Echo für antisemitische und frauenfeindliche Parolen

Ich habe HIER im Vorfeld der Echoverleihung über die Nominierung von Farid Bang und Kollegah geschrieben. Nun ist die Echoverleihung über die Bühne gegangen. Als Campino geehrt wurde, zog ich den Hut vor seiner Rede. Er hat alles auf den Punkt gebracht. Danke dafür:

Campinos Rede

Damit war leider noch nicht alles vorbei, es kam danach in der Tat zu einer Auszeichnung des Rapper-Duos. Kollegah liess es sich natürlich nicht nehmen, gegen Campino zurückzuschiessen – keiner pinkelt ungestraft einem Kollegah ans Bein. Kann man legitim finden, im Stil von: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Die Reaktion des Publikums zeigte deutlich, auf wessen Seite es stand. Hier der Link dazu:

Kollegahs Antwort an Campino

Ich habe die Diskussion mit jemandem aus der Rapper-Szene gehabt. Er meinte, wir verstünden Battle Rap nicht. Es gehe nicht um die Inhalte, es gehe drum, der Grösste zu sein. Die krassen Argumente seien also nicht so gemeint, sondern Stilmittel, die zur Darstellung der eigenen Grösse dienten – innerhalb der Szene. Es sei – wie es auch heisst – ein Battle, ein Kampf mit bestimmten Mitteln. (So habe ich es verstanden, ich lasse mich aber gerne korrigieren, Kommentare sind immer willkommen).

Ich kann das nachvollziehen, frage mich dann aber doch: Wenn der Inhalt nicht wirklich zählt, könnte man ja auch andere Inhalte nehmen. Sie dürfen ja kriegerisch sein, sie dürfen auch derb sein, müssen sie aber Menschenrechte verletzen? Klar tun sie das nur verbal, aber befördern Worte nicht immer auch Haltungen? Wird so nicht etwas angeheizt, das jetzt schon bedenklich aktuell ist in unserer Gesellschaft?

Ich bleibe dabei, dass ich es bedenklich finde, dass ein solches Gedankengut ausgezeichnet wird. Ich finde es bedenklich, dass eine Ethikkommission so etwas durchwinkt, dass man Worte als so beliebig anschaut, dass ihr Inhalt offensichtlich nicht ausreicht, die Handbremse zu ziehen.

Buddha sagte mal:

Was du heute denkst, wirst du morgen sein.

Aus Worten werden Taten und Taten formen unsere Welt. In was für einer Welt also wollen wir leben?

21 Comments

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  1. Ich habe mir gestern ein Interview mit den beiden Tieffliegern angesehen und deren Tenor war, „Wir sind eben jung und doof und wenig gebildet, deshalb haben wir diese Grente überschritten!“ Das kann man natürlich so sehen, aber ich glaube die wollen nur provozieren und den Sülz mit dem Battle glaube ich nicht eine Sekunde. Traurig, wenn so ein Bullshit auch noch ausgezeichnet wird. Danke für deinen Beitrag, Sunny!

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    • Kollegah hat Jus studiert… jung und doof? Na dann… weiss man nun, was man von Juristen zu halten hat? Und sind die, welche im Ethikrat sitzen, auch jung und doof? Und kommen nun alle einfach weg oder kriegen noch einen Preis, wenn sie ihre Taten jung und doof verübten?

      Es wird spannend….

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      • Ja, es ist erschreckend, wie sich da aus allem herausgewunden wird, nur um den Kommerz zu schützen und die Argumentationsgründe sind auf Grundschulniveau, denn wenn Goldstück mal einen Boch reißt sagt sie, „hey ich bin ein Kind und Kinder machen Fehler.“ Wir befinden uns also unter Achtjährigen, Sunny …

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        • Ganz toll finde ich nun die, welche argumentieren: „He, die Linken machen aber auch Mist….“ Sagt ja keiner, dass das besser ist, Mist bleibt Mist. Mit „die aber auch“ wird nix besser, da schiebt nur einer dem anderen den Schwarzen Peter zu und alle machen sie weiter Mist.

          Aber eben: Die, welche Mist machen, sind einfach dumm. Die, welche dabei zuschauen – oder gar noch Preise verleihen oder als Kommission durchwinken – die sind wirklich fragwürdig, denn die wären ja dazu da, eben die Gesellschaft vor solchem Mist (und ich verwende extra das Wort, alles andere wäre nicht gesellschaftsfähig 😉 ) zu schützen.

          Ein einziger hat etwas gesagt, der ganze Rest sass schweigend da. Haben mal geklatscht oder gebuht, aber keiner protestierte, keiner stand auf, keiner stand hin.

          Traurig!

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          • Künstler von heute empfinden es nicht mehr als ihr Pflicht auf Missstände hinzuweisen, sondern glauben nur noch daran, was für ihr Fortkommen wichtig ist und dazu gehört eben nicht oft eine eigene Meinung zu haben. Traurig ist der richtige Begriff für diese Art von Verleihung.

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  2. Danke für den Beitrag. Ich bin perplex, dass das passiert ist. Eine Auszeichnung für einen unglaublich perfiden Spruch – in seiner Arroganz kaum noch zu übertreffen. Mir scheint, dass hier ein Wohlstandskid auf Ghetto macht, Profit zieht aus dem Leid anderer. Da bin ich schon versucht, diesem Menschen zu wünschen, sich erst einmal einer entsprechenden Selbsterfahrung auszusetzen.

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    • Ich würde mir wünschen, dass er umdenkt und seine Kreativität und sein offensichtliches Sprachtalent in eine positive Richtung lenkt. Oft passiert das aber kaum ohne ein vorheriges Erlebnis, das zum Umdenken anstiess – leider.

