Keine Demokratie ohne Dialog

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das hört man in der heutigen Zeit häufig und meistens werden als Grund dafür Corona und die deswegen vom Staat verhängten Massnahmen ins Feld geführt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses die Gründe für die Spaltung sind oder aber sie dieselbe, schon dagewesene, deutlich machten. Neu, davon bin ich überzeugt, ist diese Spaltung nicht, denn Spaltungen gab es immer, sowohl strukturell (arm-reich, das Patriarchat mit der Unterdrückung der Frau, etc.) wie auch in den Gesinnungen der Mitglieder der Gesellschaft. Sie teilen diese immer in zwei Lager: Dafür und dagegen.

Ich bin schon lange der Meinung, dass unser Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist, dass wir mit unserer Art des Zusammenlebens die Demokratie gefährden und ad absurdum führen. Wenn man sich anschaut, was Demokratie bedeutet, ergibt sich folgende kurze Definition:

„Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (…) vom Volk durch die Wahl von Vertretern (Repräsentanten) und Vertreterkörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (…) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind. […] Demokratisch nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen (analog zur demokratischen Staats- und Gemeindeverfassung) alle Mitglieder chancengleich Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können.“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Nun gibt es verschiedene Formen der Demokratie, welche ich hier nicht weiter behandeln möchte. Relevant für mein Thema hier ist nur noch, dass in einer Demokratie freie Menschen frei wählen können und bei solchen Wahlen das sogenannte Mehrheitsprinzip zum tragen kommt. Das heisst: Bei demokratischen Entscheidungen gilt, was von der Mehrheit der Wählenden (verfassungskonform) bestimmt wird. Dass dies nicht immer befriedigend ist für die Minderheit, die den Entscheid mittragen muss, liegt auf der Hand. Was aber wäre die Alternative? In meinen Augen keine, welche die Vorzüge einer Demokratie behält und etwaige Problematiken beseitigen könnte.

Zentral für eine funktionierende Demokratie ist in meinen Augen ein funktionierender Austausch zwischen denen, welche die Entscheidungsgewalt haben. Nur so kann es gelingen, eine Lösung für Probleme zu erhalten, welche für die grösstmögliche Mehrheit stimmt und für die kleinstmögliche Minderheit trotz allem tragbar ist. Allen Menschen recht getan, ist auch hier nicht möglich. Aber schon hier sehe ich das grosse Problem in der heutigen Zeit, weswegen ich die Demokratie als gefährdet erachte:

Wenn ich mir Diskussionen anhöre, merke ich immer wieder, wie verhärtet Fronten sind. Es scheint, als ob Menschen nicht mehr an einem Diskurs interessiert sind, als ob Dialektik ein vergessenes Gut und stures Beharren auf der je eigenen Sicht das einzige Interesse ist. Andere Meinungen werden nicht mehr gehört, sie werden mit eigenen Argumenten in Grund und Boden gestampft. Nützt das nichts, wird der Anders-Denkende als Idiot bezeichnet und bevorzugt zum Schweigen gebracht – in den Sozialen Medien dadurch, dass man ihn ignoriert oder blockiert.

Ausgehend von meiner Hypothese, dass ohne Austausch keine (gelebte und gelingende) Demokratie möglich ist, bedeutet dies den Tod derselben. Wir müssen aber nicht mal in die Politik gehen, obwohl die Staatsform natürlich eine Sicherung der persönlichen Interessen einer Gesellschaft ausdrücken soll (im Idealfall) und damit natürlich relevant ist für den einzelnen Menschen. Schon die Gesellschaft ist eine grosse Gruppe, die oft zu abstrakt klingt. Wir leben darin, aber was ist sie konkret? Schauen wir uns also das Problem im kleineren Rahmen an: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders denken? Hören wir uns an, was sie zu sagen haben, wie sie zu ihrer Meinung kommen? Können wir ihre Meinung auch einmal stehen lassen und akzeptieren, dass wir in gewissen Punkten nicht einer Meinung sind? Oder stimmt für uns ein Miteinander nur, wenn einer den anderen überzeugt hat (bevorzugt wir den Anderen)? Die Vehemenz, mit welcher heute Diskussionen ausgefochten (die Kriegsmetaphorik ist bewusst gewählt) werden, besorgt mich.

