Wann darf ich sterben?

Gestern überlegte ich mir, Mitglied bei Exit zu werden. Aus Überzeugung. Ich bin dafür, das Leben selber beenden zu dürfen, wann immer ich will (ist aber auch da nicht ganz bedingungslos – das ist aber absolut ok). Ich habe es nicht abgeschickt.

Wieso? Andere würden leiden, wenn ich sterbe. Denke ich. Dieses Denken hielt mich zurück. Und nein, ich hoffe es nicht – also dass sie leiden, denn: Darf man sterben? Gar selbstgewählt? Wie viel am Tod ist eigene Angst? Wie viel an Leben denkt man, anderen zu schulden? Was hat wirklich Gewicht?

Als ich vor einiger Zeit Krebsverdacht hatte (es war nicht nur einmal, es waren mehrere), war mein erster Gedanke: Was wird aus meinem Sohn? Es ging nie um mich. Mir ist es egal, ob ich lebe oder nicht. Ich sehe darin keinen grossen Unterschied. Es sind Zustände. Ich finde dieses aktuelle Leben nicht wirklich toll, aber ich werde meine Pflicht darin erfüllen. Und: Ich habe es im weltweiten Vergleich relativ gut getroffen. Dafür bin ich dankbar.

Trotzdem bleibt für mich die Frage: Wann darf ich gehen? Ist ein tödlicher Unfall besser als eine lange Krankheit? Ist ein selbst gewählter Zeitpunkt schlimmer als ein Aushalten von Dingen, die man nicht halten möchte? In einer Welt, in der man das körperliche Leben über alles stellt, wird der Tod immer zum falschen Zeitpunkt kommen. Wieso also sollte man ihn nicht selber wählen dürfen?

Mein Vater hat Krebs. Wenn er stirbt, werde ich nie frohlocken. Er ist der wichtigste Mensch für mich. War er immer. Ich wünsche mir, dass er nicht leiden muss. Für sich. Weil ich ihn liebe. Und wenn er denkt, gehen zu müssen, weil das Leben für ihn nicht mehr tragbar ist, würde ich ihm wünschen, dass er es könnte. Und genauso sollte es jeder können dürfen.

Das Recht auf Leben ist ein Menschenrecht. Dann sollte es auch eines sein, dessen Ende bestimmen zu dürfen. Was ist Leben? Was Tod? Wer kann darüber bestimmen?

30 Comments

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    • Liebe Sandra

      «… wer liebt der lässt auch los und versteht warum es notwendig ist.»
      Danke an Babsi – besser kann man das nicht formulieren.

      Aus Liebe loslassen – Genau vor dieser Situation standen meine Mutter und ich vor zweieinhalb Jahren, als es mit dem Gesundheitszustand meines Vaters immer weiter bergab ging. Für ihn war das Leben nicht mehr lebenswert. Er hatte die letzten sechs Monate vor seinem Tod extrem gelitten, Schmerzen zum Zerbersten und keine Aussicht auf Heilung…
      Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich konkret mit der Thematik des „Sterbendürfens“ konfrontiert wurde. Meine Mutter war zu jenem Zeitpunkt durch die Pflege und das Rund-um-die-Uhr-Wachsein bereits so am Ende, dass sie, zwei Monate vor Vaters Tod alles Organisatorische an mich delegierte.
      Meines Vater bat mich, alle Informationen bei EXIT einzuholen und gleichzeitig organisierte ich einen Notar, der meinem Vater die Patientenverfügung gemäß seines Willens formulierte, damit man ihn ja an keine „Maschine anhängen werde, sondern, dass er sterben dürfe, mit Palliativversorgung, also ohne Schmerzen einschlafen…“.

      Der Gang für die Organisation zum Sterben meines Vaters war eine große Belastung für mich – ich war zweigeteilt – einerseits wollte ich ihn (noch) nicht gehen lassen, doch schlußendlich überwiegte für mich sein Wunsch, endlich erlöst zu werden und ich respektierte dies aus Liebe zu ihm.

      Beim Sterben half dann zum guten Glück das Schicksal: Nach einen kompletten Zusammenbruch kam mein Vater per Notarztwagen ins Spital und konnte aufgrund seiner Patientenverfügung genau den Weg gehen, den er zwei Monate zuvor selbst, bei klarem Bewußtsein, formuliert hatte. Die Kraft ging zu Ende und er schlief ganz sanft ohne Schmerzen ein – meine Mutter hielt ihm dabei die Hand.

      Es wurde mir bewußt, dass mein Vater ohne diese Verfügung über seinen letzten Willen mit Sicherheit im Spital nochmals lebensverlängernde Maßnahmen erhalten hätte.
      Das war für mich der Grund, dass ich zu jenem Zeitpunkt auch für mich eine Patientenverfügung beim Notar hinterlegt habe.

