leid brauche für seelisches Wachstum. Aber ich sehe natürlich auch, dass Menschen im Angesicht von Leid oft „über sich hinauswachsen“. Mitgefühl, Anteilnahme, Hilfsbereitschaft ja nur dann wirklich erstrahlen können, wenn es „einen Grund“ dafür gibt. Und eigenes Leid vielleicht wiederum erst die Möglichkeit zum „mit fühlen“ gibt. Denn, was ich nie selbst kennen gelernt habe, könnte ich mir ja allenfalls abstrakt vorstellen, aber nicht „mit fühlen“.
    Oder messen wir dem „mit fühlen“ von Leid eine zu hohe Bedeutung für unser seelisches Wachstum bei? Könnte es nicht ausreichen, die Freude und Liebe des Gegenübers jeweils „mit fühlen“ zu können – und Leid gar nicht zu kennen? Wäre das nicht dann eigentlich eine Welt, wie wir sie uns wünschen würden?

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    1. Braucht es Leid? Ich würde das nicht verabsolutieren wollen, denke aber, Leid, Unglück und ähnliche Gefühle können ein Motivator dafür sein, etwas verändern/verbessern zu wollen. Es gibt aber auch andere, wie gesteckte Ziele, Ehrgeiz, Wünsche, Träume, vielleicht auch Glück, wer weiss.

      Die Frage ist sicher, wieso wir wachsen wollen, ob es wie eine Sucht des Immermehr ist oder aber Neugier, Schaffensfreude, positive Ziele – und die Grenze ist wohl schwankend.

      Dass wir Leid nicht kennen, erachte ich als einen nicht zu erfüllenden Wunsch, denn das Leben hält doch so manches für uns bereit, das schmerzt. Da gilt es wohl, einen Umgang damit zu finden und der sieht für jeden anders aus.

      Liebe Grüsse zu dir

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  2. Ich glaube, wirklich zu wünschen und zu hoffen, aus dem Tiefsten zu schöpfen und sich zu trauen, diesen Wunsch aufsteigen und sich entwickeln zu lassen, bedarf viel Mut, viel Kraft, viel Energie. Es ist gar nicht so leicht, Wünschen zu kreieren, sich auszumalen und sie anzustreben, denke ich. Es ist viel leichter, sich treiben und die Wünsche vorschreiben zu lassen – viel schwieriger, eine Lücke in sich zu öffnen und dort einen Wunsch zur Entfaltung zu bringen. Du beginnst mit Kant, ich denke, diese Lücke zu öffnen, in sich, ist das, was Hegel das Absolute nennt. Dieses Spannungsfeld ist sehr reich an Abschattungen und Abstufungen. Sehr schöne Fragen.

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  3. Sandra: „Von Kant stammen die vier grundlegenden Fragen der Philosophie:“

    Etwas Feststehendes wie „die Philosophie“ gibt es nicht.

    Philosophie entsteht, besser geschieht erst in dem Moment,
    in dem sich jemand erlaubt, sich der jedermann zugänglichen
    Weisheit zu öffnen und möglichst urteilsfrei einen eigenen (!)
    Blick auf die Dinge zu werfen.

    Wahrnehmung…
    ist ein schönes Wort dafür.

    Wahrnehmen können wir zu jeder Zeit,
    an jedem Ort, in jeder LebensSituation.

    🌿

    Was kann ich wissen?
    Was soll ich tun?
    Was darf ich hoffen?
    Was ist der Mensch?

    Sandra: „Es sind Fragen, die jede für sich ganze Bücher füllen könnten“

    …was aber keinen Sinn machte, denn Bücher haben wir schon
    genug, doch nur Wenige sinds, die sich solchen Fragen stellen.

    Wir lassen lieber denken, als daß wir „das
    lästige Geschäft“ (I. Kant) selber ausüben.

    🌿

    Mit seinen vier Fragen hat der Immanuel eine Einladung ausgesprochen,
    jedermann und jede Frau möge sich diese wesentlichen Fragen selber stellen.
    Er traut uns allen zu, ohne Anleitung von anderen Leuten in die wertungsfreie
    Wahrnehmung zu gehen.

    Damit die vierte Frage nicht zu einer Betrachtung „des
    Menschen“ abdriftet, muß sie folgendermaßen lauten,
    denn hier geht es nicht um die Beurteilung anderer Leute:

    „Wer bin ich wirklich?“

    Die Bereitschaft zur Wahrhaftigkeit – eine der
    Säulen der Philosophie ist hier vorausgesetzt.

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  4. Sandra fragt: „Was ist der Mensch? Die Krone der Schöpfung? Ein Tier unter anderen, das, wenn man es lässt, zum grausamsten von allen werden kann?“

    Ich vermute mal, hier tun wir dem „Tier“ unrecht.
    Denn: Ist das Tier grausam, wenn es sich und seine
    Nachkommen mit lebensnotwendiger Nahrung versorgt?

    Ist es nicht vielmehr der Mensch…, der sich dem Tier
    gegenüber grausam verhält, weil er es ohne Not tötet?

    Das Tier kann nicht anders – der Mensch aber sehr wohl.

    🌿

    Das mit der Krone bezieht sich auf das Potenzial des Menschen, nicht auf seine aktuellen Taten auf der Basis des Kleinkindes (2) – an der Geistigen Reife gemessen. Der „Mensch“ ist noch nicht einmal im Erwachsenen-Stadium (4) angelangt, welches die Voraussetzung für die Annahme von Verantwortung für sein Denken und Handeln darstellt.

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  5. Sandra: „Wonach soll man sich richten, woran sich halten? Folgt man Gesetzen? Den eigenen Grundsätzen? Einer Moral? Und wie soll die aussehen? Gibt es davon nicht mehrere, für jede Zeit und Kultur, manchmal auch für kleinere Gemeinschaften je eine eigene? Welche davon ist die richtige? Wer kann das entscheiden?“

    Dafür haben wir alle doch einen inneren Kompass?
    Falls nicht, könnte ein alter indianischer Satz helfen:

    „In einem guten Gedanken…
    ist Gutes für alle Menschen.“

    Der Satz klingt so einfach, daß die in ihm
    enthaltene Weisheit leicht übersehen wird.

    Ca. 300 Jahre VOR Christus hat es
    der Chinese Mengzi so formuliert:

    „Wenn wir stark sind in der Nächstenliebe
    und danach handeln: Das ist der Weg zu
    Vollkommenheit.“

    Den gestelzten Imperativ des Immanuel
    Kant hattest du ja schon angesprochen.

    Die „Goldene Regel“ geht noch schlichter:

    „Was du nicht willst, das man dir tu,
    das… füg auch keinem Andern zu.“

    Sich selbst lieben und den Anderen
    ebenso – wer es denn auch sein mag.

    Außerdem haben wir Weisheit &
    Mitgefühl immer bei der Hand.
    So kann nicht viel schief gehen.

    Ausweis und Schlüssel können wir ver-
    lieren ― Weisheit und Mitgefühl nicht.

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