Was mich ebenso besorgt, ist, dass in solchen Diskussionen nicht nur nicht genau hingehört wird, sondern die Gegenargumente oft auch aus dem Zusammenhang gerissen, falsch wiedergegeben werden und der sie Äussernde durch solche Fehlzuschreibungen verunglimpft wird. Das ist mir in letzter Zeit zum Beispiel mehrfach bei Interviews mit Svenja Flasspöhler aufgefallen. Die Philosophin hat es in verschiedenen Themen (#metoo, Coronamassnahmen, etc.) gewagt, nicht einfach die landläufig akzeptierten Aussagen der breiten Mehrheit der populären meinungsmachenden Stimmen zu wiederholen, sondern einen skeptischen Blick auf die Materie zu werfen, welcher diese von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Das allerdings reichte, um immer wieder Angriffe nicht nur gegen ihre Argumente, sondern gegen ihre Person auszulösen. Es wurde gar die Philosophie bedauert, weil jemand wie Flasspöhler (promovierte Philosophin, Chefredaktorin des Philosophiemagazins und Organisatorin der phil.cologne) sie sich auf die Fahnen schreibe. Um dahin zu kommen, wurden ihre differenzierten Ansichten auseinandergenommen, Erklärungen ignoriert oder verdreht, und die so aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen als Anklagepunkt verwendet. Bei jedem folgenden Interview war Flasspöhler fast genötigt, noch mehr Disclaimer, was sie alles nie gesagt oder gemeint hätte, anzufügen, bevor sie zur Beantwortung einer Frage gehen konnte. Es gäbe noch viele weitere Beispiele mit anderen Personen, die mir jüngst aufgefallen sind, das eine möge exemplarisch für alle stehen.

Es ist gut und wichtig, eine Meinung zu haben, und eine Meinung muss auch vertreten werden, schliesslich steckt eine Überzeugung dahinter. Was ich aber vermisse, ist die Einsicht, dass wohl keiner allein in jedem Fall immer die ganze Wahrheit sieht oder alles wissen kann. Wer glaubt, Wahrheit erkenne man nur von einem (dem eigenen) Standpunkt heraus, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – oder hat er die Krümmung gesehen von da, wo er steht? Hinzuhören, wie man etwas auch noch anders sehen kann, oder wie es von einer anderen Warte aus gesehen wird, kann helfen, den eigenen Blick zu weiten. Das kann dazu führen, dass man merkt, dass die eigene Sicht richtig war, weil man im Gedanken des Anderen einen Denkfehler findet, es kann dazu führen, die eigene Sicht zu revidieren oder anzupassen, weil man merkt, dass man etwas nicht bedacht hat, oder es kann zu einer gemeinsamen neuen Meinung führen, welche mehr ist als nur die Summe ihrer Teile, sondern ein ganzheitlicherer Blick auf eine Welt, die so komplex ist, dass einer allein sie kaum je wird erfassen können.

Wenn wir das nun auf die Demokratie anwenden und darauf, wie Menschen, die diese gestalten sollen, agieren müssten, komme ich zu dem Schluss: Es wird uns nur gemeinsam gelingen, die Welt so zu schaffen, dass sie für all die, welche sie bewohnen müssen, eine gute Welt ist, in welcher jeder sich nach seinen Fähigkeiten als Gleichberechtigter entwickeln kann und die Chance hat, zu partizipieren. Dazu bedarf es eines offenen Dialogs unter als gleichwertig Anerkannten, die man als mit sich verbunden sieht, weil sie wie man selber auch, in eine Welt geworfen wurden, die sie sich nicht ausgesucht haben, in welcher sie nun aber ein gelingendes Leben leben möchten.

6 Kommentare zu „Keine Demokratie ohne Dialog

  1. Ich teile Deine Gedanken und Hypothesen. Was ich dazu beifügen kann: Wir sollten akzeptieren, dass wir das Meiste, was wir zu wissen glauben, nicht oder nur teilweise wissen, dass wir sinnvollerweise davon ausgehen, dass es DIE Wahrheit nicht gibt und dass Menschen ein riesiges Bedürfnis nach Sicherheit, also auch nach DEM Wissen haben. Viele halten Nichtwissen kaum aus. Und um diesen Druck einigermassen begegnen zu können, stopfen sie ihre Wissenslöcher mit Meinungen und deklarieren diese als Wissen um vermeintliche Gewissheit zu erhalten. Diese Menschen sind demzufolge vorwiegend darauf aus, sich von anderen ihrer Gewissheit versichern zu lassen und so an anderen Wissenslöcherstopfungen gar nicht interessiert. Da verhärten sich die Fronten. So – und auch das ist nur (m)eine Meinung.

    Ein weiteres Grundproblem sehe ich darin, dass sinnvolle Reaktionsweisen oft nur deshalb negiert werden, weil sie aus einem anderen Lager kommen: Wenn die Partei x eine bestimmte Meinung vertritt, kann sie die Partei y nur schon deshalb nicht goutieren, weil sie von x kommt. Nun ja, so funktioniert Parteipolitik und Wählergewinn. Schön ist es, dass im Hintergrund, fernab von Medien und Öffentlichkeit Vertreter von x und Vertreter von y ohne weiteres und friedlich auch mal ein Bierchen zusammen trinken können. Und dann lebt die Demokratie!

