Um welches Leben darf man sich kümmern?

Ich habe heute mehrfach gelesen, dass nun überall über die eingeschlossenen Jungen in Thailand geschrieben werde, die Flüchtlinge, die seit Jahren täglich umkommen, seien kein Thema und stürben unbemerkt. Waren es erst nur Einzeiler, dann ganze Artikel, kamen am Schluss sogar Gedichte und zynische und sarkastische Bemerkungen. Alles vor dem Hintergrund, dass man Unmenschlichkeit und Ignoranz anprangern will.

Abgesehen davon, dass ich praktisch täglich Meldungen über Flüchtlinge und ihr sinnloses Sterben auf ihrer Reise in deine hoffnungsvollere Zukunft lese, stellt sich mir die Frage, wieso man zwei Fälle von Leid in einen Topf wirft und dann die eigene Ansicht, wie gewichtet werden müsste, zum Anlass nimmt, eine Hierarchie des Leidens herauszubilden.

Das Argument bei den Meldungen war oft, dass man durch die Berichterstattung Menschenleben gewichte. Das der thailändischen Jungen offensichtlich – so die vertretene Meinung – höher als das der Flüchtlinge. Nun finde ich aber, dass genau durch diese Argumentation Menschenleben gewichtet wird. Und das aufgrund einer Momentaufnahme. In Thailand sitzen nicht seit Jahren permanent immer wieder neue Jugendliche in einer Höhle gefangen, die man nun retten muss. Es ist ein aktuelles und akutes Unglück, ein Wettlauf gegen die Zeit. Das Drama um die Flüchtlinge ist eine über Jahre, gar Jahrzehnte dauernde Geschichte, die immer wieder thematisiert wird, werden muss (als kategorischer Imperativ gemeint).

Nun dahin zu gehen und die beiden Fälle zu vermischen, zeugt in meinen Augen nicht von Menschlichkeit, nicht von Mitgefühl. Es ist eine buchhalterische Behandlung von Menschenleben. Das gefällt mir nicht.

9 Comments

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  1. Sehr penible Buchhalter hatten wir auch in der NS-Zeit, die ohne Anteilnahme notierten, wie viele Tote es an jedem Tag an der Front, in den KZ’s und bei den Zwangsverpflichteten gab. Und natürlich die akribisch notierten Abschusszahlen an feindlichen Flugzeugen und an Versorgungskonvois der Alliierten.
    Bloß bis tausend konnten sie Gott sei Dank nicht zählen!

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  2. Du hast ja so recht, Das kommt durch die Disoziierung, die wir uns im Angesicht des weltweiten Grauens, das uns durch die omnipräsente Berichterstattung präsentiert wird antrainiert haben. In jedem mit einer einigermaßen erfolgreichen Sozialisierung steckt aber auch ein Helfergen, das immer im Anblick akuter Gefahr anspringt. Bei den ertrinkenden Bootsflüchtlingen kommt aber leidrr auch noch die Gewöhnung dazu. Liebe Grüße Wolfgang

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    • Wir sind Geschädigte des Informationssystems. Es ist zu viel. Wir können es gar nicht ertragen. Und fangen dann an zu werten. Um herausfinden zu können, wo wir nun moralisch mehr in der Pflicht wären…

      Gefällt 5 Personen

      • Das teile ich, es ist zu viel, wenn wir nicht gelernt haben uns abzugrenzen, dann können wir es weder vertragen, ertragen, noch verarbeiten, dazu gesellt sich das Gefühl der Hilflosigkeit und je nachdem auch Angst.
        Es kann aber nicht darum gehen ein Leid gegen das andere auszuspielen oder sie zu messen, Leiden ist Leiden und es gilt (für mich und andere) sich immer wieder dafür einzusetzen, dass es weniger Leid in dieser Welt gibt, stattdessen wird es immer mehr…

        Gefällt 2 Personen

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