      Liebe Grüße zu einem sehr ernsten und schmerzvollen Thema, bT!NA

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    • Mir geht es im internationalen Vergleich wohl relativ gut. Das weiss ich auch und bin dankbar dafür. Aber ja, ich gebe es zu, ich finde das Leben nicht wirklich locker flockig, damit bin ich ja aber nicht alleine. Im Buddhismus heisst es, Leben ist Leiden. Buddha wurde nur zum Buddha, weil er mit dem Leiden des Lebens konfrontiert wurde.

      Ich stelle nur Fragen. Immer wieder.

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        • Dann hast du den Buddhismus nicht verstanden. Was ok ist. Man muss sich auch nicht damit auseinandersetzen. Wenn es Menschen gibt, die finden: Alles in meinem Leben war und ist immer nur wahre Freude: Ich freue mich für sie.

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  1. Ich bin auch für Selbstbestimmung, aber wie mutig oder feige wären wir im Ernstfall? Hängen wir nicht doch an jedem Quentchen Leben?
    Zwei Freundinnen von mir stehen mit einem Fuß am Ende ihres Lebens, die eine im Hospiz, die andere gefasst, innerlich bereit zu gehen. Beide übrigens mit sehr christlichem Hintergrund und Einstellung. Sterben mit Palliativmedizin – das haben sie gewählt – freiwillig.

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    • ich denke, die Frage kann nur jeder für sich selber beantworten. NEIN! Ich denke, das sollte jeder für sich selber beantworten dürfen. Aber wir stecken immer in Abhängigkeiten. Wie ginge es meinem Kind? Wie meinen Eltern? Wer würde sich hinterfragen? Könnte ich einfach nur für mich entscheiden oder müsste ich ihre Gefühle mit einbeziehen?

      Es ist verdammt schwierig. Da sind Menschen, die von uns abhängig sind. Kinder, die noch nicht volljährig sind, die ihren Weg erst finden müssen. Da sind aber auch Eltern, die ihr bestes gaben und hofften, dass wir unseren Weg gehen. Und sie überleben (ja, ich wünsche mir auch, dass mein Kind mich überlebt und dabei ein glückliches Leben hat – das ist eigentlich der grösste Wunsch meines Lebens überhaupt).

      Irgendwo dazwischen bin dann noch ich. Wie viel an meinem eigenen Leben gehört eigentlich mir?

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        • Ja, man schiebt es immer wieder gerne auf. Tu ich auch. Ich weigere mich, eine Patientenverfügung zu verfassen. ich würde gerne sagen können: So, hier ist das Ende, nun geh ich. Das würde ich gerne. Aber entscheiden zu müssen, was dann mal sein soll, wenn denn mal sein könnte, dass ich mal an einem Punkt wäre… das ist für mich… so unfassbar. Ich bin ein Mensch, der gerne selber entscheidet. Dann, wenn er entscheiden will. Ich bin gerne autonom. Das geht nur im Hier und jetzt. In meinen Augen. Würde ich aber hier und jetzt entscheiden: mein Leben ist zu Ende, ich mach ihm nun ein Ende: Es wäre schwer… Ich müsste mich glaubhaft erklären, die richtigen Menschen überzeugen und alle Gewissensbisse ausräumen.

          Es hat alles zwei Seiten. Es ist wunderbar, Menschen zu haben, denen man was bedeutet. Es ist wunderbar, nicht allein zu sein. Aber dann ist man nicht mehr allein.

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    • Ich muss danken. Für diesen wunderbaren Austausch, der hier entsteht. Ich finde das Thema wichtig. Und ja, es bewegt mich. Schon lange. Ich fühle mich nicht mehr so alleine damit.

      Liebe Grüsse, Sandra

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  2. Mein Opa ist an Krebs gestorben. Der Krebs wurde erst im Endstadium festgestellt und war nicht mehr zu behandeln. Als mein Opa das verstanden hatte, sagte er, gut dann sterbe ich jetzt. Er lehnte Chemo und künstliche Ernährung ab und war innerhalb kurzer Zeit tot. Natürlich haben wir gelitten. Aber wenn er noch längere Zeit im Krankenhaus gewesen wäre, hätten wir genauso gelitten und er auch. Wir hätten doch alle gewusst, das er das, was sein Leben ausmachte, nicht wiederbekommen hätte. Er hat alles besprochen, was ihm noch wichtig war und dann für sich entschieden. So ist es in meinen Augen richtig.

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    • Ja, es ist nicht einfach, einen unheilbar Krebskranken zu begleiten und täglich leiden zu sehen. Schön, konnte dein Opa so für sich entscheiden. Und ja, der Verlust eines geliebten Menschen schmerzt immer.

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    • „Gönnen“ ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber zugestehen würde ich es jedem, der den Weg für sich wünscht – auch mir, wenn ich nicht mehr mögen würde. Aber an dem Punkt bin ich ja zum Glück nicht.

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    • Du beziehst deinen Kommentar wohl auf einen von mir oben, den mit den Gewissensbissen? Ja, du magst wohl recht haben… ich nehme bei allem immer Rücksicht auf andere. Wohl zu viel oft. Darüber muss ich mal wieder nachdenken.