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    1. Danke für diese Sicht, die ich teile. Es ist der Mensch, der oft der Vernunft in die Quere kommt – der Mensch mit seinen Ängsten und Befindlichkeiten, denen er auf eine Weise begegnen will, dass sie verschwinden – zumindest teilweise.

      Und oft geht es mehr um Befindlichkeiten und Selbstprofilierung, als um die Sache. Das fällt mir bei deinem Beispiel aus der Parteipolitik auf. Ich finde verschiedene Parteien keine schlechte Sache, so lange aber entscheidend bleibt, wie viele Anhänger eine Partei hat, so lange geht es oft nicht um die Sache, sondern um die Abgrenzung zu anderen, um seine Schäfchen zu halten.

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  2. Das ist alles richtig, Sandra. Doch geht es in einem Staatswesen, in diesem Fall Demokratie, nicht nur um Meinungen, sondern vor allem um Macht, oder, wie Max Weber betont: um Gewalt. Staat = Gewalt („Politik als Beruf“, 1919).
    Ein banales aktuelles Beispiel? Heute wollte ich nach einem ausgedehnten Spaziergang in einem Strandcafe einen Kaffee trinken. Von den Tischen direkt auf dem Strand war keiner besetzt. Ich setzte mich, genoss den Anblick des Meeres und wartete auf die Bedienung. Als der junge Mann kam, brachte er ein Glas Wasser mit, und ich bestellte einen Espresso, Bis hier hin: alles gut eingespielt, angenehm, freundlich, normal.
    Jetzt aber: „Haben Sie ein Impfzertifikat?“ – „Nein, habe ich nicht.“ – „Dann können Sie hier nicht sitzen.“ Nach meinem Ahnenpass fragte er mich nicht. Auch um mein Geschlecht, mein Alter, meine Nationalität ging es nicht. Es ging auch nicht darum, ob ich vielleicht eine ansteckende Krankheit habe. Nein, es ging ausschließlich um den Nachweis, dass ich mich habe impfen lassen.

    Der Staat hat das Gewaltmonopol, so tief in mein tägliches Leben einzugreifen, weil er entsprechende Gesetze und Verordnungen erlassen und sie durch Bußgelder, Schließungsandrohungen etc durchsetzen kann. Niemand kann ihn daran hindern, solange es keine anderen politischen Kräfte gibt, die gewillt sind, diese Gesetze, Verordnungen oder was auch immer wieder abzuschaffen. Der Kellner hat sich zu beugen genau wie ich. Ob wir in der Sache derselben Ansicht sind, spielt überhaupt keine Rolle.
    Wer also muss in einen Dialog eintreten? und was genau könnte das Ziel des Dialogs sein?

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    1. EIn Staat regelt das Zusammenleben, er ist in dieser Hinsicht eine Gewalt, aber auch eine, die für die Sicherheit aller besorgt sein muss. Und ja, wenn keine Mehrheit zu finden ist, die sich gegen diese Massnahmen einsetzt, dann scheint die Mehrheit sie gut zu finden.

      Ich bin nicht mit allen Massnahmen einverstanden, auch die Entscheidung und Umsetzung war teilweise fragwürdig. Aber: Es musste gehandelt werden und drum auch hier: Allen konnte man es in diesem Fall nicht recht machen. Die Mehrheit war und ist für die Impfung, die Gründe dafür vielzählig. Ich möchte hier allerdings keine Impfdiskussion starten, das ist zwar ein Anwendungsbeispiel, aber nicht das grundsätzliche Thema hier. (Übrigens wurde Flasspöhler unter anderem genau wegen ihrer Haltung bei Corona angegriffen)

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  3. Neben den Habermas’schen Kommunikationsansätzen und den Weber’schen Machtkonzepten stelle ich gerne die für mich viel hilfreichere Systemtheorie, bspw. Luhmann. Der Übergang, dass Macht nicht direkt eingreift, sondern Legitimität durch Verfahren erzeugt wird, als Erwartungs- und Gegenseitigkeitskonzept, erlaubt eine große Befriedung und bunte Kommunikationsvielfalt, die sich auf denselben Horizont bezieht, nämlich auf eine im Vorhinein sichtbare und erwartbare Struktur (als Komplexitätsreduktion). Beispiele sind Debatten ohne klar festgelegte Themen und Zeitgrenzen für die einzelnen Redner, die schnell ausufern. Mediatoren (die Struktur) helfen. Strukturen erlauben in diesem Sinne als Institutionen (und eben nicht Meinungen) demokratische Prozesse (da die verschiedenen Meinungen denselben Verfahren genügen). Mir jedenfalls hat der systemtheoretische Beschreibungsansatz von Gesellschaft viel gebracht. Viele Grüße und guten Start in die Woche allerseits!

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