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        • nachtrag nach einer Woche. Hab jetzt mal den kompletten Rap-Text gelesen. Daher möchte ich meinen obigen Text revidieren. Ich sehe die Lust an Provokation, die einer schrankenlosen Primitivität folgt, wohl mit dosiertem Kalkül. Stelle mir vor, dass „fick Dich Du Schlampe“ übersetzt heißen könnte: „Hast Du heute schon was vor?“ – aber nichtsdestotrotz: Da ist keine künstlerische Freiheit. Da ist nur Sackgasse.

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          • Gewisse Zeilen kann man sicher so paraphrasieren, bei anderen fällt das in meinen Augen schwer oder ist gar unmöglich. Der Vergleich mit den Auschwitzinsassen und der Wunsch nach einem neuen Holocaust gehen dann aber definitiv zu weit.

            In anderen Liedern geht auch die sexuelle Gewalt noch viel tiefer und weiter.

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    • Ich verstehe den Impuls, ich bin den ganzen Tag mit wenig anderem beschäftigt, als damit, gegen diesen Preis zu argumentieren. Nur: Hass wird nie Hass beseitigen. Davon bin ich überzeugt. Hass schürt neuen Hass, Gewalt neue Gewalt. Ich möchte hinweisen und ich hoffe und wünsche mir, dass die zwei Angesprochenen sich nicht angegriffen fühlen, sondern hinschauen und umdenken. Sie haben Talent. Sie haben Wissen. Sie können mit Worten umgehen. Sie nutzen es aktuell falsch. Ich wünsche mir für sie und für ihre Anhänger, dass die Talente in neue Bahnen gelenkt werden können. Das wäre ein Schritt in eine gute Richtung.

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  3. Campino sagte, wenn Provokation aber eine frauenfeindliche, homophobe, rechtsextreme oder antisemitische Form, sei eine Grenze überschritten. Recht hat er. Ich finde ja auch, dass Jan Böhmermann mit seiner Schmähkritik vor zwei Jahren zu weit gegangen ist.

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  4. Eigentlich auf den vorgeschriebenen Verhaltenskodex in den Massenmedien gemünzt, der bei dem Echopreis nicht eingehalten wurde, wollte ich meinen Kommentar dazu machen. Die beiden überschreiten bewusst Grenzen und sind auch noch stolz darauf.Mein erster Impuls war tatsächlich dem etwas entgegenzuhalten, was aber als Hass gedeutet werden kann.

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  5. Ich denke, die Schlagzeile des verlinkten Artikels ist auch nicht zu unterschätzen … „Der Echo hat wieder einmal auf sich aufmerksam gemacht“ oder sowas in der Art – ja, anscheinend hat er das. Publicity in eigener Sache, würde ich sagen. So mancher Preis wird ja an Künstler verliehen, die gerade zufällig in der Stadt sind, warum dann nicht auch an solche, die mit Sicherheit für Diskussionen sorgen werden? Solche Publikumsmagneten bringen Einschaltquoten und das bringt am Ende Geld … Übel ist das, aber ich gehe mal davon aus, dass das Ganze so berechnet war (unterstelle ich dem Veranstalter jetzt einfach mal so). Was die Ethikkommission tatsächlich dazu gesagt hätte, wenn sie denn ihre Meinung frei hätte äussern können (auch das unterstelle ich den Verantwortlichen einfach mal) sei dahingestellt …

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  6. Das ist ein Geschäft. Da gehts nur um Geld und Erfolg, um noch mehr Geld zu machen. Allein die Tatsache, dass sich so viele darüber aufregen, ist reine Verkaufsstrategie. Wenn es jeder einfach ignorieren würde, und diese Leute keine Presse hätten, wäre das das Beste. Leider denkt jeder, zu jedem und allem eine Meinung haben zu müssen. Nutzniesser sind dann solche „Musiker“. Wie man an auch an diesem thread sehen kann, funtkioniert die Vermarktungsstrategie doch wunderbar. Wir leben im Land der „Demokratie“ (lol), wo jeder eine freie Meinung haben darf, nur nutzen tut es keinem was. Mir ist es im Grunde egal, was diese Dilettanten ablassen, mir ist es aber auch egal, was die jüdische Gemeinde davon hält. Ich empfinde da beide Seiten als Speerspitze eines gewieften Geschäftsmodells, die sich durchaus entfernen ließen. Jede Nation hat ihre dunkle Vergangenheit, die deutsche ist lediglich etwas „jünger“. Vielleicht täte unserem „Freiheitssystem“ etwas Repression gut, dann würden diese „Musiker“ nämlich im Wald oder an einem Autobahnstreifen Müll sammeln, oder was auch immer ihnen zupass kommt.
    Und wenn ich mir Israel und seine Lösungsansätze für den Gazastreifen betrachte, dann frage ich mich immer mehr, wie dieses Volk sich anmaßen kann, für sich eine Stimme des Rechts oder der Moral herzuleiten.
    Genauso übrigens Campino, dem ich zumindest ein gewisses Maß an intellektueller Integrität zutraue, der sich echauffiert über die angeblichen Grenzen von moralischen und ethischen Grundsätzen. Einer, der halt da oben bei den tanzenden Marionetten der kapitalistischen Allesvermarktung sein Sprüchlein aufsagt. Mehr ist das auch nicht.
    Aber egal, ich ärgere mich dementsprechend eigentlich nur noch, dass diese Scheiße mich dazu verleitet hat, dazu was zu schreiben. Das sind jetzt sinnlose zehn Minuten meiner Durchfahrt durch die moderne menschliche Kultur. Bäh, zum kotzen.

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