Frei sein

Nachher muss ich unbedingt noch schnell beim Antiquariat vorbei, mein Biedermeierschränkchen besuchen. Bald ist es wirklich meines, dann habe ich das Geld beisammen. Es waren doch viele Überstunden nötig gewesen bis dahin, Müllers blöde Bemerkungen mit seinem anzüglichen Lächeln und flötender Stimme inklusive… «Sie sind aber ein fleissiges Bienchen, Frau Bigler.» Wieso bin ausgerechnet ich mit einem so üblen Chef gesegnet? Mehr als dringend nötig, möchte ich den sicher nicht ertragen. Ich bin froh, wenn ich wieder weniger arbeiten kann. Aber vielleicht ist der Einsatz auch für eine Beförderung oder Lohnerhöhung gut. Zeit dafür wäre es.

Wenn ich nur schon den Einkauf hinter mir hätte, dann könnte ich gleich zu meinem Schränkchen. Hoffentlich hat es mir niemand weggeschnappt, dann wäre alles umsonst gewesen. Mist, ich habe keine Jacke dabei, es ist doch immer so kalt im Lidl. drehen die Klimaanlage immer so stark auf, dass man fast im Skianzug einkaufen muss, um im Hochsommer drin nicht zu erfrieren.

Die beiden Penner, die täglich vor dem Eingang sitzen, sind auch schon wieder da. Penner. Schon wieder reingefallen. Ich wollte mir doch einen bewussteren Umgang mit der Sprache suchen, Penner ist kein schönes Wort. Es ist sogar sehr niederträchtig.

Sie sind immer zu zweit, eine Bierbüchse in der Hand. Sie reden, sie lachen, ihre Hunde liegen zu ihren Füssen. Die haben bestimmt kein Biedermeierschränkchen zu Hause, vermutlich wollen sie auch keines. Aber sie haben auch keinen Herrn Müller im Nacken. Überhaupt. Eigentlich hat ihr Leben auch was für sich. Sie haben eine Gemeinschaft, sind nicht allein in ihrem Sein. Sie leben in den Tag hinein, keiner erwartet etwas von ihnen, man lässt sie in Ruhe. Auch sie scheinen nichts mehr von Leben zu erwarten, sie scheinen sich in ihrem eingerichtet zu haben. Ob das die wirkliche Freiheit ist?  


EIn Beitrag zu den ABC-Etüden. Die Wörter für die Textwochen 42/43 des Schreibjahres 2021 stiftete die Frau Puzzleblume mit ihrem Blog Puzzle❀. Sie lauten:
Biedermeier
niederträchtig
flöten.
Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.
Einladung bei Christiane: HIER

7 Kommentare zu „Frei sein

  1. Na ja, Frau Bigler nutzt ihre Freiheit, sich ein Biedermeierschränkchen und andere schöne Dinge zu erarbeiten. Die Herren vor dem Supermarkt haben andere Prioritäten – und bitte, ich meine das nicht zynisch oder abwertend, ich finde eh, man kann das schlecht vergleichen. Ich würde sagen, nicht alles, was man nicht kennt, ist wirklich Freiheit, und dass es ihr so verlockend scheint, weil sie in so einem Hamsterrad hängt … 🤔
    Danke dir!
    Nachdenkliche Morgenkaffeegrüße 😁🌬️🌦️☕🍪👍

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    1. Das sehe ich wie du. Landläufig ist es aber ja so, dass man das „Lebensmodell“ (das leider oft nicht selbstgewählt, sondern eher durch Lebensumstände zustande kam) der beiden vor dem Supermarkt eher beargwöhnt, das von Frau Bigler als normal und gar erstrebenswert erachtet.

      Die Geschichte soll wohl dahin weisen, dass es immer verschiedene Perspektiven geben könnte.

      Sei lieb gegrüsst!

      Gefällt 3 Personen

  2. Frau Bigler scheint eine von vielen Menschen zu sein, die vieles in ihrem Alltag als ungerecht und mühsam empfinden, weil sie schliesslich bemühen und „etwas tun“ zur Erfüllung ihrer Lebensbedürfnisse und kleinen Wünsche. Sie überblättern in ihrer Tageszeitung die Meldungen, die irgendwo klein an die Ränder gerutscht von Misshandlungen Obdachloser berichten.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ob sie sie überblättern? Ob sie sie nicht doch auch sehen. Hilflos sind? Ob sie nicht einfach gefangen sind? Auch in Ängsten des Genügen-Müssens? Ob es so einfach ist? Schwarz und weiss?

      Ich weiss es nicht. Ich habe nur drei Wörter zu einer Geschichte geformt. Quasi zwei Inspirationen zusammengebracht, denn die zwei Männer vor dem Lidl sah ich mal in Spanien. Ich hatte andere Gedanken als Frau Bigler und wünsche mir auch keine Biedermeiermöbel… aber die Wege meiner Hirnwindungen führten mich dahin 😉

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  3. Zu Beginn der Geschichte dachte ich…das ist Wirklichkeit. Dann habe ich es natürlich verstanden. Ich sammele auch Bücher über Bücher. Schöne alte Gegenstände. Und dergleichen mehr. Wir haben hier in der Nähe ein wunderbares „Soziales Kaufhaus“. Und genau dort entdeckte meine Frau vor kurzem einen entsprechenden Schreibtisch. Das gesamte Szenario war ähnlich.

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