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  3. Es erschrickt mich ein wenig, wie tiefschürfend du denkst, zu einer Zeit, in der du selbst eigentlich noch nicht soweit bist oder sein solltest. Ja, jemanden, den man liebt, leiden sehen zu müssen, macht nachdenklich und andere, die diesen Weg gerade nicht gehen, können das damit verbundene Ich nicht nachvollziehen. Das wird auch bei Scheidungskindern so sein, die wohl nie unbeschwert in eine Beziehung gehen können. Der Opa meiner Frau hatte auch Krebs und mit seinen 96 Jahren für sich bestimmt, dass er keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr möchte und bekam Morphium gegen die Schmerzen. Das ist Selbstbestimmtheit, die möglich ist, dazu braucht es keinen Suizid. Persönlich wünsche ich mir auch, es in vielen Dingen einfacher haben zu können, ja. Dennoch bin ich viel zu neugierig, auch auf Menschen, um so tiefschürfend zu denken. Und doch denke ich viel und nehme wahr und genieße meistens, was ich wahrnehme. Ich möchte steinalt werden und noch möglichst viel wahrnehmen, mich bis dahin aber nicht in solchen Gedanken verlieren. Hab einen schönen Sonntag. Andreas

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    • Denken ist wohl die Tätigkeit, die der Philosoph nicht abstellen kann – und ja, dabei geht er in die Tiefe, alles andere wäre nicht zielführend.

      Solche Gedanken müssen doch nicht erschrecken, sie sagen ja nicht, dass ich vorhabe oder mir wünsche, meinem Leben ein Ende zu setzen – dem ist absolut nicht so.

      Das Leben ist sicher nicht immer leicht, im Moment sind grad viele Baustellen in meinem, die bewältigt werden müssen, aber die Zeit wird bei allen Lösungen bringen, was ich dazu tun kann, tu ich. Ich sehe das Leben relativ pragmatisch in der Beziehung.

      Im Buddhismus sagen wir, dass das ganze Leben dukha ist – man könnte es mit Leiden übersetzen, was aber etwas zu wenig weit greift. Alles, was wir tun können, ist, zu sehen, woher dukha kommt und wie man sich davon befreit.

      Trotz alledem: Das Leben hat seine wunderbaren Seiten und die sollte man nie aus den Augen verlieren. Jeder Mensch hat ganz viel, wofür er dankbar sein kann.

      Hab auch einen schönen Sonntag!

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      • Da es ja ein Thema ist, dem sich keiner entziehen kann, habe ich das mit meiner Mutti auch Thematisiert. Sie stand nach ihrem Aneurysmariss an der Halsschlagader auf der Kippe und die Ärzte meinten, es sei ein Wunder, dass sie es überlebt hat. Ihre Patienten Verfügung im Handschuhfach des Autos hat keiner gefunden bzw. angesehen. Danach hätte sie nicht an die Herz-Lungenmaschine angeschlossen werden dürfen. Heute geht es ihr wieder gut, natürlich muss sie viel Medikamente nehmen, doch sie hat trotzdem Lebensqualität und genießt ihr NEUES Leben mit ihrer Zwergdackelhündin Lilli.

        Was ich sagen will, letztendlich entscheidet wohl das Schicksal! Meine Mutti und ich sind uns trotzdem einig, ihr Wille wird respektiert! Und wenn es so sein soll, bin ich an ihrer Seite!

        Liebe Sandra, eine Pauschal Aussage, in dieser Angelegenheit gibt es einfach nicht, aber eine Haltung.
        Ganz wichtig ist sicher der Respekt der Person gegenüber, die betroffen ist!

        Schön, dass Du dieses sensible Thema aufgegriffen hast!

        Von Herzensgrüße Babsi

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        • Ich denke da genau wie du – es gibt sowas wie ein Schicksal. Wenn es nicht sein soll, wird es nicht sein.

          Schlussendlich soll der, welcher betroffen ist, entscheiden können, wie er leben will oder eben nicht. Er muss sein Leben leben, alle anderen sind nur dabei. Sie können zwar helfen, da sein, lieben, unterstützen, aber: Leben kann nur jeder sein eigenes Leben.

          Liebe Grüsse zu dir, Sandra

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  4. Ich halte es für ein Menschenrecht, selbst zu bestimmen, wann man gehen möchte, solange man es noch entscheiden kann. Was die Lieben betrifft, die zurückbleiben – die wird es immer geben, in jedem Lebenszyklus, in jedem Alter. Wenn ich in einer Todesanzeige lese „… wurde … erlöst“, ahne ich, dass es auch für diese Menschen nicht leicht war, jemanden leiden zu sehen. Der Tod ist immer das Ende und auch das Ende eines schönen Lebens, das man dankbar annehmen und genießen sollte. Das Eine schließt das Andere nicht aus.

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